Die große Kultur-Kritik

Vorhang auf oder Vorhang zu für unsere Kulturlandschaft NRW?

Die Szene lebt: Das Festival Juicy Beats in Dortmund mit Feine Sahne Fischfilet 2016. Bei Museen, Theatern und Konzerthäusern ist nicht immer so eine Stimmung...

Die Szene lebt: Das Festival Juicy Beats in Dortmund mit Feine Sahne Fischfilet 2016. Bei Museen, Theatern und Konzerthäusern ist nicht immer so eine Stimmung...

Foto: Marc Oliver Hänig

Essen.  Bühnen, Museen und Konzerthäuser bekommen vom Land zwar wieder mehr Geld, doch sie locken immer weniger Publikum an. Die große Kultur-Kritik!

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„In Düsseldorf und Umgebung war es schließlich einfach, wenn man nur Geld hatte, irgendetwas zu finden, wo man sich sehr angenehm vergnügen konnte,“ befand Monsieur Paillot, der reiche Gerbereiunternehmer, der sich 1794 vor der Französischen Revolution zunächst im Rheinland in Sicherheit gebracht hatte – und dann im Ruhrgebiet, das noch gar nicht so hieß. Dort fand der kulturbeflissene Bildungsbürger Paillot alles sehr eng, rückständig, alt und schmutzig. Genau wie in Köln, übrigens.

Aber während die damalige Domruinen-Stadt einen Image-Wandel zur lebendigen Kulturmetropole geschafft hat, scheinen Auswärtige immer noch nicht so recht zu glauben, im Ruhrgebiet irgendetwas zu finden, wo man sich „sehr angenehm vergnügen“ könnte. Die beiden Musical-Spielstätten in Oberhausen und Essen werden in diesem Jahr mangels Nachfrage geschlossen, Flaggschiffe wie das Folkwang-Museum haben schon länger keine Ausstellungen fürs Massenpublikum im Angebot und eine Wiederholung des „Still-Lebens“ auf der A 40 im Kulturhauptstadtjahr 2010 steht nicht einmal zur Diskussion.

Aber vielleicht haben die rund 200 Museen, 100 Kulturzentren, 100 Konzertsäle, 120 Theater, 250 Festivals und etwa 3500 Industriedenkmäler des Ruhrgebiets ja in einer Region mit über fünf Millionen Einwohnern auch eher die Aufgabe, deren Kulturbedürfnisse abzudecken, ihnen Erlebnisse jenseits des Alltags anzubieten, die viele verschiedene Sinne betören, nicht nur unter die Haut gehen, sondern auch zu Herzen und ins Hirn.

NRWs Kulturhaushalt steigt um 50 Prozent

Die Bedingungen dafür sind jedenfalls in den vergangenen Jahren, wie überall in Nordrhein-Westfalen, besser geworden. Das Land hatte mit 224 Millionen Euro den höchsten Kultur-Etat seiner Geschichte, die schwarz-gelbe Landesregierung bei ihrem Amtsantritt 2017 ja sogar versprochen, ihre Kultur-Ausgaben bis 2022 um 50 Prozent auf dann 300 Millionen Euro zu erhöhen.

Mindestens aber genauso wichtig ist die Kehrtwende in der Einstellung der Landesregierung: Das Kabinett von Hannelore Kraft (SPD) hatte beinahe geschlossen aus seinem Desinteresse an Kultur keinen Hehl gemacht – allen voran die geradezu kulturallergische Ministerpräsidentin selbst; aber auch ihre Kultur-Ministerinnen schickten nicht selten einen Staatssekretär, wenn es galt, eine Ausstellung, eine Schauspiel-Saison oder ein Festival zu eröffnen. Kultur war für dieses Kabinett ein Mittel zur Sanierung von defizitären Spielbanken und bestenfalls eines der Bildungspolitik, die Defizite von Schul- und Sozialpolitik heilen sollte. Und erst als dem einen oder anderen Theater im Lande die Pleite drohte, raffte man sich zu einem Stärkungspakt für die Theater auf.

Wie anders nimmt sich das unter Armin Laschet aus. Der CDU-Mann sonnt sich zwar spürbar gern fast präsidial im Glanz von Kulturereignissen; aber er nimmt sie auch ernst, wie sich spätestens im Fall der Ruhrtriennale zeigte, die sich 2018 nicht rechtzeitig, nicht klar genug vom Antisemitismus-Zwielicht distanziert hatte. Demonstrativ blieb Laschet der Eröffnung fern, ebenso demonstrativ nahm er im Folgejahr wieder daran teil. Seine parteilose Fachministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen hat sich derweil zur Kulturfee mit dem Füllhorn aufschwingen können. Sie genießt beides: Zum einen die zuschussbeflügelten Huldigungen der Szene, der die Ministerin (die ja – keineswegs nebenbei – auch noch die Hochschulen des Landes pflegen muss) beinahe täglich mit Besuchen, Grußworten und Podiumsdiskussionen die Ehre gibt; und zum anderen auch das Bewusstsein, so etwas wie die allgegenwärtige Inkarnation bürgerlicher Liebe zur Kultur zu sein. Sie weiß schließlich nur zu gut, dass Kultur, also die Menschen, die sie Schaffen, nicht nur von Zuwendungen, sondern vor allem von Zuwendung leben.

Kinder und Jugendliche anlocken

Mit anderen Worten: vom Publikum. Und hier liegt vielleicht das aktuell größte Problemfeld der Kulturlandschaft an Rhein und Ruhr. Deren Einrichtungen können seit einiger Zeit durchatmen und müssen nicht mehr Jahr für Jahr um ihre Existenz, um ihre Etats kämpfen. Doch wie überall in der Republik stagnieren auch hier die Besucherzahlen der Bühnen, Museen, Konzertpodien, Lesungen – bestenfalls. Und der Schwund des Publikums droht immer größer zu werden, weil es, anders als früher, eben nicht mehr ab einem gewissen, gereiften Alter von alleine kommt. Die Museen haben das längst begriffen und versuchen, mit verstärkten Pädagogik-Abteilungen, schon bei Kindern und Jugendlichen eine Liebe zu Kunst und Kultur (und eine Bindung an das jeweilige Haus) zu verankern, die spätestens im Erwachsenenleben wieder zum Tragen kommen soll.

Silbersee auf den Zuschauerrängen

Aber während sich die Museen noch darauf zurückziehen können, dass das Ausstellen neben dem Sammeln und dem Erforschen nur ein Teil ihrer Aufgaben bildet, werden Bühnen-Einrichtungen ohne Publikumszuspruch überflüssig. Immerhin mündete die beständig wachsende Zahl von neuen Konzerthäusern im Ruhrgebiet mit dem Bochumer Musikforum als jüngsten Zuwachs nicht in die befürchtete Kannibalisierung. Bei den Theatern aber wird der demografische Wandel immer sichtbarer. Angesichts des Silbersees auf den Zuschauerrängen haben sich etliche Bühnen zu Versuchen und Programmen entschlossen, die ein jüngeres, diverseres Publikum ansprechen sollen.

Wie zwiespältig das ausgehen kann, zeigt die Entwicklung im Theater Oberhausen und im Bochumer Schauspielhaus. In Oberhausen scheitert gerade der junge Intendant Florian Fiedler, der die Grenzen der Bühne ständig ausweitet, sein Theater in die Stadt zu bringen versucht und die Stadt ins Theater, mit einem jugendlich-anarchischen Gestus – mit Auslastungszahlen, die sich bedrohlich der 50-Prozent-Marke nähern.

In Bochum macht Johan Simons ein explizit politisches Theater (das überhaupt nach den Jahren der Finanznot nun immer stärker wird) für ein junges Großstadtpublikum und riskiert, dass notorische Schauspielhausgänger ihr jahrzehntelang währendes Abonnement kündigen. Aber das junge Großstadtpublikum kommt nicht in Strömen. Die Kritik ist begeistert von den mehr oder minder großen Qualitätssprüngen gegenüber der eher betulich-soliden Ära des Vorgängers Anselm Weber. Aber ausverkauft sind fast nur die „Hamlet“-Vorstellungen der Star-Schauspielerin Sandra Hüller.

Anders als Monsieur Paillot und andere Kultur-Touristen wollen sich die Menschen in Ruhr wohl nicht nur „angenehm vergnügen“ Aber vielleicht suchen sie ein bisschen mehr Schau und ein bisschen weniger Spiel. Gut nur, dass man dafür nicht mehr viel Geld haben muss – die Kartenpreise für Museen, Theater und Konzerthäuser im Lande sind, angesichts der meist gebotenen Qualität, nach wie vor und gerade im internationalen Vergleich auf einem sensationell erschwinglichen Niveau.

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