Autismus

Wie Plüsch-Julia aus der Sesamstraße Autisten helfen möchte

Julia spielt in der Sesamstraße mit Hase Fluffster.

Foto: dpa Picture-Alliance / Zach Hyman

Julia spielt in der Sesamstraße mit Hase Fluffster. Foto: dpa Picture-Alliance / Zach Hyman

Essen.   Das Plüsch-Mädchen tritt seit einigen Wochen in der US-Kinderserie auf. Wir fragten eine Expertin, wie autistische Kinder davon profitieren.

Die Sesamstraße hat einen neuen Plüschstar: Julia mit dem orangefarbenen Haar ist Autistin. Dass sie deshalb ein bisschen anders reagiert als die anderen und dennoch ein ganz normales Kind ist, gehört nun zu den Geschichten, die in der Sesamstraße dargestellt werden – vorerst allerdings nur in den USA. Wir wollten wissen, ob sich eine Entwicklungsstörung wie Autismus in einer Kinderserie darstellen lässt und wie Autisten von solch einer Öffentlichkeit profitieren können. Dazu sprachen wir mit Diplom-Heilpädagogin Katrin Schneider (42), die im Autismus-Zentrum Essen gemeinsam mit einem Kollegen die therapeutische Leitung hat.

Eine autistische Figur in der Sesamstraße: Ist eine Fernsehserie für Kinder ein gutes Medium, um das Bewusstsein für Autismus zu schärfen?

Schneider: Wir haben hier im Team darüber diskutiert und sind der Meinung, dass das positiv zu sehen ist. Es steht ja ganz im Sinne des Inklusionsgedankens, dass es eben normal ist, dass die Menschen unterschiedlich sind. Und dass schon die Kinder darauf aufmerksam gemacht werden, dass es verschiedene Wahrnehmungen der Welt gibt. Wichtig ist, dass damit sensibel umgegangen wird, weil man natürlich auch Eigenheiten sehr an einer Figur festmacht.

Inwiefern?

Wenn man da zum Beispiel an „Rain Man“ denkt... Der ist immer noch in den Köpfen. Die Menschen denken: Autismus ist ja wie bei „Rain Man“. Aber Autismus erstreckt sich eben über ein sehr breites Spektrum, die jeweiligen Formen von Autismus können sich auch ganz anders darstellen. Tatsächlich finde ich gut, dass Julia in der Sesamstraße eine ganz bestimmte Form des Autismus tatsächlich so darstellt, wie sie ist – und das finde ich sehr wichtig.

Können Autisten direkt oder indirekt von der Medienpräsenz profitieren?

Schon dass da eine Diskussion stattfindet und über Autismus noch mal gesprochen wird, ist begrüßenswert. Es ist ja so, dass dadurch noch einmal eine andere Öffentlichkeit erreicht wird.

Sie haben es schon angesprochen: Bei „Rain Man“ denkt man an die Inselbegabung von Autisten. Kommt die tatsächlich so oft vor?

Es ist nicht so, dass jeder Mensch mit Autismus auch eine Inselbegabung hat. Tatsächlich bilden sie eher eine Ausnahme.

Sind diese Begabungen denn immer so genial?

Das kommt darauf an. Es gibt einen Autisten, der wenn er mit dem Flugzeug über eine Stadt fliegt, aus dem Kopf die Stadt detailgetreu skizzieren kann. Oder es gibt einen, der ganz schnell Sprachen lernen kann. Das ist dann eine wirklich eine sehr, sehr deutlich ausgeprägte Begabung. Es gibt auch die Fähigkeit des Kalenderrechnens: Menschen die sagen können, was der 5.6.1973 für ein Wochentag war.

Wird Autismus heute früher diagnostiziert als noch vor Jahren?

Wir profitieren heute von der Verbesserung der diagnostischen Instrumente und der Sensibilität bei den Fachleuten, die die Kinder betreuen. Aber es gibt ja die Unterscheidung zwischen frühkindlichem Autismus, atypischem Autismus und Asperger-Syndrom. Bei Kindern mit Asperger- Syndrom wird die Diagnose oftmals später gestellt als bei Kindern mit frühkindlichem Autismus. Viele Kinder, die zu uns kommen, sind zwischen zwölf und 14 Jahren. Wir haben aber auch schon viele Kinder im Grundschulalter, bei denen die Diagnose gestellt wird.

Wie regen Sie autistische Kinder an, mit anderen Kindern in Kontakt zu treten und mit ihnen zu spielen?

Wir orientieren uns in der Therapie an den drei Bereichen Interaktion, Kommunikation und Verhalten. So dass wir individuell mit den Eltern gucken: Wo sind jetzt die Schwerpunkte und wo können wir das Kind unterstützen? Es kann sein, dass man zunächst eine Strukturierung vornimmt, dass man klare Vorgaben macht und dem Kind sagt: Was kommt auf Dich zu? Und wir orientieren uns natürlich auch an den Spezialinteressen der Kinder, das heißt, sie mögen etwas unheimlich gerne und haben dann auch ein großes Wissen in dem Bereich. Sie haben ein großes Wissen zum Beispiel über Flugzeuge. Und dieses Wissen benutzen wir dann wieder in der Therapie. Dadurch entstehen Sichtkontakte, darüber können die Kinder sich viel besser unterhalten als über andere Themen. Daran anknüpfend können wir dann die Interaktionsfähigkeiten ausbauen.

Man muss also den Kommunikationsweg wählen, der für das Kind geeignet ist?

Ja. Und wir müssen dem Kind natürlich vermitteln, dass es überhaupt etwas bringt, wenn es kommuniziert. Es geht dabei darum, dass es lernt: Wenn ich kommuniziere, dann bekomme ich etwas. Bei den Kindern mit frühkindlichem Autismus ist es oft so, dass sie den Arm der Mama nehmen und den Arm zum Schrank ziehen – und damit zeigen, dass sie wollen, dass der Schrank aufgemacht wird. Dann ist es ein Schritt, dem Kind zu vermitteln, dass es der Mama vielleicht ein Bild gibt, auf dem ein Keks zu sehen ist. Wenn man auf dem Weg äußern kann, dass man einen Keks möchte, dann ist das eine andere Qualität.

Aber Ihre Therapie setzt nicht nur bei den Kindern an, oder?

Ein genauso wichtiger Teil ist die Arbeit mit dem Umfeld. Das heißt auch, Verhaltensweisen des Kindes zu erklären. Warum reagiert das Kind jetzt vielleicht so?

Wie ist der Stand in der Ursachenforschung zum Autismus?

Man geht von einer großen genetischen Komponente aus. Und von einem Zusammenspiel von biologischen Faktoren, gerade in Hinsicht darauf, wie Dinge im Hirn verarbeitet werden. Und man geht davon aus, dass unter anderem die so genannte „Theory of Mind“ betroffen ist, dass ich mich in jemand anderen hineinversetzen kann. Bei Kindern entwickelt sich das ab dem vierten, fünften Lebensjahr, dass die wissen: Mama denkt etwas anderes als ich. Man geht davon aus, dass das bei Menschen mit Autismus in unterschiedlicher Ausprägung erschwert sein kann. Das heißt: Sie teilen sich gar nicht so sehr mit, weil sie meinen, dass der andere ohnehin schon weiß, was sie denken.

Besonders plakativ ist ja immer, wenn man von Therapien mit Delfinen liest. Ist da was dran?

Es ist schon so, dass Tiere ein Türöffner in der Interaktion sein können. Bei uns ist aktuell eine Kollegin, die hat einen Hund in der Ausbildung zum Therapiehund als Begleitung. Dabei schauen wir auch: Wie kann man das mitgestalten? So ein Tier hat manchmal auch einen ganz anderen Zugang zu den Kindern.

>> VERSCHIEDENE URSACHEN FÜR AUTISMUS

Autismus bezeichnet eine Entwicklungsstörung, die sich auf viele unterschiedliche Arten äußern kann. Beim frühkindlichen Autismus zeigen sich Auffälligkeiten etwa ab dem dritten Lebensjahr im sozialen Umgang mit anderen und in der Kommunikation. Außerdem neigen sie zu stereotypen Verhaltensweisen. Autisten haben oft Schwierigkeiten damit, soziale oder emotionale Signale ihrer Mitmenschen richtig zu erkennen und sie selbst an ihre Umgebung auszusenden. Ein Beispiel für ein solches Verhalten aus dem Fernsehen liefert etwa Sheldon Cooper aus der Serie „The Big Bang Theory“, wenn auch in einer schwächeren Ausprägung.

Da die Erscheinungsweisen von Autismus so vielfältig sein können, sprechen die Experten heute von einer „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS) – man geht davon aus, dass etwa sechs bis sieben von 1000 Menschen in dieses Spektrum passen. Was genau die Ursachen sind, lässt sich von der Wissenschaft nicht eindeutig belegen. Der Bundesverband Autismus schreibt dazu: „Trotz umfangreicher Forschungsergebnisse hat sich bislang noch kein umfassendes Erklärungsmodell herausgebildet...“

Ansprechpartner für Menschen mit Autismus finden sich beim Bundesverband Autismus Deutschland e.V. unter www.autismus.de

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