Weihnachten

Ich kann nicht singen – oder doch? Ein ungewöhnlicher Chor

Gesangstherapeut Hans Werner Schneider gibt den Ton an.Oder besser: in dieser 5. Stunde des Kurses schon mehrere Töne. Vorn singen die Männer andere fünf Töne als die Frauen.

Foto: Lukas Schulze

Gesangstherapeut Hans Werner Schneider gibt den Ton an.Oder besser: in dieser 5. Stunde des Kurses schon mehrere Töne. Vorn singen die Männer andere fünf Töne als die Frauen. Foto: Lukas Schulze

Ruhrgebiet.   Hans Werner Schneider verhilft den Menschen in seinen Brummer-Kursen zu einer Stimme. Auf einmal können angebliche Nicht-Sänger singen.

Im Wiegeschritt geht die Polonaise durch das enge Kirchenschiff, ohne Anfassen und mit manchmal unsortierten Füßen. Von der Wand blickt Maria gütig auf 15 Menschen im Viervierteltakt. Sie singen, den Blick so tief im Notenblatt wie ihre Töne: „Feliz Navidad“. Dabei können sie überhaupt nicht singen. Man darf das so sagen, sie sagen es selbst, denn dies hier ist ein „Brummer“-Kurs. Stunde 5, das ist die, wie der Dirigent sagt, „in der es langsam anfängt zu klingen“.

Für Jahrzehnte verstummt

Hier also singt der Chor der Nicht-Sänger. Die unterm Weihnachtsbaum brummen oder unter der Dusche schräge Töne trällern oder ein Leben lang lieber ganz schwiegen. Wie Joachim Golde, dem sie in der Grundschule schon sagten, wie mutig er doch sei: mitzusingen, mit der Stimme! Worauf der 62-Jährige verstummte bis heute; er nennt es seine „Musikpause“. Oder Klaus-Peter Hannig, der als Kind von seinem Vater hörte: „Du sei besser ruhig!“ Oder die Frau in der ersten Reihe, die immer dachte: „Ich kann nicht singen. Ich hab’ mich nie getraut!“ Sie nennen sich selbst „musikalische Analphabeten“.

Und jetzt: Feliz Navidad.

Wenn auch noch nicht aus voller Kehle, daran arbeitet Hans Werner Schneider noch. Der Gesangstherapeut aus Witten hat den Brummer-Kurs erfunden, bloß brauchte er zwei Anläufe dafür: Erst nannte er die Sache „Chorsingen für Anfänger“, das war „abschreckend“, weiß er heute, weshalb niemand kam. Es klang nach Anspruch, und gerade den will Schneider den Noch-nicht-Sängern ja austreiben. „Loslegen, Freude haben!“, das ist sein Ding. Und sein Anliegen: Leuten zu etwas zu verhelfen, was sie nicht können. Schon als Nachhilfelehrer waren dem Pädagogen „die Schüler am liebsten, die gar nichts konnten“.

Und so schlimm ist es ja gar nicht. Keine Kakophonie in der Kapelle des Huyssenstifts (montags trifft man sich in Essen). Vorn sitzen die Frauen, ganz hinten die Herren, „jeder will allein in der Bank sein“, weiß Schneider, „damit die anderen ihn nicht hören“. So fahren sie Schlitten mit der Stimme, tun, als seien sie Orgelpfeifen, blasen Vokale aus der „Sängerschnute“ und schauen in kleine Taschenspiegel wie ein „Honigkuchenpferd“. Das sind die Vorübungen zu Atmung und Klang.

Sehr konzentriert und ernsthaft machen die 15 mit, sie sehen gar nicht aus, als würde das Spaß machen. Aber dann erzählen sie später, wie „zauberhaft“ das alles ist, wie „lebendig“ und „vielfältig“, und sind ganz offensichtlich glücklich. „Ich traue mich endlich“, spricht Klaus-Peter Hannig aus allen Seelen, heute erst hat er selbst vor dem Computer bei YouTube mitgesungen: Elvis Presley! Er! Mit 75!

Nur manchmal zweifeln sie noch, wenn es ihnen nicht schnell genug geht oder sich neue Hindernisse auftun: Do Re Mi Fa, das hat die Dame in der dritten Reihe nie gelernt, sie kann nur solche Tonleitern: „C, d, e, f, g. . .“ Die Musik, sagt sie, geht schon. Aber der Text! „Ich kann nicht umlernen.“ Macht nichts, tröstet Schneider, „Sie können auch trallala singen“. Hauptsache, sie singen.

Wer atmen kann, kann auch singen

Und vorn steht schließlich der Mann, der sagt: „Was soll ich mit Leuten, die eh schon alles können?“ Der nichts großartiger findet, als „Menschen zu helfen, die keinen Ton treffen“. Die dann die erste Tonleiter singen, „da sind schon Tränen geflossen“. Hans Werner Schneider hat sie ja alle erlebt an ihrem ersten Singe-Tag oder noch davor. Wie sie kamen und sagten: „Ich kann gar nichts.“ Oder: „Dafür bin ich nicht begabt.“ Oder nach jedem Ton: „Es geht doch nicht.“ Am Telefon gehen Gespräche oft so: „Können Sie noch atmen?“, fragt Schneider. „Offensichtlich ja. Und sprechen können Sie auch, sonst könnten wir uns jetzt nicht unterhalten.“ Sprechstimme, das sind oft schon vier Töne. „Also können Sie auch singen.“

Es braucht nur Zeit, Geduld und Übung. „Nicht nur die Töne üben, die noch nicht schön sind.“ Und die Erkenntnis, dass der Kehlkopf endlich mal weichgeknetet werden muss, die Muskulatur trainiert und der Ton nach oben gebracht. Denn es ist ja so: Der Mensch ist vor allem Augenmensch. Fürs Singen aber muss er Kehlkopf und Ohr zusammenbringen, aber da hält Schneider es mit Hänschen: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans auch noch, er braucht dafür bloß länger.“ Und dann sei es „schön zu erleben, dass hartnäckige Übung auch schwere Fälle hinkriegt“.

Sauna für die Seele

Und nicht nur das: Dann kommen die Leute plötzlich und haben keinen Heuschnupfen mehr. Oder schlafen besser. Asthmatiker freuen sich, dass sich der Schleim löst. Und Herzkranke wie Klaus Büttner erkennen „den Zusammenhang zwischen Atmung und Herzleistung“. Der 76-Jährige kommt eigentlich wegen der Atemübungen. Die Lieder, sagt er, „nehme ich gern zusätzlich“. Therapeut Schneider hat seine Kurse deshalb längst erweitert, hat zum Namen „Brummer“ den Namen „Hustifex“ gesellt und wirbt nun auch mit den gesundheitlichen Effekten. Singen ist Sauna für die Seele, Chorsänger wissen das, und gut für die Atemwege ist es auch.

Es singen so Nicht-Sänger und erkrankte Sänger zusammen, sie halten und hören sich aneinander fest, und niemand muss sich sorgen, dass er stört, weil er mal hustet. Brummer, die „pumperlgesund sind, aber die Töne nicht treffen“, profitieren von Asthmakranken, die das Singen neu lernen wollen. „Hinsetzen und Trinken!“, mahnt Schneider nach jeder Übung, oder auch „Strecken und Gähnen“! So komme man vom Genießen zu neuen Lebenskräften.

Sowie zu neuen Höhen. Nach Weihnachten, hat Hans Werner Schneider versprochen, „geht es höher. Bis in den Sopran“.

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