Klimaaktivisten

Rebellische Jugend trifft alternde Gesellschaft

Aktivisten der „Fridays-For-Future“-Bewegung gehen auf die Straße und kämpfen für besseren Klimaschutz, wie hier in Duisburg. Entwickelt sich daraus ein Generationenkonflikt?

Aktivisten der „Fridays-For-Future“-Bewegung gehen auf die Straße und kämpfen für besseren Klimaschutz, wie hier in Duisburg. Entwickelt sich daraus ein Generationenkonflikt?

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Ein Generationenkonflikt bahnt sich an: Zwei junge Frauen aus dem Ruhrgebiet über den Wunsch nach Veränderung und Misstrauen gegenüber Mächtigen.

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Ein umgedichtetes Kinderlied („Meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“) sorgt für jede Menge Empörung. Ein junger Youtuber namens Rezo mischt mit einem Video die alten Parteien CDU und SPD auf. Fridays-Aktivisten bestreiken seit Monaten die Schulen und stellten sich zuletzt den neuen SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans auf ihrem Weg zum Bundesparteitag in den Weg. Der Begriff „Alter weißer Mann“ ist weltweit ein Synonym für grantige, vom Leben frustrierte, frauenfeindliche und die Umwelt zerstörende Gestalten.

Was passiert da gerade zwischen den Generationen? Bahnt sich ein harter Konflikt Alt gegen Jung an? Ist die Jugend auf einem ähnlichen Weg wie einst die Studenten, die ihren vom Krieg geprägten Eltern und Großeltern misstrauten? Die Frage, wie tief die Gräben zwischen den Generationen heute sind, haben wir zwei Schülerinnen aus dem Ruhrgebiet und zwei Wissenschaftlern gestellt. Ihre Antworten zeigen: Wir müssen uns wohl auf einiges gefasst machen.

„Es gibt definitiv einen Generationenkonflikt“, sagt Leila Belkhiria, Schülerin aus Duisburg. Die 17-Jährige engagiert sich in der Bewegung „Fridays for Future“ und hatte vor ein paar Monaten an einem Streitgespräch mit NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) über den Klimaschutz teilgenommen. „In der Fridays-Bewegung wird ja nicht ohne Grund gerufen: ,Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr uns die Zukunft klaut’“, erklärt Leila. Allerdings gebe es auch viele Ältere, die das Klima retten wollten und mit demonstrierten. „Wir Jüngeren machen sogar manchen Älteren, die die Hoffnung auf Veränderungen schon verloren hatten, wieder Mut.“

Energieraubende Parteiarbeit

Leila sagt, es fühle sich gut an, jung zu sein und zu wissen, dass man noch etwas verändern kann. Sie könnte sich auch durchaus vorstellen, in einer Partei mitzumachen. Lena Kah (17), Gymnasiastin aus Dortmund und ebenfalls Klimaschützerin, sieht das anders. „Eine Partei würde mir viel Energie nehmen. Bis man dort in einer einflussreichen Position ist, ist man schon nicht mehr jung“, findet Lena. In einer Bewegung wie Fridays könne sie sofort mitgestalten.

„Unbeweglich“ wirke die Politik auf sie, erklärt die junge Dortmunderin. Politik werde vor allem von Älteren für Ältere gemacht. „Aber sie wird uns Jüngere viel länger beschäftigen. Aus der etablierten Politik heißt es, Veränderung brauche Zeit. Falsch! Wir haben keine Zeit, die Erde zu retten. Vor 40 Jahren hätten wir noch langsam anfangen können.“

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Fortsetzung eines Trends aus den 60ern

Die Ungeduld der Jugend und Misstrauen gegenüber der Politik – aus der Sicht von Achim Goerres, Politikwissenschaftler an der Uni Duisburg-Essen und Spezialist für Politik in alternden Gesellschaften, ist das noch kein richtiger Generationenkonflikt. „Zu einem Konflikt zwischen Alt und Jung gehört viel mehr“, erklärt Görres. „Ich kann nicht beobachten, dass sich zwei klar voneinander abgegrenzte Gruppen mit unterschiedlichen Interessen bilden.“ Aber genau das sei die Voraussetzung für einen Konflikt.

Für Goerres ist die aktuelle Reibung in der Gesellschaft eher die Fortsetzung eines Trends, den Forscher schon seit den 1960-er Jahren beobachten: „Seit Jahrzehnten unterscheiden sich nachfolgende Kohorten voneinander. Mit der Tendenz, dass Jüngere postmaterielle Werte wie Frieden oder Umweltschutz höher halten.“ Was in der Zeit der Studentenrevolte begann, setzt sich demnach also bis heute fort.

Stillstand? Nicht mit uns!

Für Lena Kah aus Dortmund wirkt die Welt jedenfalls „wie festgefahren“. Die junge Frau beobachtet, dass viele Ältere es gerne sähen, wenn alles einfach so bliebe wie es ist. „Wir jungen Klimaaktivisten stehen aber für Veränderung. Wir sind schnell, wir sind bunt, wir haben sogar ohne Wahlrecht Macht“, sagt sie. Und sie vermutet sogar, dass die Jugend noch nie so politisch war wie heute.

Die Vermutung, dass Ältere sich zu wenig für die Zukunft und Veränderung interessieren, lässt Forscher Achim Goerres allerdings nicht gelten. „All diese Menschen sind durch ihre Familien mit nachfolgenden Generationen verbunden.“ Auch ältere Menschen hätten zum Beispiel Interesse an Bildungspolitik. Goerres beobachtet aber, dass Jugendliche zunehmend alternative Formen der politischen Beteiligung suchen. „Parteien und Wahlen haben an Bedeutung verloren“, folgert er. In festen Strukturen, zum Beispiel in Parteien und Parlamenten, hätten Jüngere einfach wenig Einfluss.

Ärger über Arroganz der Politik

Nicht selten nervt die Jüngeren das Auftreten der politischen Akteure. „Viele ältere Politiker nehmen uns nicht ernst. Christian Lindner hat mal gesagt, Klimaschutz sei eine Sache für die ,Profis’. Was für eine Arroganz!“, ärgert sich Leila aus Duisburg. Es seien ja gerade die angeblichen ,Profis’, die die Krise auf dem Planeten verursacht hätten, meint sie. Politik neige dazu, die Dinge schön zu reden. „Sie hört zu, aber sie unternimmt wenig. Das macht mich traurig.“

Lena Kah kann sich und ihre Überzeugungen nicht in politischen Protagonisten wie Saskia Esken, Norbert Walter-Borjans, Angela Merkel, Annegret Kramp-Karrenbauer oder Friedrich Merz wiederfinden. Esken und Walter-Borjans, die neuen an der Spitze der SPD, habe sie eigentlich gut gefunden. „Aber kaum sind sie gewählt, fängt das System sie wieder ein.“ Echte Vorbilder sind für Lena und Leila Aktivisten wie Greta Thunberg und der Youtuber Rezo. Die hätten den Ernst der Lage im Gegensatz zu „AKK“, „Nowabo“ und anderen Top-Politikern erkannt. Die verstünden die junge Generation.

„Greta ist eine Symbolfigur und lebt den Lebensstil, den dieser Protest ausmacht“, sagt Leila. „Ich werde nie begreifen, warum jemand wie Greta oder Rezo, die nur Gutes wollen und nichts Schlimmes getan haben, so viele Hasskommentare ertragen müssen.“

Neue Methoden sind sozial verzerrt

Kann die Demokratie in Gefahr geraten, wenn sich Jugendliche neue Wege suchen, abseits von altbekannten Parteien, Verbänden, Organisationen? Konfliktforscher Goerres kann das noch nicht abschließend einschätzen. Die neuen Methoden, Politik zu machen, wie Online-Petitionen und per Smartphone organisierte Demos und Boykotte haben aus seiner Sicht den Nachteil, dass sie „sozial verzerrt“ seien. Einzelne Gruppen würden dadurch stärker repräsentiert als andere, zum Beispiel jene, die nicht über dieses technische Wissen verfügen. Demokratische Wahlen wirkten weit weniger verzerrend.

Lena Kah hat wie die meisten in ihrer Generation überhaupt kein Problem mit den modernen Medien. Die Digitalisierung des Lebens sieht sie als Chance. „Ich möchte zwar nicht in einer Welt leben, in der die Technik die Menschen dominiert. Aber ohne Social Media und Whatsapp wäre der Protest der Jüngeren nicht da, wo er ist“, sagt die Dortmunderin.

Machtlos gegen den Willen der Älteren

Die Generationen reiben sich gerade sehr aneinander, beobachtet Lena. Schuldzuweisungen würden aber nichts bringen, und nicht alle Senioren seien gleich. Ihre Großmutter besitze ein IPad und finde es richtig, dass sich die Enkelin für Klimaschutz engagiert. Armin Laschet, den NRW-Ministerpräsidenten, hat Lena mal am Rande einer Demo gesehen. „Er hat uns zugehört, aber ich habe nicht den Eindruck, dass er in Klimafragen einsichtig ist“, betont die Gymnasiastin.

Die traditionelle Politik hat bei einem Teil der Jugend also einen extrem schweren Stand. Zumal in einer alternden Gesellschaft für die Parteien Senioren zunehmend wichtiger werden als Teenager. Anders gesagt: Gegen der Willen der Älteren ist unter solchen Umständen kaum Politik zu machen. Und das (digitale) Tempo, das die Jugend vorlegt, irritiert und ängstigt einen Teil der Älteren.

Wohin führen diese Konflikte, wie viel Hitze entsteht aus der Reibung? Lena Kah unterstreicht, dass die Fridays-Demonstrationen sehr friedlich seien, zumal auch viele Kinder mitmachten. „Aber wenn die Demos völlig ins Leere laufen“, gibt die junge Frau zu bedenken, „dann kann man nicht ausschließen, dass sich der Protest radikalisiert.“

Jetzt weiterlesen: „Das Thema Klima hat das Potenzial für einen Generationenkonflikt“

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