Familie

Mama und Papa allein zu Haus – wenn die Kinder ausziehen

Auf einmal sind die Kinder erwachsen und gehen eigene Wege. Eltern reagieren ganz unterschiedlich darauf.

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Auf einmal sind die Kinder erwachsen und gehen eigene Wege. Eltern reagieren ganz unterschiedlich darauf. Foto: getty

Dorsten.  Wenn die Kinder ausziehen, bleiben die Eltern zurück. Das war schon immer so. Doch die Umstände sind heutzutage ganz andere als früher.

Letzten Sommer erlebten Martina und Frank Troue gleich zwei einschneidende Veränderungen. Nach 30 Jahren in Gladbeck zogen sie nach Dorsten, kurz zuvor verließ der älteste Sohn Simon (29) sein Elternhaus. Der 27-jährige Florian, der jüngere Sohn, hat sich schon vier Jahre früher abgenabelt und ist ausgezogen. Er lebt jetzt in einer WG in Dortmund, wo er Deutsch und Sport auf Lehramt studiert. Zurückblieben Martina, Frank (heute 58 und 59) und die Retriever-Rüden Ari und Cato, zwölf und drei Jahre alt.

Große Freiheit oder Tal der Tränen? „Empty-Nest-Syndrom“ oder Feierabend fürs „Hotel Mama“? Was es für Eltern heißt, wenn das letzte Kind aus dem Haus ist, kann sehr unterschiedlich sein. Während die einen in ein tiefes Loch stürzen, sehen andere optimistisch stressfreien Zeiten entgegen. Gemischt bleibt die Gefühlslage so oder so. Wehmut und Sorge gehen einher mit dem Wissen, mehr Zeit zu haben und selbstbestimmter leben zu können. Wie ist es den Troues nach Simons Auszug ergangen?

Sie sagt: „An manchen Tagen genieße ich die Ruhe. Ich muss mir nicht mehr überlegen: ,Was sollst du kochen’, es gibt nicht mehr all die dreckige Wäsche, kein ,Mama, machst du mal kurz, kannst du mal eben…’ Aber es gibt auch Tage, wo die beiden mir fehlen.“ Er sagt: „Das ist der Lauf der Dinge, der ins Land geht. Auch wer lange zu Hause ist, geht irgendwann seinen eigenen Weg. Und das ist gut so. Ich habe ein gutes Gefühl dabei, weil es ein vernünftiger Weg ist. Die beiden sind auf einer vernünftigen Spur.“

Dass Kinder „lange“ zu Hause bleiben, ist heutzutage normal. Wurde 1970 der Nachwuchs etwa um den 20. Geburtstag herum flügge, leben derzeit etwa 30 Prozent der 25- bis 30-Jährigen noch bei ihren Eltern. In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen sind es nach Angaben des Statistischen Bundesamts für das Jahr 2015 sogar 62 Prozent. Wobei junge Männer länger an Mutters Rockschoß hängen (68 Prozent) als ihre Schwestern (56 Prozent). Im europäischen Vergleich liegt Deutschland im unteren Drittel. Wenn kroatische oder maltesische Söhne und Töchter erstmals auf eigenen Füßen stehen, sind sie um die 30 oder älter.

Ausschlaggebend für Florians Umzug waren praktische Gründe: „Die ständige Fahrerei mit der Bahn ging ihm auf den Keks, vor allem im Winter, da war auch immer Mal wieder das Mama-Taxi gefragt.“ Simon, in Essen Rettungsassistent beim Malteser Hilfsdienst, hat seine Zelte in Mülheim aufgeschlagen. Seine Mutter findet gut, dass er nicht gleich mit seiner Freundin zusammengezogen ist: „Damit er nicht nahtlos von der Mama-Versorgung in die Freundin-Versorgung wechselt.“

Von einem Nest ins nächste

Letzteres war, bei jungen Männern, früher die Regel. Vom mütterlichen Nest ging’s unter die Haube. Heute heiratet man später, wenn überhaupt. Steigende Mieten, längere Ausbildung, unsicherer Berufseinstieg und finanzielle Erwägungen sind gute Argumente, ein Weilchen länger Kind im elterlichen Haus zu bleiben. Manchen Eltern kommt das entgegen. Großfamilien, wo man den Trennungsfall mehrfach „üben“ kann, gibt es kaum noch, auch der „Enkel-Kindersatz“ folgt nicht mehr postwendend.

Obwohl Mutter Martina den Auszug der Söhne richtig findet – mitunter vermisst sie die beiden. „Jeden auf seine Art“, sagt die 58-Jährige, die von Hause aus Ökotrophologin ist und bis Anfang des Jahres als Hundetrainerin mit eigener Schule tätig war.

„Beide sind grundverschieden. Ich vermisse Simons ruhige Art, die mir viel Kraft gegeben hat. Er hat immer genau gewusst, wann ich es brauche, in den Arm genommen zu werden. Und die Energie, die Florian versprüht, seine Art, alle mitzureißen, die vermisse ich auch.“ Die gebürtige Gelsenkirchenerin: „Ich habe erst nachträglich zu schätzen gelernt, wie lange ich diese Privilegien genießen durfte.“

Es fühlt sich schön an, wenn auch erwachsene Kinder nach Rat fragen

Frank Troue, als Vater, empfindet die Veränderung weniger einschneidend: „In den letzten Jahren waren die beiden ja schon groß. Früher, als sie noch klein waren, da hab’ ich Vokabeln abgefragt, sie unterstützt und ihnen geholfen.“ Heute hingegen genießt er – als Lehrer für Kunst, Religion und Deutsch – die Fachgespräche mit seinem Jüngsten: „Unsere Berufe laufen ja parallel. Wenn Florian mich als erfahrenen Profi-Kollegen jetzt was fragt oder wir diskutieren – das find ich schon schön.“

Der Kontakt zu beiden Söhnen ist rege. „Florian ist häufig bei uns und schläft dann auch hier, er jobbt in Oberhausen, mit Simon telefoniere ich ganz viel. Wir whatsappen auch oft, weil ich nie genau weiß, wann er Dienst hat, das ist echt praktisch“, sagt Mutter Martina. Vater Frank hingegen, der beruflich auch als Fachseminarleiter stark eingespannt ist („Die beiden telefonieren mehr mit meiner Frau“), räumt digitale Defizite ein: „Ich bin da Dinosaurier. Aber das ist jetzt echt dran!“

Buch über die Beziehung zwischen den Generationen

In ihrem Anfang März erschienenen Buch „Generation ziemlich beste Freunde. Warum es heute so schwierig ist, die erwachsenen Kinder loszulassen“ (Beltz, 255 S., 16,95 Euro) schreibt die Autorin und Journalistin Gerlinde Unverzagt: „Noch nie waren Kinder und Eltern so nah beieinander. Ausgezogen wird noch immer analog, aber dank der digitalen Zaubermedien bleiben wir zusammen.“

Früher gab es weder E-Mail, noch SMS, Skype, Facebook oder Whats-App. Und auch keine Flatrates fürs tägliche Telefonat. Dennoch: „Es bleiben Lebenslagen und Alltagsherausforderungen, in denen der technologische mediale Vorsprung nicht reicht und analoges Lebenswissen gefragt ist.“

Wenn die Troues mal wieder „in der alten Formation“, in Echtzeit, zusammen sind, empfindet das Vater Frank „als sehr wohltuend“. Unterm Strich, so der gebürtige Essener, „müssen wir dankbar dafür sein, dass es so harmonisch ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit, es gibt Familien, da läuft das ganz anders. Und zu einem gehörigen Teil geht mein Dankeschön auch an den lieben Gott.“

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