Interview

Politiker entlarvt: Klartext ist auch nur eine Floskel

Futter fürs Phrasenschwein: Nicht nur, aber meist von Politikern.

Futter fürs Phrasenschwein: Nicht nur, aber meist von Politikern.

Foto: Antonia Nix / Getty Images

Essen.  Floskel-Forscher Oliver Georgi sagt, wieso Politiker-Phrasen ganz schön gefährlich werden können und was das mit Trump und Thüringen zu tun hat.

Nächster Halt Allgemeinplatz. Politiker, Sportler, aber auch wir alle nutzen ständig Floskeln. „Und täglich grüßt das Phrasenschwein“ heißt das Buch von Oliver Georgi (42). Wir haben mit ihm hoffentlich nicht nur Plattitüden ausgetauscht.

Welches ist Ihre Lieblingsfloskel?

Es gibt viele hohle Phrasen bei Politikern, eine der schlimmsten finde ich aber das Versprechen, „eine Politik für die Menschen in diesem Land“ zu machen. Das sagen Politiker gern, weil es so volksnah klingt und sie sich damit als Kümmerer inszenieren können. Aber die Phrase ist natürlich die größte Binse, die man sich vorstellen kann. Für wen sonst sollen sie denn Politik machen als für die „Menschen in diesem Land“? Das ist schlicht ihre Jobbeschreibung. Oder, noch schlimmer: eine „Politik für den kleinen Mann“. Das ist eine Bevormundung. Damit machen Politiker sich selbst übergroß – und ihre Wähler nur klein.

Wer ist der größte Phrasendrescher?

Es gibt viele Politiker, die eine große Phrasenschwäche haben – in allen Parteien. Angela Merkel ist aber sicher besonders weit vorne. Ihre Reden sind oft voll von hohlen technokratischen Formulierungen – sie hat die Kunst perfektioniert, mit möglichst vielen Wörtern möglichst wenig zu sagen. Ihre schlimmste Phrase war für mich „alternativlos“, weil sie so den demokratischen Diskurs ausgehebelt hat. Wenn eine Politik für „alternativlos“ erklärt wird, dann muss man gar nicht mehr über mögliche Alternativen streiten – dabei ist das doch das Wesen der Demokratie. Ein schwieriger Begriff.

Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat ohrenscheinlich ehrlich und direkt geredet – das dürfte ihn seine Karriere gekostet haben...

Ja, das war auf eine Art eine schizophrene Situation. Bevor er Kanzlerkandidat wurde, galt er als Mann der „klaren Kante“ und wurde als „Klartext-Peer“ gefeiert, weil er im Ruf stand, offen und ohne Rücksicht auf Verluste seine Meinung zu sagen. Im Wahlkampf hat er das fortgeführt, etwa als er gesagt hat, ein Kanzler verdiene zu wenig oder er trinke keinen billigen Wein. Da wurde ihm das plötzlich als Arroganz angekreidet. Das zeigt das ambivalente und auch unehrliche Verhältnis, das wir Wähler – und auch wir Medien – oft zu unseren Politikern haben. Wir fordern Authentizität, ertragen sie dann aber nicht. Damit machen wir den Hang zum Vagen bei Politikern nur noch größer.

Wie wichtig ist Authentizität im Sprachbild, wenn wir etwa einen Philipp Amthor reden hören und sehen?

Über Philipp Amthor hat ein Kollege einmal geschrieben, er rede mit Ende 20 schon wie ein Politiker, der seit 50 Jahren im Geschäft ist. Amthor hat sich also sehr schnell den Sprachduktus und die Phrasensprache der Berufspolitik angewöhnt – für eine schnelle Parteikarriere mag das hilfreich sein, weil es vielen als Ausweis großer Professionalität gilt. Dem Vertrauensverhältnis vieler Wähler, die „denen in Berlin“ ohnehin vorwerfen, abgehoben zu sein, erweist einer wie Amthor aber einen Bärendienst. Die Menschen wollen keine Phrasendreschmaschinen, sondern Politiker, von denen sie sich verstanden fühlen. Dabei spielt es eine entscheidende Rolle, wie authentisch sie kommunizieren.

Ungeduld geben Macher gerne auf die Frage nach ihrer Schwäche an. Ein lahmer Trick, weil es ja Tatendrang suggeriert und somit eigentlich schon wieder eine Stärke ist. Abgedroschen bleibt‘s trotzdem...

Klar, wir alle nutzen jeden Tag Phrasen, da sind wir nicht anders als die Politiker. Zum Beispiel, wenn wir etwas in einem langweiligen Gespräch aus Höflichkeit „interessant“ finden, obwohl „ist mir völlig egal“ ehrlicher wäre. Oder wenn wir in einer Sache noch keine Entscheidung treffen wollen und sagen, „morgen ist auch noch ein Tag“. Der Mechanismus ist derselbe wie bei Politikern: Phrasen helfen, wenn wir uns im Alltag noch nicht festlegen wollen.

Wie veränderten sich Allgemeinplätze im Zeitenlauf?

Ich glaube, wir Menschen haben schon immer Phrasen benutzt, weil sie uns die Kommunikation erleichtern. Phrasen geben Zeit zum Nachdenken, weil man sie so gedankenlos dahinsagen kann – und oft gehören sie beim Smalltalk ja zur Höflichkeit. Höchstens die Formulierungen ändern sich über die Jahre.

Welche Rolle spielen Soziale Medien, bekanntlich der Resonanzverstärker allen Wortgeklingels?

Eine gewaltige, weil die öffentliche Empörungskurve bei politischen Debatten durch sie erheblich verstärkt wird. Heute kann ein einzelner Satz eines Politikers, der irgendwo auf einem Dorffest gesagt und dann aus dem Kontext gerissen wurde, auf Twitter oder Facebook binnen Minuten einen Shitstorm auslösen, der für den Politiker potenziell karriereschädigend ist. Das führt dazu, dass Politiker heute noch vorsichtiger geworden sind. Annegret Kramp-Karrenbauer hat nach zahlreichen verbalen Fauxpas gesagt, die Versuchung sei groß, sich nur noch an Formulierungen zu halten, die „geprüft und sicher“ sind. Gerade das macht den Reiz von Phrasen für Politiker aus.

Bestehen international Unterschiede, so in der Trumpschen Rhetorik?

Nein, Phrasen sind universell. Gerade Donald Trump ist auf seine Art ein Meister darin, weil er seine Anhänger immer wieder mit Sätzen wie „Believe me“ oder „We’re going to take care of“ hinter sich schart. Damit inszeniert auch er sich als Kümmerer – der Mechanismus hinter solchen Phrasen ist derselbe wie bei uns. Trump hat die Bedeutung der sozialen Medien aber noch einmal auf eine neue Ebene gehoben. Er macht mit seinen oft wirren Tweets als offiziellem Verlautbarungsorgan Weltpolitik – ob wir das wollen oder nicht.

Wie vermeide ich abgegriffene Redensarten?

Wir alle neigen wie gesagt zum phrasenhaften Sprechen – auszubrechen ist schwierig. Ein erster Schritt ist aber, sich dessen bewusst zu werden. Das gilt gerade für Politiker. Und vielleicht hilft es dabei auch, dieses Interview zu lesen.

Klartext: Das ist doch mittlerweile die reservierte Sprache der Populisten, oder?

Der Begriff Klartext ist selbst zu einer Phrase geworden, ganz klar. Und die Populisten wie von der AfD haben ihn für sich okkupiert und versuchen bei ihrer Klientel so den falschen Eindruck zu erwecken, sie seien die einzigen, die die Dinge noch wirklich beim Namen nennen. Umso wichtiger finde ich es, zwischen einer klareren, authentischeren Sprache und der menschenverachtenden Sprache der Populisten zu trennen, sprich: zwischen wirklichem Klartext und deren Pseudo-„Klartext“.

Mit Phrasen wie „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“ ist Unsagbares längst sagbar geworden und aus Worten werden Taten, wie wir in Halle leider wieder erleben mussten. Wo ist die Grenze?

Eindeutig da, wo die Worte den Boden unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung verlassen. Wir sollten und müssen wieder lernen, in der politischen Debatte mehr zu streiten, die Dinge klarer zu benennen und dabei auch heftigen Widerspruch auszuhalten. Das heißt aber nicht, eine Sprache zu sprechen, wie es etwa Teile der AfD tun. Hart Argumente auszutauschen und eine klare, vielleicht auch unbequeme Meinung zu vertreten bedeutet nicht automatisch, dass man relativiert, pauschalisiert oder menschenverachtend wird.

Sonntag ist Thüringen-Wahl. Welche Floskel würden Sie sich im Nachgang verzeihen?

Ausnahmsweise eine Floskel wie „Das ist ein Zeichen für Stabilität in unserem Land.“ Aber nur, wenn es bedeuten würde, dass die AfD wider Erwarten deutlich schlechter abgeschnitten hat als in den Umfragen befürchtet.

Kleiner Querpass: Sind Fußballerfloskeln eigentlich anders als Politikerfloskeln oder nur ein anderes Spielfeld des wortreichen Nichtssagens?

Eigentlich sind sie sehr vergleichbar – nicht vom Inhalt natürlich, aber von ihrem Zweck. Nach einem verlorenen Spiel werden Fußballer Minuten später schon am Spielfeldrand wegen möglicher Konsequenzen und tiefschürfender Analysen ihrer Niederlage gelöchert, obwohl sie zu dem Zeitpunkt eigentlich noch nicht mehr sagen können als: Wir haben verloren, ich bin total fertig, die Enttäuschung ist riesengroß. Das ist bei Politikern an Wahlabenden durchaus ähnlich. Trotzdem stehen beide, Fußballer wie Politiker, in der Öffentlichkeit und müssen irgendetwas in die Kameras sagen. Also geben sie nichtssagende Floskeln von sich und sprechen von „stabilen Verhältnissen für das Land“ oder den Räumen, die sie leider wieder nicht eng gemacht haben.

In der Bundesliga wie im Bundestag ist die Sehnsucht groß nach echten Typen. Wenn aber mal einer ausbricht aus dem Kommunikations-Korsett, gilt er als Enfant Terrible und unbequem, was der Laufbahn hier wie da selten förderlich ist...

Genau, auch da sind Politik und Sport durchaus vergleichbar. Ein Oliver Kahn wurde und wird von vielen eben auch dafür geschätzt, dass er „kein Blatt vor den Mund“ nimmt – ähnlich wie Peer Steinbrück. Das gilt aber in beiden Fällen meistens nur so lange, wie die Meinung der Öffentlichkeit auch genehm ist. Wir wollen halt Authentizität und „echte Typen“ oft nur im Positiven und wenn das unsere „Komfortzone“ nicht zu sehr stört. Das ist ein großes Problem.

Die letzte, aber nicht die schlechteste Frage: Sie kommen aus dem Journalismus, sind politischer Redakteur der renommierten FAZ. Wie verhält es sich Ihrer Erfahrung nach, mal ganz selbstkritisch, in unserer eigenen Branche mit Binsen und Plattitüden?

Die Medien spielen bei dem Thema eine entscheidende Rolle, deshalb wäre es selbstgerecht, immer nur mit dem Finger auf die Politiker zu zeigen. Viele Phrasen von Politikern werden in Interviews und mitunter selbst in der Tagesschau ja eins zu eins weitergegeben, ohne groß hinterfragt zu werden. Damit wird die Politikverdrossenheit vieler Menschen nur noch verstärkt – und auch der Eindruck, Politik und Medien seien Teil einer gemeinsamen Blase, die mit der Lebenswirklichkeit der Menschen nichts mehr zu tun hat. Besser wäre es, aus möglichst vielen Phrasen die Luft zu lassen. Etwa indem Journalisten in einem Interview mit einem Politiker so lange nachhaken, bis alle Wortblasen in sich zusammenfallen. Thomas Walde vom ZDF hat das 2018 mal mit Alexander Gauland gemacht – damit hat er dessen Ahnungs- und Inhaltslosigkeit brillant demaskiert. Das geschieht leider zu wenig.

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