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Weniger ist mehr: Warum einfache Spiele völlig ausreichen

Machen Ihrem Namen alle Ehre: Die „Matschzwerge" von der Wald-Kita in Bochum.

Machen Ihrem Namen alle Ehre: Die „Matschzwerge" von der Wald-Kita in Bochum.

Foto: Lars Heidrich

Bochum/Witten.   Die Kinderzimmer quellen über. Dabei reichen ein paar einfache Spiele zum Glück. Der Besuch einer Waldkita und Experten zeigen, wie es geht.

Es ist friedlich auf der „Froschwiese“. Völlig in ihr Spiel versunken verteilen sich die Kindergartenkinder in einer Senke zwischen Stämmen, Farnen und Baumwurzeln. Zaghaft bricht die Sonne durch die Baumwipfel, doch der Boden ist noch feucht vom starken Regen am Vortag. Getreu ihres Namens buddeln die meisten Kinder des Waldkindergartens „Matschzwerge“ in der Erde: Clara (3) und Olivia (4) haben gerade Matschkuchen gebacken und bei Wilma (3) steigt heute eine Geburtsfeier. Mit Blumen im Haar bearbeitet sie fleißig ihren „Pfannkuchenteig mit Äpfeln“.

Ein Stückchen weiter werden „Beete“ angelegt und Blumen „gepflanzt“. Ein Mädchen und ein Junge schleppen gemeinsam dicke Äste zwischen den Bäumen hindurch, um sich eine Hütte zu bauen. Und ein paar Kinder nutzen den frischen Schlamm, um sich damit zu „schminken“. Mitten im Ruhrgebiet zwischen Bochum, Essen und Hattingen ist zwar die nächste Siedlung in Sichtweite, doch ihre Waldspiele entführen die Kinder mitten in die Wildnis.

Sie verbringen den Vormittag im Wald

„Bei uns gibt es kein vorgefertigtes Spielzeug“, erzählt Christoph Sokacz. „Unser Hauptaugenmerk legen wir auf das Freispiel. Spielzeug stellen die Kinder aus Naturmaterialien her und vieles, was sie im Freien finden, wird umfunktioniert.“ Vor zwei Jahren hat der Facherzieher für Natur- und Waldpädagogik den Kindergarten gegründet.

Heute betreuen vier Mitarbeiterinnen und drei Mitarbeiter, darunter ein gelernter Schreiner, 36 Kinder von zwei bis sechs Jahren. Von ihrer Basis, zwei Bauwagen mit Feuerstelle, Ofen, Gemüsebeeten und Komposttoilette am Rande von Bochum-Stiepel, ziehen sie täglich in den nahen Wald, um dort die Vormittage zu verbringen. Mittags kommen sie zum Essen und Schlafen zurück. Nur wenn es gewittert oder stürmt gehen sie ins Museum, die Stadtbücherei oder bleiben in den Bauwagen. Dort gibt es auch einige Bücher.

Mit in den Wald aber kommen lediglich Schnitzmesser, Hammer und ein paar alte Töpfe und Schaufeln. „Dass die Kinder so viel draußen in der freien Natur sind, fördert die motorischen Fähigkeiten“, erzählt Christoph Sokacz. „Und dadurch, dass sie kein vorgefertigtes Spielzeug zur Verfügung haben, ist viel mehr Kommunikation und Fantasie notwendig.“ Nach zehn Jahren als Erzieher hatte der 32-Jährige es in einem „Hauskindergarten“ nicht mehr ausgehalten. „Kinder sind draußen viel ausgeglichener“, sagt er. „Der größte Unterschied ist, dass die Kinder motorisch viel fitter und agiler sind und dass sie viel schöner spielen. Hier spielt auch jeder mit jedem, es gibt keine Cliquenbildung.“

Dass weniger letztlich mehr ist, merken seit einiger Zeit viele Kindergärten. Im „Haus der kleinen Racker“ in Witten beispielsweise beginnt in der kommenden Woche eine „spielzeugfreie Zeit“. Für eine Dauer von acht Wochen werden Autos, Kostüme, Eisenbahnen, Puppen und auch das Sandspielzeug für draußen „in den Urlaub“ geschickt.

Die Umwelt anders wahrnehmen

Nur Bastelsachen, Decken, Kissen, Holzbauklötze und Bücher dürften in den Gruppenräumen bleiben. „Bei uns gibt es schon ab und zu viel Streit um Spielsachen. Die Kinder sollen wieder anfangen, eigene Ideen zu entwickeln und die Umwelt anders wahrzunehmen“, erzählt Kita-Leiter Julian Volkmann. „Aber die Aktion richtet sich auf keinen Fall gegen Spielzeug, denn das ist für die Entwicklung und Kreativität der Kinder wichtig und gehört zum Leben dazu. Sie richtet sich nur gegen die Überhäufung an vorgefertigten Spielsachen, die den Kindern zu wenig Gelegenheit geben, eigene Ideen und Fantasie zu entwickeln.“

Durch das Fehlen dieser Spielsachen sollen sich die „kleinen Racker“ intensiv und ausdauernd mit sich selbst und mit ihrer Umwelt auseinandersetzen. Aus Erfahrung aus den Jahren zuvor weiß Volkmann: „Die ersten zwei Wochen sind für Kinder und Erzieher erst einmal sehr schwierig, da gibt es Streit, Langeweile und Frust. Wir Erzieher wollen so wenig wie irgendwie möglich eingreifen.“

Kinder werden selbstständiger

Durch dieses Vorgehen werden die Kinder selbstständiger, entwickelten Ideen und lernten eigene Bedürfnisse wahrzunehmen. Gefördert werden dadurch also auch Körper- und Sinneswahrnehmung, Kommunikationsfähigkeit und die Konfliktfähigkeit, sagt Volkmann.

Was in Kindergärten schon umgesetzt wird, scheint zu Hause schwer zu fallen. 3,3 Milliarden Euro gaben Deutsche nach Angaben des „Handelsverbands Spielwaren“ 2018 für Spielzeug aus. 2012 waren es 2,68 Milliarden Euro. Allein in den ersten drei Lebensjahren ihres Kindes investierten Eltern 2,5 Milliarden Euro, das sind durchschnittlich 1125 Euro pro Kind. Zwar gibt es eine steigende Geburtenrate, aber Fakt ist: Die meisten deutschen Kinderzimmer platzen aus allen Nähten.

Fünf bis sieben Spielgeräte reichen

Experten bestätigen diese Entwicklung. „Die Überflutung hat sowohl durch Medien, als auch bei Spielzeug an sich ganz klar zugenommen“, beobachtet der Berliner Spielewissenschaftler Jens Junge. „Die Spielzeugindustrie wächst stetig in der Menge: Eltern und Verwandte schenken immer mehr.“ Die Bedeutung eines Spiels könne bei einem vollgestopften Kinderzimmer nicht mehr begriffen werden.

Wie viele seiner Kollegen rät er, Kindern fünf, höchstens sieben Spielgeräte gleichzeitig zur Verfügung zu stellen, damit ein eigenständiges, fantasievolles Spiel entstehen kann. Die Folgen davon, dass Kinder weniger selbstbestimmt spielen, seien unter anderem abnehmende Kommunikationsfähigkeit und (durch den Bewegungsmangel) Übergewicht.

Studie belegt: Langeweile ist positiv

Dabei sind sich viele Eltern inzwischen bewusst, dass das Zuviel Kinder hemmt. Laut einer Umfrage, die das Deutsche Kinderhilfswerk im Mai veröffentlichte, stimmten 53 Prozent der Aussage zu, dass es gut für den Nachwuchs sei, wenn es auch einmal nichts zu tun gibt und werteten Langeweile als positiv.

Nur an der Umsetzung hapert es oft. Viele Eltern sehen den Überfluss in den Schränken und Regalen. „Wir würden gerne Spielzeug reduzieren“, sagt die 40-jährige Petra Müller, Mutter von vier Kindern, „aber unsere Kinderzimmer quellen über. Man bekommt heute ja auch alles hintergeworfen. Neulich haben wir ein Barby-Schloss auf der Straße gefunden. Natürlich wollten es die Kinder unbedingt mit nach Hause nehmen. Wie soll man sie dann davon abbringen?“

Und wie kann man es schaffen, Spielzeug zu reduzieren?
Eine Mutter erzählt.

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