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Wenn Banker den Bedürftigen dieser Welt helfen möchten

Weltweit hungern 795 Millionen Menschen. Wie kann man möglichst vielen helfen? Sollte man an eine Hilfsorganisation spenden? Wenn ja, an welche bloß? Auf diese Fragen will der „Effektive Altruismus“ Antworten geben.

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Weltweit hungern 795 Millionen Menschen. Wie kann man möglichst vielen helfen? Sollte man an eine Hilfsorganisation spenden? Wenn ja, an welche bloß? Auf diese Fragen will der „Effektive Altruismus“ Antworten geben. Foto: Getty

Essen.   Immer mehr Menschen werden „effektive Altruisten“. Sie möchten möglichst viel bewirken. Dafür wählen sie hoch bezahlte Jobs, um Geld zu spenden.

Viktoria Warkentin trägt ein schwarzes, knielanges Kleid, Lackpumps und ihr langes, dunkelblondes Haar zum Dutt. Die 21-Jährige könnte nicht nur in einer Bank arbeiten. Sie tut es auch. Doch wenn die angehende Fachfrau fürs Bankwesen den Mund aufmacht, spricht sie nicht von Karriere, Luxusurlaub, teuren Handtaschen oder Hauskauf. Da kommen Wörter wie „ethische Geldanlagen…so viel wie möglich Gutes tun“. Sie blickt mit ihren hell-grünen Augen in die Runde. Eine Handvoll Menschen lauscht ihr aufmerksam an einem Sommerabend im Düsseldorfer Medienhafen.

Mit wenig möglichst viel erreichen

Viktoria Warkentin will wissen: „Wie können wir mit unseren begrenzten Mitteln so viel wie möglich zur Lösung globaler Probleme beitragen?“ Drumherum sitzen Menschen an weißen Tischen, vor sich meist einen rechteckigen, weißen Teller voll mit Nudeln, Süßkartoffeln, Gemüse in Rot, Orange und Grün — ein veganes In-Restaurant. Im Hintergrund erhebt sich der Fernsehturm, die Abendsonne spiegelt sich auf der Metall-Fassade der lange Zeit als „Alu-Bürodosen“ verspotteten Gehry-Bauten. Prada- und Louis-Vuitton-Taschen baumeln an den Handgelenken der Vorbeigeheden, neueste Mercedes-Modelle fahren zu gehobenen Restaurants.

Wenn die ärmsten Menschen zu den Reichsten gehören

Viktoria Warkentin erläutert die Ziele, welche die Vereinten Nationen der Wirtschaft mit dem Globalen Pakt 1999 gaben. Unternehmen können, müssen sich aber nicht verpflichten, unter anderem die Zwangs- und Kinderarbeit abzuschaffen. „Das ist das absolute Minimum. Hält sich einer nicht daran, ist das ein Skandal“, sagt Warkentin. Sie gehört zum festen Kern der effektiven Altruisten in Düsseldorf, der sich regelmäßig trifft, um eine Frage zu stellen: „Wie kann jeder einzelne möglichst viel mit den vorhandenen Mitteln tun?“

Wer effektiv handelt, der will, dass sein Aufwand eine möglichst große Wirkung hat. Und wer dabei noch Altruist ist, der beabsichtigt, dass andere Lebewesen etwas davon haben. Der Altruist ist also ein Gegenentwurf zum Egoisten. Der will sich selbst auf Kosten andere Gutes tun. Deshalb wollen effektive Altruisten da helfen, wo die Probleme auf dem Erdball am größten sind: Der Kampf gegen Hunger und extreme Armut gehört derzeit zu wichtigen Zielen. Denn: 795 Millionen Menschen weltweit haben nicht genug zu essen. Derweil gehört selbst jemand, der in Deutschland unterhalb der Armutsgrenze leben muss, zu den Reichsten der Weltbevölkerung. Und das selbst, wenn man berücksichtigt, dass man mit einem Euro in einem Entwicklungs- oder Schwellenland mehr kaufen kann als hierzulande.

Als einer der Gründungsväter des „Effektiven Altruismus“ gilt der 30-jährige William MacAskill, ein Forscher-Wunderkind aus dem Oxforder Wissenschaftsbetrieb. Seit 2009 gründet der Schotte Organisationen, um die gute Sache voranzutreiben. Treffen für effektive Altruisten gibt es nicht nur in Düsseldorf, sondern auch in Köln, Bonn und Aachen. Deutschlandweit sind es mittlerweile über 20 Gruppen, oft bespickt mit Studenten.

Besonders aktiv ist hierzulande ein fester Kern von 1500 Menschen. Vor zwei Jahren sei es noch ein Drittel gewesen, sagt Stefan Torges, Sprecher der Berliner „Stiftung für Effektiven Altruismus“. 2016 spendeten Aktive aus Deutschland mindestens eine Million Dollar. Weltweit kommt die Bewegung nach eigenen Angaben auf 15 000 Anhänger und vor zwei Jahren auf 40 Millionen Dollar weltweiter Spenden.

Sie brachte die Ideen aus England mit

Effektive Altruisten spenden nicht nur, sie krempeln auch ihr Leben um. Das erste Mal kam Fabienne Sandkühler mit den Ideen der Bewegung während ihres Psychologie-Bachelors in Oxford in Berührung. Nach und nach lernte sie das Gedankengut kennen – und gab ihrem Leben eine neue Richtung.

Derzeit erforscht Sandkühler für ihre Masterarbeit in Maastricht, welche Aussagen Menschen überzeugen, damit sie spenden – ein Thema, das letztlich den Zielen der Bewegung dienen soll. Ursprünglich wollte Sandkühler Psychotherapeutin werden. „Die Zahl der Plätze für Therapeuten ist von der Kasse festgelegt, nicht von der Anzahl guter Bewerberinnen“, sagt die Studentin. Die Stelle würde also nicht frei bleiben, sie sei also ersetzbar, erklärt Sandkühler.

„Ich bin am Anfang meines Berufswegs und kann mich für Jobs entscheiden, mit denen ich mehr Gutes für die Welt tun kann“, hat Sandkühler für sich entschieden. Nun träumt sie davon, mit Mitstreitern eine Organisation in Deutschland zu gründen, die kritisches Denken fördert. Fabienne Sandkühler brachte die Ideen des effektiven Spendens und Lebens aus Oxford nach Düsseldorf, gründete eine lokale Gruppe, organisierte regelmäßige Treffen. „Ich kann verstehen, wenn Dankbarkeit jemanden motiviert zu helfen. Ich brauche das aber nicht“, sagt die 22-Jährige. „Mir reicht es auch, die Augen zu schließen und mir die individuellen Schicksale vorzustellen, die hinter jeder Opferzahl stehen.“

Die Bewegung will jeden gespendeten Euro nicht nur für die drängendsten Welt-Probleme ausgeben, sondern möglichst viel bewirken. Die Stiftung „GiveWell“ (zu Deutsch „Gut geben“) fühlt Hilfsorganisationen auf den Zahn und fragt, welche davon mehr pro eingesetztem Euro bewirken, aber auch wie diese Organisationen jeden weiteren Euro einsetzten würden. Einige wohltätige Träger seien dabei tausende Male effektiver als andere. Es geht also um Zahlen und darum, was nachweisbar ist.

Wirkungsforscher äußert Bedenken

Eine solche Betrachtung löst auch Kritik aus. Der Heidelberger Wirkungsforschers Dr. Volker Then ist überzeugt, dass es oft im Hinblick auf die Ziele von Hilfsorganisationen verkürzend sei, zu fragen, wie viel Kosten und Nutzen ein gespendeter Euro bringe. „Denn auch wenn eine Spende betriebswirtschaftlich nicht effizient ist, kann sie sinnvoll sein“, sagt der Heidelberger Politikwissenschaftler. Ein Beispiel hierfür ist das Geldgeben für Kunst- und Kulturprojekte. Das ist durchaus sinnvoll, aber nicht effizient. Mit dem gleichen Geld könnte ein Spender auch hungernde Kinder in einem Dritte-Welt-Land retten.

Zudem sei die Wirkung von Spenden oft nicht exakt zu ermitteln – die Messinstrumente würden jedoch stets besser werden. Der Passauer Philosophie-Professor Christian Thies sieht das Grundproblem der Bewegung darin, dass sie zu sehr auf den einzelnen setzt. „An gemeinschaftlicher politischer Tätigkeit und massiven Änderungen von Regelsystemen führt kein Weg vorbei“, sagt der Forscher.

Er gibt im Studium jetzt Gas

Als Fritz Dorn von der Idee erfuhr, möglichst effektiv viel Gutes zu tun, war er begeistert. „Das war das, wonach ich gesucht hatte“, sagt der 23-Jährige. Der Student der Medieninformatik wollte, seitdem er 15 ist, etwas Gutes bewirken, und dabei möglichst viel. Als Jugendlicher kreisten seine Gedanken um das Tierleid, dass wesentlich mehr Tiere als Menschen leiden und sterben.

Erst spendete Fritz Dorn sein eigenes Taschengeld. Seitdem er 17 ist, bittet er seine Eltern darum, ihm kein Geburtstagsgeschenk, sondern in seinem Namen an bestimmte Hilfsorganisationen Geld zu geben. Mit 15 wurde er Vegetarier, zwei Jahre später Veganer. Für Fritz Dorn steht fest, dass Menschen oft nicht da anpacken oder dafür spenden, wo die Bedürftigkeit besonders groß ist: „Die meisten Menschen engagieren sich aufgrund persönlicher Erlebnisse, weil beispielsweise ein Familienmitglied an Krebs erkrankt ist.“ Eine Krankheit müsse aber nicht das drängendste Problem der Welt sein.

„Wir können uns nicht leisten, beim Helfen nur nach unserem Bauchgefühl zu gehen, weil unsere Entscheidungen extreme Konsequenzen haben können“, sagt Dorn, der aus Dortmund stammt und mittlerweile in Düsseldorf studiert. Er hat sich über die Kampagne „Giving what we can“ (zu Deutsch „Das geben, was wir können“) verpflichtet, zehn Prozent seines künftigen Einkommens zu spenden.

Seitdem Fritz Dorn sich der Bewegung angeschlossen hat, gibt er auch im Studium Gas. Er will eine Karriere einschlagen, die es ihm erlaubt, möglichst viel zu spenden oder andere Menschen zu Gleichem zu beflügeln. „Das ist der härtere Teil. Den geht man nur, wenn man sich diesen Zielen voll verschrieben hat.“ Bevor Dorn den „Effektiven Altruismus“ in sein Leben ließ, habe er „was Kreatives“ machen wollen. Nun will er IT-Unternehmensberater werden und, wenn ihm das keinen Spaß bereitet, Kommunikationsarbeit für die Bewegung machen.

>>> Wer wirtschaftlich denkt, erreicht mehr Gutes?

Der Forscher Christoph Schmidt-Petri über die wirkungsvolle Art des Spendens:

. Jeder Dritte spendete 2016 in Deutschland, so kamen mehr als fünf Milliarden Euro zusammen. Aber wurden sie auch wirklich gut eingesetzt? Elena Boroda sprach mit dem Karlsruher Philosophie-Forscher Dr. Christoph Schmidt-Petri über die Wirkung von Spenden.

Sollte ich mehr darauf achten, dass ich mit meiner Spende tatsächlich die größtmögliche Wirkung erziele?

Schmidt-Petri: Das halte ich moralisch für geboten. Allerdings setzt es voraus, dass wir alle Menschenleben als gleich wichtig ansehen, was psychologisch unmöglich erscheint – unsere eigene Familie ist uns am nächsten, dann kommen vielleicht unsere Landsleute oder die Mitglieder anderer Gemeinschaften, die uns wichtig sind, zum Beispiel Religionsgemeinschaften oder der Fußballclub. Dies ist moralisch auch nicht besonders problematisch, wenn wir uns zumindest ernsthaft bemühen, andere Menschen – auch jene, die wir nie gesehen haben oder sehen werden – als uns gleichwertig anzusehen. Auch ein Ideal, das nicht erreicht werden kann, hilft, unsere Handlung anzuleiten.

Gefährde ich den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, wenn ich an eine Malaria-Stiftung spende statt einem Obdachlosen zu helfen?

Ziel des „Effektiven Altruismus“ ist es, den besonders Bedürftigen auf dieser Welt Gutes zu tun. Diese leben fast nie in Deutschland, wo wir einen funktionierenden Sozialstaat haben. Wir können mit einigen Hundert Euro in armen Ländern der Welt Menschenleben retten. Dafür müssten wir in Deutschland nicht so viel opfern, dass wir in strukturelle Probleme geraten, welche den Zusammenhalt unserer Gesellschaft gefährden. Allerdings kann Deutschland die Welt nicht alleine retten, dafür ist auch Deutschland nicht reich genug.

Was müsste ich beachten, wenn ich mit meiner Spende möglichst viel Gutes tun will?

Häufig ist es sehr schwierig, die effektivste Stiftung zu identifizieren, aber das ist ein normales Problem. „Effektiver Altruismus“ möchte solch empirisch informiertes Nachdenken über ethische Fragen fördern: „Wo kann ich für das Geld, das ich spenden möchte, am meisten Gutes erreichen?“ Wer wirklich Gutes tun möchte und nicht nur auf die Anerkennung durch den Nachbarn schielt, dem wird sich diese Frage von selbst stellen. Auch wird so Druck auf die Stiftungen ausgeübt, ihre Verwaltungskosten zu reduzieren.

Was kann es für die eigene Berufswahl bedeuten, wenn man möglichst viel Gutes tun will?

Das ist etwas schwierig. Interessanterweise kann „Effektiver Altruismus“ nämlich bedeuten, lieber nicht selbst für Amnesty International oder Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten, sondern als Versicherungsmathematiker oder in der Tabakindustrie. Wer mehr verdient, kann nämlich auch mehr spenden.

Aber die Tabakindustrie verursacht doch auch Schäden. . .

„Effektiver Altruismus“ fordert nicht, Schaden zu verursachen. Das sollte immer vermieden werden – auch Investmentbanker sollten keinen Schaden verursachen. Als solcher hat man aber eher die Möglichkeit, Schäden wiedergutzumachen, egal wer ihn verursacht hat.

Was halten Sie davon, Geld für Kultur auszugeben, wenn man damit auch hungernde Kinder retten kann?

Das Leben einer Person in Askese in Bochum wird die Welt nicht retten. Man kann sich aber fragen, ob die 800 Millionen Euro, die die Hamburger Elbphilharmonie gekostet hat, nicht sinnvoller zur Bekämpfung der Armut auf der Welt hätten eingesetzt werden können. Hätte ein Konzerthaus für 300 Millionen vielleicht ausgereicht? Selbst dies ist eine Riesensumme, mit der Hundertausende hätten gerettet werden können. Wenn wir meinen, dass es unser gutes Recht ist, unser Geld immer nur für die Dinge auszugeben, die uns selbst besonders viel Freude machen, zeigen wir einen Mangel an Mitgefühl gegenüber den Anderen.

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