Extreme Jobs

Müllmänner im Einsatz: Ein Knochenjob bei Wind und Wetter

Bei Wind und Wetter ist Dennis Reichelt mit den Müllwerkern in Mülheim unterwegs.

Foto: Kai Kitschenberg

Bei Wind und Wetter ist Dennis Reichelt mit den Müllwerkern in Mülheim unterwegs. Foto: Kai Kitschenberg

Mülheim.   Die Müllwerker Bogdan Wilda und Dennis Reichelt kämpfen mit dem Gewicht der Tonnen und der Kälte. Ein mutiges Eingreifen machte sie zu Helden.

Es ist noch finster und knackig kalt auf dem Gelände der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft (MEG) in Dümpten. Die Männer in ihren orangefarbenen Signalanzügen stehen zusammen, besprechen kurz ihre Touren, bevor die Lastwagen der Müllabfuhr gleich um 7.10 Uhr ausschwärmen in ihre heutigen Reviere.

Knochenjob: Arbeiten bei der Müllabfuhr

Schwere Eimer, enge Treppen und lange Wege: Müllmänner leisten echte Knochenarbeit. Vor allem in der kalten Jahreszeit ist die Arbeit extrem.
Knochenjob: Arbeiten bei der Müllabfuhr

Dennis Reichelt (37) und Bogdan Wilda (45) sind heute die Lader bei der Tour auf der Mülheimer Aktienstraße. Nicht die einfachste Strecke, gerade morgens im Berufsverkehr. Denn auf der Fahrbahn sieht es so aus: Rechts am Rand parken die Autos, links vorbei fährt die Straßenbahn. Und eine Spur dazwischen wird verstopft vom Müllwagen, denn hier muss ja gearbeitet werden. Das findet nicht jeder gut.

Die Probleme der Müllmänner

Ein Müllwerker kann es unmöglich allen recht machen: Sehen Autofahrer die hart arbeitenden Männer im Straßenverkehr, sind sie oft wenig erfreut; es entfährt ihnen im freundlichsten Fall ein Stoßseufzer wie „Ausgerechnet jetzt!“

Aber wehe, man sitzt gerade nicht am Steuer, sondern ist Hausbewohner: Wenn die Müllabfuhr nicht kommt, dann ist das eine Katastrophe. Umgekehrt fluchen Hausbewohner oft, denn die Müllabfuhr ist nie leise – und wer sich morgens um 7.30 Uhr vielleicht noch verschlafen die Augen reibt, mag sich über das Poltern von Tonnen, das scheppernde Kippen und das brachiale Müllmahlwerk im Lkw aufregen.

Autofahrer nehmen oft keine Rücksicht

Dennis Reichelt hat sich ein dickes Fell zugelegt: „Die Mitmenschen reagieren recht unterschiedlich. Wir haben natürlich viele sympathische Mitbürger. Aber auch immer mal welche, von denen einem die Sympathiepunkte nicht unbedingt entgegenfliegen. Besonders gefährlich ist es mit den Autofahrern, weil sie oft relativ wenig Rücksicht nehmen. Die haben es ganz besonders eilig – da sind wir im Prinzip nur das Hindernis, das es so schnell wie möglich zu passieren gilt. Da wird selten Rücksicht auf uns genommen.“

Es kann verdammt eng werden. Wie an diesem Morgen, als die Straßenbahn kommt. Rechts parken Autos, in der Mitte steht der Müllwagen und im Schritttempo fährt die Straßenbahn nur mit ein paar Zentimetern Spiegelabstand daran vorbei. Klar, für die Autofahrer dahinter, die rechtzeitig zur Arbeit kommen wollen, eine Geduldsprobe. Und manche versuchen dann eben, durch den beherzten Tritt aufs Gas ein paar verlorene Sekunden wieder herauszuholen.

Für die Anwohner der Aktienstraße bietet die Müllabfuhr noch einen weiteren frühmorgendlichen „Schrecken“, weil die Mitarbeiter um diese Uhrzeit an den Wohnungstüren klingeln müssen.

Hier gibt es viele Häuser, bei denen die Mülltonnen im Keller stehen, weil es auf dem Gehweg sonst zu eng würde. Was heißt: Anklingeln, runter in den Keller, rauf mit den Tonnen, entleeren, wieder runter mit den Tonnen. Das hält auf, ist eine zusätzliche Last, muss aber gemacht werden. „Man kann nie so genau sagen, wie schwer so eine Tonne ist. Manche große Tonne ist ganz leicht befüllt. Und die ist dann viel leichter als eine kleine, in der beinahe nur schweres Katzenstreu zu sein scheint.“

Begegnungen mit Ratten im Winter

Das Gewicht ist nicht die einzige Herausforderung, die manche Kellertonnen bereithalten.

Man stößt auch auf Getier: „Was Ratten angeht: Wir haben gerade im Winter öfter mal Begegnungen mit denen. Die halten sich gerne in den Eimern auf, da haben sie Futter, da ist es warm – und es kann sein, dass sie uns von da aus mal entgegenspringen. Auch aus der Schüttung kommen sie manchmal wieder heraus, wenn wir den Eimer schon gekippt haben. Die sitzen dann teilweise oben auf dem Rand und trauen sich nicht runter – und ich sag: Komm, sieh zu, wir wollen weiter.“

Da muss man nervlich schon ein bisschen abgehärtet sein. Ebenso nasal, denn es gilt die triviale Weisheit: „Müll stinkt!“ Allerdings: „Den Müllgeruch kriegt man irgendwann nicht mehr mit. Es passiert uns lustigerweise öfter mal, dass Leute neben uns her laufen und sich die Nase zuhalten. Dann frage ich mich oft erst: Was haben die denn jetzt?“

Das Wetter bringt die Extreme

Nein, der Geruch ist nicht das Extreme an Reichelts Job, jetzt im Winter. Anders sieht es aus mit den Belastungen durch Wind und Wetter. Als das Thermometer vor wenigen Tagen nachts -10 Grad zeigte, waren Reichelt und Wilda natürlich auch unterwegs, da wird es trotz Kleidung und Bewegung arg frostig, wenn man lange unterwegs ist. „Im Winter kalte und vor allem nasse Tage, das geht richtig auf die Knochen“, sagt Reichelt. Und im Sommer wird es in der prallen Mittagssonne nicht selten 40 Grad heiß, das brutzelt!

Die körperliche Beanspruchung ist hoch, durch die Wege, die ein Müllmann laufen muss und durch die Gewichte, die er durch die Gegend zieht. Bekommt man da nicht früher oder später Rückenprobleme? „Ich habe bis jetzt noch keine Probleme. Aber Fitness ist entscheidend, deshalb gehe ich ins Fitnessstudio, um meine Muskulatur zu kräftigen. Dadurch habe ich weniger Probleme als andere und gerade ältere Kollegen.“

Müllmann ist kein Ausbildungsberuf

Müllmann ist kein Ausbildungsberuf, die meisten haben vorher andere Jobs gemacht. Allerdings bilden viele Entsorgungsbetriebe auch Berufskraftfahrer aus, die dann die Touren fahren.

Bogdan Wilda und Dennis Reichelt gelten bei der MEG seit letztem Sommer als Helden, ganz ernst gemeint. Das verdanken sie dem außergewöhnlichsten Vorfall ihres bisherigen Berufslebens. Im vergangenen Mai entdeckten die Müllmänner gemeinsam mit ihrem Fahrer Friedhelm Kuhles den Vierjährigen Eden, der im zweiten Stock eines Hauses am Fensterbrett hing und abzustürzen drohte.

Während Reichelt und Wildes sich bemühten, ins Haus zu kommen, um den Jungen von innen zu retten, stellte sich Wilda unten hin. Als das Kind die Kraft verlies, fiel es rund sieben Meter tief – in Wildas Arme.

600 Abfalleimer pro Tag

Da Reichelt und Wilda bescheidene Männer sind, erzählen sie die Geschichte nur auf Nachfrage. Und dieser Vorfall ist schon außergewöhnlich, aber die ganz gewöhnlichen Leistungen der beiden sind ebenfalls nicht zu unterschätzen. Am Ende des Arbeitstages, kurz nach 15 Uhr, haben sie gut 600 Abfalleimer und -container bewegt, das entspricht einem Gesamtgewicht zwischen einer und 1,8 Tonnen Abfall. Was ein guter Grund sein sollte, bei der nächsten Begegnung mit Müllmännern im Straßenverkehr freundlich und rücksichtsvoll zu reagieren. Denn ohne Müllmänner würden wir im eigenen Abfall versinken.

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