Kleinkinder

So sieht die Welt aus der Sicht eines Dreijährigen aus

Paul und Elisavet spielen in der Kita Imbuschweg in Essen.

Foto: Lukas Schulze

Paul und Elisavet spielen in der Kita Imbuschweg in Essen. Foto: Lukas Schulze

Bochum.   Kleinkinder gehen offen durch die Welt, weil sie Wahrnehmungen kaum filtern. Sind sie deshalb kleine Genies oder bloß unfertige Erwachsene?

Als wäre man von einer unglücklichen Romanze gequält und hätte eine Schachtel Zigaretten geraucht, plus drei Tassen Espresso getrunken: So fühlt es sich laut der US-amerikanischen Psychologin Alison Gopnik an, ein Kleinkind zu sein. Denn im Alter von drei Jahren wird der Nachwuchs täglich von neuen Gefühlen überwältigt, Regionen des Hirns sind mehr als doppelt so aktiv wie bei Erwachsenen. Für manche Psychologen liegt da der Vergleich mit einem drogeninduzierten Ausgewachsenen am nächsten. Und welch ein Feuerwerk mag erst an Heiligabend im Kleinkind-Kopf vor sich gehen – wenn, umgeben von Bergen an Süßigkeiten und bei Dauerbeschallung durch Weihnachtslieder, ein Geschenk nach dem anderen aufgerissen werden darf?

Aufregend und anstrengend

Ein Dreijähriger zu sein: Das ist sicher aufregend, aber auch ziemlich anstrengend – gerade am reizüberfluteten Weihnachtsfest. Denn während Erwachsene und ältere Kinder geistig viel mehr herausfiltern können, verarbeiten Kinder alle Informationen, die ihr Wahrnehmungsapparat aufnimmt. Alison Gopnik spricht Kleinkindern deswegen ein „Laternenbewusstsein“ zu: Sie beschäftigen sich mit allem, was ihnen begegnet. Erwachsene dagegen gehen mit einem Scheinwerfer durch die Welt und interessieren sich nur noch für ganz bestimmte Dinge. Sind die Großen also zu festgefahren und die Kleinen die unvoreingenommenen Entdecker?

Gopnik würde es so formulieren. Für sie sind 30-Jährige und Dreijährige grundverschiedene Wesen. Norbert Zmyj sieht das anders. Für den Professor für Entwicklungspsychologie an der TU Dortmund sind Kinder eher unfertige Erwachsene, die zeitweise emotional überfordert sind.

Beispiel: Trotzphasen. „Wenn Kinder zwei Wünsche haben, die nicht in Einklang zu bringen sind, dann sind sie emotional überhaupt nicht darauf vorbereitet, diesen Konflikt zu lösen.“ Zmyj ist der Überzeugung: „Es gibt eigentlich keinen Bereich, in dem Dreijährige besser abschneiden als Erwachsene.“

Kinder sind hemmungsloser

Zwar erkennt der Professor aus Dortmund auch an, dass Kinder viel hemmungsloser an neue Situationen herantreten, aber: „Durch so ein Verhalten können ja auch eine Reihe an Problemen im sozialen Miteinander und in Gefahrensituationen entstehen – auch wenn es manchen Erwachsenen erst einmal als erstrebenswert erscheint.“ Doch es ist ja nicht nur die Hemmungslosigkeit. Sind wir Erwachsenen nicht auch neidisch auf das große Fantasievermögen von dreijährigen Weihnachtsmann-Gläubigen? Oder nimmt ein Dreijähriger den Rauschebart-Mythos ohnehin nicht für bare Münze?

„Bei Dreijährigen halte ich es aus zwei Gründen für glaubhaft, dass sie wirklich an den Nikolaus oder das Christkind glauben“, sagt Zmyj. „Erstens, werden die Geschichten so erzählt, als seien sie wahr – sie haben eine ganz andere Erzählstruktur als Märchen. Zweitens haben Dreijährige noch kein gutes Zeitverständnis.“ Erst wenn sie verstehen, dass Dinge eine Dauer haben, könnte Zweifel geweckt werden, glaubt Zmyj. Dann sei es Zeit für Fragen wie: Wie schafft es denn ein einzelnes Christkind, so viele Kinder an einem Abend zu besuchen?

Imaginäre Freunde sind bei Dreijährigen normal

Das Alter von drei ist in dieser Hinsicht tatsächlich eine magische Zeit. Mit drei Jahren sind Kinder kognitiv weit genug, viele Geschichten zu verstehen und ihre Fantasievorstellungen in Worte zu fassen, gleichzeitig hinterfragen sie jedoch viele Erzählungen noch nicht, auch wenn sie unlogisch erscheinen. Kurz vor der Einschulung erkennen Kinder dagegen mehr Naturgesetze und erklären sich das Leben weniger durch Magie. Viele Kinder haben sich dann längst vom Glauben an die Protagonisten ihrer Fantasiegeschichten verabschiedet – und auch von imaginären Freunden, die bei Dreijährigen durchaus zum Normalfall gehören können.

Auch typisch für Dreijährige ist ihre egozentrische Denkweise. Das in der Entwicklungspsychologie populäre Konzept der „Theory of Mind“ sieht Dreijährige zwar schon in der Lage dazu, auf die Gefühlswelt anderer Rücksicht zu nehmen. Allerdings fällt es ihnen unglaublich schwer, Perspektiven anderer Personen einzunehmen und die eigenen Gedanken und Wünsche von denen anderer zu trennen. Das heißt: Für ihre Eltern würden sie sich zu Weihnachten am ehesten einen Spielzeugbagger oder einen Kaufladen wünschen – eben das, was auch auf dem eigenen Wunschzettel steht.

Lernen von der Unbefangenheit

Für Erwachsene ist es auch deswegen so schwer, sich in diese Denk- und Erlebniswelt hineinzuversetzen, weil wir uns später nicht an Episoden aus dem Leben mit drei Jahren erinnern können. „Die Fähigkeit, sich an persönliche Erlebnisse zu erinnern, setzt erst um den vierten Geburtstag ein“, sagt Norbert Zmyj. Das gelte auch für die Weihnachtszeit – mögen Erlebnisse wie die ersten Kecksbackmarathons und Krippenspielvorführungen noch so intensiv sein. „Man hat den Eindruck, als würde man sich erinnern, aber oft sind das Situationen, von denen die Eltern erzählt haben oder von denen man ein Foto gesehen hat.“

Oder gleich ein ganzes Portfolio: In der Kindertagesstätte Imbuschweg in Essen wird der Kita-Alltag gemeinsam mit den Kindern durch Fotos, Texte und Basteleien aufwändig in Ordnern dokumentiert – nicht allein aus entwicklungspädagogischen Gründen, sondern auch damit die Kinder später eine schöne Erinnerungsstütze für ihre vergessenen Jahre haben. Die dortigen Erzieherinnen müssen täglich versuchen, die Welt mit den Augen von Dreijährigen zu betrachten. „Das ist natürlich immer eine Herausforderung – besonders wegen der Unbefangenheit, die uns fehlt“, sagt Yvonne Diel.

Kinder sind noch frei in ihrem Handeln

Für die Logopädin und angehende Erzieherin haben Kinder – ganz im Sinne Gopniks – Erwachsenen in vieler Hinsicht etwas voraus, gerade aufgrund ihrer geringen Hemmungen. „Unfertig sind die Kinder ja nur in dem Sinne, dass sie Regeln und Konventionen noch nicht kennen.“ Insbesondere auf Dreijährige treffe das zu. „Die Kinder sind noch frei in ihrem Handeln – und da können wir uns als Erwachsene eine Menge von abgucken“, sagt Diel. „Nämlich einfach mal von den Plänen abzuweichen und Strukturen aufzubrechen“, ergänzt Kollegin Stefanie Jakob. „Und die Kinder haben diese Einstellung: ,Ich bin groß und ich schaffe das.’ Warum denken wir nicht auch öfter so?“

Aber natürlich brauchen Dreijährige auch Erwachsene, um ihnen zu helfen, ihr Tohuwabohu an Emotionen und Eindrücken zu ordnen – und das gelingt am besten über Rituale, glaubt Stefanie Jakob. „Viele Kinder sehnen sich danach – um in den aufregenden Alltag überhaupt Struktur hereinzubringen und Kontrolle über diese große Welt zu bekommen.“ Dreijährige sind deswegen offen für alles Neue – solange es nicht ihre Rituale tangiert. Ein Tag ohne die gemeinsame Morgenrunde um 9 Uhr wäre für die Kinder am Imbuschweg das reinste Chaos, wie die Erzieherinnen berichten. Um es mit Gopnik zu sagen: Es wäre, als würde der Liebesschmerz und die Wirkung der Zigaretten und Espressi nie nachlassen.

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