Bonn.

Im Tanz der Schatten

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Bonn.  Es waren wilde Feste, die die Münchner Boheme um 1910 in der Pension Fürmann feierte. Unter den Tango tanzenden Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen ragte einer stets aus der Menge: Der hoch gewachsene Künstler Ernst Moritz Engert (1892-1986). Genauso lang und dünn, aber dennoch geschmeidig tanzend kommen die Schattenfiguren daher, die ihn bekannt machten. Der Künstler übertrug wie kein anderer Zeitgenosse die künstlerischen Ansätze des Expressionismus auf die Technik des Schattenbilds. Eine umfassende Schau seiner Werke ist seit dieser Woche im Bonner August-Macke-Haus zu sehen.

Image des Scherenschnitts geändert

Die Ausstellung unter dem Titel „Ernst Moritz Engert. Bohemien, Silhouettist und Schattenspieler“ versammelt zahlreiche filigrane Scherenschnitte, Holzschnitte sowie Bleistiftzeichnungen. Anhand von Fotos und einer digitalen Ausgabe der Chronik der Pension Fürmann mit vielen Zeichnungen bekannter Künstler können die Besucher außerdem in die Schwabinger Boheme-Szene vor dem Ersten Weltkrieg eintauchen. Außerdem zeigt die Ausstellung, die bis zum 18. Mai gezeigt wird, von Engert entworfene Schattenspielfiguren, die das August-Macke-Haus eigens wieder herrichten lassen hat. Engert inszenierte eine Reihe literarischer Stücke für das Schattentheater und fertigte die von ihm dazu entworfenen Bühnenbilder und von ihm selbst gespielten Figuren auch an. Auch Filmausschnitte dazu sind zu sehen.

Als Engerts Verdienst gilt laut Museumsleiterin Klara Drenker-Nagels, dass er den Scherenschnitt von seinem hausbackenen und biedermeierlichen Image befreite. Für seine Arbeiten ließ er sich von Kubismus und Futurismus inspirieren. Er schuf zahlreiche Porträts, favorisierte aber auch symbolistische Sujets, wie etwa Salome mit dem Haupt des Johannes oder Judith und Holofernes. „Bei Engert lebt alles von der Kontur“, sagt Kurator Franz Josef Hamm. Seine Figuren erscheinen filigran und dennoch schwungvoll. Die aus schwarzem Papier geschnittenen Tänzer, Pferde oder Hunde scheinen stets auf dem Sprung.

Engert fertigte außerdem unzählige Scherenschnitt-Porträts an, darunter viele Künstler aus seinem Bekanntenkreis wie August Macke, Joachim Ringelnatz oder Oskar Maria Graf. Auch der Künstler selbst war stets auf dem Sprung, verkehrte in Künstlerkreisen in München, Berlin, dem Rhein-Main-Gebiet und dem Rheinland. Einen Sommer lang lebte er auch in Bonn und war 1913 an der von Macke initiierten „Ausstellung Rheinischer Expressionisten“ beteiligt. 1919 war er Mitbegründer der Darmstädter Sezession.

Das Schattenbild hatte Engert bereits in Kindertagen fasziniert. Er wurde als Sohn eines deutschen Bankiers in Japan geboren. Dort wurde er von der Tradition der ostasiatischen Papierkunst geprägt. Das Kunststudium in München betrieb er nur sporadisch. Dennoch sei er schon sehr früh erfolgreich gewesen, sagt Kurator Hamm, der den Künstler noch persönlich kannte.

Augenleiden schränkte Engert ein

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Engert ein gefragter Illustrator. Wegen eines Augenleidens konnte Engert ab der Nachkriegszeit nur noch eingeschränkt arbeiten. Für die filigranen Scherenschnitte reichte seine Sehkraft nicht mehr aus. Er lebte in seinem Elternhaus im hessischen Hadamar und behalf sich, indem er frühere Entwürfe in Siebdruck umsetzte. Obwohl er farbenblind geworden war, habe er farbige Illustrationen geschaffen, sagt Hamm. Anhand der Grauschattierungen habe er sogar die Farben der von ihm gezüchteten Lilien in seinem Garten genau definieren können. Als seine Sehkraft in den 70er Jahren durch eine Operation wieder hergestellt werden konnte, habe Engert beim Anblick seiner Blumen laut geschrien. Das Tragische: Nachdem Engert aus seinem visuellen Schattenreich befreit wurde, fiel sein Erinnerungsvermögen ins Dunkel. Sein ehemals hervorragendes Gedächtnis ließ ihn im Stich.

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