Schlösser, BURGEN, RUINEN

Wo einst der „tolle Jobst“ vom Schmied erschlagen wurde

Das Wasserschloss Strünkede in Herne ist heute ein Standort des Emschertal-Museums.

Das Wasserschloss Strünkede in Herne ist heute ein Standort des Emschertal-Museums.

Herne.   Zum Start unserer neuen Serie „Schlösser, Burgen und Ruinen“ haben wir das Wasserschloss Strünkede in Herne besucht. Wie die Ritter dort lebten:

Die Menschen in Herne schworen lange Zeit, dass sie in ihrem Schloss Ritterrüstungen gesehen haben. Kein Wunder, schließlich lebten hier einst die Herren von Strünkede, Ritter im Mittelalter. Nur stammten die Rüstungen nicht von ihrer Tafelrunde. Sie sahen zu, wie die Leute vor dem Zweiten Weltkrieg im Schloss-Restaurant tafelten.

Wer sich heute dem Schloss Strünkede nähert, vorbei am Wassergraben, in dem schon mal ein Graureiher auf einem Stein steht, die Brücke überquert, die einst eine Zugbrücke war, unter dem Torbogen hindurchgeht, der das Wappen mit den Löwen der Herren von Strünkede zeigt, und schließlich das heutige Emschertal-Museum betritt, der wird vielleicht die Ritterrüstungen vermissen. Aber er wird wahre Spuren vergangener Zeiten entdecken.

Ein Blick ins „Kaminzimmer“: Was heute so ehrfürchtig klingt und für Empfänge der Stadt genauso genutzt wird wie für standesamtliche Trauungen, war einst die Küche. Über dem Feuer wurde damals auch Fleisch gegart. „Das sieht man zum Beispiel an den vielen Wildschweinzähnen, die man gefunden hat“, sagt Museumsleiter Oliver Doetzer-Berweger.

Ein Geheimgang im Wasserschloss?

Neben dem Kamin, der so groß ist, dass selbst ein beleibter Weihnachtsmann nicht stecken bliebe, ist eine kleine hölzerne Tür. Ein Geheimgang? „Es ist tatsächlich der Aufgang, um oben Essen servieren zu können“, so Doetzer-Berweger.

Die Herren von Strünkede waren gut betucht. Die Bauern konnten froh sein, wenn ihnen nach den Abgaben genügend Hirsebrei zum Essen blieb. Auch der Bau selbst steht für Wohlstand, in dem es sogar Toiletten gab. In der dicken Wand des 1664 fertiggestellten Hauses ist der Abort eingelassen.

Wahrscheinlich handelt es sich um das älteste WC Westfalens. „Für die Zeit war das eine moderne Sanitärausstattung“, erklärt der 48-jährige Historiker. Allerdings fielen die Fäkalien in den Wassergraben. Es muss bestialisch gestunken haben. „Ich glaube, die Leute waren es einfach gewohnter, es roch halt generell nicht so gut.“

Die Menschen heute können im Schloss die Geschichte Hernes verfolgen. Seit 1938 ist es Museum. Ausstellungsstücke zur Naturkunde sind ebenfalls zu bewundern. Darunter Knochen eines Mammuts.

Das älteste Gebäude in Herne

In der gotischen Kapelle von 1272 – das älteste Gebäude der Stadt – sind Familienmitglieder der Strünkede beigesetzt. Nicht nur, weil sie die Möglichkeit dazu hatten, so der Historiker. Auf dem Friedhof waren sie nicht gern gesehen: „Sie sind in der Reformationszeit nicht nur Lutheraner geworden, wie alle anderen auch“, so Doetzer-Berweger. „Sie sind zum calvinistischen Bekenntnis übergetreten.“ Noch heute können sich Menschen in der Kapelle das Ja-Wort geben. Allerdings muss das Paar protestantisch sein.

Die Kapelle ist auf einem Gemälde aus dem 18. Jahrhundert im Museum zu sehen. Das Schloss trägt dort noch eine barocke Turmhaube in Zwiebelform.

Wenn Zimmerleute heute den Dachstuhl sehen, staunen sie über die Konstruktion: Nicht nur das Schloss steht auf Eichenpfählen, auch das Dach wird von viel Holz getragen. Und doch wich der Turm. Weil ein Blitz einschlug? „Oder man den Windkräften nicht traute“.

Zugig und kalt wird es in dem Schloss gewesen sein, so Doetzer-Berweger. Er hätte ungern zur damaligen Zeit gelebt. Und erst recht nicht, bevor das Haus sein heutiges Aussehen bekam. Zuvor hat an gleicher Stelle eine Wallburg gestanden. Der Name „Strünkede“ wurde das erste Mal 1142 schriftlich erwähnt: Wessel Strünkede trat als Zeuge in einem Streit des Stiftes Essen auf.

Die Strünkede führten selbst so manche Fehde in diesem Grenzgebiet zwischen den niederrheinischen und westfälischen Territorien. Mehrere Gräfte – die Wassergräben – schützten sie vor Eindringlingen.

Doetzer-Berweger möchte aber nicht, dass die alten Schloss-Besitzer, deren Familienlinie im 18. Jahrhundert ausstarb, als wüste Raufbolde verstanden werden. „Tatsächlich waren die Strünkede in höchsten politischen Ämtern für ihren Clever Landesherren unterwegs – als Diplomat, als Regierungschef.“

Einer wurde sogar der „gelehrte Jobst“ genannt. Wobei dieser Strünkede wohl nicht studiert hat, aber immerhin lesen und schreiben konnte. Eine Ausnahme bildete der „tolle Jobst“, um die sich so manche Geschichte rankt.

„Er muss ein schwieriger Typ gewesen sein“, sagt Oliver Doetzer-Berweger. „Die soll es ja immer mal wieder geben. Blöd ist nur, wenn sie in politische Verantwortung kommen.“ Ein Schmied ließ sich dieses Verhalten jedoch nicht gefallen und erschlug seinen Herren, „weil er ihm die Frau ausspannen wollte.“

>> NEUE SERIE: SCHLÖSSER, BURGEN UND RUINEN

In einer neuen Serie reisen Sie gedanklich zu Schlössern, Burgen und Ruinen. Tauchen Sie ein in das Leben von Ritter und Burgfräulein, begeben Sie sich auf die Spuren vergangener Zeiten.

Wir treffen Adelige und Architekten, Köche und Kuratoren und erzählen die Geschichten zu den schönsten historischen Ausflugszielen in unserer Region.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik