Trauerbegleitung

Wie man Trost in seiner tiefen Trauer finden kann

Eine gute Freundin, die uns dabei helfen will, den Schmerz zu verarbeiten und wieder neuen Lebensmut zu bekommen: Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper.

Eine gute Freundin, die uns dabei helfen will, den Schmerz zu verarbeiten und wieder neuen Lebensmut zu bekommen: Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Gelsenkirchen.  Eine Trauerbegleiterin hat Ideen, damit man sich selbst und andere nicht um einen anständigen Abschied bringt.

Im Trauerhaus hängen gute Gründe für das Weiterleben: warmer Kakao, Pommes rot-weiß oder Zitroneneis. Laut Musik hören und Schalke 04. – Jetzt haben Sie gelacht! – Und Lachen ist erlaubt in diesem Haus und für alle Menschen, die traurig sind. Sagt die Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper aus Gelsenkirchen, die das aus Erfahrung weiß und es nun aufgeschrieben hat, zusammen mit vielen anderen schönen Botschaften für schlechte Zeiten. Ihr neues Buch ist eines der Trauer, aber zugleich voller Trost.

Die 56-Jährige hat ein rotes Herz aus Holz, es hat schon Risse von all’ der Trauerarbeit. Sie kann es brechen, wie der Tod eines geliebten Menschen, wie ein schwerer Verlust das Herz bricht – zumindest fühlt sich das oft so an. Wenn sie die Herzhälften umdreht, hat sie zwei blaue Tränen in der Hand: Das ist die Trauer. Und die „ist eine Kraft, die etwas in uns verwandelt“. Die den Schmerz nimmt, langsam, aber stetig. Die Natur, glaubt Mechthild Schroeter-Rupieper, „hat uns mitgegeben, dass das Herz wieder heilt“.

Die Narbe, „die nie ganz verschwinden wird.“

So erzählt sie das den Trauernden, setzt das Herz wieder zusammen und dreht es um. Man kann die Sollbruchstelle sehen, die Naht, an der Herz und Tränen schon so oft wieder zusammengefunden haben: Das ist die Narbe, „die nie ganz verschwinden wird. Manchmal ist sie ein Leben lang empfindlich.“ Und doch ein Zeichen liebevoller Erinnerung. Und ein Symbol dafür, dass Trauer nötig ist. „Fürchten Sie die Traurigkeit nicht“, heißt es im Buch.

So viele Menschen hat die Gelsenkirchenerin in den Jahren erlebt, die sich zusammenrissen, tapfer sein wollten und dachten, das Richtige zu tun: für sich, für die Familie, für einen Sterbenden. Jetzt hat sie ihnen und mit ihnen aufgeschrieben, was sie besser machen können, um sich und den Betroffenen einen Abschied erträglicher, sogar schön zu machen. Trauer, schreibt sie, sei tatsächlich „eine gute Freundin, die uns helfen will, den Schmerz zu verarbeiten, wieder neuen Mut zu bekommen“.

Wie nutzt man die Zeit, die bleibt?

Und Trauer fängt nicht erst am Grab an. Sie kommt ans Sterbebett, sie kommt ins Krankenhaus, sie kommt schon in die Arztpraxis, in der jemand eine schlechte Nachricht hört: Sie kommt gemeinsam mit der Angst. Schroeter-Rupieper erzählt von ihr, davon, wie Menschen mit ihr umgehen, sprachlos oder wütend werden, andere damit belasten oder auch gerade nicht. Viele brächten sich selbst um einen „guten Abschied, indem sie die Situation nicht wahrhaben wollen und schweigen“ – sowohl im Krankenbett als auch auf dessen Kante.

Wer liest, wird Ideen mitnehmen, wie er sich gut verabschieden kann, oder wenigstens verstehen, warum jemand keinen Abschied will. Was sagt man am Sterbebett, was kann man tun, wenn eine letzte Begegnung nicht mehr möglich ist, wie nutzt man die Zeit, die bleibt? „Wichtig ist, dass Sie diese Zeit für das einsetzen, was Ihnen auf dem Herzen liegt.“ Offene Worte empfiehlt die Familien-Fachfrau, vielleicht Briefe, Audio-Nachrichten: „Ich sag dir einfach mal, wie traurig ich bin.“ – „Du sollst wissen, was ich vermissen werde.“ Aber auch, wie dankbar ich bin für das, was wir miteinander hatten.

„Lassen Sie keinen nahe stehenden Menschen außen vor, auch nicht die Kleinen.“

„Versuchen Sie nicht zu überspielen, versuchen Sie nicht so zu tun, als würde das schon wieder werden. Nehmen sie lieber eine Packung Taschentücher mit.“ Jeder könne aber auch allein Abschied nehmen, mit einem Gebet in der Kirche, mit einem Wunsch, an einen Zweig gebunden. Und wichtig: „Lassen Sie keinen nahe stehenden Menschen außen vor, auch nicht die Kleinen.“

Den Tod und die Traurigkeit von Kindern fernhalten zu wollen, hält Mechthild Schroeter-Rupieper für den falschen Weg. So erzählt sie die Geschichte von Steffi, die ihren Kindern so lange ihren nahenden Tod verschwieg, dass darüber beinahe die Familie schon vorher zerbrochen wäre – bis sie endlich redeten über ihre Ängste und ihre Sorgen und darüber, dass Papa kochen lernen muss, bevor Mama es nicht mehr kann. Von den drei Kindern, die den Sarg ihrer Mutter mit Glitzer bemalen und ihr Herz-Plätzchen auf den Bauch legen. Von jenem Jungen, der erklärt bekam, warum der Papa ein bisschen blau im Gesicht werden würde, und dem anderen, der die Intensivschwester nach jeder einzelnen Maschine fragen durfte. Von den Allerkleinsten, die noch nicht verstehen, aber begreifen: Mama macht nicht nur Heia, das ist etwas Schwereres. Sie kommt nie mehr nach Hause.

Das Unterdrücken der Tränen kostet viel mehr Energie

Die 56-Jährige erzählt auch von Renate, die bereut, mit ihrem Mann nicht mehr über ihre Liebe gesprochen zu haben, sondern nur oberflächlich über den Alltag. Von Rebeccas Mutter, die dachte, das Weinen hört nie mehr auf, und dann merkte, „dass das Unterdrücken der Tränen viel mehr Energie kostet“. Schroeter-Rupieper weiß vom Mut, den es braucht, die richtigen Worte zu finden, kennt tröstliche Rituale, kann berichten von Männertrauer und solcher um Angehörige, die sich das Leben genommen haben.

Es ist ein gefühlvoller Ratgeber voller Geschichten, alle gesammelt in Momenten tiefen Schmerzes, aber voller Hoffnung. Mechthild Schroeter-Rupieper hat sie oft noch am selben Tag aufgeschrieben, besonders die, die „eine gute Wendung“ haben. In denen sie Eltern überzeugen konnte, die Kinder einzuweihen, Sterbende, über ihre Nöte zu sprechen, Freunde, sich noch zu versöhnen, Ehefrauen, sich auch mal zu schonen. „Es geht nicht um das Drama, sondern darum, dass die Menschen verstehen.“

Es braucht eine ganze Vielfalt von Gefühlen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen

Um ganz praktische Tipps: Was ist zu regeln, was zu besprechen? Und um die Frage: Wie muss/darf/soll ich trauern? Oft ist die Expertin ja gefragt worden nach „Tipps gegen Traurigkeit“. Dabei ist sie doch die, „die für die Traurigkeit ist“. Die deren Dimensionen kennt: Dankbarkeit, Wut, Hoffnung, Angst, Schuldgefühle, Erleichterung, Fassungslosigkeit, Leere, auch Freude, weil der Abschied ein gelungener, wertvoller war. Die weiß, dass der Mensch „diese Vielfalt der Gefühle“ braucht, um nach dem Verlust „wieder ins Gleichgewicht zu kommen“.

Gegen die Trauer also hat Mechthild Schroeter-Rupieper keinen Rat. Wohl aber Tipps, „die helfen können, den Schmerz zu ertragen“. Ihre Sätze fangen alle an mit: „Sie müssen nicht, aber Sie dürfen...“ Trauerkleidung tragen, einen Tag auf der Couch verbringen, Freude empfinden. Sie handeln davon, dass kein Trauernder irgendwelchen Erwartungen zu entsprechen habe. „Weinen Sie, wenn Sie traurig sind.“ Und eben auch: „Lachen Sie, wenn Ihnen zum Lachen zumute ist.“

>>>Ratgeber zu Abschied, Tod und Trauer

Mechthild Schroeter-Rupieper: „In deiner Trauer getragen. Trost finden in Zeiten des Abschieds.“ Ein Lebensbegleiter für die Zeit des Abschiednehmens. Verlag Bene!, 192 Seiten, 18 Euro.

Die Autorin gilt als eine der Begründerinnen der Familientrauerarbeit in Deutschland. In Gelsenkirchen leitet sie seit vielen Jahren Trauergruppen für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Familien, arbeitete auch mit Hinterbliebenen des Germanwings-Absturzes 2015.

Ihre Arbeit finanziert sie vor allem über Vorträge und Spenden. In diesem Jahr wurde die gemeinnützige Lavia Familien-Trauerbegleitung gGmbHgegründet.

Mehr unter lavia.de

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben