Social Media

Twitter-User „Infoluencer“ macht sich über Instagram lustig

Eine Betrachtung über die Auswüchse dieser Ego-Dauerwerbesendung in Endlosschleife.

Eine Betrachtung über die Auswüchse dieser Ego-Dauerwerbesendung in Endlosschleife.

Foto: Farknot_Architect / Getty Images

Internet.  Sie sind die Rockstars der sozialen Netzwerke: Doch der Twitter-Account „Infoluencer“ seziert die Stilblüten des schönen Scheins von #Instagram.

Was ist das für eine Welt, in der sich junge Frauen Pampas-Gras in den Bikini stecken oder sich bekleidet in Badewannen nebst Kerzen und Blumen räkeln, in der perfekte Paare auf weißen Bettlaken Frühstücksorgien drapieren und alles mit Lichterketten umflort wird?

Die Welt der Influencer auf Insta­gram natürlich, das war einfach.

Ein harmloses, selbstverliebtes soziales Medium, das niemandem weh tut. Liken und liken lassen? Grundsätzlich richtig, aber grundsätzlich eben auch schwierig, wenn Smartphone-Celebrities wie eine Anne Wünsche mit 853.000 Followern natürlich einen gewissen Einfluss ausüben auf junge Menschen, die vielleicht weniger im Scheinwerfer stehen. Oder besser: sich weniger in den Scheinwerfer stellen.

„Lebe nicht dein Leben, sondern poste deinen Traum“

Ein Twitter-Account setzt sich kritisch, aber humorvoll mit solchen Stilblüten des schönen Scheins auseinander: Infoluencer nennt sich das Forum, das es wohl wegen seines satirischen Stils in kurzer Zeit selbst auf bald 37.000 Abonnenten gebracht hat. Augenzwinkernde Ansage: „Lebe nicht dein Leben, sondern poste deinen Traum.“

Die Formel dahinter folgt einer klaren Linie: „Ich hinterfrage die Absurditäten, die hier als normal verkauft werden“, sagt Karla Knows, über die man nicht mehr wissen soll, als dass sie selbst „irgendwas mit Medien macht“. Eine freie Autorin mit dem Herz auf der Zunge. Eine, die halt nur aus’m Ruhrpott stammen kann.

Dass es so durch die Decke geht und den Nerv trifft bei der Zielgruppe, liegt wohl darin, dass eben diese Zielgruppe so riesig ist, vermutet die 34-Jährige. „Diese Posts, die in unsere Timeline gespült werden, sind mittlerweile normal. Eine verrenkte Pose im Bikini am Strand; Essen, das vor der Nahrungsaufnahme fotografiert wird bis es kalt ist; Typen, die im Fitnessstudio ihre Muskeln fotografieren – alles so alltäglich. Aber ist das das wahre Leben?“

Show, die als Einblick ins Privatleben verkauft wird

Oder sind Selbstbildnisse in Badewannen und Bettlaken mittlerweile eine eigene Kunstform? Karla: „Nein, es geht dabei ja nicht um Kunst, sondern allein um Selbstdarstellung und darum, am besten noch heimlich Produkte in die Kamera zu halten. Sie sind immer selbst auf dem Bild, sehen immer super aus und zeigen ein neues Shampoo – das ist einfach eine Werbeshow. Eine Show, die einem verkauft wird als Einblick ins Privatleben. Sie tun so, als würden sie die Leute an ihrem Leben teilhaben lassen, aber eigentlich sind es alles nur Testimonials.“ Nur die Pose zählt.

Ob denen die geradezu groteske Übersteigerung ihrer eigenen Figur bewusst ist? Karla gibt einen Pro-Tipp: „Scrollt doch mal weit nach unten, als die Influencer angefangen haben, in den frühen Beiträgen war alles noch relativ normal, mit der Zeit wird es immer mehr, immer besonderer, immer gephotoshopter – weil es halt High-Class aussehen muss. Das ist ein Prozess.“ Mit Individualität habe das nichts mehr zu tun. „Man kopiert sich gegenseitig.“

Alltagsszenen als Verarsche

Im Herbst sind’s Kürbisse, im Winter Kaminszenen, im Sommer Rollerblades als Zierden. Infoluencer spießt das auf. „Mich ärgert das immer, wenn ich für doof verkauft werde. Es werden Alltagsszenen nachgespielt, die aber nie im Leben so stattfinden, das sind keine Schnappschüsse, sondern Inszenierungen – und der Follower soll es glauben. Aber das ist Verarsche.“

Karla: „Influencer sind die neuen Rockstars, da sitzen genügend 13-Jährige, 14-Jährige vor, die sich das angucken und sagen, ich möchte auch so ein Leben haben – dabei gucken sie sich die ganze Zeit nur ein Werbeplakat an. Mehr ist es ja nicht und das ärgert mich. Ich habe ja auch jüngere Nichten und Cousinen und die himmeln die dann an?“

„Kritik ist okay, wenn sie respektvoll geäußert wird“

Was den Umgang besonders macht: Infoluencer ist ironisch, nicht garstig. „Es ist immer einfach drauf zu treten. Ich finde es besser, wenn man eine Botschaft hat. Meine ist, keinen Hass zu säen, sondern die Leute lieber lächeln zu lassen.“

Die Rückmeldungen der Folger? Die Kommentare unter den Tweets sind überwiegend schlagfertig witzig, in auffallend angenehmer Art. „Das ist zu 90 Prozent sehr reflektiert, lustiges Feedback, nicht unter der Gürtellinie. Ich finde es toll, dass die Follower da eine ähnliche Sprache sprechen wie ich. Die sind gut drauf.“ Es gibt natürlich auch negative Rückmeldungen. „Kritik ist okay, wenn sie respektvoll geäußert wird. Andere Meinungen muss man einfach aushalten. Und in der Anonymität des Internets hat einfach jeder eine Meinung, die teilweise ungefiltert hinausposaunt wird.“

Und wenn sie übers Ziel hinausschießt und es entsprechend kritische Rückmeldung provoziert, rudert Karla Knows auch mal zurück. „Leute, das hier ist eine humoristische Seite, nicht die Tagesschau und auch nicht die Emma.“

Managements drohen auch mal mit einer Klage

Und das Feedback der bloßgestellten Influencer? „Na ja, es gibt die, die sich positiv äußern und zugeben, dass sie selber über einen Tweet, der sie abgebildet hat, lachen mussten. Und dann gibt es die, die ihr Management E-Mails formulieren lassen und mit Klage drohen.“ Passiert ist aber noch nichts. „Mir liegt es fern, etwas Unrechtes zu tun. Satire darf nun einmal sehr viel. Das muss man als öffentliche Persönlichkeit auch aushalten, wenn man mit aller Macht eine Person des öffentlichen Lebens sein will und sein Leben auf Instagram ausbreitet.“

Was gar nicht geht: Kinder vor die Kamera zu zerren für kommerzielle Zwecke. „Kein schönes Thema, aber da muss man auch mal drauf hinweisen. Grenzwertig wird es auch, wenn der Nachwuchs wie Accessoires auf Fotos drapiert wird. Was sollen aus denen später für Menschen werden? Darüber kann ich dann auch nicht mehr lachen.“

„Drohnenpilotin & Natur-Konsumistin Yvonne „ich mach in dem Scheiß-Tümpel aber jetzt ein Foto“ Pferrer

Auch schwierig und entsprechend aufs Korn genommen: Showgirls wie Yvonne Pferrer (1,3 Millionen Fans!). Im Sommer sah sich der Tourismusverband Berchtesgaden erfolglos genötigt, die Dame zurückzupfeifen, ihren Post zu löschen – nachdem sie sich verantwortungslos und vor allem illegal in einem Naturschutzpark räkelte. An dieser Stelle kam es in der Vergangenheit bereits zu tödlichen Abstürzen, von der Vermüllung der Umgebung ganz abgesehen – und der Drohneneinsatz ist sowieso verboten. Da braucht es nicht unbedingt ein Vorbild zum Anstiften, fand auch Karla. Und kommentierte: „Drohnenpilotin & Natur-Konsumistin Yvonne „ich mach in dem Scheiß-Tümpel aber jetzt ein Foto“ Pferrer ist als MEGA-Influencerin nominiert. Gratulation – boost your fame (steigere deinen Ruhm)!“

ICH ICH ICH ist also das vorherrschende Motiv, die Ego-Dauerwerbesendung in Endlosschleife. Karla: „Es gibt natürlich auch tolle Accounts, aber ich will ja nicht die ganze Welt der Influencer abbilden, sondern diese spezielle Sorte.“ Die auf Trends aufspringen wie #blacklifematters und bizarre Make-up-Tutorials geben, wie man sich entsprechend schminken kann oder es gleich auf ihre Silikonbrüste schreiben, das sei natürlich schwierig. „Wichtig ist zwar, dass es angesichts des Einflusspotenzials in die Welt getragen wird, dass Rassismus scheiße ist, von mir aus auch von einer Gerda Lewis (915.000 Abos), die sich sonst eher nicht so mit der Weltpolitik beschäftigt.“

Karla muss da jetzt dennoch einmal grundsätzlich werden: „Die einen halten Billig-Produkte in die Kamera – und dann gibt es auch die Influencer, die den ,neuen Rechten’ angehören und politische Ideologien in die Welt hinaustragen. Social Media und Influencer haben einfach einen unglaublichen Einfluss auf junge Menschen, das muss man verstehen und nicht einfach nur als ,das ist doch harmlos, die wollen nur spielen’ abtun.“ Sie sei da zwiegespalten, wenn ein ernstes Thema instrumentalisiert wird. Oder bei der Gelegenheit pinke Glitzer-Mundnasenschutzmasken vertrieben werden – „damit will man ja auch keine Ärzte oder Krankenschwester sehen.“

Dabei könnte es doch so einfach sein in der bunten Bilderwelten-App, wie das eigene Motto des Infoluencer-Accounts den Weg weist: Echte Menschen. Echte Momente. Echte Gefühle. Punkt.

Die lieben Kollegen

„Die Indianer glaubten, dass Fotos die Seele des Fotografierten rauben würden. Wenn man sich 90% der Influencer bei #Instagram anschaut, hatten sie recht.“ Ein Kommentar von „Lehrerkind“ Bastian Bielendorfer (36), Autor und Comedian aus Gelsenkirchen.

Weniger pointiert, nämlich immer mitten ins Gesicht, so attackiert TV-Tausendsassa Oliver Pocher (42 Jahre und 1,9 Millionen Follower) – die durchaus unterhaltsame Boshaftigkeit lässt sich nicht jede(r) gefallen: Von Anne Wünsche (28), Laiendarstellerin und YouTuberin, gab es eine Anzeige! Pocher hat jetzt auch einen eigenen Song zum Thema, hier ein Textauszug: „Ihr seid schlimmer als die Grippe – Influenza. Ohne Filter seht ihr aus wie Gespenster – fürn paar Likes springt ihr gleich aus’m Fenster – Influenza, Influenza...“

Die Album-App Instagram (gehört zu Facebook) gibt es seit zehn Jahren – mit über einer Milliarde monatlichen Nutzern (nach FB, YouTube und WhatsApp) das viertgrößte soziale Netzwerk der Welt. Die meisten Follower weltweit hat Insta selbst (363 Mio) – vor Cristiano Ronaldo (238) und Ariana Grande (201).

Das ist ein Artikel aus der Digitalen Sonntagszeitung – jetzt gratis und unverbindlich testlesen. Hier geht’s zum Angebot: GENAU MEIN SONNTAG

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben