Gesundheit

Schmerz lass nach – wie man den Beschwerden den Kampf ansagt

In Deutschland leidet jeder Fünfte mehrfach im Monat unter Kopfschmerzen.

Foto: getty

In Deutschland leidet jeder Fünfte mehrfach im Monat unter Kopfschmerzen. Foto: getty

Essen.   Eigentlich erfüllen Schmerzen einen guten Zweck: Sie warnen uns. Aber wie hält man sie aus – und wird man die Schmerzen schließlich wieder los?

Akuter Schmerz tut weh. Und auch wenn wir wenig Sinn darin sehen, uns zu verletzen oder krank zu werden: Er erfüllt den Zweck, uns zu warnen. Die Suppe ist zu heiß, der Blinddarm hat sich entzündet, gestern habe ich zu viel Schnaps getrunken. Er lehrt uns, bestimmte Situationen zu meiden, oder mahnt uns, zum Arzt zu gehen und die Ursache zu bekämpfen. Danach sollte er aber schnell weggehen – möchte man meinen. Problem erkannt, Suppe gekühlt, Wunde versorgt.

Erbe der Evolution

Allein: Das Brennen auf der Zunge und das Ziehen im Finger bleiben. Das gehört zum Heilungsprozess, sagen die einen. Forscher haben herausgefunden, dass Tiere mit posttraumatischen Schmerzen viel aufmerksamer und wacher sind und deshalb weniger leicht zur Beute von Fressfeinden werden.

Also ist akuter Schmerz, der noch eine Weile anhält, auch ein Erbe der Evolution. Aber weil wir Menschen ja selten vor Fressfeinden fliehen müssen, hilft es uns noch mehr, wenn der Heilungsprozess schmerzfrei vonstatten geht. Doch was kann man tun, wenn man unter Schmerzen leidet? Woher kommt der Schmerz überhaupt? Wann wird er chronisch? Wo findet man Hilfe?

Alles fing mit Schlafmangel an

Dr. Michael Schenk ist Pionier der Schmerztherapie und Anästhesist in der Schmerzklinik Berlin. „Das ist das erste, was wir bei der Behandlung von chronischen Schmerzen machen: den Patienten wieder zu geregeltem Schlaf zu verhelfen“, sagt Schenk dazu.

Auch vor 20 Jahren fing alles mit Schlafmangel an. Anästhesisten fiel auf, dass Patienten nach Operationen wieder rascher zu Kräften kommen, wenn sie genügend schlafen. Zudem fangen sie schneller an, sich zu bewegen, was wiederum die beste Vorbeugung gegen postoperative Komplikationen wie Thrombose ist. Das war der Ausgangspunkt für die moderne Schmerztherapie.

Schmerz galt früher als Strafe Gottes

Jahrhundertelang war der Umgang mit Schmerz vom Christentum geprägt. Schmerz galt einerseits als Strafe Gottes, als Prüfung, die man auszuhalten hatte. Andererseits war Schmerz eng mit dem Menschsein des Gottessohnes verknüpft, dem man nachfolgen wollte. Büßer fügten sich selbst Schmerzen zu, um Erlösung zu erfahren und Gott zu gefallen. Doch der Kirche die Schuld zu geben, dass Menschen jahrhundertelang leiden mussten, wäre zu einfach. Denn auf der anderen Seite sorgte sich die Kirche – dem Gebot der Nächstenliebe folgend – um die Pflege von Kranken. Ohne die Klostermedizin hätten Kranke jahrhundertelang wenig Linderung erfahren. Die Mönche waren es auch, die das antike Wissen über Krankheiten in die Neuzeit retteten. Darauf bauten spätere Wissenschaftler auf.

Erst mit Descartes setzte ein Umdenken ein. Während Cicero die Schmerzen noch im Herzen verortete, sah Descartes sie erstmals im Gehirn des Menschen angesiedelt. In seinem Modell gelangt der Schmerz vom Ort der Verletzung über seilzugartige Nervenleitungen ins Gehirn, das Alarm schlägt und so Schmerz auslöst. Das war eine Revolution. Von nun an gingen körperlicher Schmerz und seelischer Schmerz getrennte Wege. Der körperliche Schmerz folgte einer mechanischen Erklärung, die direkt in die heute verpönte Maschinenmedizin führte.

Auf dem Weg dahin wurde noch sehr viel mit Nerven und Nervensträngen experimentiert. Die Schriftstellerin Karen Blixen war eines der Opfer. Ihr Ehemann steckte sie mit Syphilis an. Der Erreger breitete sich in ihrem ganzen Körper aus und drang in die Nervenbahnen ein, was zu schlimmen dauerhaften Schmerzen führte. Zusätzlich waren ihre Nerven von Schwermetallen geschädigt. Denn Blei und Arsenverbindungen waren damals erste Wahl, um die Krankheit zu bekämpfen. Was lag da näher, als die Nervenbahnen zu kappen, weil man jetzt ja wusste, dass sich Schmerzen ihren Weg über das Rückenmark zum Gehirn bahnen?

Durchgeschnittene Nervenbündel

Die Chordotomie war noch Mitte des 20. Jahrhunderts die häufigste Operation gegen Schmerzen. In mehreren Operationen wurden ihr Nervenbündel einfach durchschnitten. Doch Linderung brachte das nur für kurze Zeit. Karen Blixen starb eine Woche nach ihrer letzten Chordotomie. Heute wird diese Operation nur sehr selten durchgeführt. Denn die Erfahrung hat gezeigt, dass die Schmerzen nach einiger Zeit zurückkehren.

Dabei war die Hoffnung der Medizin, den Schmerz zu besiegen, 100 Jahre vor Karen Blixen noch beinahe grenzenlos. „Der schöne Traum, daß der Schmerz von uns genommen, ist zur Wirklichkeit geworden. Der Schmerz, dies höchste Bewußtwerden unserer irdischen Existenz, diese deutlichste Empfindung der Unvollkommenheit unseres Körpers, hat sich beugen müssen vor der Macht des menschlichen Geistes, vor der Macht des Aetherdunstes.“ So schrieb der Arzt Johann Friedrich Dieffenbach 1848 in der bahnbrechenden Schrift „Der Äther gegen den Schmerz“.

Schön wär’s gewesen. Doch die Begeisterung hatte Folgen, die für Patienten weniger positiv waren: Von nun an bestimmte der Arzt, ob ein Schmerz auszuhalten sei oder nicht, ob er eingebildet sei oder real. Heute hält man dieses Vorgehen für Unsinn. Moderne Schmerztherapie bezieht den Patienten mit ein. Nach Operationen bekommen Patienten sogar einen Regler in die Hand gedrückt, mit dem sie das Medikament selbst dosieren können. Zum Schutz vor Überdosierung ist eine Sicherung eingebaut.

Das Phänomen Phantomschmerz

Das Modell vom Schmerz, der über Neuronenimpulse ins Gehirn wandert, beflügelte die Schmerzforschung. Fest stand, dass Schmerzempfindung im Gehirn stattfindet, aber von Schmerzrezeptoren, die den ganzen Körper überziehen, ausgelöst werden. Was aber, wenn es keine Schmerzrezeptoren mehr gibt?

Das Problem wurde nach dem Zweiten Weltkrieg akut. Ehemalige Soldaten klagten über Schmerzen in amputierten Gliedmaßen. Zunächst hielt man sie für ein Kuriosum. Später glaubte man, die Reste der Nervenfasern seien entzündet, und amputierte noch weiter. Das verstärkte aber den Schmerz nur noch mehr. Dann ging man davon aus, dass angrenzende Hirnregionen die Empfindungen auslösen. Richtig im Griff hat man das Problem auch heute nicht. Und einfache Modelle helfen nicht weiter.

Eingebildeter Schmerz mit mentaler Ursache

Ganz besonders ist das der Fall bei Schmerzen, die unter die Codierung „F 45.41“ fallen, die für eine „chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren“ steht. Der Mythos – hier echter Schmerz mit körperlicher Ursache, da eingebildeter Schmerz mit mentaler Ursache – gilt als überholt.

„Schmerz hat immer sowohl körperliche als auch mentale Ursachen“, schreiben die Schweizer Schmerzforscher Amrei Wittwer und Gerd Folkers in ihrem Buch „Schmerz. Innenansicht eines Patienten und was die Wissenschaft dazu sagt“. Selbst bei klassischen körperlichen Schmerzen wie bei einem Knochenbruch wirkten sich die psychische Verfassung und das soziale Umfeld auf das Ausmaß der Schmerzen aus. Deshalb gehen Schmerzmediziner bei chronischen Schmerzen heute einen sehr breiten Weg mit verschiedenen Therapiepfaden. Man nennt das „multimodale Therapie“.

Viele reagieren mit Rückzug

So reichen auch die Angebote in der Schmerzklinik Berlin neben der üblichen Behandlung mit Medikamenten und Physiotherapie von Psychotherapie über Mal- und Musiktherapie bis zur Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern und Arbeitsämtern. Die Patienten lernen ihr Ernährungsverhalten umzustellen und werden schlaftherapeutisch beraten. Auch Bewegung ist ein großes Thema. Denn viele Menschen reagieren bei Schmerzen mit Rückzug und Schonung aus Angst, es könnte noch schlimmer werden. So geraten sie in einen Teufelskreis.

Michael Schenk hält insgesamtnichts davon, Schmerzen nur der Seele anzulasten. „In Deutschland mag man die Extreme“, sagt er. „War der Körper vorher eine Maschine, ist man heute geneigt, alles psychologisch zu erklären. Das darf man auch nicht übertreiben. Patienten wollen als Körper und Seele wahrgenommen werden.“

Wenn der Schmerz chronisch wird

Aber was genau läuft schief, wenn Schmerz chronifiziert? „Dauert der Schmerz länger als drei Monate, spricht man von chronischem Schmerz. Er hat seine Warnfunktion verloren und wird selbst zur Krankheit“, schreibt das Autoren-Duo Wittwer/Folkers. Das passiert zum einen, wenn Nerven selbst geschädigt werden. Und zum anderen, wenn Schmerzneuronen aus verschiedenen Gründen überreagieren. Schmerz auszuhalten härtet demnach nicht ab, sondern kann zu chronischen Schmerzen führen.

Bei Rückenschmerzen wird oft nur eine kleine körperliche Ursache gefunden, die Schmerzen dazu sind aber unverhältnismäßig schlimm. Hier zu operieren wäre fatal. Die Schmerztherapie geht dies ganzheitlich an – und versucht die Lebensqualität des Patienten zu verbessern. Das beginnt damit, dass man die Begleitumstände des Schmerzes abmildert und gegen Schlaflosigkeit, Bewegungsmangel, Fehlernährung und Depression vorgeht.

Ganzheitliches Denken und Handeln

„Schmerz kann so krank machen, dass er die Seele und ein ganzes Menschenleben zerstört. Chronische Patienten verlieren ihre Freunde, ihre Familie, ihren Job“, sagt Michael Schenk. „Wir versuchen, sie zu rehabilitieren.“ Aber das Wichtigste ist: Zeit haben und zuhören. Es gibt geschätzt zwei bis drei Millionen Menschen in Deutschland, die Schmerzen haben und nicht richtig behandelt werden. Die Schmerztherapie prescht hier in eine Lücke. Sie bezieht die Psyche und soziale Probleme mit ein und versucht vor allem, den Patienten zu verstehen.

>> INTERVIEW MIT SCHMERZTHERAPEUT MICHAEL SCHENK

Michael Schenk ist Schmerztherapeut und Anästhesist. Er ist Chefarzt der „Schmerzklinik Berlin“, die sich ganz auf multimodale Schmerztherapie spezialisiert hat. Wir sprachen mit ihm über Ursachen von Schmerzen und Behandlungsformen.

Herr Dr. Schenk, gibt es chronische Schmerzen ohne körperliche Ursache?

Michael Schenk: Wenn jemand über Schmerzen klagt, ist ein Leid da. Folglich gibt es auch eine Ursache, die zu 99 Prozent auch immer körperliche Anteile hat. Nur ist es oft so, dass das Ausmaß des Schmerzes nicht mit dem körperlichen Leiden übereinstimmt. Oft steckt eine zusätzliche seelische Komponente dahinter, die auch Schmerzursache ist. Die meisten Patienten, die zu uns kommen, haben allerdings handfeste körperliche Gründe, die oft von sehr schlimmen Verletzungen im Körper herrühren. Bei der chronischen Gürtelrose etwa entzünden sich auf großer Fläche Nerven im Körper, das ist ein Nervenschmerz mit eindeutig körperlicher Ursache.

Früher hieß es, Schmerz auszuhalten sei eine Tugend. Auch heute verzichten Menschen oft auf schmerzstillende Medikamente. Ist das aus medizinischer Sicht sinnvoll?

Ich glaube, es ist nicht sinnvoll, einen Schmerz auszuhalten, der einen sehr beeinträchtigt. Ich sehe das auch an mir selber. Ich habe mich gestern mit kochendem Wasser verbrüht. Um zu schlafen und heute hier zu sein, habe ich zwei Ibuprofen genommen.

Gilt das für alle Formen von Schmerz?

Wenn man den Schmerz einordnen kann, ist er nicht so schlimm und man kann ihn aushalten. Das gilt zum Beispiel für werdende Mütter. Es gibt Frauen, die sich so auf ihr Kind freuen, dass sie enorme Kräfte entwickeln und den Schmerz aushalten, weil sie ihn als sinnvoll empfinden. Dann muss man ihnen den Schmerz auch nicht nehmen. Das System kann aber auch kippen. Zum Beispiel, weil die Frau geschwächt ist, sich von der Hebamme nicht beschützt fühlt. Wenn dann das Kind auch noch ungünstig liegt, der Schmerz immer mehr zunimmt – Zerreißungsschmerz ist ein besonders schlimm empfundener Schmerz –, dann gerät die Gebärende in eine Situation, in der sie mit dem Schmerz nicht mehr umgehen kann. Es ist dann eine moralische Pflicht, eine PDA zu legen und Schmerzfreiheit herzustellen.

Wie kommen Sie insgesamt zu einer Diagnose? Können Sie Schmerzen messen?

Man kann heute Schmerzen neurophysiologisch messen. Das ist aber nicht die Regel. Als Arzt versuche ich den Schmerz zuzuordnen, zu verstehen, zunächst auf der körperlichen Ebene durch eine Untersuchung und Röntgenbilder. Normalerweise ergibt sich dann ein Sinn. Ganz selten ist der Schmerz für mich als Mediziner nicht nachvollziehbar. Es gab einen Patienten, der erzählte, dass sein Schmerz in der linken Kniekehle eintauche und wie eine zuckende funkelnde Schlange an der rechten Schulter wieder auftauche. Diesen Schmerz konnte ich körperlich nicht nachvollziehen. Tatsächlich stellte sich heraus, dass der Patient an einer Wahnvorstellung litt. Er wurde antipsychotisch behandelt, bekam kein Schmerzmittel, und Schlange samt Schmerzen verschwanden

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