Erwachsenwerden

Mädchen, Mütter, Mode – der ewige Krieg um Kleidung

So gehst Du mir nicht aus dem Haus: Manchmal entzündet sich zwischen Töchtern und Müttern daran ein Streit.

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So gehst Du mir nicht aus dem Haus: Manchmal entzündet sich zwischen Töchtern und Müttern daran ein Streit. Foto: Getty

  Nicht immer finden die Älteren anziehend, was die Jüngeren gerne anziehen. Und umgekehrt. Doch der Knatsch um die Klamotten muss nicht sein.

„Kind – so gehst du mir nicht aus dem Haus“, den Satz hat Mareike Fangmann (25) aus dem Mund ihrer Mutter öfter gehört. Damals, als sie noch zur Schule ging, in Aurich, in Ostfriesland. Allerdings galt die mütterliche Empörung nicht ihr, sondern ihrer älteren Schwester. „Ich selbst bin eher locker aus dem Haus gegangen“, erinnert sie sich.

Daran hat sich bis heute nicht groß etwas geändert: „Ich bin nicht so der Typ, der oft High Heels und kurze Röcke trägt.“ Heute lebt Mareike Fangmann in Dortmund, wo sie gemeinsam mit Andrea Weber (20) den Blog POTTlike betreibt.

Sind Mütter spießige Spaßbremsen, wenn sie den Look ihrer heranwachsenden Töchter kritisch beäugen – und manchmal sogar Verbote verhängen? Den juvenilen Kampf um Klamotten und Selbstbestimmung gab es schon immer. Nicht erst seit den 1960ern, als der Minirock als Skandal aus Großbritannien die Gemüter erhitzte. In den 1970ern, als Schlaghosen und Plateauschuhe für Kopfschütteln sorgten oder in den ‘80ern, als sogar in der Provinz die Pseudo-Punks wie Pilze aus dem Boden schossen. „Kleidung ist für Jugendliche, die einfachste Art zu provozieren, auf Abwehr zu gehen, Revolte zu proben und sich von ihren Eltern abzugrenzen“, bringt es Erziehungsexperte und Bestsellerautor Dr. Jan-Uwe Rogge („Pubertät: Loslassen und Haltgeben“) auf den Punkt.

Frühes Bewusstsein für Mode

Nicht immer finden die Älteren anziehend, was die Jüngeren anziehen. Aber dem, was man anzieht, kam noch nie so viel, auch kommerzielle, Bedeutung zu wie heute. 2016 setzte der bei Jugendlichen so beliebte irisch-englische Mode-Discounter Primark spektakuläre 5,5 Milliarden Pfund um. Schon Sechs- bis 13-Jährige bestimmen zu 79 Prozent mit, was sie anziehen („Kids Verbraucher Analyse“, Egmont Ehapa Verlag 2015), auf Kleidung entfällt, neben Weggehen und Handykosten, der höchste Taschengeldanteil bei Jugendlichen (Expertise „Taschengeld und Gelderziehung“, Deutsches Jugendinstitut 2014). Parallel dazu weichen in Zeiten, wo Mütter und Töchter auch im Kleiderbestand der anderen fündig werden können oder gemeinsam Popkonzerte besuchen, die Fronten zunehmend auf. Krieg um Kleidung muss nicht sein.

Dass die Kombination Mode, Mütter, Mädchen immer noch ein Riesenpotenzial für Konflikte birgt, glaubt auch Bloggerin Mareike Fangmann nicht. „Der Trend geht eher ein bisschen mehr hin zum Entspannten. Sexy muss ja nicht unbedingt heißen: so viel zeigen, wie möglich. Auch ein schickes Kleid zu Sneakers kann sehr sexy sein.“ „POTTlike“, so die Diplom- Journalistin und Redakteurin, „richtet sich an alle, die sich für Mode und Kultur in der Region und darüber hinaus interessieren. Das sind modebewusste Frauen, aber auch Männer, im Durchschnitt 18 bis 35 Jahre alt. Aber es gibt auch jüngere und ältere Leser“.

„Prinzipiell ist erlaubt, was gefällt.“

Mode bietet beiden Gruppen mehr Spielraum als früher. „Prinzipiell ist erlaubt, was gefällt. Wobei ich persönlich finde, dass so viel Make-up gar nicht sein muss. Man kann ruhig zeigen, wie man ist.“ Dass speziell junge Mädchen bei Bedarf „ein bisschen mit der Oberweite zaubern“ und Push-Up tragen, findet sie trotzdem nicht verwerflich. Doch was, bei aller Toleranz, trotzdem nach wie vor eine Rolle spielt: „Ob man auf dem Dorf oder in der Großstadt lebt.“ Und die eigene Verantwortung fürs Outfit: „Je nachdem, was man wo trägt, provoziert man leider auch Reaktionen, die man so nicht beabsichtigt hat.“

Dass die geballte Ladung Sex-Appeal („Ultrakurzer Rock und tiefes Dekolleté und superhohe Absätze“) womöglich eine Botschaft aussendet, die man gar nicht aussenden will, gibt auch die Dortmunder Stilberaterin Juliane Gareis zu bedenken. Überhaupt, so die gebürtige Düsseldorferin, sei weniger meistens mehr: „Stil hat viel mit Natürlichkeit zu tun, auch damit, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Man kann sich Schönheit nicht anmalen.“ Aber auch keine Tatsachen leugnen. Bauchfreie Shirts, Tops und Shorts, all das könne toll an jungen Mädchen aussehen: „Aber nur, wenn die auch einen tollen Bauch, tolle Arme und tolle Beine haben.“

Besser vermeiden, dass es zu Trotzreaktionen kommt

Der Tipp der Expertin: „Als Mutter sollte man seine Tochter mit 15, 16 alleine shoppen gehen lassen, in dem Alter sind Mädchen meilenweit entfernt von der Mode ihrer Mutter. Und über Instagram, Facebook und Mode-Blogs bestens informiert.“

Kommentare wie „Das sieht ja verboten aus!“ hätten ohnehin keinen Sinn: „Das führt nur zu Trotzreaktionen. Hinterher kauft sich die Tochter die Sachen heimlich nach der Schule – und die Mutter ist außen vor. Besser sagen: ,Finde ich super!’ – und dann durch die Hintertür Überzeugungsarbeit leisten.“

Der Mode-Kuschelkurs der Generationen hat auch seine Tücken. Selbst den Umkehrfall der Klamotten-Krise – so sie sich anbahnt – gibt es. Gareis hat schon Mütter erlebt, die bei ihren Töchtern Entsetzen auslösten: „Da gefällt der Tochter im Laden ein Teil und die ,jugendliche’ Mutter fragt: ,Haben Sie das auch in 42?’“ Dass Töchter sich aus deren Kleiderschrank bedienten, sei zwar eine Tatsache: „Aber das ist dann meistens ein Cashmere-Pulli oder eine weiße Bluse, die sie als Kombi zu zerrissenen Jeans und Sneakers komplett umstylen.“

>>> Von den Vorteilen einer Schuluniform

„Es sind Kinder, ganz normale Kinder“, sagt Robert Troilett, „sicher testen die Sachen aus.“ An der internationalen St. George’s School Duisburg-Düsseldorf, die der 47-Jährige seit 2014 leitet, gibt es 720 Schülerinnen und Schüler. Die Jüngsten im Kindergarten sind 2, die Ältesten 18/19-jährige Abiturienten. Für alle besteht Uniformpflicht. Die Jungen tragen eine dunkelgraue Hose, ein weißes Hemd, einen schwarzen Blazer und dunkelgraue Schuhe, ab 11 auch Krawatte. Die Mädchen weiße Blusen, dunkelblaue Strickjacken, blaurotgrau karierte Schottenröcke, schwarze Strumpfhosen und schwarze Ballerinas.

Die Schüler sind stolz auf die Uniform

Und weil es ganz normale Kinder – oder Teenager – sind, gibt es immer wieder Verstöße gegen die Regeln. „An einem Tag hat jemand die falschen Schuhe an, am nächsten trägt ein Junge das Hemd über der Hose“, zählt der Direktor auf, der ursprünglich aus Manchester kommt und seit 2002 in Essen lebt. Die älteren Mädchen hingegen schlagen den Bund ihrer Röcke gerne Mal um, damit sie schicker werden, und hoffen, dass das niemandem auffällt. Tut es aber doch.

Wer mit Nagellack erwischt wird, muss ihn entfernen, auch Piercings, extremes Haarstyling oder Ansammlungen von Ohrringen sind nicht gestattet. Zwei kleine Stecker, einer in jedem Ohr, oder dezentes Make-up schon. Und Jungen mit langen Haaren müssen die nicht kürzen lassen. „Die Schüler sind stolz auf ihre Uniformen“, sagt Troilett. Sie schaffen eine gemeinsame Identität: „Bei uns gibt es keinen Wettbewerb, der über Marken läuft, und keine Modenschau. Auch für uns Lehrer wird es dadurch einfacher: Jugendliche, die nicht durch so etwas abgelenkt werden, konzentrieren sich mehr auf ihr schulisches Vorankommen.“ Er selbst, so sagt Robert Troilett, würde nie an einer Schule ohne Uniformen arbeiten wollen.

www.stgeorgesschool.de

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