Jugend

Teenager: Was Mädchen sich nicht zu fragen trauen

Unbeschwert und schön soll die Jugend sein. Das heißt aber auch: Grenzen setzen. Und nur das mit einem Jungen machen, was man wirklich will.

Unbeschwert und schön soll die Jugend sein. Das heißt aber auch: Grenzen setzen. Und nur das mit einem Jungen machen, was man wirklich will.

Foto: istock

Dortmund.   Die Pubertät beginnt heute früher. Welche Fragen Mädchen haben – und wie Mütter ihre Töchter beim Erwachsenwerden unterstützen können.

Bin ich normal? Wenn Mädchen in die Pubertät kommen, sind viele verunsichert. Maren Schürmann sprach mit Christine Bülow (51). Die Frauenärztin aus Dortmund berät seit 18 Jahren Teenager in einer speziellen Sprechstunde. Die Themen haben sich verändert: Heute fühlen sich Mädchen stärker als früher unter Druck gesetzt, was ihr Aussehen betrifft und wie sie sich angeblich zu verhalten haben, wenn sie ihr erstes Mal erleben.

Beginnt die Pubertät heute früher?

Christine Bülow: Das ist auf jeden Fall so. Die meisten Mädchen bekommen mit elf, zwölf Jahren ihre Periode. Dann beginnt bei ganz vielen auch das Interesse an Jungs.

Wie alt sind die Mädchen, die zu Ihnen kommen?

Die meisten sind 14, 15 Jahre alt. Oft ist es so, dass die Mütter meine Patientinnen sind und ihre Töchter mitbringen. Ich habe wie viele meiner Kollegen eine Teenie-Sprechstunde. Man hat festgestellt, dass Teenies im normalen Praxisleben etwas untergehen. Sie sind oft nicht so strukturiert, ihnen kommt in den Kopf: ,Jetzt will ich aber zum Frauenarzt’. Und dann muss das Angebot niederschwellig sein. Daher habe ich eine offene Teenie-Sprechstunde.

Sind die Mütter dabei?

Die Mädchen kommen mit der Mutter, einer anderen Vertrauensperson oder sehr häufig auch mit einer Freundin.

Welche Fragen haben die Mädchen?

Es geht um Hygiene während der Periode: Tampon oder Binde? Oder ob es normal ist, wenn sie noch nicht ihre Periode haben, wenn sie unregelmäßig ist oder schmerzhaft...

Ist die Menstruation immer noch so schambesetzt?

Ja, genau. Und viele Mädchen wollen keine Periode haben. Weil das stört, weil sie meinen, dass man damit nicht schwimmen gehen kann.

Was raten Sie ihnen denn?

Zum Beispiel: Wenn die Brüste noch nicht wachsen, ist es ganz normal, wenn das Mädchen noch keine Menstruation hat. Die meisten bekommen nach ein, zwei Jahren regelmäßig ihre Periode, aber es gibt auch junge Frauen, die damit immer wieder Probleme haben werden. Eine unregelmäßige Periode ist aber nicht krankhaft, das kann man auch mit pflanzlichen Mitteln gut behandeln. Und bei Schmerzen, das kommt gar nicht so selten vor, da sollte man vorsichtig sein, wenn man über längere Zeit Schmerzmittel nimmt. Das ist für den Körper nicht gesund. Man kann es mit Magnesium versuchen. Wenn das nicht hilft, kann man mit dem Frauenarzt über eine geeignete Therapie sprechen.

Wie läuft die Teenie-Sprechstunde ab? Die jungen Frauen sind bestimmt nervös, wenn sie an den Untersuchungsstuhl denken...

Bis auf wenige Ausnahmen ist am Anfang eine Untersuchung auf diesem Stuhl nicht erforderlich. Die Mädchen füllen einen Anamnesebogen aus. Dann quatsche ich mit ihnen: ,Was hast du für Fragen?’ Wichtig: Es besteht Schweigepflicht! Auch den Eltern gegenüber. Und dann sage ich: ,Jetzt legst du dich auf die Untersuchungsliege, du musst dich gar nicht ausziehen. Jetzt machen wir mal ein Ultraschall von deinem Bauch und ich zeige dir, wie du von drinnen aussiehst.“ Und wenn es gewünscht und erforderlich ist, machen wir dann gleich die HPV-Impfung mit.

Wann ist der ideale Zeitpunkt für diese Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs?

Man fängt heute früher an, mit neun Jahren. Sonst hat man gesagt, dass sie bis 18 Zeit hätten. Sinnvollerweise vor dem ersten Geschlechtsverkehr, aber auch danach geht es noch. Was wichtig ist: Die Jungs sollen bitte auch geimpft werden. Das übernehmen auch die Krankenkassen.

Warum empfehlen Sie das?

Erstens: Je nachdem, welche Sexualpraktiken die Jungen später machen, sind sie selbst gefährdet. Zweitens: Die Männer sollen die Frauen nicht anstecken.

Ab welchem Alter können Mädchen die Pille bekommen?

Wenn sie noch keine 14 sind, brauchen sie das Einverständnis der Eltern. Bei 14- bis 16-Jährigen liegt es im Ermessen des Frauenarztes. Es kommt auf die Patientin an, wirkt sie sehr unreif, sage ich: „Komm doch bitte noch mal mit einer Begleitperson wieder.“ Ab 16 brauchen die Mädchen keine Einwilligung mehr. Bis zum 22. Geburtstag zahlt die Kasse die Verhütung.

Kommt es häufig zu ungewollten Schwangerschaften?

Es gibt immer noch unzuverlässige junge Damen, die gar nicht verhüten. Aber die Anzahl der Teenie-Schwangerschaften ist gering. Ganz im Gegenteil: Es gibt eine große Gruppe von sehr verantwortungsvollen Teenies, die, obwohl sie die Pille nehmen, auch bei einem festen Freund noch ein Kondom nutzen.

Sie klären auch über Aids auf? Geschlechtskrankheiten?

Ja. Chlamydien ist eine der am häufigsten auftretenden Geschlechtskrankheiten. Unbehandelt kann es zu Entzündungen kommen, zur Unfruchtbarkeit. Das Problem ist, man merkt sie nicht. Gerade die Jungs müssen keine Symptome haben.

Mädchen werden in dem Alter schnell als zickig oder launisch abgestempelt – woher kommt das?

Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die besagen, dass einige Neuronen bei ihnen noch nicht so funktionieren wie bei Erwachsenen. Deshalb kommt es zu diesen überschießenden Reaktionen.

Für Mütter ist das eine herausfordernde Zeit – was raten Sie ihnen?

Es ist nicht alles erlaubt, aber als Elternteil muss man Geduld haben, es einfach aussitzen. Nach dem Motto: Sie wissen nicht, was sie tun. Und wenn sie den ersten Freund haben und die Mütter unter meinen Patientinnen mich um Rat bitten, dann sage ich: ,Sie haben zwei Möglichkeiten: Sie können alles verbieten, dann macht Ihre Tochter es trotzdem, nur dass Sie nicht mit Ihnen darüber redet. Oder: Sie sind offen. Lassen Sie Ihre Tochter den Freund mit nach Hause bringen, dann lernen Sie ihn kennen und wissen, mit wem Sie es zu tun haben. Sprechen Sie frühzeitig mit dem Kind über Verhütung und verwehren Sie sich nicht.’ Es gibt junge Mädchen, die mit 14 schon sehr reif sind und einen älteren Freund haben. Dann hat es keinen Sinn zu sagen: ,Du bist 14 und kriegst die Pille nicht.’ Da muss man vernünftig mit ihr reden: Dass sie schon beim ersten Sex, bei Petting schwanger werden kann.

Sind die Mädchen heute aufgeklärt?

Teils, teils.

Oder sind sie zu stark von Sex-Seiten im Internet beeinflusst?

Ein Problem ist sicherlich, welche Vorstellungen sie heute von Sexualität haben. Oralverkehr, Analverkehr, Gruppensex – das wird alles im Internet so präsentiert, als ob es ganz normal wäre. Die Mädchen fühlen sich dadurch unter Druck gesetzt. Auch was das erste Mal betrifft: Du bist 16 und hast noch nicht? Da können Mütter fünfmal sagen: ,Lass dir Zeit!’ Da muss man als Frauenarzt erklären: ,Wenn der Richtige noch nicht dabei ist, dann heißt das: keinen Sex in irgendeiner Form. Und wenn du einen Freund hast: Du machst nur das, was du willst.’

Wie wohl fühlen sich junge Mädchen heute mit ihrem Körper? Hat sich das im Laufe der Jahre verändert?

Es geht wie vor 15 Jahren um Fragen zur Hygiene, um Sex, um Grenzen setzen. Aber jetzt geht es auch verstärkt ums Aussehen. Der Körper wird nicht mehr als etwas Natürliches wahrgenommen. Es gibt 13-Jährige, die pushen sich mit Schminke und lackierten Nägeln und machen sich so älter. Und dann muss man sie beruhigen, dass die Brüste anfangs schon mal unregelmäßig wachsen. ,Das wird sich noch einstellen, sorge dich nicht.“ Und ich muss immer wieder davor warnen: ,Mach keine Bilder von dir! Die sind schneller im Internet, als du denkst.’

>> Weiterlesen: Bücher für Mädchen und Mütter

„Ich höre was, was du nicht fragst“, lautet ein Kapitel in Gisela Gilles Buch für Mütter von Töchtern ab elf: „Mädchen fragen – Mütter wissen“. Die Ärztin gibt Tipps, wie sie das Kind beim Erwachsenwerden begleiten.

Für die Teenies hat die moderne Dr. Sommer ebenfalls ein Buch geschrieben: „Mädchen fragen Mädchenfragen“. Darin erklärt sie, was bei Regelschmerzen hilft, warum es wichtig ist, den eigenen Körper zu schützen, und was man tun kann, wenn man verliebt ist, aber sich nicht traut, den Jungen anzusprechen. Ein Buch wie eine Freundin. (Springer Verlag, 160 S. /120 S., je 19,99 €).


Noch ein lesenswertes Buch für Teenager.


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