Buchtipp

Pflegekräfte aus dem Osten? „Ohne sie geht es nicht.“

Hilfe aus dem Osten: Viele Menschen haben mit Pflegekräften beispielsweise aus Polen verschiedene Erfahrungen gemacht – unsere Professorin meistens gute.

Hilfe aus dem Osten: Viele Menschen haben mit Pflegekräften beispielsweise aus Polen verschiedene Erfahrungen gemacht – unsere Professorin meistens gute.

Foto: archivbild: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Sundern.  Lesenswert: Eine Professorin schreibt ein Buch über ihre betreuungsbedürftige Mutter und die Erfahrungen mit deren osteuropäischen Pflegekräften.

Eine Resonanz auf unsere Pflegeserie „Und nichts ist mehr wie früher“ ist aus dem Sauerland gekommen. Professorin Sigrid Tschöpe-Scheffler schickte der Wochenend-Redaktion ihr jüngst erschienenes Buch „Früher war ich ein flottes Huhn, heute bin ich eine lahme Ente“ (Patmos Verlag, 18 Euro). Der flapsige Titel erzeugt spontan eine Grundskepsis, und die an den Spruch angelehnte Titelgestaltung mit gezeichnetem Geflügel und gebeugter Rollatorin mit Dutt verstärkt den Eindruck noch: Will hier jemand Dönekes erzählen im Stile eines Hera-Lind-Romans?

Nein, will die Autorin, von Hause aus Pädagogin, nicht. Über ein Jahrzehnt kamen Menschen aus Polen, Rumänien und Russland, aus Moldawien, Bosnien, Armenien und Bulgarien sowie Ungarn zu ihrer Mutter ins Haus. Der Jüngste war ein 22-jähriger Student, die Älteste eine 65-jährige Witwe. Manche blieben drei Monate, eine vier Jahre. „Meine alte Mutter, ihre Pflegekräfte aus Osteuropa und ich“ lautet der Untertitel, der dem Verlag zum Verkauf der Geschichte wahrscheinlich zu nüchtern war, so dass man auf das Zitat eben der Mutter zurückgriff.

Traumatische Erlebnisse der Kriegszeit kehren zurück

Die Mutter von Sigrid Tschöpe-Scheffler – ihr richtiger Name und ihr Wohnort im Rheinischen soll nicht genannt werden – wäre im September 100 Jahre alt geworden. Ihre Geschichte ist eine typische für Menschen des Jahrgangs 1920, bestimmt von Krieg und Vertreibung, geprägt vom arbeitsamen Neuanfang in einer neuen Heimat. In den Schoß gefallen ist dieser Generation so gut wie nichts.

Die traumatischen Erlebnisse der Kriegszeit kehrten auch bei der Mutter der Buchautorin zurück, besonders mit der über Jahre schleichend zunehmenden Demenz, ihrem „schwarzen Affen“, wie es die Seniorin selbst bezeichnet hat. Angst vor fremden Männern als Relikt der Flucht vor den heranrückenden russischen Soldaten aus einem deutschsprachigen Dorf in der Ukraine – Angst vor Missbrauch ist ein Thema, das viele Angehörige von älteren dementen Frauen kennen und das die Betreuung durch männliches Pflegepersonal fast unmöglich machen kann.

Auch meine Mutter Christa Heidecke lehnte beispielsweise im Heim einen ganz jungen Pfleger mit afrikanischen Wurzeln scheinbar grundlos oder aus Rassismus ab. Als Teenager hatte sie im französisch besetzten Südwesten Soldaten aus den afrikanischen Kolonien Frankreichs erlebt und in ständiger Angst vor Vergewaltigung gelebt.

Die Mutter von Sigrid Tschöpe-Scheffler stand wie Christa Heidecke ebenfalls lange auf eigenen Füßen im Leben, bewohnte das Haus der Familie. Sie war 80 und ihr Ehemann bereits sechs Jahre tot, als sie Unterstützung benötigte. Zuerst kamen junge Helfer um die Jahrtausendwende nach dem Modell „Wohnen für Hilfe“ ins Haus. Im Alter von 83, 84 Jahren benötigte sie dann ständig eine Betreuung.

Sie sollte dann so lange wie möglich in dem Haus bleiben, das 55 Jahre im Besitz der Familie war. Deshalb die Entscheidung für Pflegekräfte aus Osteuropa, die bei ihr im Haus wohnten. Sigrid Tschöpe-Scheffler: „Wir hatten unter 15 Pflegerinnen nur eine Enttäuschung, sonst war es immer eine Bereicherung.“ Einer der Höhepunkte der freundschaftlichen Verhältnisse zu den Betreuerinnen war die Einladung zu einer Hochzeit in Armenien.

Solange die Pflege im Zuhause funktioniert hat, kam ein Heim nicht infrage. Es war auch der Wunsch der Mutter, in ihrem Haus zu sterben. Vergönnt war es ihr nicht. Im Pflegeheim ist sie nachts auf dem Weg zum Klo hingefallen, weil der Toilettenstuhl nicht vor dem Bett stand, so Sigrid Tschöpe-Scheffler. Von dem Sturz habe sie sich nicht wieder richtig erholen können. Danach wechselte sie noch in eine Senioren-WG, und dort ist sie im Januar 2019 im Alter von 98 Jahren gestorben.

In Heimen läuft nicht alles optimal

Vieles in dem Buch vom flotten Huhn und der lahmen Ente erinnert an die Erlebnisse, die wir an diese Stelle in unserer Pflegeserie über Christa Heidecke nach ihrem Schlaganfall vor bald dreieinhalb Jahren geschildert haben. Dabei geht es grundsätzlich nicht darum, Altenpflegeheime schlecht zu machen, auch wenn vieles nicht optimal ist. „Man muss den alten Menschen auch im Heim den Rest von Würde bewahren, darf sie zum Beispiel nicht einfach duzen“, sagt Sigrid Tschöpe-Scheffler.

Sie beweist ein Händchen dafür, ihre Geschichte auf 200 Seiten lebendig, anschaulich, mitfühlbar, aber ohne Pathos und moralische Überhöhung zu schildern. Zudem eignet sich das Buch sehr gut als Ratgeber, denn die Erziehungswissenschaftlerin hat eine umfangreiche kommentierte Literaturliste zum Thema angehängt. Wer damit rechnen muss, in Zukunft in eine Pflegesituation für sich selbst oder Angehörige zu geraten, der ist mit dem Buch gut beraten.

Blog zur Pflege im Internet:

Alle Folgen der zitierten Pflegeserie sind in ungekürzter Fassung hier nachzulesen.

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