Schlösser

Wie ein Kaufmann Haus Martfeld in ein Schloss verwandelte

Der runde Turm ist der älteste Teil des Hauses.

Foto: Lars Heidrich

Der runde Turm ist der älteste Teil des Hauses. Foto: Lars Heidrich

Schwelm.   Am Ende waren es dann doch wieder Adelige, die dem Haus Martfeld in Schwelm und seinem großen Garten den letzten Schliff gaben.

Eine Ruine muss Haus Martfeld gewesen sein, als Johann Peter Hochstein das Anwesen in Schwelm übernahm. Er ließ das Haus im 18. Jahrhundert renovieren, in ein Schloss umwandeln und einen Barockgarten errichten. Im Gegensatz zu den adeligen Vorbesitzern war er mit der Zeit gegangen und durch Handel zu Wohlstand gelangt.

Dabei wurde das gar nicht gerne gesehen, dass dieser Kaufmann das Haus übernahm. Es widersprach eindeutig einer Klausel in einem Testament. Nicht nur, weil Hochsteins Vorfahren keine Ritter sondern Bauern waren. Er vertrat zudem den calvinistischen und nicht den katholischen Glauben. Daher wollte man ihm das Anwesen nicht so einfach überlassen . . .

Blütezeit im Dreißigjährigen Krieg

Das Wappen über dem Tor, zu dem man früher über eine Zugbrücke gelangte, zeigt die Jahreszahl 1627. Doch das ist nicht der Ursprung des Hauses. Der liegt auf einem künstlichen Hügel, nur wenige Meter vom heutigen Schloss entfernt. Eine Motte muss dort gestanden haben, ein Holzturm. Danach entstand im 14. Jahrhundert das eigentliche Haus Martfeld, das seine Blütezeit hatte, als andere Menschen ihre Hütten durch Brand verloren.

Mitten im Dreißigjährigen Krieg bauten die Bewohner die Anlage mit dem alten Rundturm aus, der heute noch steht. Die Jahreszahl auf dem Wappen – das Original liegt im Münzkabinett –, zeigt den Zeitpunkt der Renovierung. „Die Familie Raitz von Frentz hatte hier ihren Sitz“, sagt Cornelia Hackler, die das Museum und das Stadtarchiv im Haus Martfeld leitet. „Sie waren Rittmeister und Militärmeister.“ Sie hatten Macht und sie hatten Geld. „Sie waren Kriegsgewinner.“

Wo heute die Hauptstraße am Schloss vorbeiführt, war früher die alte Heerstraße. Die Bewohner des Hauses Martfeld, das früher noch einen Westflügel hatte, zogen Zölle ein. Ackerflächen gehörten zum Besitz, der Schwelmer Wald, ein Bergwerk für Alaunerze, mit denen man Textilien entfärbte, sowie eine Lohmühle, in der Eichenrinde gemahlen wurde zum Gerben von Leder. Aber: „Es war keine große, offizielle Anlage, die Regierungspräsentanten beherbergte.“ Vielmehr wurde an diesem Ort das Heer versorgt.

Erst der Kaufmann Hochstein brachte Glanz ins und aufs Haus. Aus dieser Zeit stammt auch noch die Laterne auf dem Dach des runden Turms: ein Aufsatz mit Säulen. Auf der kleinen Gaube mit der Uhr im Innenhof muss ebenfalls mal solch eine Laterne gewesen sein, die an die Antike erinnern sollte. Typisch für den Barock und die klassizistische Zeit, so Hackler: „Die Laternen, diese Tempelchen, waren ein Schönheitsideal.“

Ein Teil des Wassergrabens blieb bis heute. Zusammen mit zwei weiteren Gräften konnten so anfangs Feinde abgewehrt werden. Doch das Wasser hatte zudem eine bautechnische Funktion, die dem Haus heute fehlt, auch weil der Bau einer Eisenbahnstrecke dem Haus das Wasser quasi abgrub. Einst war der Graben tiefer, das Wasser drückte gegen die Außenwände, stabilisierte sie. Heute sieht Cornelia Hackler Risse in den trockenen Wänden: „Früher hat man langlebig gearbeitet und entsprechend konzipiert. Der Verfall sollte schon länger dauern.“

Das Wasser schützte auch die Mauern

Das Wasser befeuchtete auch das Eichenrostgitter, auf dem die Burg steht, ähnlich wie die Bauten in Venedig. Denn die Niederungsburg steht in einem Feuchtgebiet. Daher auch der Name Martfeld, der sich von Marsch ableitet, wie man die Böden in der Nähe der Küste nennt.

Der gläserne Anbau vor dem Haus, in dem heute die Schlossgastronomie beherbergt ist, wirkt modern. „Aber ganz aus der Luft gegriffen ist diese Art der Erweiterung nicht“, sagt Hackler. Bereits Freifrau Friederike von Elverfeldt, die das Haus 1839 erwarb, ließ an gleicher Stelle einen Wintergarten errichten. Auch mit viel Glas, aber aus Holz.

Hochsteins Park verwandelte sie in einen englischen Garten mit einer neugotischen Kapelle. Schließlich vererbte sie das Haus ihrem Neffen: Unter Baron von Hövel wurde im 19. Jahrhundert der Barocksaal eingerichtet, der einzige größere Raum des Haues mit goldverziertem Stuck an der Decke. Der niedere Adel, Jahrhunderte zuvor, hatte sehr beengt gelebt.

Die hölzerne Barocktreppe wirkt fehl am Platz

Im Inneren des Hauses gibt es keine Originaleinrichtung mehr, abgesehen von einer hölzernen Barocktreppe, die vermutlich Hochstein in den ehemaligen Küchentrakt einsetzen ließ. Sie wirkt etwas fehl am Platz. Von der Tür aus stolpert man fast über ein Podest und danach über die erste Stufe. Auch hierbei ging es wieder darum, zu repräsentieren.

Originalstücke sind darüber hinaus lediglich zwei Glaspokale, die in einer Vitrine im Museum für Stadt- und Regionalgeschichte ausgestellt sind. Die Glas-Gravur zeigt: „J.P. Hochstein – 1753“.

Er gewann den Rechtsstreit

Wahrscheinlich feierte der Kaufmann damit den gewonnenen Prozess, der ihn nach Jahren zum rechtmäßigen Eigentümer von Haus Martfeld machte, vermutet Cornelia Hackler. „Sehen Sie die Perlen?“, sagt die 58-Jährige und zeigt auf den Boden der Pokale. „Sie sehen so aus, als wäre da noch immer ein bisschen Sekt drin. Raffiniert! Und philosophisch interessant: Das Glas ist nie ganz leer.“

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