Weihnachten

Predigt zu Weihnachten: Weg vom Ich, hin zum Du

Der evangelische Pfarrer Gerald Hillebrand in der Petrikirche in Mülheim.

Foto: Kai Kitschenberg

Der evangelische Pfarrer Gerald Hillebrand in der Petrikirche in Mülheim.

Mülheim.   Weihnachten lädt ein, die Welt mit Liebe zu betrachten. Eine Predigt von Gerald Hillebrand, Superintendent des Kirchenkreises An der Ruhr.

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In der Weihnachtszeit zünden wir gern Lichter an, die das Dunkel vertreiben. Wir hören gern Lieder, die uns innerlich wärmen, und wir erzählen gern Geschichten, die zu Herzen gehen.

Eine meiner Lieblings-Weihnachtsgeschichten ist „Das Geschenk der Weisen“ des amerikanischen Schriftstellers O. Henry. Er erzählt darin von dem jungen Ehepaar Della und Jim. Die beiden sind zwar sehr verliebt ineinander, aber auch bitterarm. Sie kommen gerade so über die Runden. Nun naht das Weihnachtsfest, und Della möchte ihrem geliebten Jim ein besonders schönes Geschenk machen: eine Kette für seine kostbare Taschenuhr. Die Kette kostet 21 Dollar, aber Della hat nur 1 Dollar und 87 Cent. Da kommt ihr die rettende Idee. Um ihrem Jim die Uhrkette schenken zu können, lässt sie ihr schönes, knielanges Haar abschneiden und verkauft es an einen Perückenmacher. In der Zwischenzeit beschließt Jim, seine wertvolle Uhr zu versetzen, um seiner Della ein juwelenverziertes Kamm-Set aus Schildpatt zu schenken für ihr wunderbares Haar.

Ein Ausdruck ihrer großen Liebe

Am Weihnachtsabend stehen dann beide da mit einem Geschenk, das der jeweils andere nicht mehr gebrauchen kann. Doch ungeachtet der Enttäuschung darüber und der vielen Tränen, die natürlich fließen, sind beide von ihrem Geschenk angetan als Ausdruck ihrer großen Liebe füreinander.

Am Ende vergleicht der Autor die Geschenke von Della und Jim mit denen der Weisen aus dem Morgenland. Sie haben bekanntlich dem Kind in der Krippe Geschenke gebracht und damit die Kunst des weihnachtlichen Schenkens erfunden. Gewiss waren sie auch bei der Wahl ihrer Geschenke weise und haben lauter nützliche Dinge überreicht. Für O. Henry aber sind Della und Jim von allen Schenkenden die weisesten.

Ihre Weisheit entspringt eben nicht einem scharfen Intellekt und einem umfassenden Wissen, sondern allein der Liebe. Sie fragen nicht danach, was klug ist oder vernünftig oder was den größten Nutzen bietet. Sie lassen sich von der Liebe leiten und tun, was ihnen die Liebe zum anderen eingibt. Deshalb sind Della und Jim die wahren Weisen. Sie handeln aus der Weisheit der Liebe heraus – auch wenn das verrückt erscheinen mag.

Liebe ist wagemutig

Liebe ist wohl die beste aller Fähigkeiten, mit der Gott uns Menschen ausgestattet hat. Aus Liebe tun Menschen mitunter die erstaunlichsten, wunderbarsten und verrücktesten Dinge. Liebe ist nun mal nicht vernünftig, niemals berechnend und nur selten vorsichtig – dafür eher mal wagemutig, manchmal sogar leichtsinnig, und es stört sie auch nicht, sich lächerlich zu machen. Liebe hält sich nicht an vorgegebene, bewährte Ordnungen, sondern stellt sie auf den Kopf. Sie macht im wahrsten Sinn des Wortes „verrückt“, denn sie verschiebt den Blickwinkel, bringt durcheinander, was wir mühsam geordnet haben. Sie wirft Pläne um und Lebensentwürfe, sie setzt mitunter ungeahnte Kräfte frei. Nicht selten bedeutet Liebe auch, etwas aufzugeben oder auf etwas zu verzichten.

Und was hat das alles mit Weihnachten zu tun? Nun – ist Weihnachten nicht das Fest der Liebe? Wir hören von Gott, der ein Kind zum Zeichen seiner Liebe zu uns Menschen macht. Wir hören von Menschen, die sich – bewegt von der Macht der Liebe – auf einmal ganz anders verhalten als sonst. Wir selbst öffnen zu Weihnachten unsere Herzen und unsere Geldbörsen für die, die es nicht so gut haben wie wir. Wir machen einander liebevoll ausgesuchte Geschenke und gehen vielleicht ein wenig liebevoller miteinander um als das restliche Jahr über. Wir bekommen eine Ahnung davon, wie stark die Liebe ist und wie sie die Welt verändern könnte. Ja, Weihnachten ist das Fest der Liebe untereinander, und die wiederum gründet in der Liebe Gottes.

Gott will, dass es den Menschen gut geht

Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Johannes-Evangelium Kapitel 3, Vers 16)

Wir Christen glauben: Gott liebt diese Welt, denn sie ist sein Werk. Und darum liebt er auch die Menschen, die die Welt bevölkern. Er will, dass es ihnen gut geht und sie in Frieden zusammen leben. Jeder Mensch soll haben, was zum Leben nötig ist. Kein Mensch soll um sein Leben fürchten müssen. Aber wie kann Gott die Menschen dazu bringen, in Frieden und gegenseitiger Achtung zu leben? Indem er selbst es uns vormacht und aus Liebe etwas ganz Erstaunliches, Wunderbares, ja Verrücktes tut. Er verzichtet auf den Himmel und erscheint auf der Erde. Er tritt ein in Zeit und Raum und unterwirft sich unseren menschlichen Lebensbedingungen. Er kommt uns ganz nahe als ein kleines Kind.

Kinder berühren auf besondere Weise

Kinder berühren auf besondere Weise. Sie sprechen die zärtlichen Seiten in uns an, wecken in uns Liebe und Fürsorge. Sie legen den weichen Kern unter der manchmal vom Leben hart gewordenen Schale frei. Kinder laden uns ein, mit ihnen noch einmal neu anzufangen und vieles anders, besser zu machen als zuvor.

Gott schenkt uns das Kind im Stall von Bethlehem. Auch mit diesem Kind soll etwas Neues beginnen. Mit ihm soll die Liebe zum Prinzip des Zusammenlebens werden.

Das bedeutet einen Blickwechsel. Denn es gehört zum Besonderen der Liebe, das sie den Blick weg vom Ich und hin auf das Du richtet. Ein Mensch, der liebt, blickt nicht nur auf sich selbst und auf das, was ihm nützt, sondern hat immer auch den Anderen im Blick, den er liebt, und das, was dem geliebten Menschen nützt.

Der christliche Kerngedanke der Nächstenliebe

Das kann einer Welt, in der jeder zunehmend mit sich selbst und seinen eigenen Interessen und Bedürfnissen beschäftigt ist, nur guttun. Das kann auch unserem sogenannten „christlichen Abendland“ nur guttun, in dem der christliche Kerngedanke der Nächstenliebe von manchen Gruppen gern durch den Vorrang nationaler Interessen ersetzt wird. Für ein wahrhaft „christliches Abendland“ jedoch sind Parolen, die den Vorrang der eigenen, nationalen oder auch der europäischen Interessen gegenüber anderen Ländern oder Erdteilen betonen, keine Lösung.

Auch in unserem eigenen Land, in dem leider trotz des großen Reichtums immer mehr Menschen, darunter vor allem Kinder, an der Armutsgrenze leben, wäre ein von Liebe bestimmter Blickwechsel weg vom Ich und hin zum Du eine gute Sache.

Weihnachten lädt uns zu diesem Blickwechsel ein. Weihnachten zeigt uns die große Chance, die Welt mit anderen Augen – eben mit den Augen der Liebe – zu sehen. Gott selbst macht es uns in seinem Kind vor. Sollten wir es ihm nicht nachmachen – so wie Della und Jim in der Geschichte von O. Henry? Das klingt schon ein wenig verrückt, doch ich bin davon überzeugt, dass die „verrückte“ Weisheit der Liebe uns und der Welt guttut.

>> GOTTESDIENST AN WEIHNACHTEN

Gerald Hillebrand ist Superintendent und somit oberster Repräsentant des Kirchenkreises An der Ruhr. Der evangelische Pfarrer predigt in der Kirchengemeinde Broich-Saarn am Sonntag, 24. Dezember, 18 Uhr, in der Dorfkirche an der Holunderstraße 2 in Mülheim. Der Kirchenchor begleitet den Gottesdienst.

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