Gedächtnis

Warum Vergesslichkeit in manchen Fällen ein Segen sein kann

Wie konnte man das nur vergessen? – Vielleicht, weil man es unterbewusst so wollte.

Wie konnte man das nur vergessen? – Vielleicht, weil man es unterbewusst so wollte.

Foto: istock/AaronAmat

Essen.   Platzmangel im Hippocampus? Sich an etwas nicht mehr erinnern zu können, gilt vor allem in der Beziehung und im Job als peinlich – zu Unrecht.

Erinnern Sie sich noch an ihren fünften Geburtstag? Bestimmt gab es eine Feier mit den Eltern und Großeltern, mit Freunden aus dem Kindergarten. Wissen Sie noch, welche Kleidung sie an diesem Tag trugen? Um welche Uhrzeit klingelten die ersten Gäste? Wie war das Wetter und über welches Geschenk haben Sie sich besonders gefreut? Alles längst vergessen? Gut so.

Alles halb so schlimm

„Das Vergessen hat einen schlechten Ruf. Dabei ist es eigentlich etwas sehr Adaptives“, sagt Roland Benoit. Er erforscht das menschliche Gedächtnis am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und ist sich sicher: „Unser Gedächtnis ist nicht für die Vergangenheit da, sondern für die Zukunft. Wir sollen uns an das erinnern, was uns später helfen kann, konkrete Entscheidungen zu treffen. Indem wir alte Gedächtnisleistungen vergessen, erlaubt uns das Gedächtnis, nur die Informationen herauszusuchen, die für die Zukunft relevant sind. Wenn ich meinen Schlüssel suche, interessiert es mich nicht, wo er vor zwei Wochen war. Ich muss mich nur daran erinnern können, wo ich ihn am Vorabend hingelegt habe.“

Dennoch: Niemand outet sich gerne als vergesslich. In zwischenmenschlichen Beziehungen kommt es einfach nicht gut an, wenn man den Geburtstag der besten Freundin vergisst oder den Praktikanten nach vier Monaten noch nicht beim Namen nennen kann. Und doch passiert es uns regelmäßig, dass Informationen verloren gehen.

Ein Schnappschuss der Situation bleibt in Erinnerung

Wirklich verschwunden sind sie oft nicht, wir können sie nur nicht mehr abrufen. Verantwortlich für das komplexe Spiel aus Vergessen und Erinnern ist eine Region im Gehirn: der Hippocampus. „Wenn wir eine Situation erleben, macht der Hippocampus einen Schnappschuss davon. Er speichert das Muster an Hirnaktivität, die es in diesem Moment gab“, erklärt der Neurowissenschaftler.

Beim erfolgreichen Erinnerungsprozess wird dieser Schnappschuss aufgerufen, das Aktivitätsmuster wieder hergestellt. Dabei helfen kann ein Abrufreiz: ein Gegenstand, ein Geruch, eine Melodie, die gemeinsam mit der Erinnerung in den Hippocampus gespült wurden. Vergessen findet statt, wenn der Schnappschuss verblasst, die Gedächtnisspur kann dann nicht mehr korrekt zurückverfolgt werden. Ein anderer Grund, warum wir uns manche Dinge schlecht merken, ist die sogenannte Interferenz: „Wenn man oft das gleiche Restaurant besucht, fällt es schwer, sich an einen konkreten Abend dort zu erinnern. Die einzelnen Erinnerungen kämpfen darum, aktiviert zu werden, neue verdrängen dabei oft die älteren“, so Benoit.

Unser Speicher wird nicht voll

Klingt nach Festplatte mit vollem Speicher. Müssen wir also manche Informationen vergessen, um uns wieder neue merken zu können, weil sonst der Systemabsturz droht? Nein, sagt der Neurowissenschaftler: „Der Hippocampus ist eine der wenigen Hirnregionen, wo auch im Erwachsenenalter noch neue Nervenzellen entstehen, damit wir weitere Erinnerungen schaffen können. Der Speicher wird nicht voll.“ Gegen etwas Entlastung in Form von „cognitive offloading“ ist aber nichts einzuwenden.

Eine gute Nachricht für Google-Junkies: Es gäbe zwar die populäre Annahme, die moderne Technik würde uns kollektiv vergesslicher machen, weil wir alles schnell nachschlagen oder googeln können, sagt Roland Benoit. Befunde gäbe es dazu aber kaum: „Vor Google und Smartphone hatten wir auch Terminkalender, To-do-Listen und andere Hilfsmittel, auf die wir Gedächtnisinhalte auslagern konnten. Das ermöglicht es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.“

Man will nicht alles erinnern

Dass Vergessen tatsächlich ein Luxus sein kann, wissen Menschen mit hyperthymestischem Syndrom. Sie können sich bis hin zu kleinen Details jeden Tag ihres bisherigen Lebens vergegenwärtigen. Eine konkrete Erklärung dafür hat die Forschung nicht, es gibt nur sehr wenige bekannte Fälle. Fest steht aber: Was zunächst nach einer Superkraft klingt, ist für die Betroffenen eine große Belastung. Sie sind meist im Alltag gelähmt davon, sich ständig in unkontrollierbare Assoziationsketten zu verlieren, und schaffen es kaum, in der Gegenwart zu leben. Die totale Erinnerung zu haben, bedeutet nämlich auch, sich an jene Dinge genau zu erinnern, die man nicht immer mit sich herumtragen will. Man weiß dann zwar, dass man zum fünften Geburtstag das ersehnte Fahrrad geschenkt bekam, aber auch, wie furchtbar es war, dass die Eltern sich abends, nachdem die Gäste gegangen waren, gestritten haben.

Auch Menschen ohne extremes Erinnerungsvermögen tut es oft gut, unangenehme Dinge zu vergessen. Den peinlichen Versprecher bei der Projektpräsentation vielleicht oder den Moment, als man der Schwiegermutter Rotwein auf den neuen Teppich gekippt hat. Statt sich lange mit den Gedanken daran herumzuplagen, kann man sich dazu entschließen, das Ereignis absichtlich zu vergessen.

Bewusstes Vergessen ist möglich

Roland Benoit hat dazu mit Kollegen geforscht: „Wir glauben, nachweisen zu können, dass man das Gehirn daran hindern kann, eine Erinnerung abzuspulen, sobald sie durch einen Reiz ausgelöst wird. Man steigt entweder auf die mentale Bremse und vermindert damit die Aktivität im Hippocampus, oder man lenkt die Erinnerung auf etwas anderes um, das man mit dem Reiz verbinden kann. Beide Varianten führen, wenn man sie konsequent wiederholt, dazu, dass man das Ereignis bald vergisst.“

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