Sündenbock Frau

Letzte Zuflucht Frauenhaus – eine Sozialarbeiterin berichtet

Wenn häusliche Gewalt an der Tagesordnung ist, die Frau mal wieder zum Sündenbock gemacht wird, sind Schutzräume lebenswichtig – doch oft fehlt es an Plätzen in den Frauenhäusern in NRW.

Wenn häusliche Gewalt an der Tagesordnung ist, die Frau mal wieder zum Sündenbock gemacht wird, sind Schutzräume lebenswichtig – doch oft fehlt es an Plätzen in den Frauenhäusern in NRW.

Foto: Maja Hitij / picture alliance / dpa

Duisburg.  Geschlagen, gedemütigt und verfolgt vom eigenen Partner. Frauenhäuser bieten Schutz – aber zu wenig Plätze. Eine Sozialarbeiterin berichtet.

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Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau ermordet. Von ihrem Partner oder Ex-Partner. 122 Tote in den eigenen vier Wänden allein im vergangenen Jahr. Häusliche Gewalt, seelisch oder körperlich, kommt immer häufiger vor. Aktenkundig: 114.000 Frauen wurden zudem Opfer von Nötigung oder Schlägen. Dunkelziffer: Fragezeichen. Umso wichtiger sind Schutzräume. Zufluchtsorte, an denen sich die Bedrohten sicher fühlen. Doch Plätze in solchen Frauenhäusern sind rar. Eine Bestandsaufnahme.

Was Frauen in den Familien erleben

Als Leiterin eines Frauenhauses in Duisburg weiß Karin Bartl, was die Frauen, die bei ihr Hilfe suchen, erlebt haben. Geflüchtete Frauen erzählen von einer Alkohol- oder Spielsucht ihres Partners. Sie berichten, dass sie ihr ganzes Geld an ihren Mann abgeben mussten. Von Wutausbrüchen und Prügel als Normalfall. „Die Frau ist der Sündenbock für den Mann“, sagt Karin Bartl. Wenn etwas auf der Arbeit schiefläuft und der Mann das nicht in den Griff bekommt, lässt er es an der Frau aus.

Einer der schlimmsten Fälle, der der Sozialarbeiterin im Gedächtnis geblieben ist: Die Frau, die zu ihr kam, wurde über mehrere Tage von ihrem Mann in den Keller gesperrt, bis der erwachsene Sohn sie dort fand und befreit hat. „Ich appelliere immer an die Nachbarn. Wenn Sie etwas mitbekommen, bitte rufen Sie die Polizei!“ Karin Bartl: „Auch wenn die Frau schon fünf Mal zurück zu dem Mann gegangen ist, das sechste Mal, könnte auch tödlich enden.“

Bartl berichtet von Männern, die Macht über ihre Frauen ausüben und bestimmen, was sie den ganzen Tag zu tun oder eben gerade nicht zu tun haben. Sie stellen den Frauen nach, verfolgen sie mit Tracking-Apps am Handy und tauchen dann plötzlich im Supermarkt auf und fragen dann: Warum hast du dich mit dem Verkäufer unterhalten?

In ganz schlimmen, aber leider keinen Einzelfällen erpressen Männer ihre Frauen mit Nacktvideos, die sie in besseren Zeiten aufgenommen haben und dann veröffentlichen wollen. Ein Akt von Cybergewalt.

Doch warum bleiben viele Frauen manchmal über Jahre bei ihrem Peiniger? Karin Bartl: „Es erfordert sehr viel Mut von den Frauen, darüber zu sprechen. Und es kommt auch vor, dass der Freundeskreis dann sagt: ,Das kann ich mir bei dem Mann nicht vorstellen, der ist ja immer so nett.’ Oder auch: ,Jetzt bist du schon so lange da. Da bist du dann auch selber schuld.’ Außerdem seien die Täter nicht rund um die Uhr gewalttätig. „Die Männer entschuldigen sich am nächsten Tag oft mit Rosen oder Pralinen und beteuern, dass das nie wieder passieren wird…“

Warnsignale für die Frau

Die Mitarbeiter im Frauenhaus sprechen mit den Frauen über ihre Situation und erarbeiten mit ihnen Warnsignale. So sensibilisieren sie sie, zukünftig genauer hinzuschauen und hellhörig zu werden. Wenn der Mann dann zum Beispiel sagt: „Ach, du musst nicht arbeiten gehen, ich versorge dich schon, du kannst von meinem Geld leben.“ Das ist ein Beispiel, wo die Frauen aufhorchen sollten. Sie geben damit einen Teil ihrer Selbstständigkeit ab. Manche Männer fordern, dass die Frau den Kontakt zu einer Freundin oder zur Familie abbrechen soll. Auch da sollte jede Frau alarmiert sein.


Und wenn die rote Linie überschritten ist – wie geht das eigentlich konkret weiter? Wenn eine Frau sich in ihrer Ausweglosigkeit fürs Frauenhaus entscheidet, die Notfallnummer gewählt hat, kommt sie aus Sicherheitsgründen erstmal zu einem verabredeten, externen Ort und wird dort von Mitarbeitern des Hauses empfangen. Erst dann geht es zur schützenden Adresse.

Dort wird das Zimmer zugewiesen und die Einrichtung erklärt. So bieten Mitarbeiter Gespräche an, damit die Frauen sich einer Vertrauensperson öffnen können.

Eine Erzieherin arbeitet mit den Kindern, macht Hausaufgaben mit ihnen. Außerdem gibt es Hauswirtschaftskräfte, die die Frauen unterstützen, ihren Haushalt zu organisieren. Ziel der Maßnahmen ist es, die Frauen vor allem im Selbstwertgefühl zu stärken, damit sie ein neues, selbstbestimmteres Leben beginnen können. Manche haben sogar Angst, sich in dem unbekannten Ort zu verlaufen. Viele können auch kaum Deutsch. Wenn diese Frauen oft verschiedener Nationalitäten Glaubensfeste feiern wollen, dürfen sie auch dies in der neuen Gemeinschaft. Besuch ist allerdings verboten. Damit der Schutz für alle gewährleistet bleibt.

Bartl erlebt aber auch, dass Frauen wieder zurück zu ihren Männern gehen. „Meistens passiert das, wenn die Frau nur kurz bei uns ist. Oft sind diese Frauen dann einfach weg und wir erfahren es über Umwege, dass sie doch zurück zu dem Mann gegangen sind“, erzählt die Leiterin. Ob ihr das persönlich zusetzt, lässt sie sich so recht nicht entlocken. Sie fokussiert sich auf die Aufgabe: „Wir müssen die Frauen sensibilisieren und sie darauf hinweisen, dass körperliche Gewalt nicht üblich ist. Auch anschreien und beleidigt werden sind Formen von Gewalt. Das ist ihnen oft nicht bewusst, weil sie schon damit aufwachsen und das als normal empfinden.“


Woher kommen die Frauen?
Karin Bartl erzählt, dass die Frauen aus dem ganzen Bundesgebiet kommen. Denn ein erneutes Zusammentreffen mit dem Täter wollen alle verhindern. Die Angst vor den Tätern ist einfach zu groß. Deshalb ist auch keine Adresse der Frauenhäuser zu finden. Der Freiraum soll anonym bleiben, ein Schutz als Schatz.

Frauen, die dorthin kommen, haben oft keine andere Möglichkeit. Sie haben keine Verwandten oder Angehörigen, bei denen sie sich sicher fühlen oder können sich kein Hotel leisten. Nicht mal für eine Nacht.

Oft bringen die Betroffenen auch ihre Kinder mit in das Frauenhaus. Die Duisburger Anlaufstelle nimmt Mädchen jeden Alters und Jungen bis 17 Jahre auf. „Früher haben wir nur Jungen bis 13 Jahre aufgenommen, da sie dann oft ein sehr männliches und dominantes Auftreten bekommen. Aber wir haben festgestellt, dass es auch mit den älteren Jungen klappt. Das ist auch wichtig. Denn sonst kommen die Frauen nicht zu uns, obwohl sie einen Schutzraum brauchen“, sagt Karin Bartl. Eine beeindruckende, eine bestürzende Zahl: In den vergangenen 40 Jahren wurden in Duisburg fast 4000 Frauen mit ihren gut 4000 Kindern aufgenommen und trotzdem müssen jedes Jahr Hunderte abgewiesen werden – bei einem Hotel würde es „ausgebucht“ heißen.

Wenn die Leiterin eine Frau weiterschicken muss, weil sie aktuell keinen Platz hat, schaut sie vorher ins Frauen-Infonetz. Dort kann sie sehen, wo noch Kapazität ist. Es ist für jede Frau über die Internetseite www.frauen-info-netz.de zugänglich.

Karin Bartl appelliert eindringlich an all jene, die sich nicht äußern und die Gewalt stillschweigend ertragen. „Es gibt eine hohe Dunkelziffer von Frauen, von denen wir nichts wissen. Ich will Ihnen die Angst nehmen. Bitte melden Sie sich.“

Notrufnummer: 0203 / 37 00 73

Das ist die Situation in den Städten

Bundesweit fehlen laut tagesschau.de 14 600 Plätze. In den nächsten vier Jahren will der Bund 35 Millionen Euro pro Jahr zur Förderung der Frauenhäuser bereitstellen. Auch in NRW brauchen die Häuser Unterstützung.

Duisburg

In Duisburg gibt es seit über 40 Jahren zwei Frauenhäuser, die mit 19 Plätzen aber nicht genügend Platz bieten. Neben Räumlichkeiten fehlen Personal und Geld. 200.000 Euro Spenden im Jahr werden zusätzlich zur Förderung des Landes NRW benötigt. Leiterin Karin Bartl ist „mit Akquise mehr beschäftigt, als ich den Frauen direkt aktiv helfen kann“. Der Rat hat im November beschlossen, erstmals Zuschussmittel für 2020 und 2021 von 50.000 Euro zu gewähren. Zuletzt hat sogar OB Sören Link auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein verkauft, um Einrichtungen wie das Frauenhaus zu stützen.

Hagen

In Hagen gibt es ein Frauenhaus seit 1981. Zehn Frauen können hier mit 16 Kindern unterkommen. Die Stadt unterstützt finanziell, dennoch: „Die Kapazitäten des Frauenhauses sind leider nicht zu allen Zeiten ausreichend“, so eine Stadtsprecherin. Die Notrufnummer lautet 02331/4731400.

Essen

In Essen gibt es ein Frauenhaus mit 23 Plätzen – bereits seit 40 Jahren. Die kommunale Förderung beträgt 135.350 Euro pro Jahr. Die Notrufnummer: 0201/668686.

Düsseldorf

In Düsseldorf gibt es zwei Frauenhäuser, gefördert vom Amt für Soziales. Das Internationale Frauenhaus der AWO (seit 1989) und das Frauenhaus Düsseldorf von Frauen helfen Frauen e.V. (seit 1979). Insgesamt 29 Plätze, plus zwei Notbetten. Das Internationale Frauenhaus wird aktuell erweitert, so dass dann drei Plätze mehr vorhanden sein werden. Elisabeth Wilfart, Leiterin des Gleichstellungsbüros: „Die Arbeit der Frauenhäuser ist von enormer Bedeutung. Ich möchte zur Enttabuisierung des Themas beitragen.“ Notrufnummer: 0211/5806366.

Dortmund

In Dortmund gibt es seit 40 Jahren ein Haus für bis zu 32 Frauen und Kinder. Träger ist der Verein Frauen helfen Frauen, finanziert durch kommunale Mittel, Landesmittel und Spenden. Städtischer Anteil: 253.196,22 Euro. Die Notrufnummer ist zu jeder Tag- und Nachtzeit geschaltet: 0231/80 00 81. Hilfreich mitzuführen: Medikamente, Ausweis, Krankenkassenkarte, Familienbuch.

Herne

Weil das aktuelle Herner Haus von 1981, in dem im Schnitt 150 Frauen und Kinder pro Jahr Zuflucht finden, in die Jahre gekommen ist, wird im August 2020 ein Neubau eingeweiht – mit dann 19 Plätzen. Dazu wird es einen großen Garten sowie ein behindertengerechtes Apartment und mehr Einzelzimmer geben. Heißt: doppelt so viel Platz und mehr Komfort. OB Frank Dudda: „Das Haus ist mehr als ein Dach über dem Kopf.“ Das Land NRW übernimmt einen Zuschuss, der 60 % der Personalkosten abdeckt. Es gibt einen städtischen Zuschuss zu Betriebskosten und eine Renovierungspauschale. Sonst lebt der Verein von Spenden, z.B. für Möblierung und Küchen. Den Neubau für zwei Mio Euro verantwortet die Herner Gesellschaft für Wohnungsbau, der Verein des Frauenhauses mietet das Gebäude. Unter frauenhaus-herne.de können sich hilfesuchende Frauen informieren. Tag und Nacht: 02325 / 49875.

Bundesweites Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016 (rund um die Uhr).

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