Kinderbuch

Wie „Alice im Wunderland“ die Leser bis heute träumen lässt

Auf dem Croquet-Feld: Robert Ingpen hat „Alice im Wunderland“ (Knesebeck) traumschön illustriert, samt Kaninchen, Herz-Königin und -König sowie lebendiger Spielkarten und der Grinsekatze.

Auf dem Croquet-Feld: Robert Ingpen hat „Alice im Wunderland“ (Knesebeck) traumschön illustriert, samt Kaninchen, Herz-Königin und -König sowie lebendiger Spielkarten und der Grinsekatze.

Foto: Robert Ingpen/Knesebeck Verlag

Troisdorf.   Die Geschichte von Lewis Carroll inspiriert die Menschen bis heute. Das Bilderbuchmuseum in Troisdorf zeigt jetzt neue Illustrationen.

Wenn ich groß bin, dann. . . So beginnt ein Satz, der schon aus vielen Kindermündern kam. Und wenn es wirklich soweit ist, dann wären die meisten Großen gerne wieder klein. Groß und klein und wieder groß wird Alice, nachdem sie durchs Kaninchenloch ins Wunderland gefallen ist und mal von einem verzauberten Kuchen, mal von einem magischen Trank gekostet hat. Es braucht etwas Zeit und einige Abenteuer, bis das Mädchen die für sie richtige Größe wiedergefunden hat. Am Ende des ersten Teils dieses berühmten Kinderbuchklassikers von Lewis Carroll zeigt Alice schließlich auch geistige Größe.

Aber da interpretiert man vielleicht schon zu viel hinein in dieses kleine Büchlein, das der Oxford-Dozent für Mathematik 1865 veröffentlicht hat. Denn Kinderbücher aus Großbritannien stehen in einer anderen Tradition als die auf dem Kontinent. Während die Leser in Deutschland die Moral von der Geschichte erwarten oder ein anderes pädagogisches Ziel, darf sich ein britisches Kind auch einfach mal amüsieren. „In England hat das Unterhaltende mehr Wert“, sagt Bernhard Schmitz. Der Literaturwissenschaftler ist zuständig für die historischen Bestände im Bilderbuchmuseum in Troisdorf, das nun eine Ausstellung zu „Alice im Wunderland“ zeigt.

Alice als Pubertäts-Dramödie

Alice trifft in der Traumwelt, in der die Logik der echten auf den Kopf gestellt ist, bizarre Wesen: eine grinsende Katze oder ein Baby, das sich in ein Ferkel verwandelt. Das Buch wirkt wie aus der Zeit gefallen. Und doch inspiriert Alice die Menschen bis heute – nicht nur Autoren wie James Joyce und Douglas Adams. Es gibt auch Verfilmungen von Walt Disney oder Tim Burton mit Johnny Depp als Hutmacher. Die Schau im Bilderbuchmuseum zeigt Illustrationen allein aus dem 21. Jahrhundert, darunter Alice als Comic von Xavier Collette oder ein Teenager-Buch, das den Ursprung nur noch erahnen lässt: „Alice vs. Wunderland – eine Pubertäts-Dramödie“.

Die Kinder auf der Bootsfahrt überrascht

„Wenn ich Märchen gelesen habe, habe ich immer gedacht, so etwas käme nie vor, nun bin ich mitten drin in einem!“, denkt Alice in der Original-Geschichte. Und das wird wohl auch Alice im wahren Leben gedacht haben. Denn für das Mädchen in dem Märchen gab es ein echtes Vorbild: Alice war die Tochter von Henry Liddell, dem Dekan an einem College. Er war befreundet mit Lewis Carroll, der damals mit richtigem Namen noch Charles Lutwidge Dodgson hieß.


Bei einem Bootsausflug erzählt der Junggeselle den Kindern seines Freundes Geschichten. Die 10-jährige Alice ist derart begeistert, dass Carroll die Geschichte später niederschreibt. 1865 wird das Buch schließlich gedruckt. Sechs Jahre später erscheint der zweite Band: „Alice hinter den Spiegeln“.

Für Alice gab es ein echtes Vorbild

Da war es bereits zu einem Bruch gekommen zwischen den Liddells und Carroll. Warum genau, ist bis heute nicht geklärt. Vor einiger Zeit wurde Carroll unterstellt, dass er eine pädophile Neigung gehabt hätte. Doch beweisen konnte das niemand. Futter für diese Vermutung lieferten die Bilder, die Carroll fotografiert hat. Sie zeigen Alice in Pose. Lolitagleich schaut das hübsche Mädchen in die Kamera. Die Kleidung ist zerrissen, eine Schulter entblößt. „Erotisch“ könnte man das nennen. Wenn man jedoch die Unterschrift dazu liest – „Alice als Bettelmädchen“ –, kommen Zweifel auf. Der Amateurfotograf Carroll hat seine Models, darunter waren auch befreundete Schauspielerinnen, für die Aufnahmen kostümieren lassen und sie wie auf einer Bühne arrangiert.

Die Fotos wirken heute befremdlich

In einer weiteren Serie lichtete er allerdings nur unbekleidete Mädchen ab. Die Bilder wirken für den heutigen Betrachter befremdlich, in einer Zeit, in der Eltern gewarnt werden, harmlose Strandbilder von ihren Kindern auf Facebook zu stellen. Doch wie hat der Betrachter in der viktorianischen Zeit die Bilder gesehen? „Die Sehgewohnheiten waren anders“, sagt Schmitz. Ging es bei den Bildern lediglich darum, die kindliche Unschuld zu zeigen? Damals war so etwas nicht unüblich. Schmitz: „Was Carroll selbst dabei empfunden hat, kann keiner sagen.“

Für das Buch hat der Autor zunächst selbst Alice gezeichnet, ein Mädchen mit langem Haar, das nicht mehr viel mit der echten Alice gemein hat. „Die Zeichnungen waren gar nicht schlecht“, sagt Schmitz. „Aber der Verlag wollte den eigenen Hauszeichner haben.“ John Tenniel war ursprünglich Karikaturist. Und komisch überzeichnet wirken auch die Bilder im Buch. „Alice ist eine merkwürdige Kindfrau“, sagt Schmitz. „Das Gesicht hat etwas Altes, nichts Pausbäckiges.“

Heute ist Alice auch niedlich

Wie anders wirken da die Illustrationen, die heute Alice zeigen. In den Büchern für die Kleinsten, etwa von Sophie Schmid, schaut sie besonders niedlich. Vieles ist eben eine Frage der Zeit. Oder um es mit den Worten des verrückten Hutmachers in Alice’ Abenteuer zu sagen: „Wenn du die Zeit so gut kenntest wie ich, würdest du nicht davon reden, wie wir sie anwenden, sondern wie sie uns anwendet.“

So ist auch die Szene mit der Raupe der damaligen Zeit geschuldet: Als Alice sie trifft, zieht sie an einer Wasserpfeife. In einem Kinderbuch! „Die Viktorianer haben mit Drogen experimentiert, das war legal“, so der 61-jährige Schmitz. „Opiate waren frei verkäuflich. Daran merkt man auch, wie groß der Abstand zu uns heute ist. Wir interpretieren das anders.“

Alice, die zum Wachsen und Schrumpfen auch schon mal von einem Pilz nascht, fand ihre Freunde ebenso in der drogenfreundlichen Zeit der 1960er-Jahre. Das Gedicht vom Walross und dem Zimmermann im zweiten Alice-Teil inspirierte etwa die Beatles zu dem Song „I Am The Walrus“. Und der spanische Maler Salvador Dalí, bekannt für seine surrealistischen Werke, verewigte das Wunderland in einem eigenen Alice-Bilderzyklus. Auch der deutsche Maler Max Ernst näherte sich der Figur, allerdings versetzte er sie in die Kriegsjahre: „Alice in 1941“.

„Ihren Kopf ab!“, fordert die Herz-Köngin im Wunderland. Da bekommen Eltern heute ein mulmiges Gefühl und greifen lieber zu den Alice-Übersetzungen, die solche Szenen weicher zeichnen. Aber auch Hänsel und Gretel hätten es schwer auf dem heutigen Buchmarkt. Da wird die Hexe in den Ofen geschubst? „Wenn die Hexe nicht verbrannt wird, dann sind die Kinder auch heute noch enttäuscht“, erklärt Schmitz. „Wenn man das unterschlägt, ist für sie die Welt nicht in Ordnung.“ Dabei brennt die Hexe ja nicht wirklich. Und die Herz-Königin wirkt wie eine Witzfigur, wie sie ständig den Kopf von jemanden fordert. Auch bei Alice fließt kein Blut.

Die Herzkönigin erinnert an Bloody Mary

Schmitz sieht in dieser Figur eine Anspielung auf „Bloody Mary“, Königin Maria I. von England. Ferner war ein Hutmacher früher durchaus verrückt, so Schmitz: „Die waren oft geistig verwirrt, wegen arsenhaltiger Farbe.“ Viele Figuren und Episoden wurden und werden neu interpretiert. „Wobei manche Interpreten aus den Texten verschlüsselte Botschaften herauslesen, die Carroll auch in seinen kühnsten Träumen kaum hineingelegt hätte“, ist in Kindlers Literaturlexikon zu lesen.

Alice ist ein Teil der Nonsensliteratur. „Es geht um die Verweigerung von eingefahrenen Logiken“, erklärt Schmitz. „Die Geschichten ergeben schon Sinn, aber nach ihrem eigenen Verständnis.“

Die Übersetzung war nicht leicht, da das Buch englische Reime parodiert, die sich nur schwer ins Deutsche übertragen lassen. Antonie Zimmermann hat es bei der ersten Übersetzung 1869 trotzdem versucht. Und Kinder dürften selbst heute noch verstehen, welches Weihnachtslied sie da verunglimpft: „O Papagei, o Papagei! Wie grün sind deine Federn!“

Carroll schafft eine völlig neue skurrile Welt. „So etwas sollte phantastische Literatur immer können“, betont Schmitz. Aber das gelingt nicht immer. „Sie können heute ja keinen Vampirroman mehr schreiben, der nicht schon geschrieben ist“, sagt Schmitz und fügt hinzu: „Es gibt Kinderbücher, die man als Erwachsener nicht mehr lesen kann. Aber bei Alice gibt es für mich immer noch Überraschungsmomente.“

Die Ausstellung im Bilderbuchmuseum

Die Ausstellung im Bilderbuchmuseum in Troisdorf konzentriert sich bis Februar 2018 auf Darstellungen von „Alice im Wunderland“ in Büchern, die seit 2000 erschienen sind. Historisches wird dort nicht berücksichtigt.

Spielerisch können sich Kinder Alice nähern. Kinder können mit hölzernen Flamingos Croquet spielen. Ein Kaninchenloch gibt es auch, aber da fällt keiner durch. Kinder jeden Alters, so die Medienpädagogin Jennifer Walther-Hammel, sind willkommen. Aber am meisten dürften sich Kita-Kinder und Grundschüler freuen.

Die Ausstellung geht bis zum Februar 2018. Sie wird begleitet von einem Veranstaltungsprogramm für Kinder, Anmeldung unter Tel.: 02241/ 88 41-427. Am Donnerstag, 7. Dezember, 14.30 Uhr, gibt es eine Führung für Menschen ab 60 unter dem Titel „Kunst und Kuchen“. Burg Wissem, Burgallee 1, Troisdorf, www.bilderbuchmuseum.de

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik