Gender-Reveal-Partys

US-Trend Gender-Reveal-Partys: Es ist ein Mädchen!

Blau oder Rosa, Junge oder Mädchen? Duygu und Emre Açikel haben das auf einer Gender-Reveal-Party vorgelesen.

Blau oder Rosa, Junge oder Mädchen? Duygu und Emre Açikel haben das auf einer Gender-Reveal-Party vorgelesen.

Foto: MATTHIAS GRABEN / FUNKE Foto Services

Hagen.  Bei Gender-Reveal-Partys erfahren Eltern das Geschlecht ihres Babys: Ein Trend aus den USA, der zu uns herüberschwappt. Ein Hagener Paar erzählt.

Der Ballon platzt und es regnet rosafarbenes Konfetti. Duygu Açikel (30) breitet ihre Arme aus, mit einem breiten Lachen läuft sie auf ihren Mann Emre (32) zu. Zwischen Kirschblütendeko, einer mit pinken und blauen Macarons garnierten Torte und goldener „Oh Baby“-Girlande liegt sich das Paar in den Armen. Die Açikels haben gerade das Geschlecht ihres zweiten Kindes erfahren: Es wird ein Mädchen!

Zu sehen sind diese Szenen nicht live, sondern in einem mittlerweile ein Jahr alten Video. Denn das Paar hat seinen großen Moment nicht nur mit 30 Freunden und Familienmitgliedern geteilt, sondern auch auf dem Facebook-Kanal von Duygu Açikels Kosmetikstudio „Schminkliebe“ hochgeladen. „Gender-Reveal-Party“ heißt der Trend aus den USA, bei dem werdende Eltern das Geschlecht ihres Kindes nicht zu zweit beim Frauenarzt, sondern bei einer großen Feier erfahren, die meist auf Foto und Video festgehalten und in den sozialen Medien geteilt wird.

Rosafarbener Rauch aus Flugzeugen

Im Internet gibt es haufenweise Videos von Gender-Reveal-Partys – und wer sich einmal durchklickt, merkt schnell: Einen Ballon zu zerstechen, ist fast schon langweilig. Vor allem in den USA fliegen da schon mal dutzende rosa Ballons aus einem überdimensionalen Geschenkkarton, wird ein Riesenrad in Blau angeleuchtet, wird rosafarbener Rauch aus Flugzeugen abgeschossen. Immer mehr schwappt der Trend auch nach Deutschland herüber – besonders in die Szene der Netz-Bekanntheiten und Influencer. So ließen zum Beispiel die Youtuber Sarah und Dominic Harrison einen Ballon mit rosa Konfetti platzen und zeigten so in einem entsprechenden Video jedem, der es wissen wollte, dass sie zum zweiten Mal eine Tochter erwarten.

Den Moment mit den Liebsten teilen

„Wir in Europa machen ja meistens die Trends aus den USA nach“, sagt Emre Açikel lachend. Gewissermaßen war das auch schon bei der Geburt ihres ersten Kindes, dem heute vierjährigen Ulu, so. Damals feierte Duygu Açikel mit Freundinnen eine „Baby Shower“, also eine Babyparty, bei der die werdende Mutter und das Kind gefeiert werden. Und letztes Jahr, vor der Geburt der mittlerweile einjährigen Dua, sollte es dann eben eine Gender-Reveal-Party sein. Duygu Açikel erinnert sich: „Für uns war das ein besonderer Moment, den wir mit unseren Liebsten teilen wollten.“

Ihr Frauenarzt gab der 30-Jährigen damals einen Zettel mit dem Geschlecht des Babys mit. Sie wiederum gab den Zettel – ohne heimlich zu linsen, versteht sich – an eine Freundin weiter, die den Ballon mit dem richtigen Inhalt besorgte: rosa Konfetti. Auf der Party selbst habe es etwa ein nettes Beisammensein mit Essen und Trinken gegeben, erzählen die beiden. Und dann am Ende den großen Moment, als der Ballon platzte.

Rückkehr alter Geschlechterklischees

Für Thomas Meyer fügt sich der Trend der Gender-Reveal-Partys in eine Reihe von Phänomenen ein, die in den Sozialwissenschaften schon länger beobachtet werden. Der Soziologe lehrt an der Universität Siegen, einer seiner Schwerpunkte ist die Familiensoziologie. Er sagt: „In Teilen der Gesellschaft erleben wir schon länger eine Rückkehr überkommen geglaubter Geschlechterklischees.“ Ein Beispiel sei der Trend der „‚Rosafizierung’“. Will heißen: Rosa als Mädchenfarbe ist wieder omnipräsent im Warenregal, egal ob bei quietschpinken Spielzeugen, T-Shirts oder stylishen altrosa Handymodellen.

Allein darauf lasse sich das Phänomen der Gender-Reveal-Partys, in denen ja auch der Prozess der Familienbildung inszeniert werde, aber nicht zurückführen. „In der Soziologie beobachten wir eine zunehmende ‚Eventisierung’ der Festlandschaft, die sich zum Beispiel auch bei Junggesellenpartys und Hochzeiten studieren lässt“, so der Soziologe. Das habe viel mit dem Wunsch nach außeralltäglichen Spektakeln und mit Selbstinszenierung zu tun – nicht zuletzt in den sozialen Medien.

Rituale der Zusammengehörigkeit

Gleichzeitig ließen sich solche Happenings auch als Rituale interpretieren, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugten: „In einer Zeit, in der Gewissheiten schwinden, in der jeder weiß, dass Beziehungen zerbrechlich sind, in der viele Ehen scheitern, kann der Bezug auf das vermeintlich fixe und naturgegebene Schema der Zweigeschlechtlichkeit Halt und Sicherheit verleihen.“ Und noch etwas spiele eine Rolle: „Wir leben in einer Kultur radikaler Transparenz, Offenheit und Planung. Als Gegenentwurf erleben wir einen Wunsch nach Wiederverzauberung, eine Lust am Geheimnis und an der Überraschung.“ Wie eben an dem Moment, in dem der Luftballon platzt.

Rosa und Blau, so könnte man denken, das steht doch für Stereotypen, die wir längst überwunden haben. Und überhaupt: Läuft das nicht darauf hinaus, dass Mädchen von Kopf bis Fuß in Pink gekleidete Barbies sind und Jungs Kerle, die Fußball spielen und nicht weinen dürfen? Aber so einfach ist es eben nicht. „Wir stehen eigentlich gar nicht auf diese Rosa-Blau-Klischees“, sagt Emre Açikel. „Auf der Party haben wir nur so dekoriert, weil die Leute das eben so kennen.“ Tatsächlich kleideten sie ihre Kinder häufig in neutralen Farben, zum Beispiel in Erdtönen. Und auch sonst wollen sie nichts von stereotypen Geschlechterrollen wissen. Duygu Açikel erzählt, dass ihre Tochter häufig mit Autos spielt und ihr Sohn mit einem Spielzeug-Staubsauger die Wohnung putzt. Und Emre Açikel sagt: „Meine Tochter kann später Fußball spielen oder sich eine Glatze rasieren, wenn sie das möchte. Hauptsache, sie ist glücklich.“

Ein Grund zum Feiern

Die Açikels finden: Man sollte die Bedeutung der Geschlechtsbekanntgabe nicht überbewerten. „Für uns war das einfach ein Grund, mit Freunden und Familie zusammenzukommen und zu feiern“, sagt Emre Açikel. Tatsächlich sehen sich die beiden selbst oft mit stereotypen Vorurteilen konfrontiert – wenn es um ihren Sohn Ulu geht. Der trägt seine Haare nämlich lang und hat sehr feine Gesichtszüge. „Jeder spricht uns an und sagt: ‚Das ist aber ein süßes Mädchen’“, sagt Duygu Açikel. „Ich finde es eigentlich ziemlich traurig, dass lange Haare sofort mit einem Mädchen assoziiert werden.“

Mittlerweile ist Duygu Açikel wieder schwanger, das Paar erwartet sein drittes Kind. Auch diesmal hätten sie gerne im Kreis ihrer Liebsten das Geschlecht des Kindes erfahren, doch Corona machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. „Vielleicht“, sagt die werdende Mutter, „war das in diesem Fall aber auch ganz gut so.“ Denn auch diesmal bekamen wir einen Zettel überreicht. Was es wird, wollten die beiden eigentlich mithilfe eines dritten ärztlichen Ergebnisses im Türkei-Urlaub erfahren.

Gepostet wird erst nach der Geburt

Statt einem Ballon sollte es diesmal eine Rauchbombe geben, aus der rosafarbener oder blauer Qualm schießt. Doch manchmal macht das Leben eben seine eigenen Regeln: „Das Kind wollte sein Geschlecht einfach nicht zeigen. Deshalb habe ich nach mehreren Arztbesuchen ganz normal beim Gynäkologen erfahren habe, ob es ein Junge oder Mädchen wird“, erzählt Duygu Açikel. Spannend machen sie es trotzdem: Gepostet wird erst nach der Geburt.

Das ist ein Artikel aus der Digitalen Sonntagszeitung – jetzt gratis und unverbindlich testlesen. Hier geht’s zum Angebot: GENAU MEIN SONNTAG

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben