Unbehindert behindert

Wir haben’s geschafft! Endlich gute Arbeit – trotz Handicap

Michael Gottner arbeitet am Dienstag den 4. Febuar 2020 in einem EDEKA Markt in Bochum. Der junge Mann hat bei der Firma Driller eine Anstellung gefunden. Foto: Ralf Rottmann/ Funke Foto Services

Michael Gottner arbeitet am Dienstag den 4. Febuar 2020 in einem EDEKA Markt in Bochum. Der junge Mann hat bei der Firma Driller eine Anstellung gefunden. Foto: Ralf Rottmann/ Funke Foto Services

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Bochum.  Nur 0,3 Prozent der Menschen mit Behinderung schaffen im Jahr den Weg aus ihren Werkstätten in den ersten Arbeitsmarkt. Wir haben zwei begleitet!

An Motivation hat es ihm nie gemangelt. Wechselnde Arbeitszeiten: kein Problem. Klar kann er um sechs anfangen oder mittags. Natürlich arbeitet er auch mal bis in den späten Abend hinein, räumt auf, macht sauber. Lieber eine Aufgabe zu viel, als eine zu wenig. So einer ist Michael Gottner.

Fleißig und gewissenhaft nennt ihn sein Chef. Die Kollegen scheinen das ähnlich zu sehen. „Der ist klasse, den müssen wir behalten“, hätten sie gesagt, da sei „der Herr Gottner“ erst ein paar Tage im Praktikum gewesen.

Und trotzdem: Dass der 33-Jährige an diesem Vormittag zwischen den Regalen eines Edeka-Marktes steht und Waren einräumt, dass er hier Vollzeit arbeitet, unbefristeter Vertrag, ist alles andere als selbstverständlich. Der junge Mann hat keine Ausbildung, wird so bald auch keine absolvieren. „Das würde ich nicht schaffen“, sagt er selbst. Der schulische Teil ist für ihn eine unüberwindbare Hürde. Weil er so seine Schwierigkeiten hat mit dem Schreiben, mit dem Rechnen, mit dem Lernen. Seinen Abschluss hat er auf einer Förderschule gemacht, war danach in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung angestellt. Nicht ungewöhnlich für jemanden in seiner Lage. Ungewöhnlich ist eher, dass er von Anfang an unbedingt einen Job außerhalb der Werkstatt haben wollte und darauf mit einem Ehrgeiz und einer Zielstrebigkeit hingearbeitet hat, die selbst Reinhard Joswig selten erlebt.

Seit neun Jahren ist Joswig beim Integrationsfachdienst Bochum-Herne dafür zuständig, Menschen wie Michael Gottner auf dem Weg in einen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu begleiten. Angefangen bei: In welche Richtung könnte man überhaupt gehen? Welche Vorerfahrungen gibt es? Welche Wünsche? Bis hin zu: Wie können wir das schaffen? Er vermittelt zwischen Arbeitgebern und Werkstattbeschäftigten, ermutigt beide Seiten, räumt Vorbehalte aus, nimmt Ängste. Er organisiert Praktika und arbeitet mit dem „LWL-Inklusionsamt Arbeit“ zusammen. Und er hilft bei Förderanträgen und anderen Formalitäten, wenn aus einem Außenarbeitsplatz – also einem Job, bei dem der Arbeitnehmer bei der Werkstatt angestellt bleibt, aber in einem Betrieb „draußen“ arbeitet – schließlich ein fester Vertrag für einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz werden soll. Wozu es jährlich in seinem Bereich, und auch in NRW insgesamt, nur bei 0,3 Prozent der Werkstattbeschäftigten kommt.

0,3 Prozent: Das klingt nach wenig. Nach fast nichts. Und ja, natürlich könnten es mehr sein, das sagt auch Reinhard Joswig. Allerdings, erklärt er dann, würden die restlichen 99,7 Prozent nicht ausnahmslos darauf warten, dass ihnen endlich ein Unternehmen die Türen öffnet und sie einstellt. Manche von ihnen brauchen aufgrund ihrer komplexen Behinderung umfangreiche Unterstützung, können nur einfachste Tätigkeiten ausführen, und das auch nicht sehr lange. Andere, etwa mit einer psychischen Behinderung, sind froh über den geschützten Raum, wo sie etwas Sinnvolles arbeiten können, das sie nicht überfordert, wo sie einen Kollegenkreis haben, nicht „die Behinderten“ sind, Anerkennung bekommen und ein Stück Selbstständigkeit, ganz ohne Druck.

Die Gruppe derer, denen bloß ein paar Kompetenzen fehlen, die der erste Arbeitsmarkt verlangt, die es draußen schaffen können und auch wollen, ist vergleichsweise klein. Michael Gottner gehört dazu.

„Irgendwann bin ich richtig abgeschmiert“

Ebenso Emil Pekruhl. Der gelernte Kfz-Mechaniker, heute „58 Jahre jung“, hatte seinen Platz in der Arbeitswelt längst gefunden – als die Krankheit kam. Er durchlebte ein ständiges Auf und Ab, mal ging es gut, dann wieder gar nicht, und „wenn ich das mal so sagen darf: Irgendwann bin ich richtig abgeschmiert“. Klinik, Therapie, Reha, ärztliche Betreuung. Über seine Krankheit zu sprechen, mache ihm nichts aus, sagt er: „Die Leute können es ruhig wissen.“ Dass eine bipolare Störung mit Depressionen seinen festen Stand im Leben ins Wanken brachte, ihn schließlich aus der Normalität seines Angestelltendaseins herausriss.

Sein Neuanfang begann schließlich in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Wollte er dort direkt wieder weg? Emil Pekruhl schüttelt den Kopf. „Ich musste erst einmal gucken, wo ich stehe, ich konnte mich selbst nicht mehr einschätzen.“ Während er lernte, seine Krankheit zu beobachten, ihre Anzeichen zu erkennen, auf sich zu achten, fand er in der Werkstatt zu einem Gegenstand, mit dem er wieder arbeiten wollte, ein bisschen leichter als die Autos, oder gar die 40-Tonner, aber nicht weniger interessant: Fahrräder.

Heute fährt er ständig Rad, bei Wind und Wetter, in der Freizeit sogar mit dem Mountainbike im Gelände, aber auch, und das ist der wichtigste Teil seiner Geschichte, wieder zu einer Arbeit. „Das Ding mit den Autos ist durch“, sagt er. Die Neuradmontage ist mittlerweile sein Arbeitsbereich, das Bochumer Fahrradgeschäft Seeger sein Arbeitgeber. Seit Kurzem gibt Emil Pekruhl sein Wissen an einen Azubi weiter. Wobei „Wissen“ nicht bloß fachlich zu verstehen ist.

Etwas zurückzahlen wollen

Vor allem die jungen Kollegen würden dank Pekruhl ganz nebenbei lernen, dass psychische Erkrankungen kein Tabuthema sind, sagt seine Chefin Birgit Gallwitz-Seeger. Dass man darüber ganz normal sprechen, damit umgehen kann.

Emil Pekruhl ist stolz darauf, dass er „noch einmal die Kurve gekriegt hat“. In einem Alter, in dem manche bereits vorsichtig in Richtung Rente blicken, hofft er nur darauf, noch so lange wie möglich weitermachen zu können. In diesem Job, den er liebt – er sagt das genau so. Der ihm so viel gibt, dass er auch „etwas zurückzahlen“ will. Seitenblick zur Chefin. Die nickt nur stumm, gerührt.

Wenn man Michael Gottners Chef, den Marktleiter Daniel Driller fragt, warum er Gottner eingestellt habe, trotz der Lernschwächen, trotz der fehlenden Ausbildung, sagt der ganz pragmatisch: „Im Endeffekt entscheidet doch die Leistung vor Ort.“ Die habe gestimmt, stimme immer noch.

Auch Birgit Gallwitz-Seeger lobt die Leistungsbereitschaft ihres Neuradmonteurs: Zuverlässig sei er und total loyal. Und habe, das nur am Rande erwähnt, wegen seiner psychischen Erkrankung bisher nicht einen Tag gefehlt.

Teilhabe am Arbeitsleben

Der Integrationsfachdienst (IFD) Bochum-Herne (Träger ist die Evangelische Verbund Ruhr gGmbH) arbeitet im Auftrag des „LWL-Inklusionsamtes Arbeit“. Der LWL unterstützt sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung mit monatlichen Lohnzuschüssen.

Um mehr Menschen den Übergang von der Werkstatt auf den regulären Arbeitsmarkt zu ermöglichen bzw. bereits im Vorfeld Alternativen zur Werkstatt zu finden, läuft aktuell das Projekt „Neue Teilhabeplanung Arbeit“ des LWL. Für zwei Jahre werden dabei in sechs Modellregionen (Bochum, Hamm, Münster, Kreise Herford, Siegen-Wittgenstein und Warendorf) verstärkt ein sogenanntes ganzheitliches Fallmanagement und die örtlichen Netzwerke gefördert. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet mit dem Ziel, die Erkenntnisse auf das gesamte LWL-Gebiet ausweiten zu können, um letztlich jedem die individuell passende Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Dies kann je nach persönlicher Situation ein Arbeitsplatz in einem Betrieb auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt oder in einer Werkstatt für behinderte Menschen sein.

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