Zum Muttertag

Mama, Mutti oder was? Was uns diese Ansprachen verraten

as Mutter-Kind-Ideal ist wohl, eine perfekte Balance zwischen liebevoller Nähe und Respekt zu leben.

Foto: iStock/PeopleImages

as Mutter-Kind-Ideal ist wohl, eine perfekte Balance zwischen liebevoller Nähe und Respekt zu leben. Foto: iStock/PeopleImages

Essen.   Wie Kinder ihre Eltern anreden und wie diese angesprochen werden wollen, sagt viel über ihr Verhältnis aus. Und über Wandel und Zeitgeist.

Jascha sei fünf gewesen, als er angefangen habe, seine Eltern beim Vornamen anzusprechen, erinnert sich sein Vater an die Zeit, als aus dem Papa Franz und aus der Mama Heidrun wurde. „Das hat er konsequent durchgezogen und wir haben es auch nicht verboten. Anfangs fanden wir das sogar witzig.“ Allein die Großeltern zeigten sich befremdet: „Wenn er nicht Mama und Papa sagt, könnte man ja denken, ihr seid eine zusammengesetzte Familie. Aber ihr seid doch eine richtige Familie“, protestierten sie.

„Doch uns hat das nicht gestört, bei vielen unserer Freunde war es auch normal, dass die Kinder den Vornamen verwendeten“, sagt Franz. So ist es bis heute geblieben. Dass er ihn selten als klassischen Vater erlebt, sondern eher auf der Kumpelebene wahrgenommen habe, hat sein mittlerweile 22-jähriger Sohn ihm mal in einem Brief geschrieben. Es sei wohl ein Jungs-phänomen, meint Franz. Jaschas jüngere Schwester sei nie vom „Papa“ und „Mama“ abgewichen. Nicht nur in der eigenen Familie, sondern auch im Freundeskreis habe er beobachtet, dass es eher die Jungen sein, die sprachlich auf Augenhöhe mit den Vätern und Müttern zielen.

Der Wandel der Anreden innerhalb der Familie ist ein spannendes Thema. Er gibt Auskunft über die Bedeutung und Bewertung von Familienstrukturen und über veränderte Rollenmuster. Heute lassen sich immer mehr Eltern von ihren Kindern mit Vornamen ansprechen – so geht das Gerücht. Weil Eltern heute lieber die besten Freunde ihrer Kinder als respektgebietende Autoritäten sein wollen?

Nur Einzelfälle, kein Trend

Sprachberater Lutz Kuntzsch von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden ist skeptisch. Er sieht nur Einzelfälle, keinen Trend, auch wenn das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern heute so viel partnerschaftlicher geworden ist. „Man kann nichts festmachen, wo nichts festzumachen ist“, sagt er. „Es gibt kaum Erhebungen. Es ist eben eine sehr private Entscheidung.“

Lässt man die Kosenamen von Papsilein und Pappel oder Mimi, Mutsch und Mamuschka einmal außer Acht, kann man generell immerhin sagen: „Mama“ und „Papa“ machen das Rennen im Westen und Süden. In West-Deutschland nennen heute 57 Prozent der Erwachsenen ihre Mutter „Mama“, „Mutti“ gut jeder fünfte, ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Jahr 2013. Mit dem Vornamen werden laut der Studie nur zwei Prozent der Eltern angesprochen. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben Mama und Mutti, genau wie Papa und Papi, bis heute in friedlicher Koexistenz.

Geändert hat sich im Laufe der Zeit trotzdem sehr viel. „Mutter“, das indogermanische Urwort in vielen europäischen Sprachen, ist etwa 2500 Jahre alt. Die Kinder in den Bürgerfamilien des 19. Jahrhunderts siezten ihre Eltern als Respektspersonen allerdings ganz selbstverständlich. Geduzt werden die Mutter und der Vater erst seit ungefähr 100 Jahren, nachdem sich überhaupt erst die Idee durchgesetzt hatte, dass es so etwas wie Kindheit gibt, in der enge Beziehungen und Vertrautheit eine größere Rolle spielen sollten als Autorität und Gehorsam. Kinder werden seitdem als ebenbürtige Wesen wahrgenommen.

Siezen – kann das gut gehen?

„Frau Mutter“ und „Herr Vater“ wirken heute völlig veraltet und vielleicht sogar lieblos. Doch das distanzierte Siezen hat auch Vorteile, wie der ehemalige Trainer des FC Bayern München, Louis van Gaal, in Erinnerung ruft, der sich von seinen Töchtern – wie auch von seinen Spielern – siezen lässt. „Ich finde es gut, wenn ein Abstand da ist. Ich bin der Freund meiner Kinder und sie lieben mich. Aber ich bin eine andere Generation und das müssen sie wissen.“ Das verkündete er im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ im Mai 2010 – und sorgte für Empörung.

„Mama und Papa siezen – kann das gut gehen?“ fragte die „Bild“ besorgt und holte psychologische Expertise zur Beantwortung der Frage ein, ob es sich hierbei um konsequente Erziehung oder Disziplin-Diktatur handelt. „Es kann beim Siezen der Eltern dazu kommen, dass der Faktor Respekt zu sehr betont wird. Der liebevolle, nähebetonte Umgang mit den Kindern kann dabei zu kurz kommen“, warnte Psychologe Elmar Brasse. „Die Kinder können sich dadurch schwertun, sich den Eltern anzuvertrauen und ihnen Dinge zu sagen, die ihnen unangenehm sind.“

Als noch geihrzt wurde

Jahrhundertelang standen das „Ihr“ und „Er“ für das spätere „Sie“ und „Du“ der Deutschen. Autoritätspersonen aus Klerus und Adel wurden seit dem 8. Jahrhundert geihrzt („Erlaubt ihr, dass ich mich setze?“), der Fürst wiederum sprach von sich im Pluralis Majestatis („Wir erlauben es“). Untertanen wurden geerzt, also mit einem abschätzigen „Er“ beschieden, das noch unter dem „Du“ angesiedelt war. Das „Er“ von Höhergestellten an niedrigere Personen hat im sogenannten „Berliner Er“ überdauert: „Hatter denn ooch’n jültijn Fahoosweis?“ Sozialer Aufstieg hingegen wurde schon vor 500 Jahren gelegentlich mit Ihrzen belohnt. Martin Luther etwa duzte seinen Sohn Hans, wechselte aber zum „Ihr“, als Hans sein Magisterexamen bestand.

Du als Ausdruck mangelnden Respekts

Wie man sich anspricht, verrät viel über die Binnenverhältnisse in der Familie und illustriert ein höchst wandelbares Rollenverständnis. Dabei gleicht kaum ein Du dem anderen: Die Ansprache von Kindern mit „Du“ gilt Linguisten als sprachlicher Niederschlag von Unmündigkeit – genau wie das geringschätzige „Du“ gegenüber Menschen mit Behinderung, Kranken oder Migranten. Hier wird das Du zum Ausdruck mangelnden Respekts. Grundsätzlich steht das Duzen im engem Zusammenhang mit Verwandtschaft. Kinder können erst im Einschulungsalter zwischen „Du“ und „Sie“ unterscheiden, daher wird das primär erlernte „Du“ mit der Vertrautheit in verwandtschaftlichen Beziehungen assoziiert. Entsprechend zeugt das „Sie“ von Respekt, es kann aber auch Distanz ausdrücken. Das Duzen außerhalb der Familie impliziert eine familienähnliche Beziehung wie Freundschaft oder Liebe.

Oft soll es auch Gleichheit ausdrücken. Es war die studentische Linke in den wilden 1968ern, die im Sinne flacher Hierarchien und angelehnt an das sozialistische, genossenschaftliche Bruder-Du das Duzen propagierte. „Sie“ war gesellschaftlich out, galt als spießig, verklemmt und Ausdruck verzopfter Rangordnungen in Gesellschaft und Familie. Die Kinder waren im Zuge der antiautoritären Erziehung aufgefordert, ihre Eltern beim Vornamen zu nennen, je nach Region auch in Verbindung mit dem männlichen oder weiblichen Artikel. Aus „Mama“ und „Papa“ wurden also „der Peter“ und „die Inge“.

Es gibt nur eine Mutter

Nun gibt es allerdings viele Peters, Inges und Gabis, aber nur eine Mutter und einen Vater für jeden Menschen. Diesen Umstand unterschlägt die kumpelhafte Anrede beim Vornamen, und sie verhilft auch nicht zur Klarstellung, wer der Erwachsene und wer das zu erziehende Kind ist. Das wird kritisiert.

Es geht um mehr als Worte, so die Psychologie: Mit der Art der Anrede manifestiert sich auch die Art der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern – und die ist nun mal asymmetrisch. So schimpfte der Kinder- und Jugendpsychiater und Autor Michael Winterhoff im „Deutschlandfunk“: „Kinder sind keine Partner, und Papa ist Papa. Wer das nicht versteht, riskiert, dass Kinder unreif bleiben und im Leben scheitern.“ Der dänische Familientherapeut und Erziehungsberater Jesper Juul geht noch einen Schritt weiter. „Ein Kind, das seine Eltern beim Vornamen nennt, ist genaugenommen ein Kind, das keine Eltern hat.“

Familie ist längst mehr als Vater-Mutter-Kind

Vielleicht hat das Kind aber auch mehr Elternteile als das handelsübliche Zweierformat? Familie ist ja längst mehr geworden als Vater-Mutter-Kind. Ein Drittel aller Kinder unter 18 Jahren wächst nicht mit beiden Eltern auf und lebt entweder nur mit der Mutter oder ihr und ihrem neuen Freund zusammen. Das bedeutet aber nicht, dass der andere Elternteil verschwindet: Weil das Ende einer Ehe nicht das Ende der Elternschaft bedeutet, fördern immer mehr Mütter und Väter den intensiven Kontakt des Kindes zum anderen Elternteil.

Trennung heißt heute zudem oft, ein Elternhaus hinzuzubekommen. Was einst Oma, Opa, Tante, Onkel und Geschwister in der Großfamilie waren, können heute die Zweit-Eltern werden: liebevolle Bezugspersonen und fürsorgliche Gefährten. Aber uns fehlen oft die Worte.

Co-Vater, Bio-Vater, Bonus-Eltern

Es kann nur einen „Papa“ geben, doch was, wenn in seiner Position der Jürgen und später noch der Michael folgen? Für den neuen Freund, der nun mit Mutter und Kind zusammenlebt, bleibt nur der Vorname, auch wenn er längst die Vaterstelle für das Kind vertritt. Es ist nicht zuletzt praktisch, in diesen Fällen Vornamen zu nutzen. Denn die Versuche, die neuen Verhältnisse mittels Wortkreationen wie Co-Vater, Lebensabschnittsgefährte, Bio-Vater, oder Bonus-Eltern abzubilden, wirken verkrampft und kommen nicht leicht über die Lippen. Noch dazu sind viele Begriffe negativ besetzt. „Stiefmutter“ klingt irgendwie böse, „Ex“ alt und verbraucht. „Falsch-Vater“, „Auch-Mama“ oder „Pappel“: Es sind oft die Kinder, die sich in der Wortnot zu helfen wissen.

Anreden im Wandel der Zeit

Auch für die Forschung allgemein ist der Wandel der Anreden ein dankbares Thema. Vor dem Hintergrund veränderter sozialer Bedeutung von Familien und Verwandtschaftsstrukturen untersucht die Linguistik, wie verwandtschaftliche und pseudoverwandtschaftliche Sozialbeziehungen ausgedrückt werden, die nicht mehr ausschließlich durch Bluts- und Heiratsverwandtschaft zustande kommen. Auch veränderte Rollenmuster und eine voranschreitende Individualisierung wirkten sich auf Anredeformen aus.

Familien sind in größere gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet, die sich auch in den Anreden bemerkbar machen. „Wenn in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern heute ökonomische Abhängigkeiten und normative Verbindlichkeiten an Stellenwert verlieren, so gewinnen Formen des Ausdrucks gegenseitiger Zuneigung und emotionaler Nähe in den meisten Familien sowohl von Seiten der Eltern als auch von Seiten der Kinder an Gewicht“, schreibt Linguist Ulrich Ammon über die soziale Funktion der pronominalen Anrede im Deutschen. Sprachforscherin Helen Christen stellt fest, dass sich die Anredekonventionen grundsätzlich verändert hätten und mit ihnen der Stellenwert von Distanz und Nähe.

Die Finessen des Siezens

Beim Vornamen und mit „Du“ rede man sich oft schon nach kurzer und meist oberflächlicher Bekanntschaft an, selbst unter Personen verschiedenen Alters, so Helen Christen. Tatsächlich bieten Eltern heute den Freunden ihrer Kinder nicht selten schon nach dem ersten Spielnachmittag die Anrede mit Vornamen und „Du“ an, wenn sie nicht ohnehin schon ganz selbstverständlich von ihnen geduzt werden. Schließlich möchte man ihnen heute weder in der Familie noch in der Schule die grammatischen Finessen des Siezens fremder Menschen abverlangen. Außerdem: Man will ja so alt nicht sein – wobei das Sein per „Du“ nicht nur einen gewissen Gleichklang imaginiert, sondern vor allem auch ein annähernd gleiches Alter.

Neue Sehnsucht nach Höflichkeit

Der Zeitgeist erlebt eben den Vormarsch des „Du“. Aber das „Sie“ verfügt über ein stabiles Hinterland. Experten registrierten in den vergangenen Jahren eine leise Sehnsucht und stille Rückkehr zur Höflichkeitsform. Nicht beim schwedischen Möbelkonzern, wo immer noch geduzt wird, dass sich die Schränke biegen, und auch nicht im Internet, wo das allgegenwärtige „Du“ mögliche Abstufungen in der Anrede plättet. Aber in vielen Bereichen ist eine Rückkehr zum „Sie“ nachweisbar.

So sagten im Jahr 1993 in einer Umfrage 59 Prozent der 16- bis 29-Jährigen, sie gingen schnell zum „Du“ über. Zehn Jahre später waren es weniger als die Hälfte. „Es dauert wieder länger, bis zum Du gegriffen wird“, kommentiert das Institut Allensbach die Studie zum Thema Manieren und Höflichkeit von 2011.

Gleichmachungsbestrebungen der 68er-Kultur

Was bedeutet das für Familien? Muss man jetzt mit Kindern rechnen, die ihren Eltern mit den Worten „Erlauben Sie ...?“ die schwere Einkaufstasche aus der Hand nehmen? Wird das „Mama, du spinnst wohl!“ verdrängt von einem stirnrunzelnd geäußerten „Frau Mutter, ich muss doch sehr bitten!“?

So weit ist es noch nicht. Aber sicher ist: Die verbalen Distanzregelungen schwanken mit den Zeiten. Auch neu gewachsene und wieder erstarkte Abgrenzungsbedürfnisse sind offensichtlich. Das Pendel schlägt zurück. So lässt sich häufig eine Zunahme der Hierarchisierung nach den Gleichmachungsbestrebungen der 68er-Kultur feststellen.

Alles ist somit in Bewegung. Ob wir nun sehnsüchtig aufs erste „Mama“ aus dem Kindermund warten oder beizeiten mit dem Nachwuchs die korrekte Aussprache des eigenen Vornamens mit oder ohne Artikel üben, ob wir das ganze Spektrum zwischen „Mutter“ und „Mutti“ mit Spitznamen füllen: Die gute Nachricht ist, dass das Spiel mit Anredeformen eine Familie mit gelockerten Umgangsformen voraussetzt, in der die Eltern ironisiert und auf gleiche Augenhöhe gebeten werden dürfen.

„Die beiden haben sich untereinander mit Vornamen angesprochen“, erklärt Jascha seinen frühen Wechsel von „Mama“ und „Papa“ zu Franz und Heidrun. „Das habe ich gehört und da wollte ich gleichbehandelt werden. Die sprechen mich ja auch nicht mit ,Sohn’ an.“ Dann sagt er und zwinkert dabei mit seinen Augen: „Außerdem ist es auch ein Spielchen, um zu schauen, was man bei Eltern so als scheinbare Gleichberechtigung heraushandeln kann.“

>>> Bücher zum Thema

Nein aus Liebe. Klare Eltern – starke Kinder von Jesper Juul, Kösel-Verlag, 126 Seiten, 9,99 Euro. Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit von Michael Winterhoff, Goldmann Verlag, 224 Seiten, 9,95 Euro.

>>> „Warte, die Mama hilft dir gleich“

Mami wird gleich gaaanz traurig. Komm mal zu Papa. Der Opa muss jetzt mal schlafen. Warte, die Mama hilft dir. Der Papi hat nein gesagt. Was hat denn die liebe Oma da für ihren kleinen Schatz mitgebracht?

Sätze wie diese kann man überall hören, ausgesprochen von Müttern, Vätern, Omas, Opas, Tanten und Onkeln, wenn sie über sich selbst reden. Fast allen Eltern kommen sie irgendwann über die Lippen, auch ganz jungen Eltern passiert das – selbst wenn sie sich, bevor sie Eltern wurden, geschworen hatten, niemals so mit ihren Kindern zu reden. Schuld daran ist der Dritte-Person-Reflex, der erwacht, sobald Erwachsene mit Kindern sprechen, ein Reflex, der Worte wie „ich“, „mich“, „meiner“, „mir“ schlagartig aus dem Wortschatz löscht.

In der dritten Person von sich selbst reden

Es muss doch einen plausiblen Grund für diesen Drang geben, mit der Elternwerdung, aber auch als Oma oder Tante, plötzlich in der dritten Person von sich selbst zu reden. Aber welchen? Von den Kindern haben wir’s wohl gelernt: Bevor sie sich als Individuen erkennen, sagen sie ihren Namen, wenn sie „ich“ meinen. „Maja will Kakao.“ Es könnte sein, dass Eltern sich intuitiv an den Entwicklungsstand anpassen, ähnlich wie man unwillkürlich in eine höhere Stimmlage wechselt, sobald man ein Baby anspricht. Ganz natürlich also und insofern unbedenklich?

Manche Eltern wählten eine Sprache, die unnatürlicher nicht sein könnte, konstatiert der dänische Familientherapeut Jesper Juul und nennt ein Beispiel: „Du weißt doch, dass Papa nicht will, dass du an seinem Computer herumspielst. Wenn du später mal einen eigenen bekommst, dann kann Papa dir beibringen, wie man damit umgeht.“ Der Vater spreche mit seinem Kind so, wie er sich vorstellt, dass Eltern mit ihren Kindern sprechen sollten. Mütter und Väter, die so redeten, seien jedoch für das Kind nicht als wahrhaftige Menschen spürbar, und das ziehe eine Reihe von Konflikten und Frustrationen nach sich. „Die Erwachsenen spielen Eltern, die Kinder imitieren kindliches Verhalten.“ Die Mitglieder der Familie seien nicht authentisch, kritisiert auch Jesper Juul, sondern eiferten einer abstrakten Idee von Familie nach.

Viele Eltern spielen Elternsein

Um alles in der Welt wollen Eltern heute als Super-Eltern gelten, deshalb gerät der Dritte-Person-Modus auch leicht zum Posieren vor Publikum. Der Machbarkeitswahn im Verein mit Perfektionsstreben durchdringt die Gesellschaft und hat auch die Eltern fest im Griff. Gute Eltern erkennt man heute scheinbar daran, dass sie dem Kind und seinen Bedürfnissen immer Vorrang einräumen.

Gehen Eltern in ihrer Rolle vollständig auf? „Ich beobachte eine neue Tendenz, dass junge Eltern wieder vermehrt über sich selbst in der dritten Person sprechen“, sagt Jesper Juul und erklärt das Phänomen: „Viele Eltern spielen Elternsein, sie wollen unbedingt und immer alles richtig machen. Aber das ist unmöglich. Das Kind braucht seine Eltern als Menschen, nicht als Serviceeinrichtung.“ Er findet es logisch, dass die so angesprochenen Kinder mit den Jahren die Ohren auf Durchzug stellen: „Wenn man über sich selbst in der dritten Person redet, gibt es keinen emotionalen Kontakt. Die Sprache hängt nicht mehr mit den Gefühlen zusammen.“

Sagen wir es also noch einmal, und jetzt mit Gefühl: Ich werde traurig. Komm’ zu mir. Ich muss jetzt mal schlafen. Warte, ich helfe dir. Ich habe nein gesagt. Schau mal, was ich dir mitgebracht habe.

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