Muttertag

Wie Mütter heute Beruf und Familie miteinander vereinbaren

Kim Adamek mit ihren Kindern – wenn die Kleinen abends schlafen, setzt sich die Grafikerin noch mal an den Schreibtisch.

Foto: Matthias Graben

Kim Adamek mit ihren Kindern – wenn die Kleinen abends schlafen, setzt sich die Grafikerin noch mal an den Schreibtisch. Foto: Matthias Graben

Essen.   Wir haben drei Frauen gefragt, wie sie heute Beruf und Familie miteinander vereinbaren. Was die Mütter eint: Jede muss sich rechtfertigen.

Wie vereinbaren Mütter heute Beruf und Familie? Wir stellen drei persönliche Sichtweisen vor von Frauen, die unterschiedliche Wege gehen. Welche Vorteile sehen sie bei ihrem Lebensmodell?

Alle stellen fest: Großmütter (oder auch -väter) sind eine große Stütze. Es gibt viele Situationen, die ohne sie kaum zu meistern wären. Denn trotz des Betreuungsangebots, gibt es immer noch Lücken. In der einen Stadt ist es schwierig, überhaupt einen Platz bei einer Tagesmutter oder Kita zu bekommen. Erst recht, wenn man sich entscheidet, die ersten drei Jahre bei seinem Kind zu Hause zu bleiben. In einem anderen Ort passen die Kita-Zeiten nicht zu den Arbeitszeiten.

Fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen arbeitet in Teilzeit

Fast jede zweite erwerbstätige Frau in Deutschland arbeitet laut Statistischem Bundesamt in Teilzeit. Doch nicht jede Frau, die Arbeitszeit reduzieren möchte, erreicht dieses Ziel. Während eines Bewerbungsgesprächs kann das Interesse des Arbeitgebers groß sein, erfährt er, dass sie nur 20 Stunden in der Woche da sein kann, machen Firmen, besonders mit klassischen „Männerberufen“, schon mal einen Rückzieher.

Hat eine Frau ihre Arbeitszeit reduziert, kann sich das später negativ bei der Rente bemerkbar machen. Weil sie in der „Teilzeit-Falle“ sitzt: Wenn eine Frau nach Jahren wieder Vollzeit arbeiten möchte, aber der Arbeitgeber nicht aufstocken will. Ein Gesetzentwurf für ein Rückkehrrecht von Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) liegt derzeit auf Eis.

Mütter wünschen sich flexible Betreuung

Unterstützt werden Familien durch die Offene Ganztagsschule (OGS), in der die Kinder nach dem Unterricht betreut werden. Allerdings stören sich einige Mütter mit flexiblen Arbeitszeiten daran, dass die OGS nach einem Erlass des NRW-Schulministeriums für jeden Tag verpflichtend sein soll. Eine Mutter, die von Montag bis Mittwoch Vollzeit arbeitet, muss am „freien“ Donnerstag und Freitag warten, bis die OGS nachmittags endet, auch wenn sie Zeit für ein gemeinsames Mittagessen hätte und die Hausaufgaben ihres Kindes betreuen könnte. Das Schulministerium argumentiert, dass die OGS kein Betreuungs-, sondern ein Bildungsangebot sei.

So sind Mütter mit verschiedenen Fragen konfrontiert: Was ist gut für mein Kind? Wie kann ich meinen Beruf weiter ausüben? Wie behalte ich meine Selbstständigkeit? Dabei ist auch entscheidend, wie emanzipiert die Partner sind: Wie gleichberechtigt gestalten wir unser Familien- und Arbeitsleben? Und: Wie können wir das finanzieren?

Es bleibt eine persönliche Entscheidung

Trotz vieler Gegebenheiten, die Frauen nicht beeinflussen können: Die Entscheidung, wie man Beruf und Familie miteinander vereinbaren möchte, kann nur individuell getroffen werden.

Die drei Mütter, die wir auf dieser Seite vorstellen, betonen, dass ihr jeweiliger Weg perfekt ist – aber nur für sie selbst. Für eine andere Mutter ist ein anderer Weg vielleicht besser. Es wäre doch schön, wenn sich irgendwann keine Frau mehr für ihre ganz persönliche Lebensweg-Entscheidung rechtfertigen müsste.

Mutter und Hausfrau: Morgens genießt sie den gemeinsamen Weg zur Schule

Eigentlich wollte Sandra Seyer nach einem Jahr wieder arbeiten. Doch als ihr Junge sich das erste Mal alleine hinsetzte, dann die ersten Laute plapperte und schließlich zu krabbeln anfing, spürte sie, dass sie sich einen anderen Weg wünschte. „Ich wollte zu Hause sein, bei meinen Kindern, solange sie klein sind.“ Aus dem geplanten einen Jahr wurden zehn Jahre.

„Wie, du willst noch nicht wieder arbeiten?“, fragten sie damals andere Frauen. „Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich rechtfertigen“, sagt die Diplom-Heilpädagogin aus Bottrop. „Warum willst du nicht weitermachen? Du hast doch studiert?“, waren weitere Fragen, die sie drängten. Wenn die 36-Jährige, die nach ihrem Sohn noch eine Tochter bekam, heute zurückblickt, bereut sie ihren Entschluss nicht. Im Gegenteil: „Genau so war es richtig.“

Es sind die vielen kleinen Momente, die sie mit ihren Kindern genossen hat. „Ich glaube, die gehen verloren, wenn man früh wieder anfängt zu arbeiten.“ Allein der gemeinsame Weg zur Schule war schon eine Entdeckungsreise. Mama, hast du das Geräusch gehört? Komm, wir suchen danach. Sieh mal: eine Eule!

Sie hat Zeit und das schätzen die Kinder

„Ich weiß gar nicht, wie viele Regenwürmer wir auf dem Weg entdeckt haben, im Sommer den Regenbogen, im Winter Schneekristalle auf den Pfützen. Das sind diese ganz kleinen Momente. Dafür habe ich Zeit.“ Zeit ist das große Plus ihres Lebensmodells. Ihr Sohn hat es kürzlich selbst gesagt, wie schön das ist: „Mama hat Zeit für uns!“

Aber was ist mit ihr selbst, hat sie genug Zeit für sich? Hat sie nie ihre Arbeit vermisst? „Ich glaube, wenn eine Frau einen technischen Beruf ausübt, ist das etwas anderes.“ Aber sie selbst hat ja immer schon mit Kindern gearbeitet. Nun begleitet sie ihre eigenen.

Ein normaler Tag in ihrem Leben als Mutter und Hausfrau: 6 Uhr morgens schellt Sandra Seyers Wecker, 6.30 Uhr wünscht sie ihren Kindern: „Guten Morgen!“ „Diese halbe Stunde brauche ich auch für mich, um schon mal einen Kaffee zu trinken, um dann in Ruhe mit den Kindern in den Tag starten zu können.“ Anziehen, frühstücken, Brotdosen packen und dann spazieren sie zur Schule.

Wenn Sandra Seyer wieder zurück ist, macht sie den Haushalt: waschen und wischen, Spülmaschine ein- und ausräumen und kochen. Wenn sie die Kinder mittags abgeholt hat, essen sie gemeinsam. Nachmittags bringt sie die beiden zum Schwimmen, Klavierunterricht oder Zahnarzt. Zwei Tage in der Woche versucht sie freizuhalten, damit die Kinder einfach spielen können. Das alles muss geplant sein. „Familien-Managerin“, nennt sie sich daher auch.

Fehlt es ihr an Anerkennung für das, was sie jeden Tag leistet? „Mein Mann und die Kinder haben oft gesagt, wie schön sie es finden, dass ich zu Hause bin.“ Auch die Großeltern bestätigen sie in ihrer Entscheidung und springen ein, wenn etwa die Siebenjährige krank ist und der Neunjährige zur Schule muss. Seit ein paar Jahren leitet sie zudem zwei Bewegungskurse für ganz kleine Kinder, wenn ihre eigenen in der Schule sind. Und auch ihre Ehrenämter, etwa im Förderverein der Schule, nutzt sie nicht nur, um Gutes zu bewirken, sondern auch um den Austausch mit Erwachsenen zu pflegen.

Reicht ihr Einsatz für die Rente?

Ihr Mann ist Informatiker und arbeitet Vollzeit. Er sei ganz Papa, sobald er zur Tür reinkommt. „Wir hatten den Luxus, entscheiden zu können, wer zu Hause bleibt und wer nicht. Wobei klar ist, dass der pädagogische Bereich nicht ganz so gut bezahlt ist.“ Ob ihr beruflicher Einsatz für die Rente reichen wird? Sie vertraut auf den Rückhalt ihrer Familie.

Die Kinder werden selbstständiger. Daher kehrt Sandra Seyer nach zehn Jahren zurück ins Berufsleben. Sie hat Glück, dass pädagogische Fachkräfte gesucht werden. „In anderen Berufen sieht das anders aus.“ Die Kinder werden die Offene Ganztagsschule besuchen, von der sie sich weiterhin flexible Abholzeiten wünscht. Sandra Seyer möchte Teilzeit arbeiten. „Bei Vollzeit würde ich den Tagesablauf meiner Kinder nicht mehr mitbekommen.“

Mutter und Teilzeitbeschäftigte: Der Nachmittag gehört ganz ihrer Tochter

Als Jessica Kordulla noch kein Kind hatte, arbeitete sie in einer PR-Agentur. Ein Arbeitstag bis 20 Uhr war da normal. Und wenn ihre Kollegin, eine Mutter, um 15 Uhr ging, dachten die anderen: „Na toll, sie lässt uns jetzt allein“. Heute kann Jessica Kordulla darüber nur den Kopf schütteln. Als ob sich eine Mutter auf die grüne Wiese legen würde, sobald sie den Arbeitsplatz verlässt. Jetzt ist sie diejenige, die schon mal Stichelndes hört: „Genieß den Mittag!“ Trotzdem: Sie möchte genau so leben wie sie es heute tut, als Mutter mit einem Teilzeitjob.

In der Elternzeit hat sie sich neu orientiert. „Ich glaube, meine Chefin in der PR-Agentur hätte schon erwartet, dass ich irgendwann auch wieder Vollzeit arbeite und das kann ich mir nicht vorstellen.“ Also nutzte sie ihre Kenntnisse aus einem Fernstudium – „Deutsch als Fremdsprache“ – und startete als Dozentin etwa für Integrationskurse durch. 23,5 Stunden arbeitet sie die Woche, seitdem ihre Tochter Lou 18 Monate alt ist. „Ich bin nicht so der Karriere-Mensch. Mir ist es wichtig, einen Beruf zu haben, der mich erfüllt.“ Den hat sie gefunden.

Sonst bringt der Vater das Kind in die Kita

Ein Tag im Leben der Mutter und Teilzeitbeschäftigten: Ist ihr Mann da, bringt er Lou zur Kita. „Wenn ich aus dem Haus gehe, schlafen die beiden noch.“ Sobald ihr Mann, der im Vertrieb in der Modebranche arbeitet, dienstlich verreist, wird es stressiger. „Dann stehe ich um sechs auf und gucke, dass ich Lou wach kriege. Sie ist eine ziemliche Langschläferin. Dann radeln wir fix los. Die Kita macht leider erst um 7.30 Uhr auf. Das ist ein bisschen blöd, weil Punkt acht mein Unterricht beginnt.“

Nach ihren Kursen bereitet sie die nächsten vor, geht nach Hause, isst mittags etwas, macht den Haushalt, bevor sie ihre Tochter um 15 Uhr abholt. Das zweijährige Mädchen mit den dunklen Locken sitzt nun auf Mamas Schoß und krümelt einen Keks. Der Nachmittag gehört ganz der kleinen Lou.

Die Kita sei toll, trotzdem bekommt Jessica Kordulla manchmal ein schlechtes Gewissen. „Lou ist schon in diesem Hamsterrad. Sie muss gehen, sie hat nicht die Wahl.“ Wenn das Kind kränkelt, ist es besonders schlimm. Geht die 32-Jährige zur Arbeit, hat sie Lou gegenüber ein schlechtes Gewissen. Bleibt sie bei ihr, glaubt sie, ihre Schüler zu vernachlässigen. „Da muss man schon an sich arbeiten.“

Die Oma passt in den Ferien auf

Weil die Familie umgezogen ist, gibt es keine Großeltern in der Nähe, die einspringen oder mal einen spontanen Kinoabend ermöglichen. „Das fehlt total!“ Wenn im August die Kita schließt, reist extra eine Oma aus Stuttgart nach Düsseldorf, um morgens auf Lou aufzupassen.

Die ältere Generation könne nicht verstehen, dass sie nicht die ersten drei Jahre zu Hause geblieben ist. „Ich war eineinhalb Jahre in Elternzeit und das hat gereicht.“ Sie möchte den Anschluss nicht verpassen. „Und vielleicht bekomme ich noch Kind Nummer zwei und dann arbeitet man ein Jahr und ist schon wieder weg.“ Außerdem genießt sie das gute Gefühl, das ihr die Arbeit gibt. „Man bekommt schon mehr Bestätigung im Job.“ Für sie stand jedoch nie zur Diskussion, ob nicht sie, sondern ihr Mann die Arbeitszeit reduziert. „Ich möchte um nichts auf der Welt mit ihm tauschen. Ich finde, dass er es eigentlich schwerer hat, weil er viel mehr verpasst.“

Mutter und Vollzeitbeschäftigte: Abends arbeitet sie weiter

„Mama!“ Fynn zupft am Ärmel seiner Mutter. Also das nächste Mal soll sie dem Raumschiff andere Füße malen. Farbe und Form – der Fünfjährige beschreibt genau, wie es im All aussehen soll. „Fast wie ein Kunde“, stellt Kim Adamek lachend fest. Denn nicht nur ihr Sohn mag die Zeichnungen der Mama, auch Firmen beauftragen sie für Illustrationen. Die 35-Jährige hat zwei Kinder und arbeitet 40 Stunden die Woche in ihrer eigenen Werbe-Agentur.

Eine klassische Vollzeit-Stelle hat sie aber nicht. Ein Tag als Mutter und Selbstständige: Um 6 Uhr steht sie auf. „Oder um fünf, je nachdem wann Madam wach ist“, sagt Kim Adamek und schaut liebevoll Lilia an, ihre einjährige Tochter. Entweder bringt sie die Kinder um 8 Uhr zur Kita und Tagesmutter oder ihr Mann nimmt sie mit.

„Sobald alle weg sind, räume ich auf und gehe dann an den Schreibtisch, schacker durch, bis halb zwei oder drei, hole sie ab, dann spielen wir oder basteln.“ Nachmittags rufen trotzdem Kunden an. Die Kinderstimmen im Hintergrund gehören eben dazu. Oder Fynn und Lilia gehen eine Etage tiefer: zu den Großeltern. Wenn die Kleinen abends im Bett liegen, setzt sich Kim Adamek noch mal an den Schreibtisch. So kommt die Grafikerin jeden Tag auf ihre acht Stunden – Arbeit, nicht Schlaf!

Überstunden hat sie auch schon als Festangestellte gemacht

Wie schafft sie das? „Überstunden sind nichts Neues für mich.“ Als Festangestellte hat sie bis spät abends gearbeitet. „Wenn ich Illustrationen mache, fühlt sich das nicht an wie Arbeit.“ Sie hat das Gefühl, dass sie es auch für sich macht. Wenn Fynn krank ist, müsse sie zudem keinem Chef erklären, warum sie die Arbeit nachts beendet.

Kim Adamek möchte sich mit anderen Müttern darüber austauschen, wie sie Beruf und Familie miteinander vereinbaren. Daher hat sie unter „Working Mums Ruhr“ im Internet bei „Meetup“ einen Aufruf für ein Treffen gestartet. Sie selbst hat sich ein Netzwerk mit Kollegen aufgebaut, darunter sind Web-Entwickler. Zusammen sind sie die „Digitallotsen“. Wenn die Kinder größer sind, möchte Kim Adamek raus aus dem Haus in Hattingen und eine Agentur mit Angestellten aufbauen.

Der Roboter saugt Spiel- und Arbeitszimmer

Bis dahin ist die obere Etage ihres Zuhauses zweigeteilt: Links ist das Spiel-, rechts das Arbeitszimmer. Der Teppich sieht frisch gesaugt aus. „Das war der Saugroboter.“

Ihr Mann, der Vollzeit tätig ist, hat anfangs in der Elternzeit nachmittags gearbeitet, sie vormittags. Das Paar käme finanziell über die Runden, wenn er oder sie ganz zu Hause bliebe. Aber sie müssten sich etwa beim Urlaub einschränken. Kim Adamek staunt heute, wie ihr Vater mit nur einem Einkommen die ganze Familie ernähren konnte.

Wenn Lilia nachts wach wird, steht ihr Mann oft auf. „Ein Papakind“, sagt Kim Adamek. Fynn ist das Mamakind. Für gemütliche Fernsehabende oder Restaurantbesuche bleibt nicht viel Zeit. Die muss sie sich schon freischaufeln. „Manchmal gönne ich mir eine Osteopathie-Behandlung.“ Und sie plant ein Wochenende mit einer Freundin in Hamburg. Ohne Mann, ohne Kinder. „Ich werde sie vermissen, von der ersten Minute an!“

Als sie Fynn das erste Mal zur Kita brachte, war das schlechte Gewissen riesig. Aber: „Ich wollte immer beides.“ Einige Mütter, die Hausfrau sind, würden ihre Art zu leben, nicht gut finden. Doch sie habe bekommen, was sie wollte. „Und es funktioniert wunderbar.“ Ihre Devise: „Wenn mein Mann und ich glücklich sind, sind es auch die Kinder.“

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