Medienkonsum

Diese Gefahren lauern beim Streaming auf kleine Kinder

Kinder verstehen schnell, dass Serien heute jederzeit verfügbar sind.

Kinder verstehen schnell, dass Serien heute jederzeit verfügbar sind.

Foto: Mascha Brichta

Essen.   Kinder würden bei „Mia and me“, „Peppa Wutz“ oder „Ninjago“ am liebsten immer weiter schauen. Worauf Mama und Papa dabei achten sollten.

Ausschalten ist furchtbar schwer. Wenn Nadine Küster zu ihrer Tochter Hannah nach zwei Videos „Schluss jetzt“ sagt, guckt die Fünfjährige sie mit flehenden Augen an. „Mia and me“ ist gerade ihre Lieblingsserie. Sie ist ganz verrückt nach den Geschichten um Mias Elfenfreunde ­Yuko und Mo, das Einhorn Onchao und die böse Königin Panthea. Hannah säße stundenlang davor, würde ihre Mutter nicht irgendwann den Laptop zuklappen. Manchmal gibt es dann Tränen und Wut. „Biiiitte, ­Mama! Nur noch eine Folge!“

Es grunzt aus dem Tablet

Viele Eltern kennen das. Die Lieblingsserien ihrer Kinder laufen heute nicht mehr nur zu bestimmten Zeiten im Fernsehen, sondern lassen sich auch über das Internet anschauen. In Mediatheken, bei Videoportalen und Streamingdiensten gibt es eine schier endlose Auswahl an Serien für Kinder jeden Alters. Grunzt es zum Beispiel aus dem Tablet, läuft gerade „Peppa Wutz“. Die Geschichte um eine rosa Schweinefamilie, die sich ständig vor Lachen auf den Boden wirft, hat mittlerweile mehr als 260 Episoden. Dauerbrenner sind auch „Lauras Stern“ oder „Mascha und der Bär“.

Eltern können oft ganz gut nachvollziehen, warum ihre Kinder Serien so mögen. Sie schauen ja selbst gerne Fortsetzungsgeschichten. Ihren eigenen nächtlichen Serienmarathon verschweigen sie natürlich lieber. Wie gut, dass die Kinder schlafen, wenn sich Mama und Papa durch das Angebot von Netflix oder Amazon Prime Video klicken. Auch sie wollen dann unbedingt wissen, wie es bei „Ozark“, „4 Blocks“ oder „Babylon Berlin“ weitergeht. Schon wieder so ein fieser Cliffhanger. Die Spannung ist kaum auszuhalten. Was soll’s, dass der Wecker am nächsten Tag um sieben Uhr klingelt. Nur noch eine Folge!

Serienhelden auch auf Produkten im Supermarkt

Vielleicht gerade deshalb passen Mütter und Väter bei ihrem Nachwuchs besonders gut auf. „In Deutschland schauen Eltern im Vergleich zu den USA oder Großbritannien viel genauer hin, was sich ihre Kinder ansehen“, sagt die Medienwissenschaftlerin Maya Götz, die das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) leitet. Bei Inhalten aus dem Internet seien sie noch kritischer als beim Fernsehen. Das zeigten aktuelle Studien.

Kinder begegnen ihren Serienhelden aber nicht nur auf dem Bildschirm. Auch auf Produkten im Supermarkt, im Buchladen oder im Spielzeughandel sind sie präsent. „Bei den Jungen steht ,Ninjago‘ gerade ganz oben unter den beliebtesten Serien und hat damit ,SpongeBob‘ deutlich überholt “, sagt Maya Götz.

Die animierte Lego-Action-Serie dreht sich um sechs Ninja-Kämpfer, die gegen Bösewichte aus der Unterwelt kämpfen. Mittlerweile gibt es sieben Staffeln. Die Macher der Serie sitzen in einem Spielzeugunternehmen, das nicht zuletzt auch daran interessiert ist, Bausteine zu verkaufen.

Wie soll man als Mutter da den Überblick behalten?

Auch Nadja Engelmanns siebenjähriger Sohn David ist „Ninjago“-Fan. Er guckt nicht nur die Serie , sondern hat auch die „Ninjago“-Lego-Figuren. Dazu Zeitschriften und Sammelkarten, die er mit seinen Freunden in der Schule tauscht. „Sein größter Schatz“, sagt seine Mutter. Drachenmeister, Schlangen­jaguar, Wüstenflitzer – der „Ninjago“-Kosmos ist riesengroß. Wie soll man als Mutter da den Überblick behalten? Ständig kommen neue Figuren hinzu. „Und wer ist das?“, fragt sie ihren Sohn und zeigt auf eines der grimmig dreinblickenden Männchen. „Na, Sensei Wu. Das sieht man doch am Bart“, sagt dieser. Aha, na ja, gut.

Im Internet ist nie Sendeschluss

Die meisten Kinderserien sind nur ein Teil eines crossmedialen Universums: Zu den Geschichten gibt es Internetseiten, Computerspiele, Bücher, Hörspiele. „Im Vergleich zu vor 30 Jahren hat sich das deutlich verändert“, sagt Maya Götz. Als die Eltern von heute selber klein waren, war die Zahl an Kinderserien überschaubar. Auf eine neue Folge von „Pumuckl“, „Biene Maja“ oder „Captain Future“ musste man eine Woche warten. Aus heutiger Sicht eine halbe Ewigkeit. Wenn ARD und ZDF in den 1980ern gerade nichts für junge Zuschauer sendeten, mussten Eltern nur sagen: „Ist nichts drin in der Glotze.“ Heute ist alles jederzeit verfügbar. Die Kinder wissen früh: Im Internet ist nie Sendeschluss. „Und das Abschalten ist für Kinder immer das Schwerste“, sagt Maya Götz.

Bei Nadine Küster und ihrer Tochter Hannah gab es vor allem mit Youtube immer wieder Stress. Die Plattform bietet ein unüberschaubares Angebot an animierten Kindervideos. Das Problem: Schaute sich ihre Tochter auf dem Tablet ein Video an, wurden ihr am Ende weitere vorgeschlagen. „Hannah hat natürlich gleich überall draufgedrückt und bekam dann irgendeinen Müll zu sehen“, sagt Nadine Küster. „Das war total nervig.“ Die große Auswahl sei außerdem eine Überforderung. Hannah hätte sich vor lauter bunten Bildchen gar nicht für etwas entscheiden können. Wollte alles auf einmal sehen. Youtube sei deshalb jetzt erst einmal tabu.

„Man kann Kinder nicht alleine vor Youtube oder andere Streamingplattformen setzten“, sagt Iren Schulz, Medienpädagogin bei der Initiative „Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht“. Man müsse sie in jedem Fall begleiten.

Unerwünschte Youtube-Werbung

Die Eltern sollten mit ihnen über die Inhalte sprechen und sich die Serien möglichst oft mitanschauen. Selbst Szenen und Figuren, die Erwachsenen vielleicht harmlos erscheinen, könnten bei Kindern Spannung und Ängste auslösen. „Dann ist es besser, wenn die Eltern in direkter Nähe sind und das abfedern können“, sagt Iren Schulz. Problematisch sei auch die Werbung, von der die Kinderserien bei Youtube oft unterbrochen werden.

Seit 2017 gibt es auch in Deutschland „YouTube Kids“. Die kostenlose App verspricht, dass nur kindgerechte Inhalte angezeigt werden. Richtig sicher ist sie jedoch auch nicht. Im vergangenen Jahr gab es Berichte über Kindervideos wie „Peppa Wutz“, in die Gewaltszenen hineingeschnitten worden waren. Die versteckten Sequenzen rutschen durch, weil auch bei „YouTube Kids“ ein Algorithmus die Inhalte auswählt. Ein echter Mensch schaut sich die Videos erst an, wenn sie von Nutzern als bedenklich gemeldet werden.

Serien sollten emotional bereichern

Am Ende sind es also doch immer die Eltern, die entscheiden müssen, was ihre Kinder sehen dürfen. Das ist nicht immer einfach. Wenn alle anderen in der Klasse etwas anschauen dürfen, wollen sie ihre Kinder schließlich auch nicht ausgrenzen. Doch woran erkennen sie eine gute Serie? „Kinder dürfen sich natürlich auch einfach mal unterhalten lassen“, sagt Maya Götz. „Wirklich gute Serien sollten sie aber auch emotional und kognitiv bereichern.“ Im Idealfall gibt eine gute Geschichte Kindern das Gefühl, dass sie sich als kleiner Mensch durchsetzen können. Sie liefert ein tieferes Verständnis für die Welt, zeigt, dass man gemeinsam im Team Probleme lösen kann. Mädchenfiguren sollten nicht nur auf den Prinzen warten, sondern selbst aktiv und mutig sein. Jungen bei Konflikten auch mal innehalten und nachdenken, statt immer gleich ­actionreich draufloszuschlagen. „Das kann ‚Ninjago‘ dann eben nicht mehr leisten“, sagt Maya Götz.

Nadine Küsters Tochter Hannah schaut ihre Lieblingsserien nun nur noch über die Mediathek des Kinderkanals (Kika). Hier kann ihre Mutter zumindest sicher sein, dass alle Inhalte vor der Ausstrahlung geprüft wurden. Auch Werbung gibt es hier nicht. Freier Flug für Elfen und Einhörner.

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