Umfrage

Lieber Schnitzel als Salat: So ungesund lebt NRW

Schock-Studie: Gesundes Essen? Fehlanzeige. Sport? Nein, danke! Die Menschen in Nordrhein-Westfalen leben zu ungesund. Das Hauptproblem ist die Bequemlichkeit.

Schock-Studie: Gesundes Essen? Fehlanzeige. Sport? Nein, danke! Die Menschen in Nordrhein-Westfalen leben zu ungesund. Das Hauptproblem ist die Bequemlichkeit.

Foto: dpa

Essen.  Gesundes Essen oder Sport? Fehlanzeige! Die Menschen in NRW leben laut einer Umfrage ungesund. Es gibt aber Entwicklungen, die Hoffnung machen.

Selbsteinschätzung: 6, setzen! Sich gesund fühlen und tatsächlich gesund leben – hier klaffen Realität und Wahrnehmung weit auseinander. Etwa 60 Prozent der Menschen in unserer Region halten sich für gesund. Nur knapp zehn Prozent sind es aber wirklich. Das hat eine Umfrage der Deutschen Krankenversicherung (DKV) zur Gesundheit ergeben.

Die Krankenakte NRW. Das Hauptproblem der Menschen am Niederrhein, im Ruhrgebiet und in Südwestfalen ist die Bequemlichkeit. Sie bewegen sich zu wenig und setzen auch bei ihrer Ernährung eher auf schnell und günstig als auf hochwertig und gesund.

Auch der Landesgesundheitsbericht, den das Landeszentrum Gesundheit NRW in Bochum für sein Ministerium erstellt, bestätigt die Trägheit der Bevölkerung, mehr für ihre Gesundheit zu tun. „Ein veraltetes Krankheitsverständnis und die Annahme, dass die meisten chronischen Erkrankungen schicksalhaft entstehen und in ihrer Entwicklung kaum beeinflussbar seien, führt dazu, dass große Potenziale von Eigeninitiative und gesundheitsförderlicher Lebensweise noch nicht ausreichend erkannt und umgesetzt werden“, heißt es dort.

Nur jeder Zehnte lebt rundum gesund

Nötig seien „Maßnahmen zur Steigerung der Motivation, sich individuell und aktiv um den Erhalt oder die Verbesserung der Gesundheit zu bemühen und Nachweise, dass diese Bemühungen lohnenswert sind“, fordert der Bericht. Notwendig sei eine grundlegende Umorientierung des Gesundheitswesens, um die wachsende Krankheitslast in der Bevölkerung einzudämmen.

Nach Einschätzung von Experten kann nur knapp jeder Zehnte hierzulande von sich zu Recht behaupten, rundum gesund zu leben. Der Rest ist eher bewegungsfaul, raucht und trinkt zu viel Alkohol und hat in seinem Alltag zu viel Stress. Damit liegt unser Land im bundesweiten Vergleich zwar im Mittelfeld, gut ist trotzdem anders. Zumal Besserung nicht in Sicht ist. Im Gegenteil: Der Wert sei ein neuer Tiefpunkt, sagen die Studienmacher. Bei einer ähnlichen Umfrage im Jahr 2010 erreichten immerhin noch 14 Prozent die Zielwerte.

Besonders die mangelhafte Ernährung hat mittlerweile bedenkliche Ausmaße angenommen: Nur 44 Prozent der Nordrhein-Westfalen legen laut der Umfrage aus dem Jahr 2018 Wert auf vitaminreiche, ausgewogene und gesunde Kost. Damit bildet unser Bundesland deutschlandweit mit Abstand das Schlusslicht. Hier gilt immer noch: lieber Schnitzel als Salat.

Menschen in NRW bewegen sich zu wenig

Doch nicht nur beim Essen und Trinken liegt bei uns so einiges im Argen. Auto statt Fahrrad, Couch statt Spaziergang, Büro statt Werkbank: Die Menschen in NRW sitzen bedenklich viel, wie aus der Umfrage hervorgeht. Nur gut 40 Prozent der Befragten erreichten das empfohlene Mindestmaß an körperlicher Aktivität. Auch dieser Wert ist in den vergangenen Jahren konstant gesunken. 2010 lag er bei 60 Prozent. „Es ist ein trauriges Ergebnis“, sagt auch Studienleiter Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln. Die Schock-Studie.

Laut den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollten Erwachsene pro Woche mindestens 150 Minuten moderater Aktivität, zum Beispiel zügiges Gehen, oder 75 Minuten intensiver Aktivität nachgehen, etwa Joggen. Dabei gilt selbstverständlich: mehr ist mehr.

Männer sitzen länger als Frauen

Von diesen Empfehlungen sind die meisten Menschen in NRW aber weit entfernt: Jeder zehnte Befragte gab an, überhaupt keiner körperlichen Aktivität nachzugehen, die länger als zehn Minuten am Stück andauert. Stattdessen sitzen wir im Durchschnitt an Werktagen fast acht Stunden lang – bei der Arbeit, aber auch am Fernseher, am Computer oder im Auto. Männer sitzen dabei in der Regel länger als Frauen, Alte insgesamt weniger als Jüngere. Beim Fernsehen ist der Trend allerdings umgekehrt: Je älter die Befragten, desto länger hocken sie vor der Glotze.

Dabei muss betont werden, dass NRW zu den Bundesländern mit den wenigsten Sitzminuten gehört. Während man in Berlin werktags im Durchschnitt ganze 518 Minuten sitzt – und damit deutschlandweit am längsten –, sitzt man in NRW durchschnittlich (nur) 462 Minuten. Die Sachsen-Anhaltiner sitzen übrigens mit 426 Minuten pro Tag am kürzesten.

Mehr als die Hälfte ist gestresst

Auch der Stress nagt an der Gesundheit der Menschen zwischen Rhein, Ruhr und Lippe. Mehr als die Hälfte der Befragten (55,5 Prozent) fühlt sich durch Arbeit oder private Sorgen unter Druck gesetzt. Insgesamt ist zu beobachten: Je höher die Verantwortung, desto gestresster der Mensch.

Laut der Studie fühlen sich die Befragten am Anfang der Woche zwar regenerierter als am Ende der Arbeitswoche. In Jobs mit höherem Gehalt fällt die Kurve aber steiler nach unten. Menschen mit mehr als 2500 Euro Haushaltsnettoeinkommen fühlen sich am Ende der Woche tendenziell weniger regeneriert als Menschen mit einem geringeren Einkommen.

Hinzu kommt, dass gut jeder Zehnte es so gut wie nie schafft, frisch in den Tag zu starten. Das sind denkbar schlechte Voraussetzungen für den Wirtschaftsstandort Nordrhein-Westfalen. 15,4 Arbeitstage feierte jeder Beschäftigte im Jahr 2017 im Durchschnitt krank. Anders gesagt: An jedem Kalendertag fehlten gut vier Prozent der Erwerbstätigen in NRW.

Weniger Zigaretten- und Alkoholkonsum

Zum Schluss ein Lichtblick. Als erfreulich bezeichnen die Experten von der Sporthochschule Köln und von der Deutschen Krankenversicherung, dass zwischen Niederrhein und Südwestfalen immer weniger Menschen zur Zigarette greifen. Nur gut zwanzig Prozent brauchen den regelmäßigen Nikotinschub.

Auch beim Trinken können sich die Nordrhein-Westfalen mittlerweile zügeln: Zwar greifen 85,5 Prozent der Menschen relativ regelmäßig zu alkoholischen Getränken, die meisten tun dies aber – nach eigenem Empfinden – verantwortungsbewusst und in Maßen. Auch hier gilt: Je mehr die Befragten verdienen, desto häufiger heben sie das Glas. Was die meisten Befragten wiederum auf den Stress schieben.

Das Gute an dem schlechten Gesundheitszeugnis: Es bleibt viel Luft nach oben. Also lieber doch nicht setzen!

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