Tag der Kinderbetreuung

Was wären Henri und Holly nur ohne Tagesmutter Hildegard?

Spielen in der Gruppe: Tagesmutter Hildegard Thomée (62) mit (v.l.) Henri (1) Holly (2), Mia (2), Mia Marie (1), Theo (2) und Sofia (3).

Spielen in der Gruppe: Tagesmutter Hildegard Thomée (62) mit (v.l.) Henri (1) Holly (2), Mia (2), Mia Marie (1), Theo (2) und Sofia (3).

Foto: Lars Heidrich

Herne.   Trotz hoher Anforderungen werden Tageseltern nur unzureichend abgesichert. Der „Tag der Kinderbetreuung“ am 14. Mai soll daran erinnern.

Sechzehn Kinderaugen schauen in eine Richtung. Hildegard Thomée öffnet eine Pappbox und zaubert viele Eistüten im Miniaturformat heraus. Gerade in der richtigen Größe für kleine Kinderhände. Das Beisammensein in der Küche nach dem Mittagsschlaf ist ein Ritual. Gleich darf noch gespielt werden. Dann kommen die Eltern und holen die Kinder ab aus der Herner Großtagespflege „Waldwichtel“. Hier betreuen drei Tagesmütter die Kleinen in familiärer Atmosphäre. Für Hildegard Thomée ist das mehr als nur ein Beruf. Seit vielen Jahren ist die 62-Jährige als Tagesmutter tätig, betreut liebevoll anderer Menschen Kinder – und könnte doch besser abgesichert sein.

Um 7.30 Uhr beginnt ihr Tag in der Großtagespflege. Im Moment. Das kann auch anders sein, erzählt sie. „Wir passen uns den Bedürfnissen der Eltern individuell an.“ Soll heißen, deren Arbeitszeiten. Nur eine Besonderheit von vielen. „Ganz typisch ist der familienähnliche Charakter der Großtagespflege“, erklärt Esther Mattern. Gemeinsam mit Hildegard Thomée ist sie hauptamtlicher Vorstand des Vereins „Herner Tageseltern“. Der betreut und berät Eltern und Tagesmütter, bringt sie zusammen. „Wir schauen, dass wir eine möglichst passende Betreuung finden. Da muss die Chemie stimmen.“ Denn Kind und Tagesmutter verbringen drei Lebensjahre miteinander, 45 Stunden in der Woche. Bis das Kind in die Kita wechselt. Kommt es da nicht zu großem Trennungsschmerz? „Das ist unterschiedlich“, sagt die Tagesmutter. „Wir bereiten den Wechsel zwei Monate lang vor. Manche Kinder verstehen das und freuen sich auf die Kita. Andere sagen beim Abschlussfest: Ich komme morgen wieder.“ Für die Tagesmutter ist das ein schwieriger Moment. „Wir sehen das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Bindung ist gewachsen. Aber man muss Distanz haben. Alles im Leben hat seine Zeit.“

Gemeinsam gesungen, gesund gefrühstückt

Wenn morgens alle Kinder da sind, machen sie einen Morgenkreis. Es wird gemeinsam gesungen. Dann folgen ein gesundes Frühstück und ein Freispiel. Das behandelt immer ein Thema. „Im Moment geht es um Entenbabys“, erklärt Hildegard Thomée, dass hier Jahreszeitliches im Mittelpunkt steht. Oftmals inspiriert durch die dann folgenden Gänge durch den benachbarten Gysenbergpark. „Weil die Kinder da die Natur erfahren.“

Frühkindliche Bildung ist ein wichtiges Element, erklärt Esther Mattern und führt Beispiele an. Dass man die Natur entdeckt, alles auch sprachlich begleitet, dass man Bilderbücher betrachtet, Geschichten erzählt. Oder sie auch spielt. Dazu geben die vielen Puppen und das Spielzeug Gelegenheit. Tablets und Co. sucht man hier vergebens. „Das ist in der Kindertagespflege nicht erwünscht.“ Der Bildungsauftrag ist per Gesetz klar definiert. Förderung von Sprache, Bewegung, Fantasie, Sozialverhalten und mehr, das können Eltern heute erwarten.

All dies erfordert Kompetenz. Tagesmutter, das ist kein Gelegenheitsjob. Ohne entsprechende Qualifikation bekommt man keine Arbeitserlaubnis. Der Verein „Herner Tageseltern“ bietet auch die Ausbildung an. Es gibt eine tätigkeitsvorbereitende Qualifikation. Darauf folgen zwei Pflichtpraktika und Selbstlerneinheiten. „Das ist alles sehr anspruchsvoll“, so Esther Mattern. Sie ist eine der Fachberaterinnen, vor denen die Auszubildenden eine Abschlusspräsentation ablegen müssen. „Das Gesamtbild entscheidet, ob wir für diejenige eine Pflegeerlaubnis beantragen.“ Ja, diejenige. Tagesväter sind rar. Manchmal machen Ehegatten von Tagesmüttern die Ausbildung, um ihre Frau mal vertreten zu können. Ohne Qualifikation dürfe man nicht arbeiten. Wer die in der Tasche hat, ist noch nicht fertig. Es folgt die tätigkeitsbegleitende Qualifikation. Dann kann beim „Bundesverband für Kindertagespflege“ ein Zertifikat beantragt werden, mit dem man deutschlandweit arbeiten darf.

Es wird deutlich, der Herner Verein gibt Antworten auf die großen Fragen der Kinderbetreuung und Familienpolitik. Der nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie, von flexiblen Betreuungszeiten und nach Alternativen zum Kita-Alltag für die Kleinsten. Auch wenn der Verein gerade die Eröffnung der neunten Großtagespflege vorbereitet, der Nachfrage wird man nicht gerecht. Nachwuchs wird gebraucht. Jedoch zielt man nicht auf Schulabsolventen ab. „Wir suchen Menschen mit Lebenserfahrung“, erklärt Hildegard Thomée. „Denn es ist ja eine Verantwortung, Kinder im häuslichen Bereich zu betreuen.“

Nur fünf Minuten zum Durchatmen

Um zwölf Uhr wird gemeinsam gegessen, was am Morgen selbst gekocht wurde. Dann steht der Mittagsschlaf an. Wenn alles gut läuft, hat die Tagesmutter jetzt ein paar Minuten Zeit, kann bei einem Kaffee kurz durchatmen. „Fünf Minuten, die braucht man zwischendurch.“

Denn der Job ist anspruchsvoll, die Verantwortung groß. Die Absicherung nicht. Tagesmütter sind selbstständig. Die Kommune zahlt pro Kind ein Honorar, dazu die Hälfte von Kranken- und Rentenversicherung. Eine Arbeitslosenversicherung hat Hildegard Thomée nicht. Ob sie krank ist oder Urlaub hat, 30 Tage im Jahr wird ihr Honorar weiter gezahlt. Danach fallen die Zahlungen weg. Deswegen ist der Verein „Herner Tageseltern“ ein Lobbyverein. „Wir arbeiten daran, dass die Kindertagespflege verberuflicht wird“, erklärt Esther Mattern. „Sie soll anerkannt werden wie die Kindertageseinrichtungen.“

In einer Hinsicht ist das so: Eltern zahlen für alles gleich viel. Die Betreuung der Kinder in einer Kleingruppe durch eine Tagesmutter ist nicht teurer. Aber von großem Wert, so die Teamleitung. „Für die ganz Kleinen ist das ein besonderes Betreuungsverhältnis, weil die Bindung so intensiv ist. Das brauchen kleine Kinder.“ Und noch etwas: „Die Kindertagespflege ist eine gute Möglichkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren. Für viele könnte es interessant sein, selbst Tagesmutter zu werden.“

>> Der Duisburger Peter Gärtner rief den „Tag der Kinderbetreuung“ ins Leben

Gleich nach dem Muttertag soll der „Tag der Kinderbetreuung“, in diesem Jahr am 14. Mai, die Leistung von Erziehern und Tagesmüttern in den Fokus nehmen. Seit 2012 gibt es diesen Tag. Ins Leben gerufen hat ihn der Duisburger Peter Gärtner. Der ist weder Kinderbetreuer, noch war er damals Vater kleiner Kinder. Er arbeitet im Hauptberuf als Ingenieur für Informatik.

„Meine Tochter studierte damals Sozialpädagogik und arbeitete als Tagesmutter. Unabhängig davon hatte mein Sohn eine Internetplattform entwickelt zur Vermittlung von Betreuungskräften. Gemeinsam waren sie auf einem Workshop in Düsseldorf.“ Da ging es um Tagespflege und eine wichtige Frage: „Warum gibt es einen Muttertag aber keinen Tagesmuttertag?“ Die beschäftigte die Familie in Duisburg. „Daraus hat sich schnell die Idee entwickelt.“ Denn: „So wie es mit dem Muttertag einen Tag für die heimische Erziehung gibt, wäre es gut, einen Tag zu haben, der Anerkennung und Wertschätzung für professionelle Betreuungskräfte mit sich bringt.“ Der Termin: Jeweils der Montag nach Muttertag.

Prominente Unterstützer

Peter Gärtner nahm sich der Sache an und legte los. Er ging an die Öffentlichkeit, suchte prominente Unterstützer. Mit Erfolg. Bei der zweiten Ausgabe dieses Tages besuchte er eine Kita in Berlin. „Da kam tatsächlich, auf meine Einladung hin, Rita Süssmuth dazu. Die unterhielt sich mit den Eltern und aß Schaumküsse. Das zu sehen, das war schon toll.“ Seit 2013 gibt es am „Tag der Kinderbetreuung“ in Berlin eine große Gala, auf der ausgewählten Kinderbetreuern, stellvertretend für alle, gedankt wird für ihr Engagement. Gleichsam soll der Tag Anlass bieten, über das Thema Kinderbetreuung zu sprechen, auch auf politischer Ebene.

Der Tag entwickelte sich von Jahr zu Jahr. „Wir erhielten immer wieder die Rückmeldung, der Tag war überfällig. Um ihn noch größer werden zu lassen, müsste ich noch mehr tun. Das schaffe ich gar nicht.“ Nun zeichnet die „Deutsche Kinder- und Jugendstiftung“ für den Tag verantwortlich. „Ich habe nur die angenehme Aufgabe, dem Treiben zuzuschauen.“ Was macht Peter Gärtner an „seinem“ Tag am Montag? „Ich feiere meinen 60. Geburtstag. Den verbringe ich im Familienkreis.“

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