Schlösser

Zwerg Goldemar bleibt unsichtbar auf der Burg Hardenstein

Vom Ruhrufer nur durch die Bahngleise getrennt: Burg Hardenstein.

Foto: Fabian Strauch

Vom Ruhrufer nur durch die Bahngleise getrennt: Burg Hardenstein. Foto: Fabian Strauch

Witten.   Als malerische Ruine liegt Burg Hardenstein direkt am Ufer der Ruhr. Um das alte Gemäuer spinnt sich die grausame Sage über einen Zwergenkönig.

Wenn man von Ruhr-Romantik redet, denkt man ja im ersten Reflex doch wieder nur an Fördertürme und qualmende Schlote. Und wird eines Besseren belehrt, wenn man durch den Wald ins Hardensteiner Tal nordöstlich von Witten-Herbede hinabsteigt, wo sich die Ruine der Burg Hardenstein fotogen und ein bisschen verwunschen dem Betrachter darbietet, von der Ruhr nur getrennt durch die Gleise der Ruhrtalbahn, auf denen heute die Museumszüge ihren Halt direkt an dem altehrwürdigen Gemäuer machen. Die beiden Türme und die sich hell gen Himmel aufreckende Wand des ehemaligen Turmhauses vermitteln eine Ahnung von der Pracht von einst und zeugen zugleich vom Charme des Verfalls, dem das Haus lange anheimgefallen war und dem heute Einhalt geboten wird.

Auch die Brüder Grimm kannten Burg Hardenstein

Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass vielleicht ein Körnchen Wahrheit in dem steckt, was schon die Brüder Grimm über einen besonderen Bewohner der Burg berichtet haben: „Jener Zwergkönig Goldemar soll vertraulich bei Neveling von Hardenberg auf dem Hardenstein an der Ruhr gelebt und oft mit ihm in einem Bett geschlafen haben. Er spielte lieblich auf der Harfe und verthat viel Geld bei den Würfeln.“ Ein lasterhafter Lump war er wohl, dieser Goldemar, und zudem der Schwester des Neveling von Hardenberg nicht minder zugetan, berichtet Ludwig Bechstein in seinen „Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen“. Und unsichtbar war der Zwergenkönig auch noch: „Seine Hände waren mager, wie eines Frosches, kalt und weich anzugreifen, er ließ sich fühlen, aber keiner konnte ihn sehn“, berichten die Grimms.

Ein böser Fluch mit wahrem Kern

Tatsächlich hat niemand diesen Goldemar in der Burgruine gesehen, aber das will bei einem Unsichtbaren ja auch nichts heißen. Nicht einmal Hans Dieter Radke kann von einer Sichtung berichten, dabei gibt es eigentlich nichts zu Hardenstein, das er nicht weiß oder erblickt hat: 1974 hat er die Burgfreunde Hardenstein mitgegründet und kümmert sich seitdem mit seinen Mitstreitern um Wohl und Weh des einst dem Niedergang geweihten Gemäuers.

Um die Sage zu ihrem schnellen wie grausamen Ende zu führen: Ein Küchenjunge wollte Goldemar sichtbar machen, streute Asche und Erbsen aus, damit der Zwergenkönig erst stürzte und die Asche an ihm haftete. Der Zwerg aber rächte sich, brach dem Küchenjungen den Hals, briet und kochte seine Überreste – und verspeiste sie. Er machte sich mit einem Fluch von dannen: dass das Haus unglücklich sein und seine Güter niedergehen sollten, bis zugleich drei Hardenberger von Hardenstein lebten.

Heute sind Vandalen die größten Feinde der Burg

Ein böser Fluch, in der Tat, der vielleicht den zeitweisen Niedergang des Hauses erklärt. Doch der größte Feind des Bauwerks ist schon seit langem nicht mehr so ein unsichtbarer Zwerg. Heute sind es die Vandalen, die in der abgelegenen Ecke manchmal ihrem Tun freien Lauf lassen. Sie haben unter anderem die Scheinwerfer zerstört, die nächtens eindrucksvoll für Beleuchtung gesorgt haben. Gesehen hat sie keiner, doch unsichtbar werden sie in Zukunft nicht mehr bleiben. Radke plant mit den Burgfreunden, eine Videoüberwachung zu installieren, bevor die Scheinwerfer wieder instandgesetzt werden – und hofft dadurch auf Abschreckung.

Wenn man neben Hans Dieter Radke inmitten des Gemäuers steht, ein wenig abseits der beiden Wehrtürme und genau dort, wo das historische Turmhaus heute noch rudimentär erhalten ist, dann entstehen vor dem geistigen Auge plötzlich wieder die längst verschwundenen Mauern und Zimmer. Radke erzählt, wo Küche und Speisezimmer sich befanden, weiß genau, wo die enge Wendelstein-Treppe in die oberen Geschosse führte – und dass man sich von oben mit nur einem Mann gegen Eindringlinge verteidigen konnte. „Wir wissen ziemlich genau, wie es früher hier so aussah. Natürlich auch von den Abbildungen und Stichen aus verschiedenen Zeiten – mit gewissen Abstrichen.“ Radke schätzt, dass die heutige Vorstellung zu gut 90 Prozent korrekt ist.

Ein Modell von der historischen Anlage

Wer es ganz genau wissen will, sollte nicht nur die Ruine selbst besuchen, sondern sich vielleicht zuvor im kleinen Burgmuseum anmelden, das die Burgfreunde im Keller der Herbeder Wilhelmschule betreiben. Zentrales Ausstellungsstück dort: Ein Modell des Hauses, wie es höchstwahrscheinlich ausgesehen hat, als noch alles stand. Dort sieht man auch die Gräfte um die Burgmauern herum. Man sieht einen Flaschenzug, der höchstwahrscheinlich dazu diente, Korn und andere Ackerfrüchte in die trockenen Kammern unterm Dach zu hieven. Man sieht das Bauhaus mit seinem hübschen Fachwerk, das auf dem Gelände der Vorburg stand und noch bis in die 70er-Jahre dort verfiel.

1363 wurde die Burgkappelle erstmals urkundlich erwähnt, damals gab es nur das Turmhaus, von dem heute noch wenige Mauern stehen. Die Geschichte des Hauses muss freilich schon früher begonnen haben, denn tatsächlich wohnte hier die bergische Adelsfamilie von Hardenberg, die ihren eigentlichen Herrschaftsmittelpunkt bei Neviges verlassen hatte. Und schon 1354 verkaufte Heinrich II. von Hardenberg die Herrschaft Hardenberg nach einigen Jahren des wirtschaftlichen Niedergangs an den Junggrafen Gerhard von Berg und erbauten die Burg neu.

Marodierende Horden waren eine ernste Gefahr

Burg Hardenstein war nie sonderlich umkämpft und nicht tiefer in die großen Fehden jener Zeiten verstrickt, dazu lag sie wohl strategisch nicht günstig genug. Wohl musste man sich gegen marodierende Horden zur Wehr setzen und im 16. Jahrhundert auch gegen die brandschatzenden Lothringer, doch auch sie richteten wohl keinen allzu großen Schaden am Gemäuer an.

Einen wahrhaft reichhaltigen Fundus an Fundstücken präsentiert Radke mit den Burgfreunden in seinem Burgmuseum, darunter einen prächtigen Wappenstein oder die Ladekammer eines Hinterlader-Geschützes – nebst Kugeln. Auch das Fragment einer gusseisernen Ofenplatte mit der Darstellung der Sage von Pyramus und Thisbe sowie zwei Rittern im Tjost mit ihren Lanzen sind dort zu sehen.

Fundstücke von reuigen Wanderern

Manches Fundstück wurde von reuigen Wanderern, die es einst mitgenommen haben, den Burgfreunden zurückgegeben. „Ich möchte nicht wissen, wie viele Fundgegenstände jemand mal mitgenommen hat, die heute noch in irgendwelchen Kisten schlummern und leider der Wissenschaft entzogen sind“, bedauert Radke. Er selbst hat alle Funde, vom Schrämhammer bis zu Keramikscherben, sorgfältig erfasst, mit Fotos und Zeichnungen, damit der Wissenschaft möglichst nichts vorenthalten bleibt.

Nur eines fehlt natürlich in der Sammlung, mit der man mehrere weitere Räume bestücken könnte: Vom Zwergenkönig Goldemar und seinem schrecklichen Treiben hat man – abgesehen von der Volkssage – auf Burg Hardenstein nun wirklich keine Spur gefunden.

>>> Die Burgfreunde: Im Dienste des alten Gemäuers

Die Burgfreunde Hardenstein betreiben ihr eigenes Burgmuseum in Witten-Herbede. Im Keller der Wilhelmschule (Wilhelmstr. 4) finden sich zahlreiche Fundstücke aus der Ruine, darunter die Ladekammer eines Hinterlader-Geschützes, ein alter Wappenstein und ein historisches Modell der Burg. Öffnungszeiten nach Vereinbarung 02302/73809. www.burgfreunde-hardenstein.de.

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