Psychologie

Wenn Menschen zu sehr mitfühlen - Empathie hat dunkle Seiten

Fürsorglich bis zum Exzess: Eine Helikopter-Mutter versucht, bildlich gesprochen, ihr Kind in eine Schutzfolie zu packen.

Foto: Getty

Fürsorglich bis zum Exzess: Eine Helikopter-Mutter versucht, bildlich gesprochen, ihr Kind in eine Schutzfolie zu packen. Foto: Getty

Essen.  Mitgefühl gilt als positiv, doch ein Buch wirft den Blick auf „Die dunklen Seiten der Empathie“ – von Helikopter-Eltern und Emotions-Vampiren.

Woran denken wir, wenn wir an menschliches Mitgefühl denken? An junge Menschen, die älteren über die Straße helfen; an Krankenpfleger, die trotz Zeit- und Leistungsdruck liebe- und rücksichtsvoll mit ihren Pflegepatienten umgehen; an Mütter, die ihre kleinen Kinder trösten; an Freunde, die anderen geduldig zuhören und ihnen möglichst gute Ratschläge in schwierigen Situationen geben.

Ein solches Einfühlungsvermögen gilt durchweg als positiv – und das ist in den geschilderten Situationen wohl auch durchaus der Fall. Dass dabei der Eindruck entsteht, dass mehr Empathie auch immer besser ist, bleibt ein quasi selbstverständlicher Nebeneffekt. Denn wer würde nicht im Reflex antworten, dass es stets gut ist, sich intensiv in einen anderen Menschen hineinversetzen zu können. Es ist ein populärer Trugschluss.

In bestimmten Situationen besser die Empathie ausschalten

Nehmen wir ein alltagstaugliches Beispiel: Wer würde schon einem Chirurgen oder einem Zahnarzt vertrauen, der bei jedem Schnitt, bei jedem Bohren mit dem Patienten aus nachempfundenem Schmerz mitzucken würde? Ein solcher Arzt würde wohl jedem Patienten eher Furcht und Skepsis einflößen. Denn gerade in diesem Fall ist es wichtig, sein Mitgefühl zu kontrollieren und möglichst effektiv zu unterdrücken. Dabei gelten Chirurgen gewiss nicht als Menschen mit wenig Einfühlungsvermögen, aber eben als solche, die gelernt haben, in bestimmten Situationen ein kühles Köpfchen zu bewahren und die Empathie auszuschalten.

Empathie von sich aus ist weder gut noch schlecht. Gerade hat sich der Kultur-, Literatur- und Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt in seinem Buch „Die dunklen Seiten der Empathie“ (Suhrkamp, 228 S., 16 €) damit beschäftigt, welche negativen Auswirkungen die Einfühlungsgabe auf das Verhalten der Menschen haben kann – und dass sie auch geeignet ist, andere Menschen zu manipulieren oder sie sogar emotional zu missbrauchen.

Die Eltern fürchten sich vom Scheitern der Kinder

Als treffendes Beispiel führt er die so genannten „Helikopter-Eltern“ an, also jene Form von überfürsorglichen Eltern, die ihren Kindern durch unablässige Kontrolle so gut wie keine Spielräume lassen, eigene Verantwortung für ihre Handlungen zu übernehmen. „In der psychologischen Populär- und Ratgeber-Literatur wird 20 bis 60 % US-amerikanischer Eltern bescheinigt, sie seien Helikopter-Eltern, und auch in Deutschland wird von einer steigenden Tendenz ausgegangen“, schreibt Breithaupt. Einerseits sind diese Eltern von der „Angst um das Wohlergehen“ der Kinder geprägt. Andererseits jedoch auch von einem Mit-Erleben, das eben aus der Empathie resultiert. Dabei konzentrieren sich diese Eltern ganz auf die Leistung ihrer Schützlinge, sie wollen am Erfolg ihres Kindes teilhaben. Dies steht aber auch in einer engen Beziehung zur „bodenlosen Angst der Eltern vor dem Scheitern“. Oftmals umfasst, wie Breithaupt ausführt, diese Überfürsorge jedoch nicht nur die schulischen oder beruflichen Leistungen des Kindes, sondern auch ihr „soziales Funktionieren“ und deren „emotionale Intelligenz“, ist also praktisch allumklammernd.

Für dieses Verhalten verwendet Breithaupt den Begriff der „Wunsch-Empathie“: „Gewünscht wird der Erfolg, das Strahlen und das Siegen, damit die Eltern daran partizipieren können.“ Die Eltern verhalten sich also praktisch wie „emotionale Vampire“, die sich am Glanz und vermeintlichen Erfolgsgefühlen ihrer Kinder weiden.

Bühnen-Mütter und Tennis-Väter

Eine extreme Ausprägung dieses Verhaltens lässt sich bei den so genannten „Stage Mothers“ beobachten, jenen Müttern also, die ihre Kinder schon in frühen Jahren zu Schauspiel- oder Gesangsstars machen wollen oder sie auf Schönheitswettbewerbe schicken – Hauptsache ins Rampenlicht. Gewiss eher ein amerikanisches Phänomen, doch auch in Deutschland ist derartiges Verhalten nicht unbekannt, nur eben eher unter dem Begriff „Tennis-Väter“ im Leistungssport, wo die Kinder von ihren Eltern zu sportlichen Erfolgen gepeitscht werden, die sie in jungen Jahren meist selbst nicht hatten. Auch hier wollen die Eltern emotional teilhaben am Erfolg der Kinder, die ohne dieses Antreiben vielleicht gar nicht denselben Ehrgeiz an den Tag gelegt hätten.

Nicht immer ist klar auszumachen, an welcher Stelle das Verhältnis kippt, wo also noch eine gesunde Teilnahme der Eltern liegt – und wo schon die Kinder in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt werden und die Eltern den Kindern ihre Ideale nicht nur vorführen, sondern aufdrücken.

Bewunderungswürdig werden

In eine ähnliche Kategorie sortiert Breithaupt den extremen Fan, der in seiner übertriebenen Ausbildung zum Promi-Stalker werden kann. Anders als bei den Helikopter-Eltern hat hier das Objekt der Empathie, nämlich der Star, bereits einen Erfolg, in dessen Glanz man sich sonnen kann. Die Stalker beschränken sich oft nicht nur darauf, ihr vermeintlich perfektes Objekt zu bewundern, sie versetzen sich ins Objekt hinein und stellen sich vor, wie es ist, beobachtet zu werden – und somit auch selbst bewunderungswürdig zu werden. „Der Stalker schlüpft in die Haut eines anderen, der unter dem Licht von realen oder imaginierten Scheinwerfern steht.“

Der Fehler, den die Stalker dabei begehen, ist folgender: Sie versetzen sich natürlich nicht in die reale Person hinein, sondern lediglich in das Ideal, das sie selbst auf diese Person projiziert haben. Ob ein Star vielleicht von Selbstzweifeln oder Versagensängsten geplagt ist, spielt für den Stalker gar keine Rolle. Und ob der Stalker dabei in die Privatsphäre seines Objekts eindringt und als Bedrohung wahrgenommen wird, ist ihm ebenfalls egal.

Auch die moralische Seite sollte berücksichtigt werden

Dies sind nur wenige von Breithaupts Beispielen dafür, wie ein Übermaß an Empathie eben genau solche negativen Auswirkungen entfalten kann.

Zum Entwickeln einer positiven, moralisch guten Empathie rät Breithaupt, einerseits ein Wir-Gefühl zu stärken, um leichter etwas für andere Menschen zu tun. Andererseits appelliert er daran, auf die Stimme des eigenen Gewissens zu hören. So zumindest wird man erreichen, dass man seine Empathie positiv einsetzt – für sich und andere.

>>> Empathie zum Weiterlesen

Fritz Breithaupt (Jahrgang 1967) ist Kultur-, Literatur- und Kognitionswissenschaftler und lehrt heute in den USA an der Indiana University in Bloomington. Er beschreibt in „Die dunklen Seiten der Empathie“ klug, wie Empathie zum starken Einflussfaktor in

Angela Merkels Flüchtlingspolitik werden konnte. Und dass gewiss einige der Wähler von Donald Trump in einen Kreislauf aus Parteinahme und Empathie geraten sind, der sie dazu bewogen hat, sich trotz aller guten Argumente gegen Trump nicht von ihm zu distanzieren.

Die hellen Seiten der Empathie werden hingegen in folgenden Büchern näher beleuchtet:
Joachim Bauer: Warum ich fühle, was Du fühlst – Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneuronen. Heyne, 192 Seiten, 7,95 €

Giacomo Rizzolatti, Corrado Sinigaglia: Empathie und Spiegelneurone – Die biologische Basis des Mitgefühls, Edition Unseld, 230 Seiten, 14 €

Christian Keysers: Unser empathisches Gehirn – Warum wir verstehen, was andere fühlen. C. Bertelsmann, 320 Seiten, 22,99 €

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