Architektur

Treffen an den Treppen – ein Kulturgut in Gefahr

Nicht zum Gehen, sondern zum Bleiben: Auf diesen Stufen sitzen Menschen, um sich am Rheinufer in Düsseldorf den Sonnenuntergang anzuschauen.

Nicht zum Gehen, sondern zum Bleiben: Auf diesen Stufen sitzen Menschen, um sich am Rheinufer in Düsseldorf den Sonnenuntergang anzuschauen.

Foto: Christophe Gateau

Essen.   Mit ihnen kommt man hoch hinaus. Und doch werden sie zunehmend als Hindernisse gesehen: Vom Auf- und Abstieg der nicht barrierefreien Treppen.

Wie viele Stufen haben Sie heute schon genommen? Meist denken wir nicht darüber nach. Dabei ist die Treppe viel mehr als nur ein Hilfsmittel, mit dem man hoch hinaus kann. Seit Jahrtausenden gehört sie zu den Menschen und schmückt ihre Bauwerke. Doch die Zeit der Treppe scheint ihrem Ende zuzugehen. . .

Dabei ist sie perfekt für den Zweibeiner: Für Tiere auf vier Beinen ist es ja ein Leichtes, einen steilen Hang hinaufzulaufen. Anders sieht es beim Homo sapiens mit seinem aufrechten Gang aus, der womöglich einen Krug in der Hand hält – oder ein Smartphone. Sind in den Fels jedoch Stufen gehauen, wird auch für ihn der Hang zum Katzensprung. „Die Treppe entspricht dem menschlichen Bewegungsapparat“, erklärt Ulrike Fauerbach aus Regensburg. Die Architektur-Professorin leitet das „Friedrich-Mielke-Institut für Scalalogie“ — so der Fachbegriff für die Wissenschaft von der Treppe. Mielke war ein bekannter Treppenforscher, der so manche Stufe beleuchtet hat. Nicht nur deren praktische Seite, auch deren Symbolkraft.

„Es gibt ein Oben und ein Unten – und das kann man mit Hilfe einer Treppe sehr gut inszenieren“, sagt Fauerbach. Die Treppe kann zeigen, auf welcher Stufe man in der Hierarchie steht. Insbesondere ab dem Barock spielt sie eine große Rolle, beim höfischen Zeremoniell. Wurde ein Fest gefeiert, fuhren die Gäste mit der Kutsche vor. „Der Gastgeber kam einem sehr hochgestellten Gast bis auf die unterste Treppenstufe entgegen, er begab sich auf sein Niveau. Wenn es aber ein Bittsteller war, dann musste der ganz alleine alle Stufen selber hoch“, erklärt die 49-Jährige. Als ein Beispiel nennt sie die Treppe im Schloss Augustusburg in Brühl.

Mit Treppen kann man Hierarchie aufzeigen

Auch Mielke schreibt im „Handbuch der Treppenkunde“ zu den feinen Stiegen bei den Kurfürsten: „Sie wurden zu Schaubühnen, auf denen sich stufenweise wohldosiert das Spiel der Ränge und Ränke im höfischen Leben, das Spiel des Aufstiegs und Abstiegs höchst persönlich darstellen ließ.“

Schon in der Antike zelebrierte man das Oben und Unten: Viele Tempel wurden auf ein Podest gestellt, das nur mit Hilfe einer Treppe zu erreichen war. Zum Beispiel der Zeus-Tempel in Olympia. Und auch heute erklimmen Sportler gern das Siegertreppchen.

Im Mittelalter war die Symbolkraft weniger stark. Aber auch da haute man die Stufen nicht willkürlich in Stein. So ist auf der Internetseite der Gesellschaft für Treppenforschung zu lesen: „Die Treppen in den Burgen waren rechts gewendelt, da der Angreifer von unten kommend als Rechtshänder mit seinem Schwert durch die Spindel behindert wurde, im Gegensatz zum Verteidiger, der mit genügend Raumfreiheit sein Schwert führen konnte.“

Etwas Besonderes: die Wendeltreppe

Doch nicht nur ein Bergfried, auch ein Kirchturm kam nicht ohne Wendeltreppe aus. Keine andere Stufen-Konstruktion ermöglicht es, so bequem auf so kleinem Grundriss, eine Höhe zu überwinden, sagt Fauerbach: „Eine Wendeltreppe hat zudem den Vorteil, dass man entscheiden kann, ob man eher innen oder eher außen gehen möchte. Innen geht man steiler, außen etwas flacher.“ Wer also groß ist, wählt eher die tiefen Stufen der Außenseite.

Die Flexibilität gibt es nicht bei einer geraden Treppe. Und die Höhe der Stufe ist auch kein Zufall mehr. Der französische Architekt François Blondel (1618 - 1686) hat eine Formel entwickelt, mit der sich die idealen Stufenmaße (zumindest für den Durchschnittsmenschen) berechnen lassen. Sie ist bis heute Bestandteil der deutschen Treppen-Norm.

Aber auf Treppen kann man ja nicht nur gehen, sondern auch stehen – je nach Stufe gewinnt man so eine neue Perspektive. Vom Eiffelturm in Paris aus oder vom Tetraeder in Bottrop. Und: Man kann sich setzen. Auf einem Platz ohne Bänke nehmen Menschen selten auf dem Boden Platz, sie suchen sich Stufen zum Ausruhen, zum miteinander Sprechen, zum Trinken und Essen. Manche Treppen werden deshalb auch weniger zum Gehen und viel mehr zum Bleiben erdacht, wie etwa bei Ruhrbania in Mülheim. Fauerbach: „Straßenkünstler treten bewusst am Fuß von Treppen auf, weil sie wissen, dass das Publikum Sitzplätze hat und dort auch gerne verweilt.“ Ähnlich wie bei den alten Griechen: „Die griechischen Theater sind im Grunde genommen reine Treppen.“

Harald Juhnke auf der Showtreppe

Viel später war sich ein Harald Juhnke durchaus der Wirkung bewusst, wenn er im Fernsehen von einer Showtreppe zum Publikum hinabstieg. Eine Treppe verleiht jedem Raum eine besondere Stimmung. Ein schönes Beispiel ist die Treppe im Schloss Strünkede in Herne, die typisch ist für die Nachkriegszeit.

Ulrike Fauerbach: „Diese sehr beschwingten Treppenhäuser wurden häufig auf einem runden oder ovalen Grundriss gebaut, sie zeigen maximale Leichtigkeit, sie haben ganz zarte Geländer, die sehr individuell entworfen sind.“ Leichter, heller, luftiger – so räumten die Baumeister auf mit der Schwere, die die Nazi-Architektur mit ihren wuchtigen Naturstein-Konstruktionen vermittelt hat.

Auch heute noch sind Architekten von Treppen fasziniert: „Eine Treppe belebt den Raum, sie bringt ein Licht- und Schatten-Spiel.“ Mit einem Fahrstuhl wäre das nicht möglich. Aber nicht nur für Gebäude gilt das. „Wenn Sie einen Hang nehmen und eine Treppe darauf planen, dann ist der sofort gestaltet.“ Daher wundert es auch nicht, dass auf vielen Halden in der Region oft Treppen zu finden sind. Eine der spektakulärsten: Tiger & Turtle in Duisburg.

Himmelstreppen mit Blick zu den Wolken

Aber auch die Halde Rheinelbe in Gelsenkirchen oder die Halde Norddeutschland in Neukirchen-Vluyn haben Stufen. Dort werden sie – genauso wie am Hennesee in Meschede – „Himmelstreppen“ genannt. Steigt man sie hinauf, blickt man nach oben zu den Wolken. „Das gibt es bereits auf mittelalterlichen Darstellungen: Der Mensch überwindet die Distanz vom Diesseits zum Jenseits mit Hilfe einer Treppe, einer Leiter – der Himmelsleiter.“

Damit der Weg dorthin noch möglichst lange auf sich warten lässt, hilft es, jede Stufe zu nehmen. Denn Ärzte empfehlen: Treppensteigen ist gesund! Fauerbach: „Man kann natürlich den Fahrstuhl zum Fitnessstudio nehmen und dort auf den Stepper steigen, aber ich persönlich nehme lieber jede Treppe.“

Und dann sind wir doch zu faul und nutzen die Rolltreppe. „Eine Treppe im traditionellen Sinne ist sie erst, wenn sie stehenbleibt. Dann fällt einem auf, dass sie nicht mehr nach dem Blondelschen Treppenmaß funktioniert. Da sind die Stufen zu hoch.“

So viele Vorteile hat die Treppe. Und doch: „Die Treppe ist in Gefahr“, so Fauerbach. „Barrierefreiheit“ lautet die architektonische Richtlinie für jeden Neubau – aus gutem Grund. Die Menschen werden älter, sind aber nicht mehr bis an ihr Lebensende gut zu Fuß. Und Personen im Rollstuhl sollen am öffentlichen Leben teilhaben. Die Treppe wird so zum Hindernis.

„Auf der einen Seite bin ich sehr für die inklusive Gesellschaft. Ich habe mir den Fuß gebrochen und erlebe es gerade mit meinen Krücken hautnah, wie schwierig das Treppensteigen sein kann. Auf der anderen Seite erleben wir einen enormen technischen Fortschritt. Wir erfinden selbstlaufende Roboter, die Treppen überwinden. Vielleicht sollten wir, anstatt nun alle Treppen zu beseitigen, darüber nachdenken, ob wir nicht Gehhilfen entwickeln können, die das Treppensteigen erleichtern.“

Und wo steht die längste oder die älteste Treppe? Eine kleine Treppenkunde.

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