Lebenskrise überwinden

Wie ein Abschied gelingt: Trauer nach dem Tod des Bruders

Meditation half Dirk Matzik bei der Suche nach seinem Platz in der Welt. Heute hilft er bei Trauart in Essen anderen Menschen, die einen Verlust betrauern.

Meditation half Dirk Matzik bei der Suche nach seinem Platz in der Welt. Heute hilft er bei Trauart in Essen anderen Menschen, die einen Verlust betrauern.

Foto: Andreas Buck / Andreas Buck / FUNKE Foto Services

Essen.  Dirk Matzik verlor seinen Bruder. Es war nicht der einzige Abschied, den er bewältigen musste. Heute hilft er Menschen als Trauerbegleiter.

Es war ein Abschied auf Raten. Dirk Matzik hatte seinen kleinen Bruder Wiclef schon längst verloren, bevor er vor 20 Jahren dann schließlich verstarb. Jeder Versuch, ihm die Hand zu reichen, war ein Griff ins Leere. „Er hat Drogen genommen“, sagt Dirk Matzik. „Das hat ihn am Ende auch umgebracht.“

Ein Foto zeigt den damals etwa zwölfjährigen Dirk Matzik mit seinem sieben Jahre jüngeren Bruder am Strand in Holland. Das waren glückliche Tage, obwohl Dirk Matziks Eltern sich getrennt hatten und sein Bruder Thomas beim Vater blieb. Der neue Mann der Mutter hatte bereits eine Familie. Wiclef war Dirk Matziks Stiefbruder. Für ihn war er einer der wichtigsten Menschen in seiner Kindheit.

Der Schmerz der Trauer, den Dirk Matzik beim Tod seines Stiefbruders spürte, war ihm nicht neu. Schon mit Anfang 20 fühlte er ihn, konnte ihn aber nicht zuordnen. Bis er eines Tages während seines Sozialpädagogik-Studiums mehr über Trauerarbeit erfuhr. Er besuchte eine Trauergruppe und dachte: „Sie empfinden so wie ich.“ Die anderen Studenten betrauerten einen verstorbenen Menschen. Er jedoch betrauerte seine lieblose Kindheit.

Der Verlust der Kindheit

Seine Mutter hatte selbst ihre Trauer über ihren eigenen Vater nie verarbeitet – er war aus der Gefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zurückgekehrt. Und sie war noch sehr jung, als sie Mutter wurde. Sie habe ihm nicht die Liebe schenken können, die ein Kind braucht, sagt Dirk Matzik. „Wir sind alle keine Engel, aber wenn sich Eltern nicht in ihre Kinder hineinfühlen, wenn sie sie nicht sehen, wenn sie aggressiv sind und Kinder geschlagen werden, dann löst das Verletzungen aus.“

Menschen würden bei Trauer immer nur an verstorbene Menschen denken. „Aber nichts bleibt, wie es ist, das Leben verändert sich ständig. Es ist voller Abschiede.“

Dirk Matzik musste früh lernen, Herausforderungen anzunehmen, mit dem Verlust der Kindheit umzugehen, daran zu wachsen und aus der Opferrolle herauszukommen. „Es fühlt sich nicht gut an, durchs Leben zu laufen und andere für sein Schicksal verantwortlich zu machen.“

Dagegen wurde der Stiefbruder von dessen Familie immer wieder vermeintlich aufgefangen, indem sie ihm Geld gaben. „Er hat nicht gelernt, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Dirk Matzik. „Ich hatte das Glück, wunderbare Menschen kennenzulernen“, erzählt der 63-jährige Vater und Großvater, der sich so geschmeidig in den Meditationssitz begibt, als wäre er 40 Jahre jünger. „Ich mache das ja auch schon seit 40 Jahren“, sagt er lächelnd.

Die Meditation half ihm bei der Suche nach seinem Platz in der Welt. Er ließ sich zum Trauerbegleiter ausbilden, half anderen im Verein „Tabu“. Vor 22 Jahren machte er sich selbstständig. Zusammen mit seiner Kollegin Christina Kudling unterstützt er nun Menschen in Essen bei „Trauart“.

Die ganze Welt bricht zusammen

Es gebe verschiedene Arten der Trauer. Nicht alle Menschen seien traurig. Sie spürten auch Wut – „ein ganz wichtiges Gefühl“. Und Verzweiflung, weil sie nicht wissen, wie es weitergehen soll. „Man sollte sich die Erlaubnis geben, die Tränen fließen zu lassen.“ Anstatt sich und den Schmerz zu verstecken. „Das ist kein Schnupfen, da bricht die ganze Welt zusammen.“

Dirk Matzik hört den Menschen zu, gibt ihnen zu verstehen, dass sie in ihrer Trauer so sein dürfen wie sie sich fühlen. „Sie müssen nicht schnell damit fertig werden.“ Denn sie müssten lernen, das Unannehmbare anzunehmen und in eine neue Lebenssituation hineinzuwachsen.

Dirk Matzik übt seinen Beruf gerne aus. „Die Menschen, die zu uns kommen, sind ungeschminkter als andere.“ Der Trauerbegleiter mag diese echten Begegnungen, wo keiner ein Spiel spielt. „Das schöne an Trauer ist: Es verbindet Menschen.“

Trauart an der Goethestr. 1 in Essen bietet jeden Mittwoch (außer am letzten im Monat), 16.45-18.30 Uhr, einen kostenlosen Treff für Trauernde an. Zudem sind Einzelgespräche oder Trauerseminare möglich: trauart.de

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