Spleens

Schokokekse, zerbrochene Stifte und ein kühles Brillenzimmer

Spleen oder Zwang: Sorgen um den ausgeschalteten Herd können schnell heranwachsen.

Spleen oder Zwang: Sorgen um den ausgeschalteten Herd können schnell heranwachsen.

Essen.   Was für den einen abwegig klingt, ist für den anderen eine alltägliche Angewohnheit: Kaum etwas ist persönlicher und individueller als Spleens.

Ob Tick, Marotte oder Schrulle – egal, wie man merkwürdige Angewohnheiten auch nennen mag: Jeder hat welche, aber kaum einer redet darüber. Und wenn doch, dann nur über solche Spleens, die so verrückt sind, dass man sie schon wieder mit Würde tragen kann. Weil sie einen schmücken können wie ein lässiges Accessoire. Denn ein ganz klein wenig verrückt ist nicht schlimm. Im Gegenteil: Es hebt einen aus der Masse hervor und macht einen unverwechselbar.

Die Schrullen der Promis

Seit einigen Jahren wird immer mehr über solche Macken gesprochen. Erst waren es nur die People-Magazine, welche die Gerüchteküche mit Geschichten über Marotten der Stars befeuerten. Elton John, so erfuhr man, könne auf Tourneen nur ruhig schlafen, wenn seine Brillen in einem separaten Zimmer übernachten, auf 16 Grad Celsius runtergekühlt. Hollywood-Schauspieler Brad Pitt reise grundsätzlich mit eigener Klobrille im Gepäck. Und Justin Timberlake wechsele mindestens sechsmal am Tag die Unterhose. Ob das tatsächlich stimmt oder nicht, ist egal. Das Publikum liebt solche Storys aus der Welt der Prominenz. Zeigen sie doch, dass Stars auch nur Menschen sind – und lenken wunderbar von den eigenen Schrullen ab.

Der inspirierende Geruch von vermoderndem Obst

Doch geht die Geschichte der seltsamen Angewohnheiten natürlich weiter zurück. Friedrich Schiller brauchte, um seine Kreativität anzukurbeln, immer Äpfel in seiner Schublade. Die er dann dort vermodern ließ – erst der faulige Obstgeruch diente dem Dichter als Inspiration. Eine besondere Beziehung zu Zahlen hatte hingegen der Schriftsteller Truman Capote. Er weigerte sich nämlich, Telefonnummern zu wählen oder in Hotelzimmern zu übernachten, deren Quersumme ihm nicht gefiel. Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann notierte täglich in seinem Tagebuch, wie es um seine Verdauung stand. Und der französische Philosoph Voltaire konnte nur schreiben, wenn zwölf Stifte vor ihm lagen. Die er angeblich nach dem Schreiben zerbrach, mit Papier umwickelte und unter sein Kopfkissen legte.

Wer in den 1970er-Jahren groß geworden ist, kennt ähnliche Macken aus Sketchen von Loriot. Man denke zum Beispiel an seinen „Das Bild hängt schief“-Klassiker, in dem ein Mann nicht widerstehen kann, in einem fremden Wohnzimmer ein schief hängendes Wandbild zurechtrücken – und dadurch ein großes Chaos stiftet. Auf ähnliche Art verdichtete Vicco von Bülow alias Loriot in seinen Figuren häufig die merkwürdigen Marotten und Angewohnheiten des Spießbürgers: überängstlich, überangepasst, unfähig, die eigenen Gefühle zu kommunizieren -- und darüber hinaus besessen von dem Zwang, alles kontrollieren zu müssen.

Neurotiker oder nur Exzentriker?

Doch muss man eben weder unter einem Kontrollzwang leiden, Zwangsneurotiker oder Exzentriker sein, um den ein oder anderen Spleen – oft lebenslänglich – mit sich herumzutragen. Der sich vielleicht auch erst beim zweiten oder dritten Nachdenken als ein solcher herausstellt. Und ist es wirklich seltsam oder nicht doch total normal, bei diesen leckeren Keksen mit Schokoüberzug grundsätzlich zuerst die überstehende Schokolade abzunagen, bevor man sich über den Rest hermacht?

Spleen oder Marotte - ein Psychologe weiß Rat

Wer kennt das nicht: Kaum ist man ein paar Schritte aus dem Haus fällt es einem wieder ein: Hat man wirklich den Herd oder das Bügeleisen ausgemacht, die Wohnungstür abgeschlossen, den Wasserhahn zugedreht? Lohnt es sich, umzukehren und nachzusehen? Und wenn man feststellt, dass – wie eigentlich erwartet – doch alles seine Richtigkeit hat, ist das dann eigentlich beruhigend oder vielleicht auch ein kleines bisschen enttäuschend?

Solche Marotten und Spleens begleiten wohl jeden von uns durch unseren Alltag – und nicht alle ergeben einen Sinn. Warum zum Beispiel stört es so viele Menschen, wenn eine Klorolle „falsch herum“ aufgehängt ist und das Papier nicht nach vorn, sondern zur Wand hin abrollt? Wieso muss die einsam herumliegende Büroklammer unbedingt auseinander gebogen werden? Was treibt uns an, beim Telefonieren ganz nebenbei mit dem Kugelschreiber alle großen (und kleinen) Os auf dem Titel der zufällig herumliegenden Zeitschrift auszumalen? Anders gefragt: Wann ist so ein Spleen nur ein Spleen – und wann braucht man einen Therapeuten? Fragen an Dr. Christian Kaufmann, 46, von der Klinischen Psychologie der Humboldt-Universität in Berlin. Er erforscht Zwangsstörungen.

Herr Kaufmann, der eine macht Fotos von seiner Herdplatte, um sicherzugehen, dass er die auch wirklich ausgeschaltet hat. Der andere ist nur glücklich, wenn er in der U-Bahn immer wieder denselben Platz bekommt. Welches ist Ihr Spleen?

Ich muss meinen Kaffee morgens auf die Karlsbader Methode zubereiten, das heißt, der Kaffee muss einen besonders feinen Porzellanfilter durchlaufen. Nur dann ist das Frühstück ein Erfolg.

Was passiert, wenn Sie mal keinen Porzellanfilter zur Hand haben?

Dann geht es auch mal so. So exzentrisch bin ich nun auch wieder nicht.

Jeder Mensch hat irgendwelche Angewohnheiten, über die andere den Kopf schütteln. Welche Funktion haben diese Spleens?

Wahrscheinlich hängt es mit Ritualen zusammen. Spleens sind ritualisierte Handlungen. Und Rituale sind dazu da, Struktur und Ordnung ins Leben zu bringen. Wiederholungen tun der Psyche gut. Sie geben uns ein Gefühl der Sicherheit.

Aber ist es nicht eher belastend, wenn jemand die Angewohnheit hat, sich ständig die Hände zu waschen, weil er Angst davor hat, sich mit Krankheiten zu infizieren?

Ich rede von Marotten, also von Angewohnheiten, über die andere vielleicht den Kopf schütteln. Das Beispiel, das Sie erwähnt haben, ist aber keine Macke mehr, das können Symptome einer Zwangsstörung sein. Die ist auch vom Gefühl her etwas anderes. Patienten können sehr wohl zwischen beidem unterscheiden.

Wann ist eine Marotte eine Marotte und wann wird es krankhaft?

Wenn es einen selbst oder andere so sehr belastet, dass es den Alltag stark beeinträchtigt. Einfaches Händewaschen aus Angst vor Ansteckung würde in diesem Fall nicht ausreichen. Wir reden von einigen Stunden pro Tag.

Kann man diese Grenze immer glasklar ziehen?

Ja, das sind zwei verschiedene Dinge. Ein Zwang ist nicht die Summe vieler Marotten. Anders als Spleens sind Zwänge auch unabhängig von der Sozialisation oder der Zugehörigkeit zu einer Hautfarbe, ethnischen Herkunft oder Religion.

Wie hoch ist denn der Anteil an Menschen, die zwangsgestört sind?

Ein bis drei Prozent aller Menschen zeigen irgendwann im Leben Zwangssymptome. Bei einem Prozent der Menschen sind diese Symptome behandlungsbedürftig. Es scheint in der Natur des Menschen angelegt zu sein. Und jeder kennt das auch. Aber bei einigen bricht es eben aus, bei anderen nicht.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Jeder, der Kinder hat, hat wohl schon mal Bilder davon im Kopf gehabt, dass seine Kinder Opfer eines Unfalls werden. Im nächsten Moment sind diese Bilder aber wieder weg. Wenn jemand unter Zwangsstörungen leidet, kommen die Bilder immer wieder. Er bekommt sie nicht mehr aus dem Kopf.

Woran liegt das?

Es scheint eine gewisse genetische Disposition zu geben. Wenn die Eltern eine Zwangsstörung haben, haben die Kinder ein höheres Risiko als andere.

Gibt es auch bei Spleens Persönlichkeitsmerkmale, die Menschen dafür besonders anfällig machen?

Leute mit ausgeprägten Persönlichkeitsmerkmalen wirken per se exzentrischer. Ist jemand extrem ordnungsliebend oder narzisstisch, merkt man ihm die Marotte eher an.

Sind Marotten nicht die sprichwörtlichen Ecken und Kanten, die eine Persönlichkeit erst ausmachen?

Hmmm, das frage ich mich auch jedesmal, wenn ich mit meinen Kindern auf Spielplätzen bin und beobachte, wie sich so genannte Helikoptereltern gebärden. Die lassen die Kinder keine Sekunde aus den Augen und schleppen noch einen ganzen Rucksack mit Lebensmitteln mit. Ich als gebürtiger Österreicher würde sagen, das ist eine Marotte, aber Spleens hängen offenbar auch davon ab, wo man lebt.

Warum wurden Spleens noch gar nicht erforscht?

Sie stören ja niemanden. Solange jemand arbeiten gehen kann und weder sich noch andere gefährdet, hat er alle Freiheit der Welt.

Welche Spleens sind gesellschaftsfähig?

Also, meinen Spleen mit dem Kaffee kann ich jedem erzählen. Das wirkt sogar interessant. Ernährungsmarotten sind generell anerkannt. Über die kann man beispielsweise auch auf Partys reden.

Was verrät uns das über die Natur des Spleens?

Er braucht einen Bezugsrahmen. Ob eine Angewohnheit als Spleen anerkannt wird, hängt vom Urteil des sozialen Umfelds ab. Mir zum Beispiel ist mein Kaffeetick erst aufgefallen, als mich Kollegen darauf angesprochen haben.

Auf Facebook oder Instagram gibt es den Trend, sich von seiner Schokoladenseite zu verkaufen. Sind Spleens da eher hinderlich oder förderlich?

Der Trend geht zur Selbstoptimierung. Marotten passen nicht dazu. Ich fürchte, das führt dazu, dass man sie leugnet oder versucht, sie abzustreifen. Und das wäre doch schade. Es ist doch gerade das Schöne, wenn man verschiedene Persönlichkeiten auf einer Party trifft.

Sie sind Experte für Zwangsstörungen. Wie groß muss der Leidensdruck sein, damit Betroffene von sich aus professionelle Hilfe suchen?

Hilfe suchen sich die einen erst, wenn der mentale Stress zu groß wird, den Alltag so zu organisieren, dass der Zwang nicht mehr auffällt. Die anderen kommen, weil es ihren Eltern oder dem Partner zu viel wird. Leider wissen viele erstmal gar nicht, dass sie betroffen sind. Zwänge werden oft mit Angststörungen und Depressionen verwechselt.

Welche Möglichkeiten gibt es, Betroffenen zu helfen?

Wir sind verhaltenstherapeutisch ausgerichtet. Das heißt, unsere Patienten setzen sich ihren Ängsten so lange aus, bis sie Kontrolle darüber gewinnen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Nehmen Sie zum Beispiel jemanden mit der eingangs bereits angsprochenen Angst, er habe vergessen, den Herd auszuschalten. Der schaltet die Platten in unserer Teeküche erst an und dann wieder aus. Aber nur einmal. Danach gehen wir mit ihm in einen anderen Raum. Der Patient hat dann erstmal irrsinnige Angst, dass das Institut abbrennt. Nach etwa einer Stunde lässt diese Angst aber nach. Er lernt: Okay, seine Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet.

Geht die Angst jemals ganz weg?

Nein, ganz weg geht sie nie. Aber wenn Sie gelernt haben, damit umzugehen, haben Sie die Kontrolle wiedererlangt.

Wie sind die Erfolgsaussichten einer Therapie?

Ganz gut. Die Therapien dauern in der Regel ein Jahr. Und zwei Drittel bis drei Viertel der Patienten fühlen sich hinterher geheilt.

Verwandte von Zwangsgestörten gesucht

Die Humboldt-Universität Berlin sucht für eine der weltweit größten Studien zu den Ursachen der Zwangsstörung Verwandte ersten Grades (Vater, Mutter, Geschwister, Kinder) Betroffener. psyepopc@berlin.de

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