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Steine in der Region – alles andere als eine tote Materie

Im Urlaub nehmen wir uns Zeit, Steine zu betrachten. Dabei lohnt sich auch in unserer Region ein Blick.

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Im Urlaub nehmen wir uns Zeit, Steine zu betrachten. Dabei lohnt sich auch in unserer Region ein Blick. Foto: Getty

Bochum.   Steine bestechen auch in unserer Region durch ihre Schönheit und ihren Nutzen. Eine tote Materie, die alles andere als todlangweilig ist.

„Schluff“, so meinen Nicht-Eingeweihte, bezeichnet einen antriebslosen Menschen. Oder sie denken bei „Schluffen“ an Schlappen. Dabei bedeutet „Schluff“ in der Sprache der Steine etwas sehr Feines. „Schluff“ ist feiner als Sand. Das größte Schluff-Korn ist maximal 0,063 mm klein, während ein Sandkorn bis zu 2 mm groß sein kann. Kies ist wiederum größer als Sand, Steine sind größer als Kies, Blöcke größer als Steine. Und jetzt haben wir gerade mal eine Vorstellung von den Größenunterschieden. Dabei ist Stein nicht gleich Stein.

Das betont auch Christiane Scholz, Doktor der Geologie an der „Technischen Hochschule Georg Agricola“ gegenüber dem Bergbaumuseum in Bochum. Sie unterrichtet zum Beispiel angehende Rohstoffingenieure. Im Ruhrgebiet denkt man dabei schnell an Steinkohle. Aber unter unseren Füßen gibt es noch viel mehr zu entdecken. Steinsalz etwa, das zum Beispiel bei Probebohrungen nach Kohle in Rheinberg entdeckt wurde. Nun baut man im Bergwerk Borth Salz ab – „Streusalz, Speisesalz, Salz für Infusionen. . .“

Wie die Darstellung von Göttinnen

Scholz hält einen ockerfarbenen Stein in der Hand, der mit seinen Rundungen an prähistorische Darstellungen von Göttinnen erinnert. Andere denken bei diesem „Lösskindel“ auch an Ingwerknollen. Er wurde im Steinbruch Rohdenhaus in Wülfrath gefunden, zwischen Velbert und Wuppertal. Christiane Scholz greift in einen Behälter mit Staub und zerreibt diesen zwischen den Fingern. Er ist so fein, dass er zwischen den Hautrillen hängen bleibt. Feiner als Sand, also Schluff! Der Name: Löss. „Das ist eiszeitlicher Staub“, erklärt die 54-Jährige. Er ist durch Steinabrieb entstanden und sehr fruchtbar. „Lösslagen haben wir im ganzen Ruhrgebiet.“ Sickert Wasser durch sie hindurch, kann sich ein „Lösskindel“ entwickeln.

Es gibt verschiedene Arten, wie Steine entstehen können: Etwa bei einem Vulkanausbruch, wenn die heiße, flüssige Lava aus dem Inneren der Erde schießt und schließlich abkühlt. Solche „Magmatischen Steine“ findet man in unserer Region nicht, lediglich in der Eifel gibt es Vulkanite, so Christiane Scholz.

Diabas – das Gestein des Jahres 2017

Die meisten Steine, die man in unserer Region entdecken kann, sind aus Ablagerungen entstanden. Mineralien und kleine Gesteinsteile wurden so zusammengepresst, dass daraus „Sedimentsteine“ entstanden. Dazu zählt etwa der Ruhrsandstein. Wo einst Flüsse ins Meer führten, verfestigte sich der Sand zu Stein. Heute noch wird er etwa in Dortmund in kleinen Steinbrüchen abgebaut. „Wenn man viel Glück hat, kann man darin Blätter oder Schachtelhalm erkennen.“

Und dann gibt es noch die „Metamorphen Gesteine“, bei denen Steine umgewandelt werden. Tonschiefer, mit dem man Dächer deckt, zählt zum Beispiel dazu. Scholz öffnet eine der vielen Schubladen, in denen wie in riesigen Apothekenschränken die einzelnen Steine der Hochschule verwahrt werden. Sie holt einen „Metabasalt“ hervor. „Er war mal ein Basalt. Da er Hitze abbekommen hat, ist er großkörniger geworden“, sagt Christiane Scholz. Dieser Stein aus dem Sauerland wird auch „Diabas“ genannt. Es ist das „Gestein des Jahres 2017“. Unter Leitung des Berufsverbands Deutscher Geowissenschaftler wird jedes Jahr ein Gestein hervorgehoben, um dieses mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Er lässt den Autobahn-Asphalt flüstern

Nun also der Diabas, der im Sauerland gewonnen wird, bei Brilon, Meschede und Winterberg. „Er kann nichts dafür, dass er grau ist“, sagt Christiane Scholz. Außerdem ist er ja nicht durch und durch grau. Er hat einen kleinen Schimmer ins Grüne. „Die inneren Werte zählen“, sagt Scholz schmunzelnd. Diabas wird zum Beispiel dem Asphalt beigemischt. „Wenn wir nur Asphalt hätten, würden wir mit dem Auto durch die Gegend rutschen.“ Auch lässt Diabas den Asphalt „flüstern“.

Im vergangenen Jahr war „Sand“ das „Gestein des Jahres“. „In unserem Land wird der Bausand noch nicht knapp“, sagt Scholz. Er ist so gut, dass selbst der Wüstenstaat Dubai neidisch unsere Region beäugen könnte. In Dubai ist der Sand viel zu fein für die gigantischen Baupläne. Für die künstlich aufgeschütteten Urlaubsinseln werde extra Sand aus Australien eingeschifft, so Christiane Scholz. Der ist kantiger. Wie der Sand in unserer Region. Kantig? Da muss man schon eine Lupe nehmen, um die Ecken und Kanten der Körner zu erkennen, die viel mehr tragen und halten können als die runden Dubai-Körnchen.

Auch die Kies-Vorräte etwa am Niederrhein sind groß. Christiane Scholz: „Es gibt kein Bauprojekt ohne Kies.“ Durch den Kiesabbau entstanden einst die Xantener Südsee. Und der Silbersee in Haltern war mal eine Quarzsandlagerstätte. „Damit sind viele Fensterscheiben produziert worden.“

Der Abbau ist nicht unumstritten

Der Abbau von Gestein ist nicht unumstritten, bei Anwohnern wie Naturschützern. Auf der anderen Seite freuen sich die Menschen auch über den Nutzen, der ihnen oft gar nicht bewusst ist. Christiane Scholz hält einen unscheinbaren grauen Stein in der Hand: Kalk. Man kennt ihn als lästiges, weißes Überbleibsel im Wasserkocher.

Der Kalkstein stammt aus „Rohdenhaus“ in Wülfrath, dem nach eigenen Angaben größten Kalksteinbruch Europas. „Wir brauchen Kalk in der Medizin“, erklärt Christiane Scholz. Er ist Träger für den eigentlichen Wirkstoff vieler Tabletten. Er wird zudem bei der Herstellung von Zucker aus Zuckerrüben eingesetzt, dem Hühnerfutter beigemischt wie den Kunststoffen. Und: „Es gibt kein Glas ohne Sand und Kalk.“

Die „Dreislarer Rose“ ist extrem dekorativ

Schöner als der Kalkstein, der meist grau verfärbt ist, ist die „Dreislarer Rose“. Der Schwerspat stammt aus einer ehemaligen Grube im östlichen Sauerland. Winzige weiße Blätter scheinen auf der Oberfläche zu wachsen. „Er ist extrem dekorativ“, sagt Christiane Scholz. Allerdings: „Außer auf Mineralienbörsen kann man ihn nicht mehr finden.“ Das sieht bei den glänzenden Partikeln, die sich bei diesem Exemplar auf die Blätter gelegt haben, anders aus. „Da hat sich eine schwefelhaltige Flüssigkeit auskristallisiert“, so Scholz. Herausgekommen ist: Pyrit. Im Volksmund auch bekannt als „Katzengold“.

Sogar Gold und Silber kann man in unserer Region finden. Auf der nun geschlossenen Zeche Auguste Victoria in Marl hat man nach dem Zweiten Weltkrieg Silber entdeckt. Und im Rhein schwimmt Gold. Allerdings sollte jetzt keiner seinen Job kündigen, um sich beim Rheingoldwaschen zu versuchen. Lediglich „Flitter“ von Gold, also ganz feine Partikel, schwimmen im Wasser. „Es lohnt sich eher am Oberrhein“, sagt Scholz. „In NRW kommt nicht mehr genug an.“ Den Schatz des Nibelungen wird man hier also nicht finden.

>>>Begegnung mit einer Steinsammlerin

Mülheim. Schon Kinder lernen, Steine über das Wasser zu flitschen. Schön flach müssen sie dafür sein. Mit wieder anderen Steinen kann man auf der Straße malen. Und viele Kiesel landen in der Hosentasche, weil sie einfach nur schön anzusehen sind. Oder sich so gut in der Hand anfühlen. Den Sinn für die Schönheit der Steine entdecken die Erwachsenen wieder, wenn sie im Urlaub über Berge wandern oder am Strand entlang spazieren. Dabei kann man auch in unserer Region schöne Steine finden.

Man braucht Genehmigungen

„An jedem Feldrand, an jeder Baustelle könnte man Schätze finden“, sagt Hannelore Kahmann von den „Fossilienfreunden Essen“. Aber sie bedauert: „Es ist heute nicht mehr leicht, das Hobby vor der Tür auszuüben. Alles wird eingezäunt und Verbotsschilder stehen sogar an Kies- und Sandgruben. In Steinbrüchen sind Genehmigung des Besitzers und Gebühren fällig.“

Elke Meyn sammelt auch Steine. Sie sucht keine versteinerten Lebewesen oder Pflanzen. Sie will auch nicht jeden Stein auf seine Mineralien-Zusammensetzung hin analysieren. Die 69-Jährige lässt sich von der Schönheit der Steine verzaubern.

Die Steine sehen aus wie Gemälde

Im Haus und im Garten in Mülheim liegen mittlerweile über 100 Steine. Auf der Fensterbank zu einer Pyramide gestapelt oder rund um den Springbrunnen: Das Wasser fließt dort über Steine aus Gebirgsbächen. Wenn sie nass sind, wirken sie noch schöner.

„Ich gehe nicht speziell Steinesuchen“, sagt Elke Meyn. Aber wenn sie am Rheinufer entlanggeht, an Feldern, die gerade umgepflügt werden, oder mit dem Fahrrad an stillgelegten Steinbrüchen vorbeifährt, dann fällt ihr schon mal einer ins Auge. Seine Form, seine Farben. „Die Zeichnungen interessieren mich. Die Steine sehen aus wie Gemälde.“

Auf die Einzigartigkeit kommt es an

Die Einzigartigkeit gefällt ihr besonders gut. „Da ist kein Stein wie der andere.“ Um sie auseinanderzuhalten, gibt sie ihnen Namen: „Tierbändiger, Hahnenkampf und Insekt“ nennt sie einen Stein mit rotgefärbten Einschlüssen. Sie hat ihn auf einer Halde gefunden.

Halden aus Nebengestein, das nach dem Abbau der Kohle zu großen Hügeln aufgetürmt wurde, eignen sich besonders gut für die Suche, so Elke Meyn. Schließlich kommen die Steine aus der Tiefe der Erde.

Auf der Halde Haniel in Bottrop fand sie etwa einen hellen Sandstein, in dem Kohle eingeschlossen ist. Heute liegt ihr Fund an ihrem Kamin, der sie an ihren Ausflug erinnert. „Bei vielen Steinen weiß ich noch die Geschichte dazu, wo ich sie gefunden habe.“

>>>Ein Bildhauer spricht über die Faszination Stein

Steine werden nicht nur von der Natur geformt. Bildhauer wie Michael Düchting aus Soest geben ihnen ein neues Aussehen. Maren Schürmann sprach mit dem 61-Jährigen darüber, was ihn auch nach Jahrzehnten noch an diesem Material fasziniert.

Herr Düchting, Warum arbeiten Sie mit Stein?

Michael Düchting: Das liegt bei mir in der Familie, mein Vater war auch schon Steinmetz und Steinbildhauer-Meister. Es macht mir unglaublich Spaß, weil man es mit einem sehr alten und absolut natürlichem Material zu tun hat. Wenn man daran arbeitet, wird man ein bisschen demütig. Die Arbeit macht sehr ruhig, zufrieden.

Stein wird auch „tote Materie“ genannt. Trifft die Bezeichnung zu?

Ich finde, Stein ist überhaupt nicht tot. Er kann einen schon manchmal ärgern. An den harten Fossilienstellen kommen sie relativ schlecht weiter, an den weichen müssen Sie aufpassen, dass Sie nicht zu tief graben. Mit einem Stein ist eine Menge los.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen neuen Stein vor sich haben?

Es geht immer vom Groben ins Feine. Der Bildhauer nimmt den Fäustel, das ist ein sehr schwerer Hammer, und das Spitzeisen. Das ist eines meiner Lieblingswerkzeuge, weil solange man mit dem Spitzeisen arbeitet, ist man auf der Formsuche. Dann ist man dabei herauszufinden: Wo geht es jetzt weiter? Wo ist das Verborgene, was ich aus dem Stein herausarbeiten möchte. Danach folgen andere Werkzeuge, dann wird es feiner. Man kann zum Beispiel einzelne Stellen ein bisschen schleifen, damit man einen Farbton besser herauskriegt.

Also wissen Sie vorher noch nicht, was am Ende herauskommt?

Einen Plan habe ich eigentlich immer. Das liegt auch an meiner Art zu arbeiten, ich bin einer mit Ecken und Kanten. Ich mag nicht gerne ganz freie, runde Geschichten, Florales ist nicht so mein Thema. Mich interessieren architektonisch anmutende Arbeiten, mit Durchbrüchen. Da habe ich schon eine relativ präzise Vorstellung, wo ich hin will.

Dabei dürfen Sie sich dann aber auch kein einziges Mal verschlagen?

Was weg ist, ist weg. Das gibt es natürlich, dass man etwas weghaut. Als Steinmetz, der bei einer Restaurierung einer Kirche einen maßhaltigen Stein anfertigen muss, der hat dann natürlich ein Problem. Als Bildhauer kann man immer etwas variieren. Manchmal zeigt einem so eine weggeschlagene Ecke auch einen Weg, den man vorher gar nicht gesehen hat. Das ist das Spannende.

Welche Arbeiten machen Sie hauptsächlich?

Ich bin schon freischaffender Bildhauer, ich habe Kunst studiert. Daher mache ich auch Arbeiten ohne Auftrag. Ich profitiere aber davon, dass ich das Handwerk richtig gelernt habe. Ich habe in Essen eine Steinmetzlehre gemacht. Daher arbeite ich auch viel für Kirchen, wenn sie einen neuen Altar brauchen oder ihren alten etwas kleiner haben möchten. Das mache ich sehr gerne.

Mit welchen Steinen arbeiten Sie am liebsten?

Mit dem heimischen Anröchter Grünsandstein, der hier gebrochen wird. Manchmal mit Kalkstein, Marmor, mal Basalt. Im Grunde sind es heimische Steine, aus der Region oder mindestens aus Europa.

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