Computerspielsucht

Nur für den Klick für den Augenblick

Die Augen weit aufgerissen, obwohl sie eigentlich schon zufallen könnten: Manche Zocker finden kein Ende beim Spiel – und haben das Gefühl, dort gebraucht zu werden.

Die Augen weit aufgerissen, obwohl sie eigentlich schon zufallen könnten: Manche Zocker finden kein Ende beim Spiel – und haben das Gefühl, dort gebraucht zu werden.

Foto: Marcos Mesa Sam Wordley / Shutterstock/Marcos Mesa Sam Wordley

Essen.  Wenn sich alles nur noch um Computerspiele, gerät oft das reale Leben aus den Fugen. Ein Forschungsprojekt in Bochum kann den Weg zurück zeigen.

„Ich hänge meist von etwa 13 bis 2 Uhr morgens am Computer. Letztens konnte ich nur eine halbe Stunde lang schlafen, da ich einfach zu lange am Computer hing & ich denke oft darüber nach, einfach auf die Straße vor ein Auto zu laufen…“

Gamer Lennii im Internet-Forum suchtundselbsthilfe.de

Und Lennii ist damit nicht alleine. Computerspielsucht ist ein zunehmendes gesellschaftliches Phänomen. Eine DAK-Studie von 2019 geht davon aus, dass 15,4 Prozent der Minderjährigen zu den Risiko-Gamern gehören. Studien besagen, dass ein bis 1,5 Prozent der Bevölkerung eine Computerspielsucht ausgebildet haben. Und man kann getrost vorhersagen, dass sich die Problematik im laufenden Jahr wegen der Corona-Maßnahmen verschärft hat. Manche Problem-Zocker achten zu wenig auf Körperpflege, weil sie stattdessen lieber spielen, sie sagen den Urlaub ab, weil gerade ein neues Add-On veröffentlicht wird...

Ob es nun „Fortnite“, „World Of Warcraft“, „League Of Legends“ oder was auch immer ist, Online-Spiele liefern einen Adrenalin-Kick, der süchtig machen kann.

„Es ist sehr schwer für einen Computersüchtigen, Arbeit und die Zeit vor dem Online-Spiel unter einen Hut zu bringen, sprich, eigentlich bräuchte man zwei Leben, vielleicht sogar ein drittes, um darin Schlaf zu finden.“

Gamer Garen auf hilferuf.de

Wer ähnlich fühlt, wer vielleicht auch die ganze Nacht bei Facebook, Insta, TikTok, Youtube verdengelt hat und eigentlich dringend kürzer treten müsste, um sein Leben besser in den Griff zu bekommen, sollte dringend seinen Konsum von digitalen Medien kritisch hinterfragen.

Wann werden Computerspiele und Internet-Konsum zur Sucht?

Eine gute Anlaufstelle dafür ist seit wenigen Wochen Ompris, ein Forschungsprojekt des LWL-Uniklinikums Bochum zur Onlinesucht. Wer wissen will, was Ompris komplett heißt, muss sich jetzt kurz anschnallen: Onlinebasiertes Motivationsprogramm zur Reduktion des problematischen und suchthaften Computerspiel- und Internetkonsums. Im Netz gibt es einen hilfreichen Selbsttest (onlinesucht-hilfe.de) – und weitergehende Angebote, denn Ompris bietet für Menschen mit problematischer Mediennutzung ein vier- bis sechswöchiges Online-Beratungsprogramm mit webcam-basierten Gesprächen.

Wir sprachen mit Laura Bottel, Projektkoordinatorin und Beraterin bei Ompris, darüber, welche Gefahren durch Spiele und andere Internet-Angebote drohen – und wie man ihnen begegnet.

Frau Bottel, ist Mediensucht ein neues Phänomen?

Was wirklich als Sucht bezeichnet wird, sind heute eher die internetbezogenen Störungen. Früher stellte man die Frage: Kann man abhängig vom Fernsehen werden? Und da zeigt sich, dass dem nicht so ist. Das Entscheidende ist die Interaktion. Und die ist wirklich erst möglich, seit es das Internet gibt. Dass man eben mit realen Personen in Kontakt treten kann. Dass man aber auch das Gefühl hat, dass man dort seine Freunde und Bezugspersonen hat. Das ist der Faktor, der bei einer Suchtentwicklung eine Rolle spielt.

Was sind die suchterzeugenden Aspekte, die einen dazu bringen, zu lange dran zu bleiben?

Aspekte, wie man sie auch im Glücksspiel kennt: Eine zwischenzeitliche Belohnung. Die Aussicht: Irgendwann werde ich den großen Geldbetrag bekommen, oder werde ich die große Rüstung bekommen durch Lootboxen oder sonstiges. Aber ich weiß eben nicht, wann. Die Ungewissheit also. Und die Interaktion bei Online-Spielen bedingt noch deutlich stärker ein Suchtverhalten.

Entsteht durch das Online-Spielen mit mehreren ein sozialer Druck?

Computerspieler, die sehr stark das Internet nutzen, haben oft gar nicht mehr so viele soziale Kontakte. Sie leben als reale Person häufig sehr zurückgezogen. Beim Avatar hingegen gibt es oft das Gefühl: Dort werde ich gebraucht! Vielleicht bin ich der entscheidende Teamplayer oder derjenige, der etwas besonders gut kann. So dass ich das Gefühl habe: Ich kann gerade nicht unterbrechen, auch wenn meine Mutter möchte, dass ich zum Abendessen komme. Ich spiele hier gerade live!

Der Avatar ersetzt die Person?

Es geht tatsächlich um Identifikation. Es wird häufig online eine Parallel-Identität aufgebaut, mit der die Betroffenen sich besser identifizieren als mit ihrer realen Identität.

An welchem Punkt stehen Menschen, die sich an Sie wenden?

Ompris ist für unterschiedliche Gruppen konzipiert. Zum einen für diejenigen, die eine Sucht ausgebildet haben und aktuell keine Unterstützung vor Ort bekommen können oder auf Behandlung warten. Außerdem für alle diejenigen, die Leidensdruck haben, also merken, sie nutzen zu viel das Internet und sie verlieren die Kontrolle darüber. Also präventiv, wenn eine Sucht noch nicht ausgebildet wurde.

Mehr über Ompris und ein Selbsttest: onlinesucht-hilfe.com

Fortnite-Star Standart Skill nicht nur auf Youtube bei den Bestsellern

Manche von ihnen sind Außenseiter, aber eine Minderheit sind Hardcore-Gamer längst nicht mehr. Das zeigt sich auch bei den Buch-Bestsellern, wo aktuell „Voll verglitcht!“ von Youtuber und „Fortnite“-Zocker Standart Skill alias Philip Geißler weit oben steht (Riva, 176 Seiten, 14 Euro). In seinem Roman beschreibt der Video-Star (2,88 Mio. Abos bei Youtube) Game-Szenen, die den Adrenalin-Kick beim Spiel und die Ernüchterung beim Unterbrechen sehr treffend illustrieren.

Kurze Auszüge: „Die Warnung kam in allerletzter Sekunde. Stanni sprang hinter einem Baum in Deckung. Im gleichen Moment explodierte einige Meter neben ihm eine Glitter-Rakete.“

„Wenn er die VR-Brille gleich wieder absetzen würde, wäre er wieder in seinem Zimmer. Neben seinem Schreibtisch mit dem Stapel von unerledigten Hausaufgaben und seinem Rechner, auf dem schon tausend Nachrichten von Max vor sich hin blinkten. Er musste die Brille nur absetzen...“

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