Rock-Geschichte

Vor 50 Jahren geschah das Wunder von Woodstock

Legendärer Auftritt: Jimi Hendrix zerriss die Melodie des „Star Spangled Banner“ auf der Gitarre.

Legendärer Auftritt: Jimi Hendrix zerriss die Melodie des „Star Spangled Banner“ auf der Gitarre.

Foto: ddp images

Essen.   Ein Acker nahe New York wurde vor 50 Jahren zum Schauplatz für Höhepunkt und Niedergang der Hippie-Kultur – mit Folgen bis zum heutigen Tag.

Dreieinhalb Tage, die die Welt veränderten. Und das, obwohl eigentlich gar nicht viel passiert ist. Mitte August 1969 kamen Menschen auf einer Ackerfläche in Bethel im Bundesstaat New York zusammen, zwei Autostunden von Manhattan entfernt, um Musik zu hören. Und um ein Festival zu feiern. Okay, es waren viel, viel mehr Menschen als sich irgendwer je erträumt hatte. Mit 40.000 bis 60.000 Tickets hatten die Veranstalter Michael Lang und Artie Kornfeld wohl gerechnet, allein im Vorfeld verkauften sie beängstigend mehr: 186.000 Karten – und wurden überrannt von 400.000 Hippies, die zusammenkamen, um einige der Großen ihrer Zeit zu hören.

Es gab jene, die damals schon groß waren und noch heute legendär sind: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Neil Young (als Teil von Crosby, Stills, Nash & Young), The Who, Joan Baez, Creedence Clearwater Revival. Es gab ein paar, die damals im Zenit ihrer Karriere standen, aber heute nur noch den Älteren etwas sagen: Country Joe & The Fish, die mit ihrem legendären „Fuck Sheer“ einen der Höhepunkte des Festivals markierten, oder die Incredible String Band. Und es gab jene, die seinerzeit noch niemand kannte, die aber auch durch Woodstock berühmt werden sollten. Da ist ein mexikanischer Bandleader namens Carlos Santana gewesen, der damals schon schier Verblüffendes auf der Gitarre produzierte, aber noch nicht einmal ein Album herausgebracht hatte. Oder ein britischer Klempner namens Joe Cocker, der ausgerechnet mit einer Coverversion des Beatles-Songs „With A Little Help From My Friends“ seinen Durchbruch dank Woodstock feiern sollte.

Das Establishment lief Sturm - vergebens

Apropos, seinen Namen verdankte das Festival dem Ort, an dem es ursprünglich ausgerichtet werden sollte: „Woodstock Aquarian Music & Art Fair“ sollte es heißen. Doch der Gemeinderat eben jenes Ortes Woodstock, in dem Bob Dylan und Mitglieder von The Band wohnten, Janis Joplin und Jimi Hendrix, jener Gemeinderat hatte also etwas dagegen. Weshalb die Veranstalter nach einiger Suche auf den Milchbauern Max Yasgur stießen, der bereit war, ihnen für einen angemessenen Preis eine seiner vielen Wiesen zu überlassen. Auch hier liefen Teile des Establishments Sturm, weil man jene Hippie-Invasion befürchtete, die es letztlich ja auch werden sollte.

50 Jahre danach – Ein Besuch am „Woodstock“-Schauplatz Über Woodstock wurden viele Bücher geschrieben und Filme gedreht. Über die teils chaotische Organisation dieser „3 Days Of Peace & Music“, die zunächst einmal nicht dem Unvermögen der noch unerfahrenen Veranstalter zu verdanken war, sondern schlicht dem unglaublichen Andrang. Michael Lang und Artie Kornfeld, damals Mitte 20, machten sich nämlich sehr wohl Gedanken darüber, wie man der Lage Herr werden könnte – und engagierten eine 80-köpfige Hippie-Kommune aus New Mexico. Schon der Name versprach wenig Gutes: Die „Hog Farm“ stand unter der Leitung eines gewissen Wavy Gravy, der mit seinen Leuten für so gut wie alles und nichts zuständig war, vom Bühnenaufbau bis zum Errichten der Absperrungen – und schließlich sogar für die Verpflegung.

„Freedom“ war die erste musikalische Botschaft des Festivals

Als das Festival begann, war nichts von alledem fertig: Als Richie Havens als erster Künstler auf die Bühne ging, hämmerte man unter ihm noch fleißig. Dennoch gelang ihm, der eigentlich nur als erster eingesprungen war, weil andere Künstler dank Stau noch gar nicht auf dem Festivalgelände angekommen waren, aus dem alten Gospel „Motherless Child“ eine neue, inspirierende Hymne zu formen: „Freedom“, ein Song, dessen Botschaft es ist, dass sich der Kampf für die Freiheit lohnt.

Der Andrang war gewaltig, weder Kassenhäuschen noch Zäune waren fertig, weshalb Lichttechniker Chip Monk irgendwann auf die Bühne ging und verkünden musste: „Von nun an ist der Eintritt frei!“

Kurz zuvor hatten die Hippies den Sündenfall erlebt

Woodstock stellte das friedliche Zusammentreffen einer amerikanischen Gegenkultur dar, die sich in den Jahren zuvor gebildet hatte. Der Glaube an ein freies, selbstbestimmtes Leben außerhalb jener Zwänge und der von der Gesellschaft vorgezeichneten Lebensläufen. Das Aufbegehren der Bürgerrechtsbewegung, deren Anführer Martin Luther King ein Jahr zuvor ermordet worden war. Die Erfindung der Antibabypille, die eine Idee wie die freie Liebe überhaupt erst möglich machte. Der sogenannte Stonewall-Aufstand in der New Yorker Christopher Street, bei dem Homosexuelle erstmals gegen Polizeiwillkür aufbegehrten. Außerdem: Über jedem männlichen amerikanischen Jugendlichen schwebte die Gefahr, eingezogen zu werden und in den bereits seit 14 Jahren andauernden Vietnamkrieg geschickt zu werden. Hinzu kam auch die Versuchung durch neue, psychedelische Drogen wie LSD, Meskalin und Psylocybin, mit denen der kalifornische Professor Timothy Leary experimentiert hatte. Und die Hippie-Bewegung hatte erst wenige Tage zuvor durch den Mord an der Schauspielerin Sharon Tate und ihrer Begleiter durch Anhänger des Hippies Charles Manson ihren Sündenfall erlebt.

Jeder Einzelne wurde verantwortlich für den anderen

All dies brodelte unter den Besuchern des Festivals, für deren Rauschzustände eigene Bad-Trip-Zelte aufgebaut worden waren, die teils nackt über das nach einigen Tagen wegen Regen und Sturm verschlammte Festival-Gelände tanzten.

Drei Tage wie im Rausch waren es, wenn man denen zuhört, die dabei waren. Und die doch von Liebe und Rücksichtnahme geprägt waren. Der amerikanische Journalist Danny Goldberg, damals 19 Jahre alt, schrieb im Billboard-Magazin angesichts des Ansturms: „Die Menschenmassen waren so groß, dass niemand mehr für sie verantwortlich sein konnte, sodass jeder Einzelne verantwortlich wurde.“

Eine zerrissene Nationalhymne

Das Festival zog sich dank unzähliger Programmhänger bis zum Montagmorgen, dem 18. August 1969, als Jimi Hendrix auf die Bühne ging und neben seinen Klassikern wie „Purple Haze“ und „Hey Joe“ auch noch seine auf der Gitarre geradezu zerrissene Version der amerikanischen Nationalhymne spielte. Zu dieser Zeit, so schätzt man, waren nur noch 35.000 Besucher auf dem Gelände.

Doch mit seinem offiziellen Ende war es mit Woodstock noch lange nicht vorbei. Denn während des Festivals waren wegen des Verkehrszusammenbruchs kaum Nachrichten, geschweige Foto- oder Filmmaterial vom Gelände gekommen – man war eingekapselt. Aber es waren zahlreiche Journalisten von großen Zeitungen und Magazinen vor Ort, die im Anschluss an dieses gigantische Zusammentreffen mit ihren Berichten das mediale Fundament für die Legendenbildung legten. Zumal die Bilder von enthemmten und entblößten Jugendlichen wohl auch aus Schaulust um die Welt gingen.

Harte Arbeit an der Legendenbildung

An der weiteren Legendenbildung hatten die Veranstalter selbst ihren gehörigen Anteil. Sie brachten 1970 den Film „Woodstock – 3 Days Of Peace And Music“ in die Kinos, eine dreistündige Dokumentation, die mit der damals revolutionären Split-Screen-Technik arbeitete und unter anderem vom seinerzeit unbekannten, späteren Meister-Regisseur Martin Scorsese geschnitten wurde. Dazu lieferten sie ein 3-LP-Set, das die Essenz der Festivaltage auf ein leicht konsumierbares Maß herunterköchelte. Denn auch das ist wahr: Nicht alles, was in Woodstock zu hören war, zählt zu den Höhepunkten, The Who bezeichneten ihren Auftritt dort als einen ihrer schlechtesten.

Die Botschaften von Freiheit und Liebe, von Miteinander und Zusammengehörigkeit wurden durch die Bilder und Lieder vermittelt, sie verbreiteten sich um die Welt und prägten den Geist der 70er-Jahre. So verfestigte sich der Eindruck, dass hier etwas Weltbewegendes stattgefunden hatte. Impulse, die später nicht nur die Friedensbewegung und die erste Welle der Ökos bis hin zur Gründung der Grünen Partei bei uns in Deutschland beeinflussen sollten. Wenn man es recht betrachtet, verdankt auch Greta Thunberg mit „Fridays For Future“-Protesten ihren Erfolg dem Erbe von Woodstock.

Ohne Woodstock keine vergleichbare Festivalkultur

Wenn am kommenden Donnerstag Quentin Tarantinos Film „Once Upon A Time In Hollywood“ in den Kinos startet, wird auch dies eine indirekte Folge von Woodstock sein. Auch wenn der Film eher von einem Western-Schauspieler (Leonardo DiCaprio) und seinem Stuntman (Brad Pitt) handelt, die mit der „Manson Family“ in Berührung kommen. Doch ohne Woodstock und den Schwarzweißkontrast durch die fürchterlichen Morde und das friedliche Festival erschiene die damalige Zeit halb so interessant. Der Geist von Woodstock hat Filmemacher wie Michael Wadleigh („Taking Woodstock“) oder Cameron Crowe („Almost Famous“) inspiriert, er beflügelte Musiker quer durch die 70er-Jahre bis hin zu Nirvana. Wahrscheinlich gäbe es keine so lebhafte Festival-Kultur, wenn es nicht jene drei Tage in Woodstock gegeben hätte, die bis heute als Mutter aller Festivals gelten.

50 Jahre Woodstock. Und den Nachhall kann man noch heute auf jedem Festivalgelände von Rock am Ring bis Wacken spüren.

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