Die dritte Option

Nicht Mann, nicht Frau – ein Mensch erzählt von seinem Leben

L* Reiters Körpergefühl passt nicht in das Raster: entweder Mann oder Frau.

L* Reiters Körpergefühl passt nicht in das Raster: entweder Mann oder Frau.

Foto: Fabian Strauch

Düsseldorf.   L* Reiter freut sich über das Karlsruher Urteil zum dritten Geschlechtseintrag in der Geburtsurkunde. Ein Leben zwischen den Geschlechtern.

Das Haar ist lang – und kurz. Auf der einen Seite reicht es bis zum Kinn, auf der anderen bis zum Ohr. Mann oder Frau? Wer sich diese Frage stellt, bekommt zur Antwort: „Weder noch.“

L* Reiter ist „nicht-binär“, denn Reiter fühlt sich keinem der zwei Geschlechter zugeordnet. Daher lässt sich Reiter auch nicht mit dem Vornamen ansprechen, der im Personalausweis steht. Männlich würde dieser klingen. So wie es auch in der Geburtsurkunde angekreuzt wurde. Denn bisher gibt es in Deutschland nur zwei Möglichkeiten: weiblich oder männlich.

Seitdem die Karlsruher Verfassungsrichter jedoch vor wenigen Tagen geurteilt haben, dass diese Regelung dem Grundgesetz widerspricht, dürfte im kommenden Jahr eine „dritte Option“ hinzukommen.

„Ich finde das sehr positiv“, sagt Reiter und betont, dass das Urteil das Verdienst von Vanja sei, einem intergeschlechtlichen Menschen. Bei einer Person, die in einem Körper geboren wird, der nicht den allgemein anerkannten Merkmalen von Frau und Mann entspricht, wurden die Felder für weiblich oder männlich in der Geburtsurkunde oft frei gelassen. Reiter ist zwar nicht intergeschlechtlich. „Es gibt keine medizinische Diagnose.“ Aber auch bei Reiter trifft die dritte Option zu. Es ist das Körpergefühl, das nicht ins Raster passt. Reiter zögert, zupft mit den lackierten Nägeln am Halstuch. Den Körper möchte Reiter etwas verändern, ohne genau zu sagen, was. Aber es ist Reiters Körper und nicht ein weiblicher oder männlicher: „Ich bin ich.“

Trotzdem gibt es Momente, in denen sich Reiter unwohl in der eigenen Haut fühlt. „Aber in der Regel liegt das dann nicht an mir, sondern an dem, wie mir manche Leute begegnen. Das hat dann weniger mit Geschlecht zu tun als mit Diskriminierung.“ Wenn Reiter etwa auf der Straße als „Transe“ beschimpft wird. Oder die Menschen es nicht glauben wollen, dass Reiter nicht Mann oder Frau ist.

Das Raster passt nicht

Schon in der Grundschule und im Fußballverein verstand das Kind nicht, warum man sich nach Geschlechtern aufteilen sollte. Als Reiter als junger Mensch sein erstes Bier trank, bemerkte der Vater: „Jetzt bist du ein richtiger Mann.“ Und Reiter dachte: „Nein.“ Wenn Leute Reiter als Mann anredeten, schoss es durch den Kopf: „Ihr redet von einem anderen.“ Was sollte man bei einer Bestellung im Internet angeben: Frau oder Herr? Auf welche Toilette sollte Reiter gehen? Welche Abteilung im Kaufhaus ist richtig, die für Damen oder die für Herren?

Es passte alles nicht, doch das war dem jungen Menschen lange nicht bewusst. „Es gab nicht den einen Moment, wo es Klick macht und alles ist klar.“ Aber es gab ein Erlebnis, das den Gedankenprozess richtig in Gang setzte: Jemand fragte nach Feuer. Und fügte hinzu: „Sind Sie Raucher? Oder Raucherin?“ Wer war Reiter nun?

Menschen mit ähnlichen Erfahrungen

Reiter, heute 26-jährig, entdeckte auf Youtube Videos, in denen Menschen von ähnlichen Erfahrungen erzählten. Und auch privat lernte Reiter Leute in vergleichbarer Lebenssituation kennen. Das machte es leichter zu spüren: Man muss sich nicht für das weibliche oder das männliche Geschlecht entscheiden.

Reiter lebt in einer Beziehung. Aber welches Geschlecht der liebste Mensch hat, möchte Reiter nicht sagen. Es ist nicht wichtig, so Reiter, ob Frau, Mann oder dritte Option.

Die Leute sind verschieden

Reiter betont, dass die Formulierung „drittes Geschlecht“ nicht zutrifft. Es gebe nicht ein drittes Geschlecht. Die 80 000 bis 120 000 Menschen in Deutschland, für die die dritte Option infrage kommen, sind verschieden. Daher sollte es freigestellt sein, welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt. „Man ändert so etwas nicht aus Spaß.“ Und: „Es sollte nicht an psychologische oder medizinische Gutachten geknüpft werden.“ Das sei demütigend.

Reiter trägt heute einen zusätzlichen Ausweis bei sich, den die „Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität“ ausgestellt hat für L* Reiter. Den Vornamen abzukürzen, war die Idee einer Freundin. Das Sternchen setzte Reiter hinter das L: eine typische Form, wenn man sich geschlechtsneutral äußern möchte, liebe Leser*innen.

Ein Zusatzausweis bestätigt den Namen

Mit dem Ausweis war es kein Problem, den Namen an der Uni in Düsseldorf in L* Reiter zu ändern. Doch so unkompliziert sei es meist nicht: „Es ist ein bisschen Glückssache, ob es anerkannt wird. Es kann sein, dass verschiedene Stellen es bei einer Institution anders handhaben.“ Das Karlsruher Urteil habe nicht nur den Weg frei gemacht für eine gesetzliche Neuregelung. Es sei auch ein Anfang, damit sich etwas in den Köpfen ändert.

Reiter studiert „Medienkulturanalyse“ und schreibt gerade die Masterarbeit. Praktika und Jobs in den Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit in Kulturorganisationen hat Reiter schon gemacht. Nun bewirbt Reiter sich. Im Anschreiben steht, dass eine geschlechtsneutrale Anrede gut wäre. „Ich gehe damit offen um. Für die das nicht okay ist, die sortieren mich aus.“ Aber deswegen verbiegt sich Reiter nicht. „Bei Leuten, die damit nicht umgehen können, möchte ich auf Dauer auch nicht arbeiten.“

Auf dem Arbeitsmarkt nicht leicht

Die Geschlechtsidentität macht es auf dem Arbeitsmarkt nicht leichter. Aber: „Ich bin privilegiert.“ Die gute Ausbildung, die deutsche Sprache. Reiter kommt zwar aus Österreich, aber als Ausländer aus dem Iran, der Türkei hätte man mit mehr Vorurteilen zu kämpfen.

L* Reiter ist ein nachdenklicher Mensch, der wohlüberlegt formuliert. Die Entscheidung, sich nicht länger in die Kategorien Mann oder Frau pressen zu lassen, vertritt Reiter seit zweieinhalb Jahren offen. Die Eltern besuchten ihr erwachsenes Kind, das damals in Nantes in Frankreich studierte. „Da haben sie mich das erste Mal im Rock gesehen.“ Die Mutter sagte: „Der steht dir.“ Und der Vater, der so gerne fotografiert, wollte sogleich auf den Auslöser drücken, um den Moment festzuhalten. „Sie haben auf ihre Art ausgedrückt, dass sie damit gut klar kommen.“

In Film und Fernsehen sollte es sichtbar werden

Dass Reiter aufgeräumt und nicht verzweifelt wirkt, liegt auch an Vertrauten wie den Eltern, den Freunden, die den Menschen an sich sehen. Damit sich die Einstellung allgemein ändert, wünscht sich Reiter, dass das Thema in Film und Fernsehen, auf der Bühne und in Büchern sichtbar wird.

Es sei schon besser geworden. Die Darsteller würden nicht mehr nur auf das Transgender-Sein reduziert. Aber es sind stets schwierige Rollen. Findet Reiter es nicht schade, dass sie nie Helden sind? „Ich finde das ein Stück weit okay, weil es manchmal auch ein schwieriges Leben ist.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik