Das besondere Museum

Wie die Stadt Kleve den Kinderschuhen entwachsen ist

In der historischen Schusterstube: Der Vereinsvorsitzende Theo Knips weiß, wie ärmlich und beengt Schuster früher oft arbeiteten.

In der historischen Schusterstube: Der Vereinsvorsitzende Theo Knips weiß, wie ärmlich und beengt Schuster früher oft arbeiteten.

Foto: Kai Kitschenberg

Kleve.   Die Stadt lebte einst groß auf kleinem Fuß, als Zentrum für den Kinderschuh. Heute sind Jobs wie Zwicker und Stepper dort reif fürs Museum.

Es gab eine Zeit, da legte man in Kleve am laufenden Band flotte Sohlen aufs Parkett – und das hatte gar nichts mit Tanzen zu tun. Viel mehr schon mit den passenden Schuhen. Und wenn Sie heute als Erwachsener halbwegs gesunde Füße haben, verdanken Sie das zum großen Teil den Schustern aus Kleve. Denn hier wurden um 1900 herum erst der linke und der rechte Kinderschuh erfunden. „So etwas gab es bis dahin nicht“, erzählt Theo Knips (85) vom Klever Schuhmuseum. Und sein Kollege Dieter Jansen (78) ergänzt: „Wer konnte sich um 1905 herum schon Kinderschuhe leisten?“

Bis dahin trugen Kinder bestenfalls zwei Schuhe, die man sowohl rechts als auch links tragen konnten. „Viele Kinder trugen Holzschuhe“, erzählt Knips und deutet auf ein Foto, auf dem die Kinder alle Holzpantinen trugen.

Wieso Storch und Elefant ohne einander auskamen

Es ist den beiden Fabrikanten Gustav Hoffmann und Fritz Pannier zu verdanken, dass Kinder heute auch Kinderschuhe haben – was für uns ja selbstverständlich erscheint. 1896 gelang den beiden mit der Fabrikgründung die Initialzündung für Schuhproduktion in großem Maßstab am Niederrhein.

Und bis zum Jahr 1908 ging es gut. Dann überwarfen sich die beiden Fabrikanten und machten etwas, das heute für Unternehmen undenkbar wäre: Um sich nicht ins Gehege zu kommen, ließen sie das Los entscheiden, wer fortan welches Segment bedienen sollte, Hoffmann bis Größe 26, Pannier ab Größe 27. Auch die Marken trennten sich: Pannier stellte Qualitätsschuhe unter dem Namen Storch her, Hoffmann Kinderschuhe unter dem Namen Elefanten – das Logo mit dem kleinen Dickhäuter findet sich bis heute im Stadtbild.

Ein Rüssel für Willy Brandt und Walter Scheel

Immerhin waren die Schuhe damals nicht aus Elefantenleder... Bis auf eine Ausnahme, die sich auch in den Regalen des Schuhmuseums findet: Als Willy Brandt und Walter Scheel 1969 Kanzler und Vizekanzler wurden, fertigten ihnen die durch und durch sozialdemokratischen Klever Schuhmacher ein paar Schühchen aus dem Leder eines Elefantenrüssels – damit sie im Amt eine dicke Haut beweisen konnten. Immerhin fünf Jahre lang ging das gut.

Schuhfabrikation in Kleve, das war mal Big Business. 4000 Arbeiter hielten hier mit der Weltspitze Schritt. Das Schuhmuseum nimmt einen kleinen Teil der ehemaligen Elefanten-Schuhfabrik ein, die auch das heutige „EOC“ beherbergt, das „Elefanten Oberstadt Centrum“ mit vielen Geschäften. Das Museum zeigt eine alte Schusterwerkstatt mit Leisten und Hämmern, mit Steppmaschinen und Lochpfeifen, mit Schuhen aus aller Herren Länder, kuriosen Erfindungen wie dem Schraubstollen und dem größenverstellbaren Kinderschuh. Mit Clownsschuhen und Soldatenstiefeln, Designerpumps und türkischen Toilettenschuhen.

Wenn die Zwicker Nägel spuckten...

Und es erinnert an Berufe in der Schuhindustrie. Kennen Sie den Zwicker? Der Job hat gar nichts Anzügliches. Der Zwicker musste den Schaft des Schuhs mit der Brandsohle verbinden, dazu benutzte er kleine nagelähnliche Metallstifte. Ein hoch angesehener Job, aber auch der große Feind des Radfahrers. Um die Hände für diese Arbeit frei und immer genügend Nägel griffbereit zu haben, hielten die Zwicker die Metallstifte zwischen den Lippen. Und hatten sie mal Pause, spuckten sie die überzähligen Stifte auf den Weg vor ihnen. Wo die Zwicker pausierten, hatten Radfahrer einen Platten.

Von solchen Geschichten können Theo Knips und seine Kollegen vom Verein „Kleefse Schüsterkes e.V.“, die das Museum betreiben, viele erzählen. Doch ihnen drückt an einer Stelle auch der Schuh: „Es fehlt der Nachwuchs“, sagt Schatzmeister Josef Lind, der mit seinen 63 Jahren der Jüngste im Bunde ist. Es wäre doch schön, wenn auch ein paar Jüngere in die Fußstapfen der Alten treten würden.

  • Klever Schuhmuseum, Siegertstr. 3, Geöffnet: So. 14-17 Uhr, Führungen: 02821/69923, Eintr.: Erw. 3 €, Ki. 1 €, klever-schuhmuseum.de

>>>Das liebste Ausstellungsstück: Schuh in Größe 69

„Leben auf großem Fuße“, das ist so eine der Redensarten, bei denen man sich zunächst einmal gar keine weiteren Gedanken darüber macht, ob man sie auch wörtlich nehmen sollte. Bis man im Klever Schuhmuseum vor einem der größten Schuhe der Welt steht und sich fragt: „Wie groß soll denn dieser Mensch gewesen sein?“

Nun, die Antwort darauf ist einfach: „Das ist Größe 69 und sein Träger war 2,29 Meter groß“, sagt Theo Knips, dessen liebstes Ausstellungsstück die Sonderanfertigung aus rotbraunem Leder ist. Zur Veranschaulichung der Dimensionen haben wir einen „Bomber“-Schuh davor gestellt, Größe 33, den Kickerlegende Gerd Müller einst geschäftstüchtig als Allzweck-Bolzplatzschuh vermarktete.

Der Mann, dem die Schuhe in Größe 69 gepasst haben, war der US-Schauspieler Matthew McGrory, der nicht zuletzt wegen seiner enormen Körpergröße in solchen Hollywood-Produktionen wie „Men In Black II“, Tim Burtons „Big Fish“ oder Rob Zombies Horrorstreifen „The Devil’s Rejects“ zu sehen war.

In Kleve stehen die Schuhe übrigens in derselben Vitrine wie Clownsschuhe, die zwar immer noch viel zu groß geschnitten sind, aber im Vergleich zum Schuh-Giganten geradezu niedlich aussehen.

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