Gesellschaft

Warum das Warten für die Deutschen das größte Ärgernis ist

Wann kommt der Bus? Nur die wenigsten bleiben gelassen, wenn sie an einer Haltestelle ausharren müssen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Tetra Images

Wann kommt der Bus? Nur die wenigsten bleiben gelassen, wenn sie an einer Haltestelle ausharren müssen. Foto: dpa Picture-Alliance / Tetra Images

Essen.  Ob im Stau, an der Kasse oder an der Haltestelle: Wir mögen das Warten nicht. Warum fällt es uns so schwer, einfach mal innezuhalten?

Es beginnt harmlos mit Schinkenspeck: „Ist der im Angebot?“ Dann ordert die Oma an der Wursttheke noch Jagdwurst und Bierwurst, Schweinebraten und Mickey-Mouse-Mortadella . . . „Oh die Cervelatwurst, die sieht aber auch so aus, dass man sie mitnehmen sollte.“ Vier Scheiben. Halt, besser fünf. Herbert Knebel, der „Schwanz der Wurstschlange“ kriegt so’nen Hals! Als die Frau auch noch eine „halbe Fleischwurst ohne“ bestellt, reißt sein Geduldsfaden. Und die Zuschauer können sich nicht mehr halten vor Lachen.

Aber wehe, sie stehen am nächsten Tag selbst in einer Warteschlange, um für die Festtage einzukaufen und es geht und geht nicht weiter! Dann kochen viele innerlich wie der Komiker auf der Bühne. Die wenigsten Menschen warten gern. Dabei gilt die Geduld als Tugend. Wer warten kann, ist höflich und kann sich selbst disziplinieren. Andererseits passt das Warten nicht zu unserer Leistungsgesellschaft, in der man spätestens in der Schule lernt, dass man seine Zeit nutzen muss.

An welcher Kasse geht es schneller?

Dabei rasten die Menschen nicht aus, weil sie auf eine Spenderniere oder die Feuerwehr warten. Sie sind zornig über die eigentlich unbedeutende Warterei im Alltag. Weil sich die Bahn verspätet oder die Schlange im Supermarkt lang ist. Und wenn es dann an der anderen Kasse, an der man sich zuerst angestellt hatte, auch noch schneller vorangeht, ist es ganz vorbei mit der guten Laune.

Mehr als jeder Zweite in Deutschland nimmt Wartezeiten als größtes Ärgernis im Alltag wahr. Das ist das Ergebnis einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung. Es sind die unfreiwilligen Wartemomente, die wütend machen. Dass ein Autofahrer vor einer roten Ampel stehen muss, plant er ein. Doch wenn er in einen Stau kommt, regt er sich auf. Selbst wenn er keinen wichtigen Termin einhalten muss. „Sobald eine ungeplante Situation eintritt, wartet man bewusst und fühlt sich der Situation ausgeliefert“, sagt Rahma Osman Ali, die mit anderen Studentinnen der Europäischen Ethnologie an der Uni Freiburg das Warten erforscht hat.

Beim Warten Wichtiges verpassen

Einer Situation ausgeliefert zu sein, passt nicht zum modernen Individuum, das frei und selbstbestimmt ist. Wir hängen nicht gern in der Warteschleife. Außerdem haben wir früh erfahren, dass man Zeit nicht verlieren darf. Denn sie ist wertvoll. Wehe dem, der nicht pünktlich ist. „Die Zeit ist ökonomisiert, sie wird zur Ware“, sagt Jürgen P. Rinderspacher vom Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften an der Uni Münster. Viele Menschen seien bestrebt, mit wenig Zeitaufwand möglichst viele Ereignisse einzusammeln, so der Stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. Sie wollen nichts Wichtiges verpassen und die Zeit effizient nutzen.

Gutes Zeitmanagement wünschen sich auch die Chefs. Sie selbst können jedoch einen Mitarbeiter nahezu beliebig lange warten lassen. Umgekehrt müsste der Mitarbeiter um seinen Job bangen. Wer Macht hat, kann andere warten lassen.

Und wer Geld hat, kann sich das Warten sparen. Privatpatienten dürfen nicht nur in einigen Praxen in schön eingerichteten Räumen mit Kaffeeautomat und Bildschirm warten. Sie sehen den Arzt auch eher als Kassenpatienten. Und das Einchecken am Schalter für die erste Klasse am Flughafen geht ebenfalls schneller. Wer viel Schlange steht, steht auch im Leben hintenan.

„Daher verwundert es nicht, dass immer wieder Menschen auf die Geschäftsidee kommen, professionelle Schlangesteher zu vermitteln“, schreibt Friederike Gräff in ihrem Buch „Warten – Erkundungen eines ungeliebten Zustands“. Solche Methoden wird der normale Schlangesteher natürlich nicht dulden. Das ist ja fast so schlimm wie vorzudrängeln. „Gerade weil das Stehen in einer Schlange Gleichheit suggeriert, reagieren die Menschen so empfindlich auf eine mögliche Verletzung ihrer Rechte“, sagt Gräff. In den Warteschlangen gibt es einen gemeinsamen Gerechtigkeitssinn: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Schnell ablenken, denn Zeit ist Geld

Also versuchen die Menschen, diese Unzeit zu überbrücken, sie stecken sich Stöpsel in die Ohren, lesen die Zeitung, schauen aufs Smartphone. Oder um es mit den Worten von Thomas Mann in „Der Zauberberg“ zu sagen: „Freilich kommt reines und unvermischtes Warten praktisch nicht vor.“

Und dann gibt es viele Menschen, die freiwillig warten, auf die große Liebe, das richtige Stellenangebot, auf bessere Zeiten. Sie hoffen darauf, dass sich ihr Warten am Ende auszahlt. Aber: „Es gibt selten eine Garantie, dass sich das Warten lohnt“, sagt Gräff. Der Mensch kann nur hoffen, dass das Er-Wartete eintrifft. Tut er das zu lange, gilt er schnell als zögerlich, skeptisch und entscheidungsschwach. Aber wann wartet jemand zu lange?

Das Marshmallow-Experiment

Denn dass eine gewisse Geduld zum Erfolg führt, wurde längst bewiesen: Der Psychologie-Professor Walter Mischel von der Stanford-Uni bot in den 1970ern Kindern während der sogenannten Marshmallow-Experimente diese Süßigkeit an. Sie durften sie sofort essen. Wer jedoch eine Viertelstunde auf die Rückkehr des Versuchsleiters wartete, bekam insgesamt zwei Marshmallows. Studien belegen, dass Kinder, die warten können, als Erwachsene erfolgreich, selbstbewusst und sozial kompetent sind.

Die Belohnung fürs Warten kommt jedoch nicht immer erst später. Wer warten muss, kann das Nichtstun genießen. Wer freiwillig in einer Schlange für ein neues, begehrtes Technik-Wunder steht, empfindet dies schon als Nervenkitzel. Und Kinder, die aufs Fest warten, öffnen begeistert jedes Türchen am Adventskalender. Wer das Warten gelernt hat, empfindet Vorfreude.

>> PRIVATPATIENTEN KOMMEN SCHNELLER DRAN

30 Prozent der Kassenpatienten müssen mehr als drei Wochen lang auf einen Termin beim Facharzt warten, während sich nur 17 Prozent der Privatversicherten so lange gedulden müssen, so ein Ergebnis einer Befragung der Kassenärztlichen Vereinigung in diesem Jahr.

Auch in der Praxis geht es für Privatpatienten schneller: Fast zwei Drittel von ihnen kommt in maximal einer Viertelstunde dran. 28 Prozent der gesetzlich Versicherten müssen dagegen mehr als eine halbe Stunde warten. Das sind doppelt so viele Menschen wie bei den Privatversicherten.

Frauen müssen geduldiger sein als Männer. Sie müssen häufiger mehr als drei Wochen auf einen Termin beim Haus- oder Facharzt warten. Dies dürfte laut Studie allerdings auch mit dem höheren Anteil an Vorsorgeterminen bei Frauen unter 60 Jahren zusammenhängen.

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