Hauptgewinn Liebe

Speed-Dating war gestern: Beim „Socialmatch“ soll’s funken

„Speed-Dating“ war gestern – heute lernen sich Menschen beim Socialmatch kennen: ein Spieleabend für Erwachsene, hier im Bazzar Café in Düsseldorf.

„Speed-Dating“ war gestern – heute lernen sich Menschen beim Socialmatch kennen: ein Spieleabend für Erwachsene, hier im Bazzar Café in Düsseldorf.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Düsseldorf.  Statt beim Speeddating treffen sich Fremde heute zum „Socialmatch“: ein besonderer Spieleabend zum Kennenlernen. Der Hauptgewinn: die Liebe!

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Nach eineinhalb Stunden landet Markus’ Püppchen auf einem „Action“-Feld. Die Karte fordert ihn auf: „Wende dich dem rechten Nachbarn zu und mache ihm einen Heiratsantrag.“ Der 54-Jährige schaut der gleichaltrigen Daniela in die Augen, holt Luft und sagt: „Jetzt kennen wir uns ja schon richtig lange. . .“ Alle Mitspieler prusten los.

Vor eineinhalb Stunden waren diese zehn Menschen noch Fremde. Sie hatten sich im Internet angemeldet für „Socialmatch“. Und nun sitzen sie abends im Café Bazzar in der Düsseldorfer Altstadt und überlegen, ob der „Floh“ eine geschenkte Urlaubsreise lieber nach a) Hawaii, b) Neuseeland oder c) Vietnam antreten würde.

Mix aus Monopoly und Activity, aus Tabu und Therapy

Das Spiel ist ein Mix aus Monopoly und Activity, aus Tabu und Therapy. Dazu gibt es eine Spielleiterin: Lisa – an diesem Abend nennen sich alle nur beim Vornamen. Zunächst achtet die 32-Jährige darauf, dass Männlein und Weiblein möglichst abwechselnd am Tisch sitzen. Denn bei „Socialmatch“ geht es nicht nur um das Gewinnen von Punkten, sondern vor allem von Kontakten. Und wer weiß, vielleicht wird ja aus dem Spiel Ernst und das Ganze ist der Anfang einer wunderbaren Freundschaft – oder sogar der großen Liebe.

Lisa, die eine PR-Agentur hat und auch Speed-Dating-Events organisiert, bei denen sich Menschen in wenigen Minuten einen ersten Eindruck verschaffen, meint: „Hier hat man viel mehr Zeit, die Leute kennenzulernen, es ist persönlicher.“ Die Nachfrage nach solchen Kennenlern-Events nehme zu, ist Lisa überzeugt. Weil viele Beziehungen in die Brüche gehen oder die Menschen für den Beruf in eine andere Stadt ziehen. Bei Socialmatch gehe es nicht zwangsläufig um den Flirt.

Der Ablauf ist immer der gleiche und doch sei es jedes Mal etwas anderes: Mal sei eine Runde leiser, mal lustiger, so Lisa. Und es sei ein Unterschied, ob sie mit Jüngeren oder Älteren spiele. Denn die Events werden in Altersgruppen aufgeteilt, da sitzen 20- bis 35-Jährige zusammen, 30- bis 45-Jährige oder 40- bis 60-Jährige. „Witziger sind die 40- bis 60-Jährigen“, hat Lisa überrascht festgestellt, nachdem sie zuvor das Gegenteil erwartet hatte. „Die sind viel lockerer.“

Die Älteren seien nicht schüchtern. Da schäme sich keiner, vor der Gruppe einen Begriff wie „Tarzan“ allein mit Gestik und Mimik zu beschreiben und sich dabei mit den Fäusten auf die Brust zu klopfen.

„Ein 70-jähriger Vater verbringt genauso viel Zeit vorm Spiegel wie sein 30-jähriger Sohn – wahr oder falsch?“, liest Lisa eine Quiz-Frage vor. Immer zwei beratschlagen sich. Für Angela H. (56) ist das klar: „Falsch! So ein 70-Jähriger hat ja keine Haare mehr. Da fallen schon mal drei Minuten Föhnzeit weg.“ Und wieder wird gelacht, wie so oft an diesem Abend.

„Man sieht von außen, da könnte es knistern“

Noch einmal müssen Spieler im Team arbeiten: Angela (53) und Floh (51) sollen eine erotische Geschichte erzählen. Der Clou: Jeder Mitspieler nennt ein Wort, das sie einbauen müssen – Handschellen, Kassettenrekorder, Pfauenfeder und Plumpsklo. Angela teilt auf, welche Wörter sie nimmt, welche er. „Da sieht man, wer die Hosen anhat“, scherzt Bianca (46). Angela fängt an: „Paul hat mir erzählt, er ist letzte Nacht aufgewacht mit Handschellen an den Händen.“ Floh schaut auf sein Blatt mit den Wörtern, überlegt und überlegt: „Du hast viel schönere Begriffe als ich“, mault er spielerisch. „Sehr erotisch“, witzelt Daniela später – sehr ironisch. Angela: „Wollen wir aufgeben?“ Floh protestiert: „Nein!“

„Ich weiß leider nie, ob sich welche verliebt haben“, erzählt Spielleiterin Lisa. „Man sieht von außen: Da könnte es knistern.“ Aber ob daraus mehr wird? Wenn alle einverstanden sind, werden nach der Runde die E-Mail-Adressen ausgetauscht. Dann ist es jedem selbst überlassen, ob man zurück auf Start geht oder seinem Ziel näherkommt.

Internet-Portale sind keine Lösung

Nach rund zwei Stunden ist das Spiel vorbei, aber die Spieler bleiben noch auf ein Gläschen sitzen, erzählen von ihren bisherigen Versuchen, andere kennenzulernen. Dass Frauen im Supermarkt komisch reagieren würden, „als ob ich sie vergewaltigen wollte“. Dass man so schwer ins Gespräch käme, „weil alle auf ihr Smartphone starren“. Dass man keine Lust habe, „in der Disco auf die Tanzfläche zu schauen“ – und sich dann doch nicht zu trauen, jemanden anzusprechen. Und das Internet sei auch keine Lösung, weil man schreibe und schreibe. „Dabei vergaloppiere ich mich in meiner Fantasie.“ Und wenn dann das erste Treffen ist? „Enttäuschung!“

Angela H. hat an diesem Abend gewonnen. Sie geht mit einem Mann nach Hause. Der ist zwar nur aus Schokolade – ein Weihnachtsmann –, aber enttäuscht ist sie nicht. „Es war lustig.“ Nur etwas laut im Café. Die 56-Jährige hat eine Trennung hinter sich, sucht neue Menschen, mit denen sie ihre Abende verbringt. „In meinem Alter ist es schwierig, ich gehe auf die 60 zu.“ Als nächstes probiert sie ein Koch-Event aus, dabei wird sie ein Menü zubereiten und bei jedem Gang mit neuen Leuten in den Töpfen rühren. Es bräuchte viel Mumm, nach diesem Abend jemandem aus der Spiele-Gruppe eine Mail zu schreiben. Das sieht die andere Angela anders: „In Zeiten von Tinder?“ Der Dating-App. Ob sie denn einem Mitspieler mailen wird? „Ja, absolut“, sagt Angela und lächelt ihren Sitznachbarn an.

Info: Der Weg zu Socialmatch

Die soziale Begegnung „Socialmatch“ gibt’s auch in Essen und Dortmund. Für über 60-Jährige hat Patrick Kuhlmann, einer der Gründer, noch kein Angebot. Aber: „Ganz ausgeschlossen haben wir die Altersgruppe für uns noch nicht“. Kosten: 25 Euro plus Getränke. Anmeldung: socialmatch.de

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