Wandern

Wandern und dabei Tiere und Pflanzen entdecken – so geht’s

Niemals ohne Fernglas: Monika und Jürgen Pern entdecken Tiere am Fluss und in den Ruhrauen. Das Paar aus Mülheim engagiert sich für den Nabu.

Niemals ohne Fernglas: Monika und Jürgen Pern entdecken Tiere am Fluss und in den Ruhrauen. Das Paar aus Mülheim engagiert sich für den Nabu.

Foto: Kai Kitschenberg / FUNKE Foto Services

Mülheim.  Sie können nicht nur geradeaus gehen: Für Monika und Jürgen Pern vom Nabu ist jeder Weg eine Entdeckungstour. Sie zeigen, wie man fündig wird.

Monika Pern wundert sich. Über Jogger, die schnurgerade laufen, ohne auch nur einmal ins Gebüsch zu schauen. Oder Spaziergänger, die in ein Gespräch vertieft sind und überhaupt nicht wahrnehmen, dass ganz in ihrer Nähe drei Kormorane sitzen. „Ich kann gar nicht mehr so durch die Gegend laufen“, sagt die 54-Jährige, die sich zusammen mit ihrem Mann Jürgen Pern beim Naturschutzbund (Nabu) engagiert. „Ich gucke immer!“

Während Ungeübte mit den Augen noch das Ufer der Ruhr in Mülheim absuchen, haben die beiden schon wieder einen Vogel entdeckt. „Das war ein Bussi“, nennt Jürgen Pern liebevoll einen Bussard. „Der Trick ist, keinen Fokus zu haben, den Tunnelblick zu vermeiden und lieber in die Weite zu gucken“, verrät Monika Pern. Dann sieht man plötzlich einen dunklen Fleck am blauen Himmel. „Da ist ein Falke“, sagt der 50-Jährige und korrigiert sich sofort: „Nein, kein Falke, er rüttelt nicht.“

Mit einem schrillen Pfiff kündigt sich der Eisvogel an

Nicht nur die Silhouette, sondern auch die Art, wie ein Vogel fliegt und die Flügel schlägt, hilft bei der Bestimmung. So ist es für den Falken typisch, sich bei seiner Jagd auf Mäuse mit rüttelnden Flügelschlägen an einem Punkt in der Luft zu halten. Kanadagänse flattern in einer V-Formation über die Köpfe der beiden Naturfreunde hinweg. „Da fliegt ein Eisvogel!“, ruft Monika Pern und zeigt auf etwas Bläuliches, das flink übers Wasser fliegt und in der Uferböschung verschwindet, wo bereits ein Graureiher auf seinen langen Beinen und mit Blick aufs fischreiche Wasser lauert. „Meist hört man den Eisvogel, er macht so einen schrillen Pfiff.“ Und Jürgen Pern ergänzt: „Normalerweise kündigt er sich an: tjiih – ich komme!“

Später an diesem Tag werden sie noch einen Eisvogel sehen, auf der so genannten Entenschnabel-Insel, die aus der Vogel-Perspektive betrachtet einem Entenkopf gleicht. Der Eisvogel mit der rotbraunen Brust und dem blau-türkis schimmernden Gefieder sitzt dann auch genau da, wo man ihn erwartet: auf einem Ast, der über dem Wasser hängt – mit Vorfreude auf die nächste Fischmahlzeit.

„Wo sind die Vögel? Sie zwitschern gar nicht mehr.“ Solche Fragen hört das Paar Pern öfter, wenn die beiden mit ihren blauen Nabu-Allwetterjacken in den Ruhrauen unterwegs sind. Aber keine Angst: Alle Vögel sind noch da – oder zumindest recht viele, wenn sie nicht gerade zu denen gehören, die im Winter weiterziehen. „Die Kraniche sind schon lange weg.“

Der heimische Haubentaucher allerdings, mit seinem hübschen rotbraunen und schwarzen Kopfputz, der mitsamt eines Jungtieres über das Wasser und am geplanten Ruhrbadestrand vorbeigleitet, gehört auch zu anderen Jahreszeiten zu den mittlerweile selteneren Anblicken, wie der Nabu bei der alljährlichen Wasservogel-Zählung festgestellt hat. Monika Pern: „Sie sind weniger geworden.“ Ohne dass sie und ihre Nabu-Freunde genau erklären könnten, warum. Aber warum die anderen Vögel manchmal den Schnabel halten, weiß sie schon: „Sie sind in der Mauser.“

Vogelfutter ist hier nicht nötig, der Tisch ist reich gedeckt

Es liegt natürlich nicht nur an einem neuen Federkleid, dass die Vögel den Gesang für einige Zeit etwas vernachlässigen. So stimmt etwa der Buchfink im Herbst nur noch zu einem „monotonen Flöten“ an, erläutert Lokführer Jürgen Pern und lauscht dem nicht ganz so spektakulären Ruf. „Es ist kein Reviergesang mehr, sondern nur: ,Ich bin da!’“ Das spart ja auch Energie. Ganz anders würde das im Frühjahr klingen. Und zwar so: „Ich, ich, ich, ich bin der Unteroffiziiiiiiier.“

Spaziergänger haben ein paar Körner auf die Brüstung einer Brücke am Mühlenbach gelegt. Überflüssig sei das an dieser Stelle, so Jürgen Pern, die Vögel müsse man nicht füttern: „Der Tisch ist hier wirklich reich gedeckt.“ So zeigt er immer wieder auf Hagebutte, Brombeeren, Clematis, Weißdorn. . . Und dann schwebt etwas vom Wasser her: „Eine Teichjungfer, sie hat einen etwas bulligeren Schädel.“ Eine kleine Libelle!

Ein schwerer Blumenduft sticht in die Nase, lange bevor man es sieht: das Indische Springkraut. Monika Pein schnippt gegen die Samenkapsel – und die springt auf. Die Naturliebhaberin steckt sich einen Samen in den Mund, denn der sei essbar: „Nussig, gar nicht schlecht.“ Das Indische Springkraut vermehrt sich und verdrängt heimische Arten. Gar nicht gut. Aber: Bienen lieben die pinkfarbenen Blüten und Insekten legen an den Stängeln ihre Larven zum Überwintern ab. „So hat alles seine zwei Seiten“, sagt die gelernte Bürokauffrau, die für den Nabu Broschüren zusammenstellt und auch der 13-jährigen Tochter von klein auf die Natur am Wegesrand gezeigt hat.

Da! Im Wasser unter der Holzbrücke bewegt sich etwas. Ist das eine Nutria? Nein, das Fellknäuel, das da schwimmt, ist kleiner. „Eine Bisamratte“, so Jürgen Pein. Die kommt ursprünglich aus Nordamerika. Und Nutrias, die schon mal mit einem Biber verwechselt werden, dabei erinnert der Nutria-Schwanz eher an den schmalen einer Ratte und weniger an den platten eines Bibers, haben ihre Heimat eigentlich in Südamerika. Als ehemalige Pelztiere sind sie geflüchtet und fühlen sich heute auch am Mülheimer Ufer wohl. Und genau da sitzt ein Tier und putzt sein braunes Fell. „Nutrias sind keine Schädlinge“, betont Jürgen Pern. „Das sind ganz friedliche, putzige Kameraden.“ Das Paar sieht sie lieber als die Waschbären, die sich auch in unserer Region verbreiten. Die sind zwar ebenfalls putzig, aber: „Das sind Nesträuber.“

„Da ist ein bildhübscher Hybrid mit weißem Kopf“, sagt Jürgen Pern, während er von der Brücke aus durch das Fernglas aufs Wasser schaut. Alle meine Entchen haben auch schon mal eine weiße Hausente kennen- und lieben gelernt. Und da sieht man dann bei den Söhnen und Töchtern weiße Federn zwischen den glänzenden grünen, braunen oder schwarzen hervorblitzen.

Jürgen Pein erspäht die ersten Wintergäste: eine Schnatterente, grau-braunes Gefieder, schwarzer Schnabel. In der Nähe: ein Zwergtaucher! „Wenn man einen sieht, dann sieht man bald auch den zweiten.“ Der Vogel-Fan scannt die Wasserfläche weiter mit dem Fernglas: „Schnatterenten, ein, zwei Stockis.“ „Stockenten“, übersetzt Monika Pern. Da vorne: ein Blässhuhn. „Es hat etwas im Schnabel“, sagt Monika Pern. Hoffentlich kein Brot. Sie ärgert sich immer, wenn Spaziergänger die Enten damit füttern. „Das gärt im Magen, dann verenden die Tiere“, warnt Monika Pein. „Tafelenten dahinten“, ruft ihr Mann. „Bildhübsch!“ Mit einem hellen Streifen auf dem dunklen Schnabel. Dann deutet er auf schwarz-weiße Reiherenten. „Die Mädels sind etwas grauer, unscheinbar.“ Die tauchen häufig ab, deshalb seien sie nur schwer zu zählen. Die Reiherenten-Männer erinnern an kleine Punker, sie haben auf dem Kopf eine Tolle, Pardon, eine Holle. „Das sind ein, zwei Federn, die nach oben stehen.“ Und seine Frau erklärt: „Daher kommt der Name Frau Holle.“

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