Pflege

Wie Menschen ihre Freunde und Verwandten zu Hause pflegen

Früher hat sie ihn an der Hand gehalten, nun stützt Sohn Wolfgang seine Mutter.

Foto: Volker Hartmann

Früher hat sie ihn an der Hand gehalten, nun stützt Sohn Wolfgang seine Mutter. Foto: Volker Hartmann

Ruhrgebiet.   In Deutschland leben drei Millionen Pflegebedürftige. Die meisten von ihnen werden zu Hause betreut. Wie das gehen kann, zeigen diese Beispiele.

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Das Haus mit den weißen Klinkersteinen könnte in jeder Stadt in der Region stehen. Eine ruhige Seitenstraße, die Nachbarn grüßen sich ohne Überschwang beim Müllrausbringen, das Grün im Gehweg ist sauber ausgekratzt. In der blühenden Ordnung des Vorgartens muss man ein wenig suchen, um einen Anfang für diese Geschichte zu finden: Zwischen grellem Fingerhut wächst büschelweise Edelweiß.

„Ja, das Edelweiß“, sagt der alte Mann und hebt langsam den Finger von der blau-weiß-karierten Wachstuchdecke des Küchentischs. „Das ziehen wir seit 20 Jahren!“ Die Leute hätten ihn ja für verrückt erklärt, Samen aus der Schweiz, das wird doch im Ruhrgebiet nichts!

„Aber wir waren hartnäckig und das Edelweiß auch“, sagt der Alte und legt seine Hand wieder auf dem Küchentisch ab. Er sagt es mit Stolz, unterbrochen nur von einem leisen Pfeifen, das beim Schlucken aus dem Loch in seinem Hals kommt. In dem Loch steckt eine Kanüle, ein dünner Schlauch reicht bis zum Boden, verschwindet an der Fußleiste unter braunem Teppich und führt in den Keller zu einem Behälter mit konzentriertem Sauerstoff.

Der Senior ist Beatmungspatient. Er muss rund um die Uhr betreut werden, seit sieben Jahren. Eigentlich müssten er und seine demente Ehefrau in einem Pflegeheim leben. Dass sie in ihrem Haus mit dem weißen Klinker wohnen und der Mann vom Edelweiß erzählen kann, verdanken sie ihrem Sohn.

Kinder tauschen mit ihren Eltern die Rollen

In Deutschland leben knapp drei Millionen Pflegebedürftige, über 638 000 davon in NRW. Die meisten von ihnen, etwa 70 Prozent, werden zu Hause durch ambulante Dienste und ihre Angehörigen versorgt. Das sind Mütter, die ihre längst erwachsenen Kinder betreuen. Männer, die um ihre erkrankte Frau herum das Leben organisieren. Kinder, die mit den Eltern die Rollen tauschen und sich nun um die Alten kümmern. Menschen wie Wolfgang.

Seit zehn Jahren pflegt er mit professioneller Hilfe seine Eltern, davon will er erzählen. Aber anonym, zu sehr befürchtet er Gerede, Ärger mit der Pflegekasse. Wolfgang ist also nicht sein richtiger Name. Seine Eltern heißen hier Mama und Papa, so wie der Mittfünfziger sie nennt. Bedingung für einen Besuch bei der Familie war auch, dass Wolfgang diese Zeilen vorab liest. Man könnte es Misstrauen nennen. Wer aber Wolfgang kennenlernt, merkt, dass sein Alltag nur keine Zeit für Unkontrollierbares lässt.

Gegen 16 Uhr sollte Mama eigentlich nach Hause kommen. Wolfgang steht an der Straße und wartet. Montags bis samstags ist Mama in einer Tagespflege, wird morgens um 7.30 Uhr abgeholt, erhält Essen, Unterhaltung, professionelle Betreuung, kommt nachmittags wieder. Wolfgang hat dann schon einen vollen Tag hinter sich: Arztbesuch mit dem Vater, den Haushalt machen, Mittagessen kochen – heute gab es Eintopf.

Es sei zehn Jahre her, erzählt er, dass Mama den schweren Schlaganfall hatte, nur noch zwei Worte wiederholte, „Mein’ Tafel, mein’ Tafel“, immer wieder. Von heute auf morgen hilfsbedürftig wie ein Kind, Pflegegrad fünf – der höchste. Papa überlebte kurz später eine Lungenembolie, die erste von vielen Krankheiten.

Dass beide mit Wolfgang zu Hause leben sollten, er oben in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung, sie unten in einer Wohn-Essküche, die längst ein Krankenzimmer ist, und dem umfunktionierten Kinderzimmer mit Aufklebern von früher auf dem Wandschrank, habe er nicht in Frage gestellt. „Ich war als Kind nicht so einfach“, sagt Wolfgang, während er an der Straße wartet. „Ich wollte etwas zurückgeben.“

Mama isst wieder zu schnell, hustet und lächelt doch

Der weiße Wagen hält nah am Haus. Mama ist eine rundliche Frau mit braunen Augen. Sie lächelt breit, als sie Wolfgang sieht und greift nach seiner Hand. Von ihm lässt sie sich auf dem Weg ins Haus stützen, lässt sich die gute Bluse und Hose ausziehen, die bequemen Haussachen anziehen, im Badezimmer helfen. Zwölf Stufen geht es eine schmale Treppe hinab zum Wohnzimmer mit dem Blick auf den Garten und mit dem Krankenbett des Vaters. Blutzucker messen, Werte aufschreiben, Obst und ein großes Getränk bringen. „Iss nicht so schnell“, sagt Wolfgang noch. Aber Mama isst wieder zu schnell, muss husten und lächelt dennoch.

Seit über fünf Jahrzehnten sind Wolfgangs Eltern verheiratet. Eine Zeitungsannonce führte sie zusammen, sie bekamen zwei Kinder, bauten ein Haus, kauften einen Hund, arbeiteten beide dafür. Mama sei seine Vertraute gewesen, Papa eben einer aus der alten Garde, Bergmann. „Aber ich konnte immer auf beide zählen.“

Er sei ein Spätzünder in der Schule gewesen, erst beim Bund habe er seinen Weg und Traumberuf im Handwerk gefunden. Mit den Frauen habe es lange nicht richtig geklappt. Er blieb allein, machte Urlaub mit den Eltern. Dutzende Fotos, bemalte Teller an den Wänden und Vitrinen voller Andenken im Keller erzählen davon. Als Papa krank wurde, musste sich Wolfgang eigentlich selbst von einer Erkrankung erholen. Als Mama kränker wurde, gab er den Job auf, zu dem er gerade wieder gefunden hatte.

Wenn Mama nachts durch die Wohnung läuft

Seinen Alltag plant Wolfgang seitdem um die Pflege der Eltern, den Haushalt und den Garten, in dem das Edelweiß für den Vater blüht, obwohl Wolfgang selbst viel lieber mehr Nutzpflanzen anbauen würde. Wenn Mama nachts durch die Wohnung laufe, stehe er auf, beruhige sie.

Morgens um halb fünf klingelt der Wecker. Ein kleines Frühstück, dann Mama waschen und anziehen, das Bettzeug wechseln. Dann sei Papas Pflege dran. Nur um das Medizinische kümmere er sich nicht, sagt Wolfgang. „Das traue ich mich nicht.“ Rund um die Uhr sind Fachleute eines privaten Pflegedienstes im Haus, die sich etwa mit der künstlichen Lunge neben dem Bett auskennen. Das zahlt die Kasse.

Einander ohne Worte verstehen

Wie viele Stunden er jede Woche für die Pflege der Eltern aufbringt, weiß Wolfgang nicht genau. Die Hans-Böckler-Stiftung hat jüngst ausgerechnet, dass die pflegenden Angehörigen im Schnitt eine 50-Stunden-Woche haben. Damit leisten sie einen beachtlichen Beitrag für die Gesellschaft – tatsächlich entlasten sie auch das Pflegesystem. Würde ihre Arbeit entlohnt, käme man laut Barmer Gesundheitskasse auf eine Wertschöpfung von über 37 Milliarden Euro – pro Jahr.

Und trotzdem: Gerade den Pflegenden droht ein hohes Armutsrisiko. Drei Viertel sind gar nicht oder nur in Teilzeit erwerbstätig. Zwar erhalten die Familien Pflegegeld, doch das ersetzt keine Berufstätigkeit: Die Pflegenden riskieren, im Alter selbst mit wenig Geld dazustehen.

Gegen 18 Uhr wird Mama unruhig. Immer wieder beugt sie sich vom Stuhl gegen die Tischkante, um einen Blick auf die Uhr neben dem Pflegebett des Vaters zu erhaschen. „Sie will ins Bett“, übersetzt Wolfgang die wortlose Sprache. „Na komm, dann gehen wir.“ Mama folgt, zum Umziehen, ins Badezimmer, aufs Bett im alten Kinderzimmer. Wolfgang hebt die Beine der Mama aufs Laken, deckt sie mit der leuchtend grünen Decke zu. Die alte Frau hat die Arme über die Brust gekreuzt, sie lächelt. Wolfgang küsst sie auf die Stirn und sagt: „Und jetzt schlaf, Mama.“

Wolfgang legt die Kleidung für morgen zurecht

Momente später ist es still im Zimmer. Aus dem Garten hört man die Vögel. Wolfgang legt die Kleidung für morgen zurecht.

Auch für ihn ist jetzt ein Moment der Ruhe da. In seiner Wohnung isst er zu Abend, telefoniert mit seiner Freundin, vielleicht geht er noch an den Computer. Dass er seit zehn Jahren keinen Urlaub mehr gemacht hat, findet Wolfgang nicht so schlimm. „Mal ein Eis essen oder einen Spaziergang machen, Freunde sehen, das ist Lebensmedizin“, sagt er. Anderen Pflegenden rät er, Hilfe anzunehmen, etwa Plätze in der Tages- und Kurzzeitpflege zu nutzen. „Die Leute da leisten tolle Arbeit.“ Und man müsse ein gutes Netzwerk haben – Freunde, die aufpassen, wenn man selbst etwas zu erledigen hat.

Seine Eltern hätten es nicht anders gewollt

Hat er je daran gedacht, all das hier einfach nicht zu tun? Wolfgang schüttelt den Kopf. Ein Leben im Pflegeheim möchte er nicht für seine Eltern. Was kein Vorwurf an Angehörige sein solle, die dies tun. Er glaube nur, dass seine Eltern das nicht wollen. „Manchmal höre ich Papa am Telefon, wenn er anderen sagt: Ist gut, dass der Junge da ist.“

An seine eigene Zukunft denke er nicht so häufig. Wo wird er leben, wenn die Eltern sterben? Wer pflegt ihn, wenn er alt ist? Wolfgang hat keine Kinder, das Haus der Eltern zu halten, wäre sein Traum. Aber ob das klappt, nur mit der kleinen Rente, die er inzwischen bekommt? „Muss man gucken.“

Etwa um 21 Uhr geht Wolfgangs Tag weiter. Papa zu Bett bringen, über den Arztbesuch morgen sprechen, nach Mama schauen. Auf den Tisch hat der ältere Herr ein Geschenk für den Besuch gelegt. Ein Sträußchen Edelweiß zum Abschied.

Freundinnen bis ins hohe Alter

Christel Overgoor schaut vom Geländer ins Treppenhaus hinab. „Schön, dass Sie uns gefunden haben“, ruft sie, schüttelt gleich darauf die entgegengestreckte Hand und strahlt dabei mit solch einer Vitalität, dass man glatt ihr Alter von 87 Jahren vergessen könnte. Mit schnellen Schritten führt die ältere Dame in die Bottroper Wohnung, in der jene Freundin wartet, mit der Christel Overgoor eine außergewöhnliche, über 70-jährige Geschichte verbindet.

Marianne Schulte dreht mit der rechten Hand ihren Rollstuhl zum gedeckten Esszimmertisch. „Wir haben Zitronenkuchen gemacht“, sagt sie. Nicht extra für diesen Anlass, schiebt Christel Overgoor nach, „den gibt es fast jede Woche“ – auch mal als Dankeschön für Hilfe aus dem Seniorenheim St. Teresa der Caritas nebenan oder für die Nichte, wenn sie aus der Nachbarschaft zu Besuch kommt. „Bei uns ist immer etwas los“, sagt Marianne Schulte. Noch beim Sprechen umfasst sie wohl unbewusst mit der rechten Hand ihren linken Unterarm, hebt ihn von der Sitzfläche des Rollstuhls und legt ihn im Schoss ab. Es braucht einen Moment um zu verstehen, dass der linke Arm das nicht alleine kann.

Um die Ostertage im Jahr 1973 habe sie den Schlaganfall gehabt, morgens vor der Arbeit, erzählt Marianne Schulte. „Das ist leider viel zu spät erkannt worden, ich war bei mehreren Ärzten, aber erst Wochen später beim Neurologen.“ Die 88-Jährige ist seitdem linksseitig gelähmt und auf Hilfe angewiesen. Auf die Hilfe ihrer Freundin Christel, die sie seit 44 Jahren im Alltag unterstützt und pflegt.

Vor der Kulisse einer zerbombten Stadt

Aber die Frauen wollen von vorn erzählen: Im zerbombten Oberhausen des Jahres 1945 haben sie sich kennengelernt. Sie besuchten dieselbe Handelsschule, 20 Mädchen in einer Klasse, Christel und Marianne mochten einander sofort. Warum wissen sie nicht mehr so genau, „wir haben uns gut ergänzt“, überlegt Schulte.

Die eine war gut an der Schreibmaschine, die andere zeigte sich mühelos in der Buchführung. Die eine hatte immer neue Ideen, wo sie mit dem Rad Urlaub machen konnten, die andere war stets um die Sicherheit der Freundin bedacht. Beide waren zielstrebig, gingen zu Thyssen. Beide standen ihre Frau: Die eine behauptete sich im Männerbüro, die andere als Chefsekretärin.

Gab es keine Männergeschichten? Die Damen winken ab. Vielleicht eine oder zwei? Nichts Ernstes jedenfalls.

Schon den Vater gepflegt

Geeint habe sie noch eine ganz andere Erfahrung. Christel Overgoor pflegte mit der Mutter den Vater in der elterlichen Wohnung. Marianne Schulte lebte mit ihrer erblindeten Mutter zusammen, um die sie sich kümmerte. „Als ich dann den Schlaganfall hatte, sagte uns eine Krankenschwester, dass meine blinde Mutter und ich in ein Pflegeheim gehen könnten“, erinnert sich Schulte. Christel habe nicht lange gezögert und abgelehnt. „Wir wollten das allein probieren“, sagt sie.

Anfangs besuchte Christel Overgoor ihre Freundin zwischen Job und der Pflege ihrer eigenen Eltern. Später, früh verrentet, zog sie in die Wohnung über Schultes. „Das waren geschenkte Jahre“, sagt Overgoor über diese Zeit. Fortan besorgte sie den Haushalt für zwei, kochte für zwei, buchte Urlaube für zwei, begleitete ihre Freundin bei Behördengängen, Arztbesuchen. Ein ambulanter Pflegedienst half bald beim Rest. Richtig zusammengezogen sind die Seniorinnen erst vor zwei Jahren, in die altengerechte Wohnung neben dem St.-Teresa-Heim der Caritas, dessen Ambulante Sozial-pflegerische Dienste sie weiter versorgen.

„Sie hätte das Gleiche für mich getan“

Ein halbes Leben lang sich bei einem anderen Menschen bemühen? Etwas, das selbst Angehörigen nicht immer leicht fällt, darüber verlieren die beiden Frauen wenig Worte. „Sie hätte das Gleiche für mich getan“, sagt Christel Overgoor. Und Marianne Schulte erzählt, jetzt müsse sie oft auf ihre Freundin aufpassen. Christel sei ja nun auch nicht mehr die Jüngste, „wenn sie dann auf eine Leiter steigt, wird mir ganz anders“. Christel Overgoor winkt ab und holt den Kaffee aus der Küche. Kaum ist sie aus Hörweite, sagt Marianne Schulte leise: „Ohne sie wäre ich nicht so alt geworden.“

>> TIPPS FÜR PFLEGENDE

Mit der Pflege eines hilfebedürftigen Angehörigen ändert sich das Leben der Pflegenden. Die Verbraucherzentrale (VZ) gibt einige Tipps, wie Hürden zu meistern sind.

Beratung und Selbsthilfe

Viele Städte haben sogenannte Pflegestützpunkte eingerichtet, in denen Angehörige Hilfestellung und Beratung zu den örtlichen Angeboten bekommen. Die Übersicht steht hier: bdb.zqp.de . Unter 030/20179131 erreichen Angehörige zudem eine Hotline der Pflegekassen. Wichtig ist, Netzwerke zu bilden: Oft bieten Beratungsstellen und Wohlfahrtsverbände Angehörigenkreise an.

Finanzielle Hilfen

Pflegende können finanzielle Hilfen über die Pflege- und Krankenkassen sowie das Sozialamt erfragen. Das Versorgungsamt etwa informiert darüber, ob Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis und damit bestimmte Vergünstigungen besteht.

Kurzzeitpflege und Kuren

Ist die Pflege vorübergehend nicht möglich, trägt die Pflegekasse Kosten für einen kurzen Aufenthalt im Heim. Fallen pflegende Angehörige für eine bestimmte Zeit aus, etwa wegen Urlaub, wird unter bestimmten Bedingungen auch eine Ersatzpflegekraft finanziert. Einige Kranken- und Pflegekassen finanzieren laut VZ zudem spezielle Kuraufenthalte, bei denen Pflegende und zu Pflegende gemeinsam reisen. Angebote findet man bei Sozialverbänden oder spezialisierten Firmen.

Pflegezeit

Wer als Arbeitnehmer einen Angehörigen pflegt, kann sich bis zu sechs Monate freistellen lassen. In dieser Zeit bezieht er kein Gehalt, seit Anfang 2015 kann er einen Teil des Lohnverlustes aber mit einem zinslosen Darlehen vom Staat ausgleichen.

Dazu mehr unter www.verbraucherzentrale.de/Hilfe-fuer-pflegende-Angehoerige

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