Studie

Was uns Deutschen wichtig ist – von Arbeit bis Eitelkeit

Sehe ich gut aus? Das ist den Deutschen wichtig. Zwar denken sie, dass es ihren Kindern nicht so wichtig sein sollte. Doch sie erwarten: Es wird noch wichtiger.

Foto: mapodile

Sehe ich gut aus? Das ist den Deutschen wichtig. Zwar denken sie, dass es ihren Kindern nicht so wichtig sein sollte. Doch sie erwarten: Es wird noch wichtiger. Foto: mapodile

  Die Soziologin Jutta Allmendinger hat untersucht, was wir an kommende Generationen weitergeben wollen. Mit teils überraschenden Erkenntnissen.

Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, was Sie den kommenden Generationen weitergeben wollen? Bestimmt haben Sie zumindest eine Vorstellung davon. Die Soziologin Jutta Allmendinger hat sich mit der Frage nach diesem „Vermächtnis“ auseinandergesetzt, für ihre umfassende Studie wurden mehr als 3000 Deutsche befragt. Die Ergebnisse hat sie nun in Buchform gebracht, sie liefern ein umfangreiches Bild der deutschen Gesellschaft und ihrer Werte.

Frau Allmendinger, Ihre Studie unterscheidet sich ja von anderen, weil sie nicht nur den Ist-Zustand mit den Zukunftserwartungen der Befragten vergleicht, sondern auch die Frage stellt: Was wäre Ihr Wunsch für die kommenden Generationen? Sie nennen das „Vermächtnis“. Wieso war dieser Schritt notwendig?

Allmendinger: Menschen geben bei Befragungen oft sozial erwünschte Antworten. Was dabei herauskommt, das lässt sich relativ leicht selbst zusammendenken. Es ist halt ein Trick, zu fragen: Was wünscht man sich für die anderen? Weil die Differenz zwischen dem, was man selbst macht und was man sich für die anderen wünscht, ja auch ein Maß ist für die eigene Zufriedenheit oder Unzufriedenheit.

Geben Sie uns bitte ein Beispiel. . .

Nehmen wir den Bereich des Aussehens. Das gute Aussehen war in der Befragung vielen Menschen sehr wichtig. Wenn man sie befragt, ob es den Menschen in der Zukunft wichtig sein sollte, dann sind sie aber der Meinung, es sollte nicht mehr so wichtig sein. Wenn man dann wissen will, wie es ihrer Erwartung nach tatsächlich kommen wird, sehen sie voraus, dass das Aussehen eher noch wichtiger wird als heute.

Das ist ja eine eher pessimistische Aussicht, oder?

Ja, es gibt Bereiche, da haben die Leute halt relativ wenig Hoffnung, dass sich da tatsächlich ein gesellschaftlicher Wandel einstellen wird, auch wenn sie es sich wünschen würden. Das ist bei den Fragen des Umweltschutzes und der Ernährung ähnlich. Man sagt, man achtet heute nicht so sehr auf die umweltfreundliche oder die gute Nahrungsmittelproduktion. Man denkt, man sollte das aber in Zukunft auf jeden Fall tun. Das ist das, was man seinen Kindern mitgeben möchte. Aber wenn man sich die Zukunftserwartungen vor Augen führt, wird das wohl den Bach hinuntergehen.

Sind wir dem denn machtlos ausgeliefert?

Das sind Bereiche, in die man mit Hilfe der Politik eingreifen muss. Die Leute können das nicht von sich aus tun.

In einigen Bereichen findet man große Übereinstimmung bei den Deutschen. So bei der Erwerbstätigkeit: Über 90 Prozent gaben an, dass sie außerordentlich wichtig sei. . .

Und wirklich keiner schert da groß aus. Man muss sich vorstellen, wir haben Leute zwischen 14 und 80 Jahren befragt. Es war für mich die absolute Überraschung, dass da niemand gesagt hat, das sei ihm egal. Das ist irgendwo fest eingemauert. Weil es auch um viel mehr geht als ums Einkommen. Es geht um Selbstverortung, um Selbstbewusstsein, das man darüber tankt.

Sie stellen fest, dass die meisten selbst dann an der Erwerbstätigkeit festhalten würden, wenn sie finanziell ausgesorgt hätten. . .

So ist es. Und umgekehrt: Wenn man eine Idee wie das bedingungslose Grundeinkommen verfolgt, dann muss man sich auf alle Fälle darüber Gedanken machen, wo man Ersatz-Erwerbstätigkeiten her bekommt, etwa durch Stärkung des Ehrenamtes.

Was eint uns noch?

Ein Wir-Gefühl, das aber nicht national geprägt ist. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Den Deutschen ist Solidarität wichtig, das unterscheidet sie von Menschen in anderen Ländern. In den USA, wo ich lange gelebt habe, gibt es keine so hohe Zustimmung für eine solidarische Umverteilung. Diese Zustimmung ist in Deutschland extrem hoch. Selbst bei den wirklich gut Verdienenden. Die stehen da wie eine Eins hinter der Meinung, dass es die bestmögliche medizinische Versorgung auch für diejenigen geben sollte, die das Geld nicht haben. Dies ist ein sehr großer Wert.

Wie sieht es im Familienbereich aus?

Etwas typisch Deutsches ist diese hohe Akzeptanz von ganz unterschiedlichen Familienformen. In unserer Studie lief es darauf hinaus: Es ist uns etwas wert, dass wir unterschiedliche Familienformen leben, dass wir diesbezüglich unterschiedliche Werte haben. Diese Pluralität ist gut verankert.

Umgekehrt gefragt: Was wollen wir in Zukunft unbedingt loswerden?

Eine gewisse Bräsigkeit (lacht). Das kommt in dem Buch jetzt so nicht vor mit dieser Vokabel. Die Studienteilnehmer kritisieren sich selbst, was ihr Unverständnis von technischer Veränderung betrifft. Da wünschen sich die Menschen von sich selbst, dass sie etwas agiler werden.

Gibt es so etwas wie ein deutsches „Vermächtnis“?

Wenn man fragt: Welche Werte sollte man leben? Die Unterschiede zwischen Menschen mit niedriger und hoher Bildung oder mit niedrigem und hohem Einkommen sind da extrem niedrig. In Hinsicht auf das Vermächtnis an kommende Generationen sind alle eng beieinander. Das ist ein großer Unterschied zu den abgehängten Banlieues in Frankreich. Dessen sollte man sich bewusst sein: Wir haben ein Land mit Menschen, die die Werte der Beschäftigung und der Bildung teilen.

>> WIE DIE DEUTSCHE GESELLSCHAFT TICKT

Die wichtigsten Ergebnisse Ihrer großen Vermächtnis-Studie stellt Jutta Allmendinger in ihrem Buch vor: „Das Land, in dem wir leben wollen“. Auch wenn es sich um die populär gehaltene Zusammenfassung einer umfassenden soziologischen Untersuchung handelt, erfährt man die Ergebnisse nicht ohne Mühen.

Denn die Präsidentin des Wissenszentrums Berlin für Sozialforschung erläutert zunächst die Grundüberlegungen, die Herangehensweise und den Aufbau der Studie, bevor sie das Zahlenmaterial interpretiert und daraus Schlussfolgerungen ableitet.

Wer sich die Mühe macht, versteht hinterher allerdings deutlich besser, was die Deutschen verbindet, unabhängig von Bildung, Einkommen, Geschlecht und Herkunft. Es sind nämlich drei Bereiche: Zusammengehörigkeit, Gesundheit und Erwerbstätigkeit. Alle drei genießen einen extrem hohen Stellenwert bei den Befragten.

Wenn es um Kinder geht, sind diese zwar den meisten Deutschen sehr wichtig, doch ein Zehntel der Bevölkerung gibt an, dass ihm dieses Thema vollkommen unwichtig sei.

Allmendingers Buch sollte im Wahljahr Pflicht für Politiker sein – und für alle, die wissen wollen, wie die deutsche Gesellschaft tickt.

Zur Person: Jutta Allmendinger (60) ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Sie hat in Harvard promoviert und leitete unter anderem das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit.

Einer ihrer Schwerpunkte liegt in der Bildungsforschung. Zudem hat sie mehrere Bücher verfasst, darunter „Frauen auf dem Sprung“ (2009) und „Schulaufgaben“ (2012).

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