Interkulturelle Woche

Tarkan Karayazi setzt sich ein für Werte und Tugenden

Tarkan Karayazi stellt hohe Ansprüche an sich selbst und an andere.

Tarkan Karayazi stellt hohe Ansprüche an sich selbst und an andere.

Foto: Ralf Rottmann

Gelsenkirchen.  Tarkan Karayazi studiert auf dem zweiten Bildungsweg und will sich mit Werten und Tugenden beweisen – vor den Eltern und in der Gesellschaft.

Tarkan Karayazi hat große Träume. Ein dickes Auto gehört nicht dazu, betont er. Alles zu oberflächlich. „Damit überzeuge ich doch nicht die Gesellschaft von mir.“ Überzeugen will er aber. Er, dessen Eltern einst der Arbeit wegen einwanderten und der wie kaum ein Deutscher Brandreden hält auf traditionelle Werte. „Tugenden wie Pünktlichkeit und Ehrlichkeit, die habe ich im Blut.“ Gleichsam beobachtet der 31-Jährige gerade in seiner Generation einen zunehmenden Verfall der Werte. „Das kritisiere ich an der heutigen Jugend. Und wenn wir sie nicht retten, bekommen wir in zwanzig Jahren die Quittung.“

Das Leben von Tarkan Karayazi beginnt in Oberhausen. Der Vater ist Bergarbeiter, die Mutter Hausfrau. Beider Wurzeln liegen in Aserbaidschan. Über die Türkei wandern sie in die Bundesrepublik ein, meistern hier etliche Herausforderungen – manche aber auch nicht. „Seit zwanzig Jahren übernehme ich die Übersetzerrolle für meine Eltern, gehe mit zu Behörden und Ärzten.“ Besonders, als der Vater vor einigen Jahren an Krebs leidet. „Ich kann doch meinen Vater nicht allein lassen“, erzählt der junge Mann von seiner Fürsorge für die Familie.

Aus Nachteilen werden Vorteile

Die deutsche Sprache wird für die Eltern nie zur eigenen. Zu Hause spricht man Aserbaidschanisch. Das sei dem Türkischen ähnlich, erklärt Tarkan Karayazi. „So wie wenn Österreicher Deutsch sprechen.“ Der Nachteil: In der Grundschule merkt der Junge schnell, ihm fehlt das sprachliche Repertoire. „Aber aus Nachteilen werden Vorteile. Ich habe mich angestrengt und gelernt. Dass das notwendig ist, habe ich damals schon verstanden.“

Der Schüler zeigt Fleiß und Ehrgeiz, bringt gute Leistungen und schlägt doch nach dem Hauptschulabschluss den Weg einer kaufmännischen Berufsausbildung ein. Jedoch fühlt er, dies ist nicht sein Weg. In der Familie gibt es keine Akademiker, die ihm Vorbild und Ratgeber sein können. „Das war für mich die schwierigste Zeit. Ich hatte ja keinen Wegweiser, wusste nicht, ob ich eine Ausbildung machen soll und eine Familie gründen.“ Das Ziel jedoch ist immer klar: „Ich wollte meinen Eltern beweisen, dass ich etwas erreichen kann.“ Im zweiten Bildungsweg macht Tarkan Karayazi mit Zielstrebigkeit das Abitur nach und nimmt das Wirtschafts-Studium an der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen auf. Sehr ambitioniert, versteht sich. „Wenn man etwas macht, muss man es richtig machen. Ich erwarte von mir selbst, zehn bis zwölf Stunden täglich zu lernen.“ Später ergänzt er, das sei nur in den Prüfungsphasen so. „Ich bin ja auch nur ein Mensch“, sagt er und lacht. Anders aber, meint er, ginge es nicht. „Ein erfolgreiches Studium und Berufsleben können nur durch Eigenschaften wie Disziplin und Verbindlichkeit gelingen. Ich rede nicht viel, ich setze alles in Taten um. Ein koreanisches Sprichwort sagt, reden kocht keinen Reis.“ Für Asien hat der Oberhausener eine besondere Vorliebe. Passioniert erlernt er die von dort stammenden Kampftechniken, trainiert bis zu fünf Mal in der Woche. „Das ist für mich Charakterschulung. Von meinem Großmeister habe ich zum Beispiel gelernt, wie man Negatives in Positives umwandelt.“

„Ich denke immer kollektiv.“

Dass er schon als junger Mann mit türkisch-aserbaidschanischem Migrationshintergrund an einer deutschen Hochschule nicht zur Mehrheit gehört, andere schon gar nicht mit seiner Disziplin mithalten können, davon will er nichts wissen. „Ich bin bodenständig und würde nie in Anspruch nehmen, etwas Besonderes zu sein.“ Erst andersherum gefragt räumt er ein, es mangele manch Jugendlichem an dem richtigen Vorbild. Deswegen will Tarkan Karayazi von sich erzählen. „Das Leben hat mir beigebracht, immer stark zu bleiben. Das gebe ich auch gerne weiter.“ So habe er erreichen können, dass eine Nichte nun das Gymnasium besuche. Und vor zwei Jahren habe er sich eines Flüchtlings angenommen, ihn monatelang betreut, ihm Deutsch beigebracht. „Der spricht jetzt richtig gut und studiert sogar.“ Gerne würde der junge Mann noch mehr Menschen Lust machen auf Bildung. „Ich denke nie egoistisch. Ich denke immer kollektiv. Es gibt in Deutschland so viele Möglichkeiten. Die muss man doch ausnutzen – zu den eigenen Gunsten und zu denen der Gesellschaft.“

„Wenn man heiratet, muss man auch Vermögen haben.“

Tarkan Karayazi verlangt sich selbst viel ab. Sicher, sagt er, habe er auch Schwächen. Vielleicht sei er etwas zu selbstkritisch. Ohne dies aber erreiche man nichts im Leben. Vor allem übt er Verzicht. Noch. Entgegen der Tradition will er mit der Familiengründung noch warten. Seine beiden älteren Brüder, verrät er im Nebensatz, seien längst verheiratet. „Aber wenn ich ein Ziel habe, muss ich diesen Punkt im Leben erst einmal erreichen.“ Für ihn ist das der Bachelor-Abschluss. Danach soll noch ein Master in Management folgen. „Wenn man heiratet, muss man auch Vermögen haben“, sagt er und ergänzt sogleich, er selbst habe ja keine hohen Ansprüche. „Aber Frauen haben die heutzutage.“ Sein Entschluss. „Ich will erst Karriere machen. Und als Mann kann man ja auch mit 40 Jahren heiraten“, sagt er und lacht herzlich. Er habe sich sagen lassen, junge Frauen hätten für reifere, erfolgreiche Männer viel übrig.

Dann kommt Tarkan Karayazi noch einmal auf die Sache mit der Vorbildfunktion zu sprechen. Die wolle er ja auch für seine Kinder ausüben. Sie sollten einst dem erfolgreichen Papa nacheifern. Wo der in ein paar Jahren am liebsten stünde? „Ich möchte eine Führungskraft sein in einem Unternehmen und dort die Menschen fordern und fördern.“

>>>Typisch deutsch, diese Tugenden? Von wegen!

Tarkan Karayazi schwört auf Tugenden, die oftmals als die „deutschen Werte“ in aller Munde sind. Begriffe wie Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Fleiß, Pflichtbewusstsein, Zielstrebigkeit und Zuverlässigkeit wurden – seinerzeit zuerst geprägt durchs preußische Militär – auch auf die gesamte Gesellschaft angewandt. Tatsächlich sind die Tugenden aber auch in anderen Ländern bekannt – und überall gleichermaßen wichtig. Wenn sie auch nicht gleich intensiv gelebt werden.

Für den 31-Jährigen ist es wichtig, dem Gegenüber und der Gesellschaft Respekt zu erweisen, sich über das Praktizieren vieler dieser Tugenden bestmöglich einzubringen in die Gemeinschaft.

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