Kolumne: Geschenkt

Radeln mit Rodeo: Die Toskana ist auch nur ein Haufen Steine

 Maike Maibaum betreut das Ressort „Familie und Irrsinn“.

 Maike Maibaum betreut das Ressort „Familie und Irrsinn“.

Foto: Funkemedien

Hügel rauf, Hügel runter. Das muss sich der moderne Tourist nicht mehr gefallen lassen. Es gibt ja E-Bikes. E… weil sie bergauf bocken wie Esel?

Die Toskana war der richtige Ort: Wir würden endlich mal ein E-Bike mieten und die Hügel austricksen. Sport kann so schön sein. Man setzt sich, der Akku strampelt und links und rechts verneigt sich die Landschaft.

Hätten wir doch lieber einen Vierspänner ausgeliehen...

„Eco“ bis „Turbo“ - schon überholt man Lance Armstrong

Der junge Mann im Fahrradladen versicherte, dass man E-Mountainbikes ohne Übung fahren kann. Tatsächlich, man wählt zwischen vier Antriebsstufen von „Eco“ bis „Turbo“, schon überholt man Lance Armstrong. „Eco“ reicht völlig!, rief uns der Italiener hinterher. Er hatte mit gelbem Textmarker eine 60 Kilometer-Rundfahrt auf die Landkarte gemalt. Bis abends sei das locker zu schaffen, sagte er mittags.

Nach 600 Metern war Schluss. E-Bike steht auch für E-hekrise. Das Rad tat wie ein Porsche, hatte aber kein Navi. Natürlich war es unter der Würde meines Mannes, nach dem Weg zu fragen. Also nach Karte? Ohne Brille? Ich starrte auf die Straße, hoffte insgeheim, die gelbe Textmarker-Linie dort wiederzufinden. Eine Anwohnerin kam uns zu Hilfe. Nach Asciano? Hier links sei ein Weg. Sie wirkte besorgt.

Fahrbahn benahm sich wie angespitztes Kopfsteinpflaster

Nur noch 59,4 Kilometer... Schotter. In der Toskana ist selbst der Schotter vom Feinsten, womöglich aus Carrara-Marmor gehauen. Die Fahrbahn benahm sich wie angespitztes Kopfsteinpflaster. Ja, der Akku ersparte den Beinen viel Arbeit, dafür malochten die Arme doppelt. Die Bikes buckelten. Radelten wir ein Rodeo?

Noch 56 Kilometer und der nächste Schock: Die Toskana ist eine optische Täuschung, verkehrt wie Herr Tur Tur aus Jim Knopf. Beim Näherkommen entpuppen sich sanfte Hügel als senkrechte Steigungen. Der „völlig ausreichende“ Eco-Gang gab auf, wir brauchten Turbo plus. Turbo plus selbst treten. Das E stand jetzt für Erschöpfung. Zwei grauhaarige Italiener auf antiken Rennrädern überholten uns. Sie hatten die besseren Akkus: dicke Waden.

Wie eine leere Batterie ein Antrieb sein kann

Nach 30 Kilometern fuhren wir im Stehen. Der Sattel war ebenfalls aus Carrara Marmor. Es fing an zu dämmern. Ich verfluchte die Gegend, diese millionenfach fotografierten Hügel waren doch nur Steine, die uns das Schicksal in den Weg legte. Trotzdem wurden wir schneller: Die Akkus waren bald am Ende. Wir strampelten aus Angst, plötzlich ohne Strom im endlosen Hügelmeer liegenzubleiben. Was immerhin ein Naturgesetz widerlegt: eine leere Batterie kann ein starker Antrieb sein.

Mit der Dunkelheit erreichten wir das Dorf. Die Akkus röchelten. Nacken und Oberarme waren nun auch versteinert. Der Fahrradverleiher blickte erstaunt auf unsere staubige Kleidung: Wir hätten doch wohl nicht versehentlich die Schotter-Strecke genommen?

E-Bike, bei Siena, 25 €/Nachmittag

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