Unnützes Festwissen

Jetzt wird zurückgenadelt: Die Wahrheit über Weihnachtsbäume

Eine goldene Kugel am Weihnachtsbaum - doch woher kommt der Brauch?

Eine goldene Kugel am Weihnachtsbaum - doch woher kommt der Brauch?

Foto: Friso Gentsch / dpa

Gelsenkirchen/Mülheim.  Weihnachtszeit, Tannenbaumzeit - Hochkonjunktur für das Nadelgewächs. Aber warum? Eine Spurensuche in der Geschichte, von Rom bis Gelsenkirchen.

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O Tannenbaum! O Weihnachtsbaum! O Christbaum! Ist er nun der schönste Baum oder eher der bedauernswerteste? Alljährlich in der Adventszeit werden Millionen immergrüne Nadelgehölze von der Fichte bis zur edelsten Tanne auf Plantagen geschlagen. Allein das Verb „schlagen“ weckt schon reichlich Unbehagen. Dann geht es ab auf Weihnachtsmärkte, in öffentliche Gebäude, Kneipen, Cafés, Läden, an Straßenlaternen, in Kirchen und natürlich in die Wohnzimmer.

Geschmückt von dezent bis geschmacklos fristet der Baum die letzten Tage seines Daseins, verliert Nadel um Nadel und landet nach kurzer Lebenszeit oft schon in der ersten Januarwoche als Beinahe-Gerippe und Ärgernis am Straßenrand: missachtet, getreten und geschubst – bis die städtischen Müllabfuhren die Weihnachtsbäume schlussendlich auf sehr unchristliche Weise, aber dafür kostenlos, entsorgen.

Und dabei bedeutet der Baum uns Christen an Weihnachten doch so viel. Ja, was eigentlich? Versuchen wir, der Sache auf den Grund zu gehen, was leichter gesagt als getan ist.

Keine wirklich belegbaren Beweise

Denn es gibt einfach keine wirklich belegbaren Beweise für die Geburtsstunde des Christbaums. Wer hat’s erfunden? Die Schweizer? Nein, keineswegs. Waren es die Franzosen oder die Deutschen? Zumindest ist urkundlich belegt, dass der erste Weihnachtsbaum 1539 im Straßburger Münster aufgestellt wurde. Und da wären wir im Elsass, das aber im Mittelalter zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte.

Und schwupps sind wir bei den Römern, die zum Jahreswechsel, der bis ins 16. Jahrhundert auf den Weihnachtstag fiel, ihre Häuser mit Lorbeerzweigen schmückten. Doch dachten sie dabei an den neugeborenen Christ? Eher nicht.

Sicher scheint, dass der Brauch, sich zur Winterzeit immergrüne Pflanzen ins Haus zu holen, mit der Sehnsucht nach Frühling und damit der Hoffnung auf neues Leben, zusammenhängt. Das passt ja dann zum Christkind: neues Leben, neue Hoffnung.

Liebe Leser, das sind alles nur wage Ansätze einer Erklärung. Es gibt zahlreiche Versuche, die Geschichte des Weihnachtsbaums zu ergründen. Bei der Recherche werden Sie zum Beispiel Adam und Eva und dem Paradiesbaum begegnen, dem Reformator Martin Luther und dem deutschen Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe (Die Leiden des jungen Werther). Friedrich Schiller, Johann Peter Hebel und ETA Hoffmann schrieben über den Weihnachtsbaum, und der dänische Dichter und Schriftsteller Hans Christian Andersen erzählt in seinem Märchen „Der Tannenbaum“ rührend über das Leben und Sterben des Weihnachtsbaums – wir können es in die heutige Zeit übertragen. Hier machen wir jetzt weiter.

„Ganz sicher ein heidnischer Brauch“

In der Gelsenkirchener Propsteipfarrei St. Augustinus, mitten in der Altstadt, legt Pastor Mirco Quint die Stirn in Falten, wenn er das Kirchenportal verlässt, auf den trubeligen Weihnachtsmarkt mit den vielen Tannenbäumen schaut und auf die Buden, die der Kirche den Rücken kehren. „Schlecht gemacht von den Weihnachtsmarktplanern“, sagt er, denn die Kirche gehöre doch dazu und nicht ausgegrenzt. Pastor Quint, der am 24. Dezember seinen 42. Geburtstag feiert, ist dem Geheimnis des Weihnachtsbaums auch nicht so recht auf die Spur gekommen. „Es ist ganz sicher ein heidnischer Brauch“, erklärt er. „In der Kirche und Liturgie hat er keine Bedeutung. Selbst das Geburtsdatum von Jesus Christus am 25. Dezember ist nicht belegt. Aufgrund der Sternenkonstellation ist der März wahrscheinlicher.“

Emotional stärker besetzt als Ostern

Grundsätzlich hat er aber nichts gegen den geschmückten Tannenbaum einzuwenden: „Weihnachten ist emotional viel stärker besetzt als Ostern, das höchste christliche Fest. Da brauchen wir wohl dieses Symbol und Brauchtum.“ Was den katholischen Geistlichen allerdings stört – und nicht nur ihn – ist das Aufstellen der Bäume und Einläuten der Weihnachtszeit lange vor ihrem Beginn. Denn Weihnachten beginnt am 25. Dezember und endet am ersten Sonntag nach dem Tag der Heiligen Drei Könige am 6. Januar, dem Tag der Taufe des Herrn.

In der Propsteikirche St. Augustinus werden die Bäume ganz knapp vor Weihnachten aufgestellt. Und erst in der Heiligen Nacht erstrahlen sie im Lichterglanz. „Stehen bleiben sie bis zum Ende der Weihnachtszeit“, sagt Quint, „auch wenn wir dann für den Abtransport zahlen müssen“.

Bäume erst an Weihnachten

Während in der Kirche die Christbäume leuchten, „sind sie aus dem Stadtbild schon vor Weihnachten verschwunden“ ärgert sich Pastor Quint. „Vielleicht liegt es einfach daran, dass wir Menschen heute nicht mehr abwarten können. Wir müssen immer alles sofort haben.“ So machen wir also den Advent schon zu Weihnachten. Quints Wunsch: „Weihnachten und Tannenbäume vom 24. Dezember bis Mitte Januar, das wär‘s.“

Auch für Pfarrerin Gundula Zühlke von der Evangelischen Lukaskirchengemeinde im Mülheimer Ortsteil Dümpten ist der Tannenbaum eine Art Mysterium. Er sei zwar nicht relevant für den Glauben, „ein nettes Beiwerk“, aber besitze trotzdem eine enorme Symbolkraft, denn „wir leben nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit den Sinnen. Und so ein Tannenbaum ist sinnlich.“ Zudem gehöre der Baum zu den „Traditionen, die uns helfen, das Jahr zu strukturieren“.

Geliebte Rituale

Was macht also den Baum für uns derart unentbehrlich, dass manche Zeitgenossen selbst Heiligabend auf den letzten Drücker versuchen, an einen zu kommen? Wenn wir von den geliebten Ritualen im Familienkreis einmal absehen, gibt es Deutungen, die dem Weihnachtsbaum gerecht werden könnten. „Das Immergrüne und die Tatsache, dass der Baum nicht alle seine Nadeln verliert, ist ein Symbol für ewige Gültigkeit und Lebenskraft“, sagt Gundula Zühlke. Die Kugeln verkörperten dagegen die Paradiesäpfel. „Gott macht die Tür zum Paradies wieder auf“, während das Kind in der Krippe für die Verletzlichkeit des Menschen stehe.

Auch die evangelische Pfarrerin sieht mit gemischten Gefühlen auf Weihnachtsrummel und Geschenkestress, durch die die besinnliche, von Vorfreude geprägte Adventszeit konterkariert wird. Im Mülheimer Norden wird der Baum erst am 4. Advent in der Kirche aufgestellt und nur mit Strohsternen und weißen Kerzen geschmückt, die Heiligabend angezündet werden.

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