Psychologie

„Viele sehen die eigene Schuld nicht mehr als Schuld an“

Jo Reichertz: „Man spricht sich heute selbst frei

Foto: Alexandra Roth

Jo Reichertz: „Man spricht sich heute selbst frei Foto: Alexandra Roth

Essen.   Jo Reichertz vom Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen kritisiert, dass das Entschuldigen seine ursprüngliche Bedeutung verliert.

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Sorry, tut mir leid, war keine Absicht! Wo man auch hinhört: Die Menschen entschuldigen sich. Der Ton ist höflicher geworden, könnte man meinen. Doch Kommunikationswissenschaftler Jo Reichertz aus Essen sieht noch einen anderen Grund für das häufige Sorry: „Es bedeutet nichts mehr.“

Der Ruf ist wieder hergestellt

Ursprünglich war das Entschuldigen eine Art Rechtsprechung im Kleinen. Jemand hat Schuld auf sich geladen, ein anderer verzeiht ihm. Danach ist der Ruf des Menschen, der einen Fehler gemacht hat, wieder hergestellt. Beide können sich erneut auf Augenhöhe begegnen.

„Jede Gesellschaft braucht solch einen Mechanismus“, sagt der Professor für Soziologie. In Europa, in der westlichen Welt, habe die Art, wie man sich entschuldigt, einen christlichen Ursprung: „Wenn man gesündigt hat, geht man zur Kirche und beichtet. Der Priester befreit einen dann von den Sünden.“ Bei kleineren Vergehen liegt es nicht mehr in Gottes Hand, sondern in der Macht des Menschen, dem man etwas angetan hat. Nur er kann einen freisprechen. „Doch dieses Verständnis von Schuld und Vergebung hat sich sehr ausgedünnt“, sagt Jo Reichertz. „Was dazu führt, dass man sich selbst freispricht – und nicht der andere.“

Man wird zornig, wenn der andere die Entschuldigung nicht annimmt

Ich entschuldige mich. Mit diesem Satz glauben heute viele Menschen, sei es getan. Man hat sich entschuldigt und gut. Dabei gehört zu diesem Prozess auch das Vergeben. „Dann sind sie zornig, weil der andere die Entschuldigung nicht annimmt. ,Was willst du eigentlich? Ich habe mich doch entschuldigt.’“

Zudem würden viele die eigene Schuld heute nicht mehr als Schuld ansehen, so der 67-Jährige. Dann erklärten sie etwa: „Das habe ich nicht gewusst! Das war nicht meine Absicht!“ Und wenn etwas ohne Absicht getan werde, so eine verbreitete Ansicht, bräuchte man sich auch nicht mehr zu entschuldigen.

Man schiebt die Schuld dem anderen zu

Oder man schiebe die Schuld dem anderen zu: „Warum regst du dich darüber auf?“ Reichertz nennt ein Beispiel: Ein junger Mann, Anfang 20, feiert die Nacht durch. Ein Nachbar beschwert sich, weil er nicht schlafen kann. Das Gegenargument lautet: „Ich darf feiern! Er hätte sich doch Ohropax in die Ohren stecken können.“

Was Recht ist und was Pflicht, habe sich verschoben, meint Jo Reichertz. „Das passiert in individualisierten Gesellschaften.“ Wenn der Fluchtpunkt das eigene Leben und die Selbstverwirklichung sei und nicht die Gemeinschaft, in der man zusammen leben möchte.

Die Erziehung intensiviere diese Entwicklung. „Aus besten Motiven werden Kinder heute positiv verstärkt. Dadurch werden sie zu Personen erzogen, die alles richtig machen. Anderes wird ausgeblendet. So lernen sie aber nicht, wo sie etwas falsch machen, wie sie damit umgehen. Und dass es kein Weltzusammenbruch ist, wenn man sich entschuldigt.“

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