Tierwelt

Manche Tiere sind nicht schön, dafür aber sehr erfolgreich

Die birnenförmige Nase des Nasenaffenmännchens kann bis zu 20 Zentimeter lang werden.

Foto: Getty

Die birnenförmige Nase des Nasenaffenmännchens kann bis zu 20 Zentimeter lang werden. Foto: Getty

Essen.   Wer sagt, dass Schönheit Trumpf ist? Diese Geschichten aus dem Reich der weniger attraktiven Kreaturen könnten unsere Weltsicht verändern.

Schönheit liegt bekanntermaßen im Auge des Betrachters. Das gilt auch für Tiere. Nehmen wir doch einfach mal ein Kätzchen. So eine kleine Mieze ist ja geradezu ein personifiziertes Kindchenschema: große Kulleraugen, kleines Schnäuzchen, niedliche Öhrchen und dazu noch ein samtweiches Fell. Wer so ein Kätzchen nicht sofort streicheln will, ist mit Sicherheit ein Unhold, ein Tierhasser oder hat wenigstens eine Katzenallergie. Sagen zumindest Katzenbesitzer.

Und was für Haustiere gilt, gilt natürlich auch für Wildtiere: Wenn von Zoos, Zeitschriften oder Online-Portalen Wahlen zum beliebtesten Tier der Welt durchgeführt werden, dann sind es stets putzige Erdmännchen, niedliche Pandas oder freundliche Schimpansen, die in den Top 10 landen. Selbstverständlich haben wir Menschen nicht nur ein Faible für niedliche Tiere, sondern begeistern uns auch für die imponierende Eleganz eines Königstigers oder die Majestät eines Steinadlers. Übrigens: Nicht nur wir Normalos, sondern auch die Wissenschaft, so eine Studie der australischen Murdoch University, widmet sich bevorzugt Arten, die ein vermeintlich positives Image haben. Lieber jedenfalls als solche, die, um es vorsichtig zu formulieren, „wenig attraktiv“ sind. Will heißen: Koala oder Leopard werden mit größerer Intensität erforscht als Fingertier oder Nasenaffe.

Weibchen stehen auf Riesenzinken

Aber gerade die vermeintlich hässlichen Tiere besitzen oft sensationelle Fähigkeiten. Fähigkeiten, von denen die niedlichen, die schönen und die mächtigen Kollegen nur träumen können. Nehmen wir zum Beispiel den schon erwähnten Nasenaffen. Bei Nasenaffenmännchen kommt es, „nomen est omen“, im wahrsten Sinne des Wortes auf die Nase an. Oder, genauer gesagt, auf die Größe der Nase. Schließlich suchen sich die Weibchen dieser großen Affenart, die in den Regenwäldern Borneos lebt, ihre männlichen Sexualpartner ganz gezielt nach der Größe ihrer Nase aus. Die Weibchen stehen auf den Riesenzinken. Je größer die Nase eines Nasenaffenmannes ist, desto besser sind seine Chancen, von einer Nasenaffendame erhört zu werden. Immerhin bringt es der Riesenzinken auf eine Länge von bis zu 20 Zentimetern. So ein bisschen sieht das aus, als hätte man Pinocchio mit dem französischen Schauspieler Gerard Depardieu gekreuzt. Die Affendamen verfügen dagegen nur über eine „normale“ Nase.

Riechkolben als Resonanzkammer

Aber offensichtlich ist der gewaltige Riechkolben der Affenmänner deutlich mehr als nur ein reines Sexual-Statussymbol. Bei der Nasenaffennase handelt es sich um eine regelrechte „Multifunktionsnase“. Die Nase dient nämlich auch als Resonanzkammer und verstärkt so als eine Art körpereigener Lautsprecher die Warn- und Paarungsrufe der Affenherren. Und dazu findet die Nase, die übrigens hormonell bedingt bis ins hohe Alter munter weiterwächst, auch noch eine ziemlich praktische Anwendung: Bei der Durchquerung eines Gewässers nutzen die langarmigen Primaten, bei denen es sich – ziemlich untypisch für Affen – um hervorragende Schwimmer und Taucher handelt, ihr prominentes Riechorgan als eine Art Schnorchel.

Der Zinken stört beim Essen

Allerdings bringt der Besitz einer solch opulenten Nase durchaus auch Nachteile mit sich: Der riesige Zinken ist nämlich bei der Nahrungsaufnahme gewaltig im Weg. Und muss deshalb bei den Mahlzeiten immer mit einer Hand beiseite geschoben werden, während der Affenmann versucht, den Nahrungsbissen mit der anderen Hand möglichst schnell im Mund unterzubringen. Doch die Vorteile der Nase scheinen zu überwiegen, sonst wären die Nasenaffen wohl nicht so ausgestattet, wie sie sich uns präsentieren: auf den ersten Blick wenig attraktiv, aber perfekt angepasst an ihre Umwelt.

Und was für den Nasenaffen gilt, gilt auch für viele andere Tierarten. Deshalb sollen sie einmal genauer vorgestellt werden: die hässlichen, skurrilen, auf den ersten Blick durchaus unappetitlichen Arten. Arten, die uns das Tierreich in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen.

Nacktmull: Schmerzen kennt er nicht

Hässlich, aber erfolgreich: Ein hervorragendes Beispiel für diese Tatsache ist ein zehn Zentimeter großes Nagetier, das in den Halbwüsten Ostafrikas zu Hause ist: der Nacktmull. Der kleine Nager ist kaum behaart, hat eine schrumpelige, faltige Haut und überaus prominente Schneidezähne, die weit aus dem Maul herausragen. Auf Ohrmuscheln dagegen verzichtet der Nacktmull. Alles Eigenschaften, die dafür sorgen, dass der Nacktmull aussieht, als handle es sich bei ihm um ein rasiertes, verschrecktes Frettchen. Und die ihm in der Wissenschaft den wenig schmeichelhaften Namen „Säbelzahnwurst“ eingebracht haben. Aber Aussehen hin, Aussehen her: Nacktmulle können gleich einen ganzen Strauß höchst interessanter Eigenschaften vorweisen, die im Tierreich einmalig sind. Als einzige Säugetierart scheinen Nacktmulle von Natur aus kein Schmerzempfinden zu haben. Die kleinen Nager nehmen zwar Schnittverletzungen, Verätzungen und Verbrennungen wahr, empfinden diese jedoch nicht als schmerzhaft. Und obendrein scheinen Nacktmulle auch nicht richtig zu altern. Im Gegenteil: Nacktmullzellen sind erstaunlich gut gegen Schäden gewappnet und kaum totzukriegen. Gen-Reparatursystem und Proteinstabilität sind bei Nacktmullen offensichtlich erheblich besser ausgebildet als bei anderen Tieren. Sehr wahrscheinlich ist das der Grund, warum Nacktmulle mit einem Lebensalter von bis zu 28 Jahren ihre nähere Verwandtschaft wie Maus, Ratte und Hamster um ein Vielfaches übertreffen. Und als ob das nicht schon genug wäre: Nacktmulle haben noch eine weitere sensationelle Eigenschaft zu bieten. Sie erkranken nämlich nicht an Krebs.

Außerdem sind Nacktmulle die einzige Säugetierart, die in streng und äußerst hierarchisch strukturierten Sozialstaaten leben. Staaten, die man im Tierreich ansonsten nur von sogenannten sozialen Insekten wie etwa Ameisen, Termiten oder Bienen kennt. Und, man höre und staune: Oberhaupt des bis zu 300 Individuen starken Nacktmullstaats ist nicht etwa ein dominantes Männchen, sondern eine Nacktmullkönigin. Und zwar eine Königin, die nicht nur ihre Untertanen ganz massiv mobbt, sondern sich auch obendrein noch einen männlichen Harem hält.

Kugelfestes Gürteltier

Fußballfans werden sich erinnern: Das Maskottchen der Fußball-WM 2014 in Brasilien war ein Gürteltier. Genauer gesagt ein Kugelgürteltier namens „Fuleco“. Gemeinsames Kennzeichen aller 20 Gürteltierarten, die in Südamerika beziehungsweise im Süden Nordamerikas zu Hause sind, ist eine schwere Panzerung, die fast den gesamten Körper bedeckt. Bei jungen Gürteltieren ist dieser Panzer lederartig. Mit zunehmendem Alter wandeln sich die einzelnen Platten jedoch in dicke, harte Knochenplatten um. Und da diese ordentlich in Reihen angeordnet sind, erinnern sie im Aussehen an einen Gürtel – daher auch der Name Gürteltier. Kugelgürteltiere, die es auf eine Länge von bis zu 30 Zentimetern bringen, sind allerdings die einzigen Gürteltiere, die sich bei Gefahr komplett zu einer Kugel zusammenrollen können. Dazu verstecken sie die Beine im Inneren der Kugel, während die harte Oberseite von Kopf und Schwanz den Verschluss der Kugel bildet. Natürliche Feinde haben Kugelgürteltiere dank ihrer effektiven Verteidigungsmethode kaum zu fürchten. Die Panzerung ist sogar so stark, dass sie, zumindest in Einzelfällen, Pistolen- oder gar Gewehrkugeln standhalten kann. Wer auf ein Gürteltier schießt, geht sogar ein gewisses Risiko ein. Es gibt nämlich mehrere gut recherchierte Berichte, wonach Schüsse, die auf Gürteltiere abgefeuert wurden, von der Panzerung der Tiere abgeprallt sind und dann als „Querschläger“ den Schützen oder andere Menschen verletzt haben. Übrigens: Damit sie beim Schwimmen nicht von ihrem schweren Gürtelpanzer in die Tiefe gezogen werden, haben sich die Tiere einen raffinierten Trick ausgedacht. Sie schlucken, bevor sie ins Wasser gehen, ganz viel Luft. Dadurch werden Magen und Darm so aufgebläht, dass sie als Luftkissen wirken. Dies ermöglichen es den Gürteltieren, auch größere Strecken schwimmend zurückzulegen.

Schnappschildkröte: Unbändige Kraft

In Sachen Alligatorschnappschildkröte war sich der deutsche Zoologe Alfred Brehm bereits 1922 sicher: „Eine Schnappschildkröte ist ein Ungeheuer in Gestalt und Wesen, ein Krokodil mit Schildkrötenpanzer. Sie beißen nach allem, was ihnen in den Weg kommt, und lassen das einmal Erfasste so leicht nicht wieder los.“ Recht hat er, der Zoologe, der später als sogenannter „Tiervater“ zu Ruhm kommen sollte. Zumindest, wenn es um die Geierschildkröte geht. Die ist mit einer Körperlänge von bis zu 70 Zentimetern und einem Kampfgewicht von manchmal über 100 Kilogramm die größte und vor allem auch die gefährlichste aller Alligatorschnappschildkrötenarten. Geierschildkröten leben in Nord-, Mittel und Teilen von Südamerika, wo sie in langsam fließenden Gewässern und Seen mit reichlich Bodenschlamm anzutreffen sind. Im Gegensatz zu ihrer an Land lebenden Verwandtschaft handelt es sich bei Geierschildkröten keineswegs um Vegetarier. Im Gegenteil: In ihren Gewässern fressen die tagaktiven Reptilien alles, was sie überwältigen können. Das fängt bei kleinen Fischen an und hört bei Enten auf, die die gefräßigen Echsen an den Beinen packen und dann so lange unter die Wasseroberfläche ziehen, bis sie ertrunken sind. Das Reptil, das mit seinem geierartigen Schnabel und dem gewaltigen Panzer eher an ein Urzeitmonster als an eine „normale“ Schildkröte erinnert, hat in der Vergangenheit auch immer wieder Badenden und Fischern zum Teil schwere Verletzungen zugefügt. Verantwortlich hierfür waren zum einen die starken Gliedmaßen der Reptilien, die mit sehr kräftigen Krallen versehen sind und daher fürchterliche Wunden reißen können.

Hauptwaffe der Schildkröten sind jedoch ihre sehr harten und äußerst scharfen Kiefer. Mit diesen Beißwerkzeugen können ausgewachsene Exemplare der überaus aggressiven Reptilien locker die Finger oder Zehen erwachsener Personen oder gar eine Kinderhand abtrennen. Eine Tatsache, die auch mit der enormen Beißkraft einer Geierschildkröte zu tun hat. Mit mehreren hundert Newton pro Quadratzentimeter steht diese Beißkraft der eines Krokodils kaum nach und übertrifft die eines Pitbull locker.

Axolotl: Die ewige Jugend gepachtet

Wer zum ersten Mal einen Axolotl zu Gesicht bekommt, weiß nicht so recht, wo er dieses durchaus etwas gewöhnungsbedürftige Wesen einordnen soll. Ein bisschen sieht das bis zu 30 Zentimeter große Tier, das zu den sogenannten Querzahnmolchen gehört, so aus, als hätte man eine überdimensionale Kaulquappe mit dem Fabelwesen „Gollum“ aus dem Film „Herr der Ringe“ gekreuzt. Auffällig sind die großen, an ein stark verzweigtes Bäumchen erinnernden Kiemenanhänge, die links und rechts aus dem Hals herausragen.

Für das seltsame Erscheinungsbild des Axolotls gibt es einen triftigen Grund. Axolotl haben nämlich das Geheimnis der „ewigen Jugend“ entdeckt. Axolotl werden niemals richtig erwachsen, sondern verbringen ihr ganzes Leben als kiemenatmende, im Wasser lebende Larve. Sprich: Sie bleiben auf dem Entwicklungsstand einer Kaulquappe stehen.

Verantwortlich für dieses Phänomen ist ein genetisch bedingter Schilddrüsendefekt. Die Schilddrüse ist einfach nicht in der Lage, die für die Metamorphose zum erwachsenen Tier nötigen Hormone auszuschütten. Erstaunlicherweise kann sich der Axolotl jedoch auch im Jugendstadium fortpflanzen.

Allerdings hat die Wissenschaft schon seit einigen Jahren herausgefunden, dass man die Larven durch Verabreichung des Schilddrüsenhormons Tyroxin dazu bringen kann, sich zu erwachsenen Axolotls zu entwickeln. Die so erschaffenen erwachsenen Axolotl verlieren dann ihre Kiemen und verbringen ihr restliches Leben an Land. Ein weiteres charakteristisches Merkmal ist – neben der „ewigen Jugend“ – die überaus verblüffende Regenerationsfähigkeit des Axolotls. Verlieren die kleinen Amphibien bei einem Unfall oder durch einen Fressfeind ein Bein oder den Schwanz, wächst das fehlende Körperteil innerhalb kürzester Zeit wieder nach. Und das, ohne dass auch nur die winzigste Narbe zurückbleibt. Diese Regenerationsfähigkeit gilt nicht nur für äußere Körperteile, sondern auch für innere Organe. So heilen auch Verletzungen an lebenswichtigen Organen wie dem Herz, dem Gehirn oder der Wirbelsäule bei den kleinen Querzahnmolchen problemlos aus.

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Der Autor Mario Ludwig porträtiert in seinem aktuellen Buch unterhaltsam und wissenschaftlich fundiert die 55 hässlichsten Tiere, die die Evolution hervorgebracht hat und zeigt, was wir Menschen von ihnen lernen können.

Nicht jeder kann ein Kätzchen sein — Warum in der Natur die hässlichen Tiere die Nase vorne haben von Mario Ludwig. Bastei Lübbe, 2017, 208 Seiten, 10 Euro.

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